Aus Zeitzer Luther-Familienbriefen des 18. Jahrhunderts
Von E. Wollesen - Zeitz
Die Lutheriden werden am 15. und 16. August dieses Jahres ihre festliche Tagung in unserem lieben Zeitz halten. Zu dieser Tagung müssen von dem Festort allerei Vorbereitungen getroffen werden, damit sie zu aller Befriedigung verläuft. Zu solcher Vorbereitung möchte auch diese anspruchslose Arbeit dienen, die von Zeitzer Luther-Familienbriefen des 18. Jahrhunderts handeln soll. Dieser Gegenstand ist gewählt, weil es gewiß viele Festteilnehmer interessieren wird, von ihren damaligen Vorfahren etwas Näheres zu hören, und weil es den Zeitzern lieb sein wird, aus den Briefen von neuem zu ersehen, daß ihre Stadt die Stadt der Nachkommen Luthers ist. Die Lutherfamilienbriefe sind Zeitzer Briefe genannt, nicht weil sie aus Zeitz geschrieben sind --- sie sind ja alle von anderen Orten geschrieben ---, sondern weil die, die sie geschrieben haben, den äußeren und inneren Mittelpunkt ihres Lebens in Zeitz gesehen haben; dort war ein Teil von ihnen geboren, dort lebten noch verschiedene liebe Verwandte, dort wohnte vor allem das ehrwürdige Haupt der Familie, Johann Martin Luther, der Lizentiat beider Rechte, der Senior und Custos im Zeitzer Domcapitul, dort wirkte der Verwalter des lutherischen Familienarchivs, der Archivar und Aktuar der Familie, Johann Christian Grubner, Advokat und Geschichtsschreiber, einer der Schwiegersöhne Johann Martin Luthers, dem auch wir die Sammlung, Ordnung und Aufbewahrung unserer Sammlung zu verdanken haben.
Die Briefe sind zwei verschiedenen unserer Stiftsbibliothek angehörigen Handschriftenbänden entnommen; der eine Band trägt die Jahreszahl 1733, der andere die Jahreszahl 1755, womit nicht gesagt werden soll, daß nicht auch Briefe aus anderen Jahren darin zu finden sind, sondern nur darauf hingewiesen werden soll, daß die meisten und wichtigsten der Briefe aus den genannten Jahren stammen. Und noch ein Unterschied ist unter den beiden Bänden: Während der 2. Band nur Briefe in zeitlicher Folge aufweist, enthält der 1. Band außer etwa 11 Luther-Familienbriefen viele Originalbriefe von dem Güstrower Gymnasialdirektor M. Richter über den fortschreitenden Druck der von ihm bearbeiteten Genealogie des lutherischen Geschlechts, von dem Leipziger Kupferstecher J. G. Wentzel über deren Bildbeilagen, von David Keil über seine genealogische Tabelle, ferner viele Abschriften zur Familiengeschichte, auch gedruckte Dokumente, die bei fröhlichen und traurigen Familienereignissen entstanden sind.
Johann Christian Grubner tritt als Briefschreiber in diesen beiden Handschriftenbänden zurück. Er schreibt nur, wo es die genealogische Arbeit des M. David Richters erfordert, oder wo er sonst seine genealogische Forschung fördern kann. Wie köstlich ist's, was er dem Verfasser der Genealogie über das Leben, Wesen, Glauben und selige Sterben des 1742 verstorbenen Zeitzer Bürgermeisters Friedrich Martin Luther mitzuteilen weiß! Wie ehrfürchtig, wenn auch für unsere nüchterne Zeit überschwenglich, lautet das gedruckte Glückwunschschreiben an seinen Schwiegervater Johann Martin Luther zu dessen 94. Geburtstag! Nur den Anfang setzen wir hierher: „Du Ehrenvoller Greiß! Du Krone vom Geschlecht! Den auch der Jahre Last an seiner Kraft nicht schwächt. Du Veste unsrer Zeit! Beweiß von jenen Seegen, die sich um Luthers Grab mit Blüth' und Früchten legen. Du weißt, was meinen Geist und meine Feder treibt; Du weißt, daß dieses Blatt die Kindes-Liebe schreibt, und daß derselbe Flug recht zärtlich aufwärts steiget so, wie Dein Vater-Hertz sich liebreich abwärts neiget." Das war der festliche poetische Ausdruck der verehrenden Liebe des Schwiegersohnes zum Schwiegervater; aber ähnlich wie diese Liebe war die Liebe aller damals lebenden Familienglieder nah und fern zum Familienoberhaupt, und diese Liebe war das starke Band, das sie alle fest zusammenhielt, auch dann, wenn wirklich einmal, wie wir weiter unten sehen werden, Differenzen zwischen ihnen vorkamen. Viel mehr treten nun, als er, andere Glieder der Lutherfamilie als Briefschreiber bezw. Briefschreiberinnen hervor. Wir nennen als den, der den der Zeit nach ältesten Brief geschrieben hat, nämlich am 24.12.1732, Johann Christoph Luther.
