Beitrag zur Geschichte der Heilkunde in der altmärkischen Stadt Werben.
(E. Wollesen.)
Wie der Titel dieser Monatsblätter besagt, sind dieselben nur für Aufsätze, welche Brandenburg betreffen, bestimmt. Wenn trotzdem im folgenden etwas aus der Geschichte der kleinen altmärkischen Stadt Werben in diesen Blättern erzählt werden soll, so können mit Recht mancherlei Gründe der Entschuldigung dafür vorgebracht werden: Das hart an der brandenburgischen Elbgrenze belegene Werben gehörte nebst der ganzen Altmark bis zur westfälischen Zeit zur Mark Brandenburg; die innere Stadtgeschichte gleicht ganz der Geschichte der anderen brandenburgischen Städte; der Touristenklub selbst hat der Stadt vor einigen Jahren freundlichst seinen Besuch abgestattet, die Stadt also in sein brandenburgisches Tourennetz hineingezogen.
Von dem großen Verkehr ziemlich abgeschnitten, führt das kleine Ackerstädtchen abseits der großen Heerstraße ein stillbeschauliches Dasein. Das ist nicht immer so gewesen. Früher eine ansehnliche Hansa- und Handelsstadt, hatte sie zugleich als Beherrscherin zweier Ströme --- denn die Havel mündete damals ziemlich der Stadt gegenüber --- ihre große strategische Bedeutung, und noch heute erzählen die Blätter der Weltgeschichte, welche Rolle die Stadt zu dreien Malen in ihr gespielt hat: zur Wendenzeit, im dreißigjährigen Krieg und zur Frühlingszeit der Freiheitskriege. Heute ist von dem vergangenen Glanze nicht mehr viel übrig geblieben. Nur ein herrliches Denkmal jener Größe birgt das Städtchen noch in seinen Mauern, den Stolz der Einwohner und die Bewunderung der jeden Sommer zahlreich hier eintreffenden Fremden: Die St. Johanniskirche mit ihren reichen, mittelalterlichen Schätzen der Glasmalerei, der Holzschnitzerei, der Bildhauerei und der märkischen Goldschmiedekunst. Vielleicht finden wir später einmal Gelegenheit, über solche Bedeutung der Stadt und Kirche auch in diesen Blättern näheres zu erzählen, heute wenden wir uns einem weniger bekannten, aber darum doch nicht weniger interessanten Kapitel der Werbener Geschichte zu, der Geschichte der Heilkunde in Werben. Die Wahl des Themas lag nahe: Die vor nicht langer Zeit in unsrer Haupt- und Residenzstadt Berlin geführten Kurpfuscherprozesse lenkten unwillkürlich die Gedanken in jene glücklicherweise längst vergangenen Zeiten zurück, in denen Bader oder Staver an dem „armen" Patienten herumoperierten.
Bis etwa zum Ende des 13. Jahrhunderts mögen, wie überall, so auch in Werben Geistliche die Heilkunst geübt haben. Als aber denselben von da an die Ausübung der Heilkunst durch verschiedene Konzile verboten wurde, traten an ihre Stelle die „Balbiere" oder „Scherer", welche die früheren Gehilfen jener gewesen. Neben ihnen gab es als anerkannte Heilkünstler Staarstecher, Bruch- und Steinschneider.
In der Altmark war der Stendaler Physikus bis 1567 der einzige Arzt. So mußten sich die anderen altmärkischen Städte mit Badern, Barbieren und ähnlichen Heilkünstlern begnügen. Die Zahl derartiger Heilkünstler war in Werben im Verhältnis zur Einwohnerzahl viel zu groß. Es werden uns die folgenden genannt: Meister Thomas Seger der Barbier (1500, 1502), Damianus Herbart der Staver (1488), Hans Jeger der Badeker (1491), Jakob der Badeker (1486), Meister Claus Eickholt der Barbier (1494, 1497), endlich der Barbier, der bei Titke Kemerick zu sein pflegte (1494). War es nun schon mit den Ärzten in wissenschaftlicher Hinsicht traurig genug bestellt, so stand es noch unendlich viel trauriger mit der Bildung der anderen Heilkünstler. Dr. Reuchlin schreibt von den letzteren 1565, daß sie gewiß nur wenig studierten, daß etliche ihren eigenen Namen nicht schreiben könnten, daß ihre ganze Kunst hinweg wäre, wenn man ihnen das warme Bad und das Stichpflaster nähme, und daß sie es doch für eine unauslöschliche Schande hielten, bei äußerlichen Schäden einen ordentlichen Doktor um Rat zu fragen, sondern daß sie die Leute nach der Larve kurierten.
In der Altmark gab es bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts nur zwei Apotheken, die Schloßapotheke zu Tangermünde und die Apotheke zu Stendal. Die Preise der Medikamente waren so enorm, daß der arme Mann sie nicht kaufen konnte, daher unterschied jene Zeit stets zwischen Rezepten für Reiche und Arme, d. h. es wurden für letztere billigere Mittel verschrieben.
