Der Altarschrein St. Annae in Werben ein Werk eines Hamburger Meisters.
Von Helene Marckwald-Lutze. [1])
Alle Geschehnisse im Leben des Erlösers, von der Verkündigung bis zur Verklärung, haben zu allen Zeiten der Kunst als Stoff gedient, --- ein Vorwurf aber beschäftigt sie nur während der Dauer von etwa 100 Jahren, von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, also zur Zeit ihrer höchsten Blüte. Es handelt sich dabei allerdings nicht um einen Abschnitt oder um ein Ereignis aus dem Lebenslauf des Heilands, sondern um die Darstellung der Sippe, und zwar immer der mütterlichen Sippe.
Die Legende berichtet, daß die heilige Anna, die Mutter der Jungfrau nacheinander drei Männer und von jedem eine Tochter gehabt habe. Im Jahre 1408 erscheint einer Frau die heilige Anna mit ihren drei Töchtern und ihren Kindern, und diese Vision wird Veranlassung zur Entstehung der ersten Sippenbilder. Zunächst wird die „Heilige Anna selbdritt" gezeigt, die Mutter Anna
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Abb. 1
mit Maria und Jesus. Die Darstellung ist noch äußerst primitiv und steif. Die Heilige erscheint in matronenhaftem Aeußeren und Gewande, sitzend oder stehend, Kind und Kindeskind auf dem Schoße oder auf den Armen haltend. Die junge Mutter und ihr Sohn werden fast immer in gleicher Größe dargestellt, das heilige Kind als Säugling, seine Mutter als bescheidenes, etwas altklug anmutendes Mädchen im schulpflichtigen Alter. Eine solche
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Abb. 2
Darstellung finden wir z. B. an dem bronzenen Taufbecken der Stephanskirche zu Tangermünde. (Abb. 1.)
Später wird die Linienführung freier und anmutiger. Die beiden Frauen sitzen nebeneinander und haben das Kind zwischen sich, und nun darf auch Maria als erwachsene junge Frau erscheinen.
Eine Darstellung dieser Art zeigt in einer ganz besonders herzhaften Frische und lebendigen Klarheit die heilige Gruppe am
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Abb. 3
St. Annen-Altarschreine (Abb. 2) in der Johanniskirche zu Werben, einem kleinen, altmärkischen Städtchen, das gegenüber der Havelmündung an der Elbe liegt.
Der Schrein ist ein Werk bester deutscher Handwerkskunst, durchglüht vom göttlichen Funken. Auf meine Anfragen im Büro des Deutschen Museums in Berlin und bei Kennern mittelalterlicher
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Abb. 4
Holzschnittkunst konnte ich nur den Bescheid erhalten, daß Werk und Meister unbekannt und auch in keinem Künstlerlexikon zu entdecken seien. --- Ich habe mich dann, als interessierter Laie von dem Werk ungemein angezogen, an den Chronisten der Stadt Werben gewandt, Herrn Oberpfarrer i. R. D. E. Wollesen-Zeitz, der mir, obgleich von altmärkischen Geschichtsarbeiten und seinen Forschungen auf diesem Gebiet stark in Anspruch genommen, in
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Abb. 5
liebenswürdigster Weise über den Meister Auskunft gab, wofür ich ihm hier noch einmal danken möchte. Von Herrn Oberpfarrer D. Wollesen erfuhr ich, daß der Schöpfer des Werkes der Hamburger Meister Helmke Borstel ist, der es im Jahre 1513 für die Stadt Werben gestaltet hat.
Lebhafter Handelsverkehr zwischen den Elbestädten zog Austausch und Anregung auf kulturellem Gebiet selbstverständlich nach sich,
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Abb. 6
und als im Jahre 1512 drei angesehene Werbener Bürger --- die Brüder Klaus, Joachim und Peter Kroger, letztgenannter Bürgermeister der Stadt, --- beschließen, der Johanniskirche einen Altar zu stiften, wandten sie sich an den Hamburger Maler und Bildschnitzer Helmeke Borstel, nach seinem Heimathdorfe Horneborstel zubenannt.