Dieser Johann Christoph Luther hat zwar nur drei Briefe in unserer Sammlung geschrieben, aber es sind die ausführlichsten, längsten; er stammt zwar nicht von D. Martin Luther, sondern von dessen Bruder Jakob Luther ab, aber er fühlt sich aufs innigste mit den unmittelbaren Nachkommen des Reformators verbunden; wir wollen ihm darum auch gern hier eine Stelle einräumen. Ueber seinen Lebenslauf erfahren wir aus seinen Briefen das Folgende: Er war zehn Jahre lang Feldprediger in Polen, war als solcher bei der Warschauer Schlacht am 31. Juli 1705, geriet bei dieser Aktion in einer halben Stunde zweimal in schwedische Hände und wurde, trotzig und listig, doch nicht gefangen. Nachher wurde er Pfarrer in Lissa bei Görlitz. Als gekrönter Kaiserlicher Poet ließ er ein Gedicht zu der Wahl des Franz Straphini, Erblehnsherr auf Lissa und Rauschwalde, zum Görlitzer Bürgermeister am 1. September 1724 drucken, von dem er ein Exemplar seinem Brief an Grubner beifügt; ebenso liegt eine „Zionsklage" genannte Trauerrede, die er am 4. August 1725 bei dem Tode des Görlitzer Kauf- und Handelsherrn Ehrenfried Müller gehalten, dem Briefe bei. Er berichtet über starke Einquartierung 1733 in den Städten Görlitz und Zittau und Umgegend, über sektiererische kirchliche Vorgänge in der Nähe von Lauban, ganz besonders in Tammendorf, über heraldische Fragen, sogar über die ersten Straßenlaternen in Breslau, Dresden und Görlitz.
Nicht uninteressant ist es, was er über jene kirchlichen Vorgänge schreibt: In dem genannten Dorf setzt der Kirchenpatron, ein Graf von Promnitz, dem zuständigen Pfarrer einen Adjuncten wider des Pfarrers Willen, aber unter dem Vorgeben, ihm eine Erleichterung zu schaffen. Der Adjunct, der durch den Grafen besoldet wird, wohnt in dem von demselben begründeten Waisenhaus und hält in demselben Bibelstunden und Konventikel ab und kränkt durch Schmähen und Lästern den alten Pfarrer. Endlich wird dieser Konventikelwesen von der kirchlichen Behörde verboten; Johann Christoph Luther meint zu diesem Verbot: „Vielleicht wäre dies die Ursache, weil ein jede alte Weib hätte auftreten und die Bibel erklären können. Aber wir müssen die Pferde nicht hinter den Wagen spannen, sonst fahren wir die Pfarrherrenstrasse."
In der Wappenkunde beschäftigt ihn die Tatsache, daß D. Martin Luther im Jahre 1530 sein Wappen geändert habe; er wirft bei dem Nachdenken darüber die beiden Fragen auf: Ob Wappen und Petschaft gleichbedeutende Begriffe sind, und ob Martin Luther ein von Kaiserlicher Majestät geschenktes Wappen habe ändern können und dürfen? Er will sein eigenes Wappen dahin ändern, daß der vermeinte Schlangenschwanz der Verband zwischen Helm und Panzer, die Punkte aber die Nägel bedeuten sollen. Wir merken an allem, ein wie geistig reger Mann dieser Pfarrer gewesen. Befriedigung seiner geistigen Interessen sucht er vor allem in Zeitz, dem Mittelpunkte seiner lutherischen Familie, insbesondere bei dem Advokaten und Geschichtsschreiber Johann Christian Grubner. Wer wollte es ihm verargen, daß es ihm schien, als wenn die Zeitzer ihn immer viel zu lange auf Antwort warten ließen? Wer wollte sich darüber wundern, daß er sich über die Langsamkeit der Post in der Beförderung der Briefe und Pakete beklagte?
In einem Briefe vom 24.12.1732 heißt es: „Sind Sie denn in Zeitz alle gestorben? Jedoch, „setzt er sich selbst tröstend hinzu," jedes gute Ding will Weile haben; es muß doch Zeit sein, so viel Zeug durchzusehen, und man hat nötigere Dinge zu tun." Und wie lange Zeit gebrauchten die Postsachen, um von Zeitz nach Lissa bei Görlitz zu gelangen! Er berichtet von einem Paket, das am 30. Oktober 1732 abgegangen und am 1. Dezember angekommen sei, von einem Brief, der vom 17. Oktober ds. Js. bis 15. November unterwegs gewesen, und von einer Weihnachtsendung, die am 23. Dezember 1732 abgegangen und am 9. Februar endlich ans Ziel gekommen sei. Ja, da versteht man das Zwiegespräch zwischen dem Pfarrer und seiner Frau, von dem wir in dem Briefe vom 23.3.1733 hören: „Vor wenig Tage redete meine Frau bei Tische ohngefähr, daß ich graue Haare kriegte. Ich gab zur Antwort: Liebes Kind, wundere dich nicht; ich muß so lange auf die Briefe von Zeitz warten." Zum Schluß sei noch hinzugefügt, daß nach unserem Briefschreiber der Schwiegervater Grubners, also Johann Martin Luther in Zeitz, ein wertvolles Originaldokument von Jakob Luther besitze, daß der liebe Vater Jacob Luther ein ehrlicher Mann und Ratsherr in Mansfeld gewesen, und daß zu des Briefschreibers Zeit die dortigen Bürger wenig Mantel besessen, also arm gewesen seien.