Badstuben gab es während des Mittelalters auch in den kleinsten Städten. Der Volksmund gebrauchte dafür kurzweg die Bezeichnung „Stube", plattdeutsch „Stove" oder „Stave", der Bader hieß der „Stover" oder „Staver". Jede Badstube war einem Heiligen gewidmet. Wir irren wohl nicht, wenn wir den Namen der Werbener Fabianstraße auf den Heiligen zurückführen, welchem die ehemals darin belegene Badstube gewidmet war.
Längere Zeit schweigen nun die Akten über Werbener Heilkünstler, bis sie uns vor dem Einbruch des dreißigjährigen Krieges wieder einige Nachrichten übermitteln. Da ist zuerst Meister Leonhard Kempfe, Bruch- und Steinschneider, zu nennen. Noch heute giebt ein schöner Gedenkstein Kunde von seiner Frömmigkeit. In dem Turmgewölbe der Kirche lesen wir folgende Inschrift auf jenem Stein: „Anno 1601 habe ich Leonhard Kempffe der Stadt Werben einen ehrbaren Rath, de̅ caste̅ Herre und gemeine̅ Bürgerschaft zu Erbawung des Predigstoles zur ewigen Gedechtnus hundert Gulden vorehret, auch mein und meiner Frawen Wapen Anna Engelen genant an die Pfiler, dar ich meinen gekauften Stuel habe, schlagen lasse̅." Das Wappen des Mannes zeigt auf dem Schild den Kopf eines Ebers, das der Frau die Hausmarke
die Helmzier des ersteren wird von einem Eberkopf, die des letzteren von einem Engel in Halbfigur übertragen. Leonhard Kempfe scheint in seinen späteren Jahren nach Rostock übergesiedelt zu sein; wenigstens bezeichnet ihn eine Notiz aus dem Jahre 1614 dort wohnhaft. In Werben dagegen finden wir nun einen Andreas Kempe, Okulist und Wundarzt. Unter „Okulist" ist jedenfalls „Staarstecher" zu verstehen. Neben Andreas Kempe praktizierten Lorenz Gleime, Claus Michels und Matz Herwig als „Balbierer" und Heilkünstler. Im Jahre 1613 bekam Lorenz Gleime 2 Gulden aus der von Bartensleben'schen Stiftung dafür, daß er Peter Teschens Sohn in seiner großen Krankheit am Steinbruch geheilet, „da diesem Knaben unterschiedliche Steine abgegangen gleich wie Taubeneier". Am 18. Dezember 1617 wurde derselbe Lorenz Gleime wegen des „Arztlohnes" an Balzer Wulfes armer Kesseln, so hoch als 8 Gulden, durch den Markmeister gerichtlich angewiesen; er hatte nämlich einen von Balzer Wulf auf freier Straße verwundeten Töpfergesellen geheilt. Während des dreißigjährigen Krieges übte Lorenz Gleime weiter seine Praxis aus. Gewiß mußte in besonderen Fällen der Feldscher von dem gerade in Werben liegenden Militär mit seiner Wissenschaft und Kunst aushelfen. Es ist nicht anzunehmen, daß sich so bald nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges ein Arzt in der durch den Krieg völlig ruinierten Stadt niedergelassen hat. Erst mit dem Anfang des 18. Jahrhunderts finden wir hier Chirurgen, die ordentlich examiniert wie auch von dem Königlichen Collegio medico approbiert waren.
Die Apotheken der älteren Zeit waren nicht ausschließlich Anstalten zum Verkauf und zur Bereitung von Arzneien, sondern ihre Inhaber bereiteten und verkauften auch allerlei feine Eßwaren, Kraftbrühen, Pulver, Kräuter und Gewürze für den Haushalt, weshalb sie auch wohl „Krüdener" genannt wurden. Solche Apothekerkrüde galt bei jedem größeren Festessen für unentbehrlich. Die Apotheker waren also zugleich Kaufleute. Damit stimmt es überein, wenn wir in dem Werbener Kirchenbuch 1675 Joachim Lüdecke als Apotheker, Kauf- und Handelsherrn genannt finden. Bei der Bewerbung um ein städtisches Amt schrieb dieser Joachim Lüdecke, daß er die Apothekerkunst erlernt, 28 Jahre gereist, viele Königreiche und Länder besucht, sich 1672 als Erbe seines Bruders hier niedergelassen habe, und daß er die Tochter des verstorbenen Münzmeisters Dr. Becker geheiratet, bürgerliche Nahrung getrieben, auch viele Jahre das Amt eines Kirchenvorstehers und Kontributionseinnehmers verwaltet habe. Der Rat antwortete ziemlich barsch auf dieses Bewerbungsschreiben, daß mit seiner Person der Stadt wenig geholfen sein könnte.