In dem 1. unserer beiden Handschriftenbände befinden sich drei Briefe des Pfarrers David Keil aus Burkhardtshayn bei Wurzen vom 20.1., 19.2. und 19.3.1733. David Keil, ein geborner Zeitzer, war seit dem 22. Januar 1715 mit Katharina Sabina, der Tochter des Familienseniors Johann Martin Luther, verheiratet. Nähere Nachrichten über ihn finden wir in Zergiebel, Zeitzer Chronik, Teil II, S. 48 und 49. Wir beschränken uns auf die Wiedergabe des Hauptinhalts der genannten drei Briefe. Die Handschrift des an den Augen leidenden und schließlich ganz erblindenden Mannes ist so schwach, daß sie nur mit größter Mühe hat entziffert werden können. Er beschäftigte sich trotz seiner schwachen Augen viel mit der Geschichte der Zeitzer Bischöfe, und was sich in und um Zeitz zugetragen hat, ganz besonders aber mit der „Lutherschen Genealogie". In der „Fortgesetzten Sammlung von Alten und Neuen Theol. Sachen, zur geheiligten Uebung erteilet von einigen Dienern des göttlichen Wortes". 4. Beitrag, 1731, bei Joh. Friedrich Brauns seligen Erben, befand sich u. a. folgende Anzeige: „Genealogia D. Martin Luthers, aus sicheren und zuverlässigen Nachrichten, entworfen von David Keil, Pfarrer zu Burckhardtshayn bei Wurtzen."
Mit der Sicherheit und Zuverlässigkeit dieser Nachrichten scheint es aber doch nicht so ganz gestimmt zu haben, denn es ist immer wieder von 60 sichtbaren Fehlern in dieser Genealogie, welche Gelehrte in Wittenberg, Leipzig, Zeitz und an anderen Orten angemerkt hätten, die Rede. Daß David Keil sich gegen diesen Vorwurf in seinen obigen Schreiben verteidigt, ist ganz recht und selbstverständlich; daß er aber sich in seinem Verdruß darüber so weit fortreißen läßt, zu behaupten, daß diese sehr üble Zensur von dem Schwager selbst herfließe, ist sicher nicht recht und nicht wahr. David Keil steht für alles, was er gesetzt hat, ein; er bietet Trotz dem, der ihm einen einzigen Fehler zeigt; er bittet den Schwager Grubner, ihm die Schriften jener Gelehrten vorzulegen oder ihm Excerpte daraus zu machen, damit er sich verteidigen, den Schwager aber aus dem schlimmen Verdacht „setzen" könne, er habe ihm durch diese Wahrheit nicht gemäße Zensur „eine Scham einjagen wollen". Und der Schwager Grubner? Er antwortet aus Burckhardtshayner Pfarrer: Die Leipziger Gelehrten haben in der Leipziger Zeitung 60 Fehler angemerket; er, David Keil, habe gar keinen Grund, unwillig zu sein; er bediene sich einer vehementen Schreibart, welche mit gar derben Anzüglichkeiten begleitet sei. Leider ist Grubners Antwort nur ein Entwurf, der nicht zu Ende geführt ist; wir wissen darum nicht, wie dieser literarische Streitfall geendet; wir können aber annehmen, daß dieser Streitfall ihrer Liebe zu einander keinen Eintrag getan, war doch das Band der lutherischen familiären Verbundenheit zu fest auch um sie geschlungen.
Von den Briefschreibern, die von der Zeit des ersten Handschriftenbandes in die des zweiten, also der Zeit 1733 bis 1755, hineinragen, müssen wir einen Schwiegersohn des Zeitzer Stephanspfarrers Johann Ernst Teubner nennen, Gabriel Kolbe, Pfarrer zu Krebes bei Hof, der mit Sophia Elisabeth, der Tochter des Johann Ernst Teubner verheiratet war. Auch er war mit der Zeitzer Lutherfamilie durch seine Gattin eng verbunden, denn die letztere war eine Enkelin der Magdalene, der Tochter des Johann Ernst Luther. Magdalene aber war die Gattin des M. David Teubner, gleichfalls Pfarrers an St. Stephan in Zeitz. Schon mit seinem ersten Schreiben vom 9.3.1733 führt sich Gabriel Kolbe als fleißiger Sammler gewichtiger zur Familiengeschichte gehöriger Schriftstücke ein, noch mehr in seinem 2. Schreiben vom 19.5. desselben Jahres.
Mit dem 1. Schreiben übersendet er dem Johann Christian Grubner die Leichenpredigt von dem Bayreuther Hof- und Justizienrat Gabriel Luther, dessen Stammvater Johann Luther, Bürger zu Eisleben und Bruder des Vaters Martin Luthers, war, ferner übersendet er eine Ahnentafel seiner Frau, ein Trauergedicht auf den 1672 verstorbenen Gabriel Luther, ein Gedicht auf Elisabeth Dorothea Lutherin, Herrn Johann Hoffmanns, Vizebürgermeisters und Stadtrichters in Jena Ehefrau, endlich ein Gedicht über Luthers Wappen und die von dem Briefschreiber selber verfaßte und in Hof gedruckte Schrift „Die Summarien der Sonn- und Festtags-Evangelien, nach Anleitung der Sprüche Salomonis angefasset und in einem Jahrgange vom 1. Advent anno 1730 bis dahin 1731 vorgetragen, wollte Seinen geliebtesten Zuhörern auf Verlangen mittheilen Gabriel Kolbe, Pfarrer zu Krebes und Kemnitz, Hof. druckt's Johann Christoph Mintzel". Mit dem anderen Schreiben übermittelt er mit der Bitte um Rückgabe noch wichtigere Familiengeschichtstücke, nämlich Johann Ernst Luthers Leichenpredigt und Lebenslauf, Gedichte auf dessen Tod, Leichenpredigt und Lebenslauf des Sohnes Johann Ernst Luther, Trauergedichte des anderen Sohnes, Martin, Lebenslauf der Tochter Magdalene, verehelichten Teubnerin, und dann Nachricht von seiner Frau Sophia Elisabeth geb. Teubner. Gabriel Kolbe mußte in der Folgezeit Schweres durchmachen: Im Jahre 1734 verlor er durch den Tod seine treue Lebensgefährtin und 1742 seinen Sohn Gottlob, und traurig bemerkt er in seinem Briefe vom 19.4.1742: „Es ist mit diesem Todesfall abermals ein Zweiglein an dem Lutherischen Stammbaum verwelket". Nachdem Gottlob das Gymnasium in Hof absolviert hatte, studierte er in Leipzig, wo ihn dann der Tod ereilte. Der tiefgebeugte Vater ließ ihm in der Krebeser Kirche eine Gedächtnispredigt und Parentation bei sehr volkreicher adeliger und nichtadeliger Versammlung halten. Trauergedichte von Freunden des Verstorbenen fehlten nicht.
Aus dem Jahre 1767 --- also 15 Jahre später --- liegt noch ein Brief unseres Pfarrers an Grubner vor. Der siebenjährige Krieg war ausgebrochen. Zeitz als damals sächsische Stadt hatte wie seine Umgebung viel zu leiden. Der Bruckhardtshayner Pfarrer hat von solchen Kriegsleiden gehört. Er gedenkt mit Sorge der lieben Zeitzer Anverwandten, insbesondere der Muhme Grubnerin, und schreibt: „Wie muß sich die arme Frau Muhme Grubnerin abgekümmert und abgemattet haben!" Dann berichtet er von feindlichen Exekutionen in Schleiz, unter denen der gute Graf viel leiden müsse, und ferner von einem Leutnant von Pölnitz, der mit Kroaten in Zeitz gestanden und bei einem Kaufmann in einem sehr großen Hause, einem Eckhause, gewohnt habe, wo die Eltern gestorben und nur Kinder gewesen seien. Sehr bezeichnend für die Kroaten ist die Bemerkung Gabriel Kolbes: „Hat er Ihnen, Herr Schwager, was mitgenommen, so will ich Ihnen wieder dazu verhelfen", denn er möchten das „Mitgenommene" doch eher auf die Kroaten, als auf den Generalssohn und Leutnant von Pölnitz angewandt sehen.
Den Briefen des Vaters fügt die Tochter Augusta in der Regel ihre Briefe hinzu. Haben wir in dem Vater den im Leide bewährten Christen, den in der Sammlung wichtiger lutherischer Familienschriftstücke eifrigen Familienangehörigen und den in der Liebe zu seinen beiden Gemeinden treuen Seelsorger kennen gelernt, so lernen wir die Tochter Augusta als ein rechtes Kind ihrer Zeit, der Wertherzeit, kennen, bald himmelhoch jauchzend, bald bis zum Tode betrübt, zart, gefühlvoll, empfindsam, überschwenglich in dem Ausdruck ihrer Gefühle! In dem Briefe vom 9. Mai 1755 schreibt sie an Herrn Advokat Grubner, Zeitz, und seine Frau: „Allerliebste Frau Muhme Grubnerin, behalten Sie mich ja um meiner Ergebenheit,so ich vor Sie habe, lieb; ich achte solche Liebe höher, als die reichste Leipziger Messe. Unverdrossener lieber Herr Vetter, womit kann ich mir dero besonders gütige Freundschaft ferner erbitten? Ich weiß nichts als die tiefste Verehrung, so unabänderlich vor dieselben ist." Sie wußte sich in der ganzen Welt kein besser Vergnügen, als in Zeitz im lutherischen Hause. Darum war auch die Freude so groß, wenn sie sich in diesem Hause zum Besuch einfinden konnte, und der Schmerz so stark, wenn sie sich von dem Hause und seinen Bewohnern und Befreundeten trennen mußte. So schreibt sie unter dem 3. Juli 1756 nach einem Besuch in Zeitz: „Ich verhehle meine Leidenschaft bei dem zärtlichen Abschiede meinem geliebtesten vornehmen Freunden zu Zeitz so gut ich konnte. Auf dem Rothen Berge sehe ich mich nochmals stöhnend, seufzend und dankend um und dieses gab mir einen Stich ins Herz und glaubte feste dabei, ich sehe Zeitz, ach, das liebe Zeitz, das letzte Mal." Und in einem etwas späteren Briefe kommt noch einmal der Abschiedsschmerz zum Ausdruck: Grubner und Frau müssen die Kredeser wohl bis Schleiz begleitet haben, denn es heißt: „Mir steht noch immer den Berg vor Schleiz vor Augen, da wir einander verlassen mußten. Ich werde solchen Platz und meines Herrn Vetter Grubners letzte Reden auf demselben nicht vergessen."
Aber die zarte liebevolle Augusta konnte auch recht energisch werden. Grubner muß sie in einem Briefe mit einer Zeitzer Liebschaft geneckt haben; sie erwidert ihm: „Ich habe nur eine Seele, folglich kann ich sie nicht in Zeitz gefallen haben, weil ich noch am Leben bin... Wer soll denn der Gegenstand sein, davon Sie so viel schreiben, doch Sie? Lieber Himmel, ich soll das Podagra haben? Nichts weniger, denn ich bin nicht verliebt; davon sollen es die Mannpersonen bekommen; ich bin lange wieder gesund." Aber ein Jahr darauf erkrankte sie im November doch an einem heftigen Stickfluß; sie meint selbst: „Gott muß den Jammer meines Papas nicht haben ausstehen können, sonst wäre es mit mir aus gewesen." Nun aber wollen wir uns im Geiste von dem lieben Menschenkinde verabschieden, und zwar mit der Erinnerung an den Schluß, mit der sie selbst von dem H. Grubner und dessen Frau in dem letzten der aufgehobenen Briefe Abschied nimmt: „Meiner liebsten Frau Muhme Grubnerin schicke ich im Geiste 1000 Verehrungsbezeugungen unter einer gehorsamsten Empfehlung und Ihnen, mein lieber munterer Herr Vetter, versichere ich die beständige Hochachtung, mit welcher ich allezeit bin Ew. HochEdelen gehorsamste Dienerin und Muhme Auguste Kolbin."