Der Nachfolger des Joachim Lüdecke war Basilius Georgius Jungius, ein Sohn des Pfarrers zu Berge, ein Bruder des Werbener Rektors Erdmannus Jungius. Die erste wirkliche Apotheke wurde im Jahre 1716 durch den von Berlin hierher übergesiedelten Apotheker Christoph Eggers angelegt; er kaufte 1720 das Wiedow'sche Haus, nahe am Seehäuser Tor auf der Ecke gegen den Sattler Hoffmann über bei Peter Rolffens Haus gelegen. Am 9. Januar 1722 wurde dem Apotheker ein Platz der gemeinen Weide als Apothekergarten oder herbarium so eingeräumt, daß die Stadt das Dominium daran behielt und den Nießbrauch der Apotheke zum Besten ohne Entgelt einräumte. Johann Dietrich Jähns, Apotheker, Senator, Kriegsmetz- und Mahlziese-Einnehmer in Werben, erwarb am 19. September 1742 das Königliche Privilegium über die in seinem am Markt neu erbauten Hause befindliche Apotheke, nachdem er 20 Taler in die Rekrutenkasse gezahlt hatte. Auf Grund dieses Privilegs mußte der Rat den Stiefsohn des Apothekers Jähns, namens Joachim Johann Christoph Eggers, unter dem 19. November 1742 verbieten, eine Nebenapotheke in Werben anzulegen. In jenem Privileg wurde dem Jähns das Recht zuerteilt, seine Apotheke zu behalten, nach bester Gelegenheit zu gebrauchen und zu nutzen; dagegen wurde ihm die Pflicht auferlegt, die Apotheke in gutem Zustand zu halten, mit tüchtigen, guten, frischen Medikamenten zu versehen, solche um billigen Preis zu geben, rechte Maße und Gewichte zu haben, auch geschickte und geübte Provisors zu halten und sich der Medizinalordnung gemäß zu betragen.
Es erübrigt noch, einige Notizen über den Gesundheitszustand der Stadt hinzuzufügen. Verschiedene Male grassierte die Pest in der Stadt, am furchtbarsten im Jahre 1682. Von Magdeburg eingeschleppt, begann sie damals ihren Todeszug von einem Bürgerhause am Markte aus und raffte 305 Menschen dahin. Zu den in der Kirche aufbewahrten Kisten und Laden durfte niemand gehen, um nicht etwa die ansteckende Krankheit weiter zu verbreiten. Die Kirchen- und Schulbeamten gerieten in besondere Not, weil sie ihre Besoldung nicht bekamen, die Accidenzien ausfielen, ihr geringer Vorrat aber in der Kirche verschlossen war. Das Kirchenbuch berichtet uns über eine Taufe jener Zeit das folgende: "Die Mutter lag an der Pest und starb in der Nacht nach der Geburt. Da ward das Kind auf öffentlichem Kirchhofe vom Vater selbst zur Taufe gehalten, die Gevattern standen von ferne, weil sich die Leute sehr schenierten; der H. Diac. taufte das Kind, ohne Händeanrühren, auf des Vaters Händen, doch ward sein Haus durch Einbildung seiner Tochter bei Abnehmung des Mantels infiziert, nicht sonder Gottes Verhängnis." In solcher Not erbarmte sich der Große Kurfürst der armen Stadt, sandte Geld, Korn, Salz und Medikamente, ja bestellte sogar einen Pestchirurgus und verschaffte der Stadt sechs Jahre lang Freiheit und Ruhe vor ihren Gläubigern.
Aus dem Jahre 1738 berichtet uns ein Ratsprotokoll, daß ein hitziges epidemisches Fieber in der Stadt grassierte, woran über 100 Personen krank darniedergelegen. Zwar kamen die meisten Kranken glücklich durch, hielten aber lange daran aus. Auch auf den Höfen der Umgegend herrschte dieselbe Krankheit.
Schlimmer sah es im Jahre 1750 aus; die „rote Ruhr" wütete in der Stadt. Wegen großer Armuth nahmen viele ohne gehörige Medizin nach dem Gebrauch elender Hausmittel „mit sechs Pfennig Wein ihren Abschied aus dieser Welt."
Wir schließen hiermit unsere Nachrichten über die Heilkunde in Werben. Das Wort von der „guten, alten Zeit" mag ja in mancher Hinsicht begründet sein, in Hinsicht der Heilkunde sicherlich nicht. Das gilt ganz allgemein. Wir brauchen nur kurz darauf hinzuweisen, wie riesig die soziale Gesetzgebung und medizinische Wissenschaft fortgeschritten sind. Das gilt aber auch besonders von dem Städtchen Werben. Ein wissenschaftlich ausgebildeter Arzt nimmt sich der Kranken an; eine nach den Bedürfnissen der Neuzeit ausgestattete Apotheke reicht ihnen lindernde Arznei dar; eine wachsame Gesundheitspolizei hält die gesundheitswidrigen Mächte möglichst von den Bewohnern fern. Gerade ein Rückblick auf die frühere Heilkunde kann uns mit neuer Freude an der Gegenwart erfüllen. Wenn das dieser Rückblick auch hier und da getan hat, so hat er seinen Zweck überreichlich erfüllt.