Wie ganz anders sind nun die Briefe, die wir jetzt betrachten wollen! Sie führen uns im Geiste in ein ländliches Pfarrhaus und schildern uns gar anschaulich, oft humoristisch, das Leben seiner Bewohner in Freud und Leid. Der Schreiber dieser Briefe ist der Pfarrer Karl Heinrich Schede in Liebstädt bei Eckartsberga; er war seit dem 15. Juni 1751 mit Christiane Magdalene, der Tochter des Zeitzer Advokaten Kieritz und dessen Ehefrau Johanna Christiane Luther, vermählt. Johanna Christiane war aber auch eine Tochter des Johann Martin Luther II, der dadurch, daß er seinen Sohn Friedrich Martin überlebte, der letzte in Zeitz lebende männliche Nachkomme des „Gottes- und Wundermannes" D. Martin Luther war.
Schede leitet seinen ersten uns bekannten Brief vom 3.2.1755 mit der Aufforderung an den Empfänger Grubner ein, er solle seinem Beispiel folgen und hinfort die Briefe unfrankiert durch die Post senden; Schede begründet diese Aufforderung sehr humoristisch mit den Worten: „Wie ein Jagdhund bei gutem Futter faul, ein Professor bei reichlicher Besoldung nachlässig im Lesen wird, also bleiben auch in specie auf der unordentlichen Buttelstedter Post die Briefe liegen, wenn sie schon bezahlt sind. Bezahlen Ew. HochEdl. einmal einem Tagelöhner oder Schuster eine Arbeit voraus, sehen Sie, wie lange Sie warten müssen, ehe Sie gefördert werden. Bezahlen Sie ihn aber erst nach der Arbeit, so arbeitet er prompt." An der Hand seiner Briefe begleiten wir ihn im Geiste in Haus, Hof und Garten. Im Hause grüßt uns die Frau Pfarrer mit ihren beiden Jungen. Voll zärtlicher Mutterliebe und Muttersorge erzählt sie: „Fritzchen hat den Schnupfen, aber Carl befindet sich wohl und wächst zusehends. Er plaudert uns den ganzen Tag die Ohren voll und wünschen wir niemals, daß Sie es mit anhören möchten, wenn die beiden losen Jungen mit einander schwatzen! Ich weiß nicht, nach wem sie geraten, ob nach ihrem Pathen oder nach ihrem Papa, denn, wenn sie nach mir geraten, würden sie nichts anders als fromm sein. Mein Carl wird nun auf den 8. März drei Jahre alt. Gott lasse es ihn gesund erleben und ihn zu seinen Ehren groß werden!" Und der Vater fügt stolz hinzu: „Meine Jungen sind gesund, munter und lustig und geben täglich mehr Zeichen eines guten und fähigen Verstandes von sich, lassen sich auch wohl ziehen, in specie der Große, bei dem man schon mehr accuratesse brauchen kann. Er spricht alles sehr deutlich aus bis auf den Buchstaben R und redet täglich von Briefeschreiben an seinen Großpapa." Freilich ohne Aufregung ging es auch in diesem friedlichen häuslichen Leben nicht ab. Die letzte Katze war in den Brunnen gefallen und „versoffen"; die Magd hatte einige Tage danach eine junge Katze mitgebracht. Das aber war ein schlimmes Tier. Gleich bei ihrem Einzug „erbiß" sie ein schönes zahmes Rebhuhn. „Bald hernach wollte der einzige 6---7jährige Gänserich (?) einem alten Wächter die Schüssel, worinnen er sein Mittagsbrot bekommen, aufwaschen, aber siehe da, der alte tückische Couijon fühlte sich mit seinen Zähnen so nach dem Genicke, daß er vollends von meiner Frau abgeschlacht werden mußte."
Auch für die Landwirtschaft hatte Pfarrer Schede reges Interesse. Er fragte den Grubner: „Wie steht es mit der Schäferei? Ich habe sechs muntere und gesunde Lämmer bekommen, daher ich einmal auf den Herbst eine eigene und nach proportion meiner Wirtschaft starke Schäferei haben werde." Der Stand des Wintergetreides an Weizen und Korn ließ eine gute Ernte erhoffen. Es hatte auch das Ansehen, das sie in diesem Jahre (1755) wieder viel Pflaumen und Birnen, an Aepfeln aber wenig erhalten würden. --- Der Garten brachte ihm manche Enttäuschung: Eine Maus hatte die besten Nelken so befressen, daß er fürchtete, keine Blume davon zu sehen zu bekommen, und daß er froh sein wollte, wenn er nur von jeder Art einen Senker davon bringen könnte. Sein Geranium moschahim war ausgegangen, desgleichen auch etliche große und ansehnliche Rosmarinstöcke.
Der kalte Winter 1754 auf 55 macht ihm Sorge; er schreibt von diesem Winter: „Wenn er noch 14 Tage so wirtschaftet, so frißt er mein Holz mit Haut und Haar hinein; ich hatte dessen für 36 Tlr. stehen." Ganz besonders bekamen sie die grimmige Kälte auf einer Fahrt nach Osmannstedt zu spüren, wo er Amtsverrichtungen hatte. Zu großem Glück für ihre Füße hatte die Pfarrfrau ein Paar Schuhe an, welche „nach dem Modell von den Sechswochenschuhen gemacht" waren.
Aber was wollten alle diese geringen Nöte gegenüber der furchtbaren Not besagen, die am 20. April 1755 über die Bewohner des ganzen Dorfes, also auch des Pfarrhauses kam? Eine gewaltige Feuersbrunst zerstörte in ganz kurzer Zeit das Dorf. Pfarrer Schede war mit seiner Frau und Schwester nach Pfisselbach gegangen, um der dortigen Frau Pfarrerin zu ihrem Kirchgange persönlich zu gratulieren. Sie ließen sich überreden, zum Abendbrot zu bleiben. Da erschien um 8 Uhr die Magd mit dem Schreckensruf: „In Liebstädt ist Feuer!" Der Pfarrer Schede eilte davon, Frau und Schwester gingen hinterher. Das Dorf stand in Flammen, Pfarrscheune und Stall waren schon niedergebrannt. Das Pfarrhaus brannte am Giebel und hinten im Hofe wie eine Fackel. Nur des Nachbars, des Fleischers Haus, stand noch. Um 10 Uhr war mit der hellen Flamme Schicht. Das Wohnhaus war bis auf den Giebel erhalten. Bauern aus benachbarten Dörfern hatten die Möbel aus dem Pfarrhaus ausgeräumt. Schweine, Hühner, Enten und Kettenhund waren verbrannt. Um ½8 Uhr war noch alles ruhig, und schon um 10 Uhr lagen in Asche 42 Häuser und 38 Scheunen nebst den dabei befindlichen Ställen; vier Häuser waren zu einem Drittel ruiniert. Es wütete ein heftiger Sturmwind. Wunderbarerweise war die Kirche erhalten geblieben, obwohl ein zu nahe stehendes Haus mit Strohdach sie unfehlbar in Flammen gebracht haben würde. Das Feuer war in 2 Scheunen ausgekommen, ohne daß man feststellen konnte, in welcher. Beide Hauswirte, der Richter und seine Nachbarin, eine Witwe, namens Margarethe Franckin, waren dabei so verunglückt, daß diese erstickt war, jener aber, kaum noch von seinem Sohn aus dem Bett gerissen, den 3. Tag hernach starb. 27 aus der Nachbarschaft eingetroffene Spritzen und mehr als 1000 Menschen konnten nicht helfen. Die Pfarrersleute fanden mit Kuh und Kalb Aufnahme im Schlosse. Zwei Tage mußten die Möbel im Schloßgarten stehen, bis sie ins Schloß gebracht werden konnten. Das merkwürdigste war, daß der Pfarrer etwa fünf Stunden vorher im Katechismusexamen gestraft hatte, nachdem er eine beschwerliche Sünde der Gemeindeglieder gestraft hatte: „Ich fürchte, daß bei fortdauernder Halsstarrigkeit Gott Sodoms Sünden mit Sodoms Strafen heimzusuchen und ein Reisebund binden möchte, um ein Feuer über uns zu bringen, welches uns fühlen machte, daß wir nicht hören wollen." Damit hatte der Pfarrer dieses Unglück unwissend prophezeit. Frau Pfarrer Schede ergänzte die Schilderung ihres Mannes in einem dem seinen angefügten Brief, aus dem wir nur das Folgende entnehmen: „Da sie Feuer rufen, nimmt Christiangen unsere beiden Kinder und läuft mit ihnen fort, und da sie ihn den Hof kommt und zu dem Garten nausgehen will, kommt ihr die Glut sofort entgegen, daß sie eilen muß, daß sie davonkommt ohne Schaden." So endigen die brieflichen Mitteilungen aus Liebstädt, die so fröhlich begannen, tieftraurig. Es mag lange gedauert haben, bis das idyllische Leben in dem Dorf und Pfarrhaus wieder eingezogen.
Wir wenden uns nun den Briefen des Friedrich Sigmund und Polykarp Keil zu, die beide Söhne des oben genannten Burckardtshayner Pfarrers David Keil waren, jener Pfarrer in Kretzschau, dieser Subdiakonus in Staucha bei Oschatz. Die Briefe des Kretzschauer Pfarrers zeigen uns einen jungen Pfarrer, der sehr glücklich darüber ist, daß er die Kretzschauer Pfarrstelle bekommen hat. Noch ist er Junggeselle, aber schon hat er in Johanna Christine, der Tochter des M. Johannes Bartholomäus Avenarius, Pfarrers zu Hohenprießnitz, die zukünftige Lebensgefährtin gefunden. Die Briefe enthalten fast alle freundliche Einladungen an die nahen Zeitzer Verwandten, ihn in seiner Junggeselleneinsamkeit in Kretzschau zu besuchen. So lädt er am 29. November 1754 Grubner und Frau, bei denen er über drei Jahre Conversation genossen, ein, an nächsten Sonntag seiner Anzugspredigt in Kretzschau beizuwohnen und „mit schlechter Bewirthung geneigt verwillen nehmen zu wollen". Ein anderes Mal hätte er auch gern die Zeitzer da gehabt, wenn es möglich gewesen wäre; aber es war, wie er unter dem 8.2.1755 schreibt, unmöglich: „Mein Dorf ist also verschneit, daß es mir nicht möglich ist, mit einem Pferd durchzukommen. Sie glauben nicht, wie es wunderlich aussieht, daß alle Zugänge wie mit Palisaden besetzt und alle Gräben voller Schnee liegen. Und nun kommt heute dazu die grimmigste Kälte, dergleichen wir in diesem Jahre noch nicht gehabt." Endlich, am 16. desselben Monats, kann er hoffen, die Zeitzer bei sich zu sehen; er sendet einen Schlitten nach Zeitz, sie zu holen. Um sie auch ja zum Kommen zu veranlassen, fügt er seiner Einladung die verlockenden Worte hinzu: „Ich mache mir ein Vergnügen, dieselben allerseits auf ein Gericht Sauerkraut und, was dem anhängig, zu bewirthen, wenigstens doch einen guten Krug Bier vorzusetzen. Und wer essen will, bringe ein Messer mit." Die Einladung zum 3. Pfingstfeiertage zu einem Stückchen Kuchen und einen guten Krug Kretzschauer Bier, --- der Herr von Dieskau hat ihn kurz zuvor mit einem Faß Bier beschenkt, -- schließt er unter gehorsamsten Complimenten an Grubner und Frau Muhme und alle „Frauenzimmer" im dero Hause. Seinem Glückwunsch am 26.4.1755 zu Grubners 58. Geburtstag fügt er hinzu: „Ich bleibe ein Schuldner und meine HochEdlen Vettern sollen, wenn die Bluhmen blühen, dafür einmahl daran riechen." Mit der Einladung des Brautvaters Avenarius an Grubner und Frau, an der am 27. Mai 1755 in der Prießnitzer Kirche stattfindenden Trauung und der darauf folgenden Hochzeitsfeier teilzunehmen, verlassen wir diese Briefreihe, um zu der des Bruders Polykarp Keil überzugehen.
Dieser Polykarp lebte mit seiner Mutter als Subdiakonus in Staucha. Der Mutter ergeht es zwar gesundheitlich gut, aber es wurde ihr schwer, sich dort einzugewöhnen; es war ihr zu einsam. Wie anders war es doch in dem lieben Zeitz in dem Kreise der Verwandten gewesen! Wie anders selbst in Burckhardtshayn, solange der treue Gatte noch lebte! Wie gern wäre sie oft nach Zeitz zum Besuche gefahren, wenn nicht die Reise so weit, so teuer, so anstrengend gewesen! Noch gedachte sie mit einigem Schrecken der Rückreise, als sie im Herbst 1754 in Zeitz gewesen. Ihr Mann war zwar am 6.12. um 8 Uhr in Oberhitzschka gesund und munter angekommen, sie aber war die Nacht in Grimma bei Herrn M. Kästner geblieben. Bei den bodenlosen Wegen und Mordlöchern wäre es unmöglich gewesen, mit eigener Fuhre fortzukommen. Zum Glück hatten sie in Borna einen halbzugemachten Wagen bekommen, der ihnen bei dem Winde wohl zustatten gekommen war, aber das Fuhrwerk hatte zusammen 6 Tl. 12 gr. gekostet. Unter solchen Umständen konnten die Reisen nach Zeitz nicht allzu oft unternommen werden, zumal der Herr Subdiakonus mit geldlichen Mitteln nur schlecht versehen war; in einem Briefe bittet er den Grubner, entweder selber ihm 50 Tl. zu leihen oder sie ihm anderswo zu beschaffen; in einem anderen Briefe schreibt er, er gebrauche wenigstens 30 Tl. Wie sein Bruder in Kretzschau, so hatte auch er sich nach einer Braut umgesehen und sie in der Jungfer Liebner, der Tochter eines Zeitzer Pfarrers, gefunden. Der Bruder in Kretzschau war, wie es scheint, nicht so ganz mit dieser Wahl einverstanden; er will, ehe er ein Urteil fällt, erst Grubners Ansicht hören, meint aber doch stolz: „Mein Bruder kriegt zehn andere vor eine, aber ich bedaure nur die Mama, die sich solches sehr wird nahe gehen lassen." Es kam aber doch zur Trauung, die zu etwa derselben Zeit stattfand, wie die seines Bruders. Ueber den Beginn und Verlauf der Ehe erfahren wir aus den vorliegenden Briefen nichts; können also nur wünschen und hoffen, daß sie sehr glücklich gewesen sei.
Christiana Sophie Luther, auch eine Tochter des Johann Martin Luther in Zeitz, war zuerst mit Christian Otto, Pfarrer zu Naundorf, sodann mit Godofred Egidius Molter, der am 21.4.1730 in wohlgesetzter lateinischer Urkunde zum Pfarrer in Gladitz berufen war, vermählt. Daß sie zum dritten mit dem Eisenberger Schulcollega Matthäus Plarr und zum vierten mit M. Johann Gottlieb Heuckenrott, Adjunctus und Pfarrer zu Weickelsdorff, verheiratet gewesen ist, sei hier nur kurz bemerkt. Der Zeitzer Bürgermeister Friedrich Martin Luther war Ende November 1742 gestorben; am 29. November sollte er begraben werden. Grubner lud natürlich auch das Gladitzer Pfarrer-Ehepaar ein, an dem Begräbnis teilzunehmen, aber diese Einladung verursachte in dem Gladitzer Pfarrhause nicht geringe Verlegenheit. Molter schreibt darüber an Grubner: „Ich wollte wünschen, daß des H. Bruders Schreiben uns eher wäre eingehändiget worden, damit wir unsere Einrichtung gantz anders einstellen können. Meine Frau weiß nicht, was sie anziehen soll. Ihr Trauerkleid ist ihr zu eng worden, darzu weiß sie auch nicht, ob sie in einer schwarzen oder weißen Hauben erscheinen darf. Wenn nur sowohl ein Kleid, als auch aufsetzen, es sei schwarz oder weiß, ihr könnte verschafft werden, würde sie es mit höchstem Danke erkennen. Ich habe morgen eine Trauung und muß nunmehr erstlich mich bemühen, wo ich einen andern an meiner Stelle verschaffen kann. Gott der allerhöchste wolle den H. Papa bei diesem zugestoßenen Trauerfall kräftigen, trösten und viele Jahre in unverrücktem Wohlsein erhalten, welches auch der Allerhöchste von den H. Schwager und dessen Frau Liebsten erfüllen wolle!" Bald nach dem Tode dieses Schwagers mußte das Gladitzer Ehepaar den Tod des anderen Schwagers, des Zeitzer Advokaten Kieritz, beklagen.
Nach dem Tode des Bürgermeisters Friedrich Martin Luther war nur noch einer da, der den Stamm Martin Luthers in gerader Linie hätte fortsetzen können; dieser eine war Martin Gottlob Luther, der noch lebende einzige Sohn des Zeitzer Seniors und Lic. Johann Martin Luther. Ueber ihn schreibt Grubner am 16.3.1748, daß er in Dresden lebe, in gesegneter Praxis sei und bei vielen Ministern in großer Achtung und Gnade stehe. Nach den vorliegenden Briefen hatte er viel mit einem chronischen körperlichen Leiden zu tun, das gegen Ende des Jahres 1754 ganz besonders heftig auftrat. Aber zu Weihnachten desselben Jahres konnte er doch berichten, daß seine Krankheit gänzlich vorüber und er bei vollkommenen Leibeskräften sei, und nach Weihnachten, daß er in den verwichenen Weinachtsferien zum ersten Mal wieder ausgegangen und daß es ihm gut bekommen sei. Unter dem 1.3.1755 lautet sein Bericht: „Mein Gesundheitszustand anlangend ist solcher, Gott sey Dank, ganz passabel, dann und wann kriege noch Anfechtung, dahero mit dem Frühling den Körper recht ausscheuern muß und nach Befinden in ein Bad gehen dürfte." Sein leidender Zustand verbietet es ihm auch, an den beiden Hochzeiten im Mai in Hohenprießnitz und Zeitz teilzunehmen, wie gern er auch dabei sein möchte; er wünscht, daß Grubner und die anderen sich auf den Hochzeiten „fein lustig machen"; er bittet, „die Gesundheiten für ihn mitzutrinken"; er fürchtet, seine Gesundheit durch die vielerlei Reisen und Weintrinken nur mehr zu verderben, als zu verbessern.
Von allen Luthernachkommen aus der männlichen absteigenden Linie, also von Martin Luther, dem Reformator, bis zu Johann Martin Luther II., waren Kupferstiche vorhanden; nur von Gottlob Luther in Dresden gab es kein Bild. Es läßt sich denken, wie gern man auch von ihm ein Bild haben wollte, und wie sehr man ihn darum gebeten. Er schreibt darauf, daß er sehen wolle, sich abmalen und in Kupfer stechen zu lassen, daß es ihm aber zur Zeit an Geld fehle, weil seine Krankheit viel gekostet, die Versäumnis dabei ungerechnet, weil von den Leuten wenig oder nichts einzukriegen sei, weil es überall „hapere". Die große Kälte sei auch mit schuld daran, „wegen des gebrauchten vielen Holzes, so fast nicht mehr zu erlangen und zu kaufen sei." Die Angehörigen hatten noch einen viel angelegentlicheren Wunsch, nämlich den Wunsch, er möchte heiraten und die Familie ihres Stammvaters D. Martin Luther fortpflanzen. Schon hatten sie ihm eine Witwe in Zeitz auserwählt und vorgeschlagen. Er schreibt unter Hinweis auf die beiden vor der Hochzeit stehenden Brüder Sigmund und Polykarp Keil schmerzhaft: „Lasset sie freien. Bald wird mir die Lust auch ankommen und bei meiner Hinunterkunft will ich die bemeldte frische Witwe in Augenschein nehmen." Die beiden Wünsch wurden, wie wir wissen, nicht erfüllt; er ließ sich nicht in Kupfer stechen, aber auch nicht zur Ehe überreden; er starb 1759 in Dresden; mit ihm starb der letzte männliche Nachkomme D. Martin Luthers.
Die Briefe, die wir betrachten konnten, brachten einen schlichten Inhalt; sie gewährten aber trotzdem einen deutlichen Einblick in jene ferne Zeit, und sie stellten uns die Angehörigen der Lutherfamilie als Persönlichkeiten dar, die eins waren in der Verehrung D. Martin Luthers, des Gottes- und Wundermannes, die in dem Verkehr unter einander das größte Glück sahen, die in der Sammlung von Luthers-Erinnerungsstücken und in der Bearbeitung ihrer Familiengeschichte eine heilige Pflicht erkannten und in aller Stille treulich des ihnen aufgetragenen Amtes warteten, in alle dem würdige Nachfolger ihres Stammvaters Luther, aber auch leuchtende Vorbilder unser aller. Dem fleißigen Johann Christian Grubner wollen wir im Geiste dankbar die Hand drücken, denn ihm verdanken wir die Briefe.