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Abb. 7
Nach Aufzeichnungen im Staatsarchive von Hamburg war Helmeke Horneborstel dort 1505 in das Maleramt aufgenommen worden, 1507 wurde er Beisitzer des Maleramtes und 1510 Aeltermann der Bruderschaft des Heiligen Thomas von Aquino, der Kunsthandwerker. Er starb schon 1522 in seinem Hause an der Ecke der Hunde- und Beckmacherstraße und hinterließ eine Witwe und sechs Kinder.
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Abb. 8
Obwohl in den amtlichen Schriftstücken fast immer als Maler bezeichnet, hat er sich doch anscheinend sehr stark als Bildhauer betätigt. Für die Stadt Hamburg hat er, wie aus entsprechenden Schriftstücken nachweisbar ist, drei plastische Werke gestaltet, die jedoch anscheinend nicht auf unsere Zeit gekommen sind. Jedenfalls stehen sie nicht mehr in den Kirchen, für die sie geschaffen wurden, sondern sind uns nur noch in Nachbildungen erhalten.
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Abb. 9
Um so wertvoller ist es für den Kenner norddeutschen Wesens, daß sich von dem Altare in Werben wenigstens der Mittelschrein, eben jenes Hochrelief der Heiligen Sippe, erhalten hat.
Die heiligen Frauen, ganz offenbar niederdeutschen Geblüts, sitzen beieinander in der aufrechten Haltung und gelassenen Selbstsicherheit dieses alten Bluterbes, geadelt durch Anmut und Würde des Ausdrucks. (Abb. 3). Das heilige Kind sitzt auf dem Schoße der Großmutter, aber zur Mutter hingewandt. Zu diesen dreien gehört der heilige Joseph, (Abb. 4) --- genau in der Mitte des oberen Teiles des Bildwerkes und die übrigen Männer um eine halbe Kopflänge überragend, --- und der herrliche, durch seinen geist- und charaktervollen Kopf auffallende Joachim, der heilige Großvater, (Abb. 5).
An der Darstellung des Kopfes vom heiligen Joseph zeigen sich vielleicht die Grenzen des Könnens des Meisters. Die Ueberlegenheit des heiligen Zimmermannes konnte er allein durch räumliche Anordnung andeuten. Die durchgeistigte Erdgelöstheit Tillmann Riemenschneiderscher Apostelköpfe vermag seine Kunst nicht zu erreichen. Der Versuch dazu mißlingt, und so scheint Joseph der einzige Unsichere in einem Kreise in sich selbst geborgener Menschen. --- Freilich muß ja dieser Zimmermann auch unsicher werden angesichts der Aufgabe und Verantwortung, die ohne sein Wollen und Wissen über ihn gekommen sind. ---
Zur linken Hand der Mutter Anna sitzt Maria Salomas, mit ihren Söhnen dem Evangelisten Johannes und Jacobus dem Aelteren, auch sie in der freien Gelassenheit besten niederdeutschen Bürgertums, das allen Gestalten der lebensvollen Gruppe eigen ist. Ueber ihr das lebensgezeichnete Antlitz ihres Gatten Zebedäus (Abb. 6) neben ihrem Vater Salomas (Abb. 7), dessen überlegener Gesichtsausdruck durch die dozierend erhobene Hand unterstrichen wird.
An der anderen Ecke des Altarschreines sehen wir den behäbigen Kopf des Kleophas (Abb. 8) neben dem gütigen Antlitz seines Schwiegersohnes Alphäus (Abb. 9) und vor ihnen, ihrem Vater fast familienähnlich, die mütterliche Maria Kleophas mit ihren Kindern Jakobus dem Jüngeren, Simon und Judas. Das vierte Kind, Jesus Justus, fehlt. [2])
Ein Professor der Kunstgeschichte von der Sorbonne in Paris, der während des Weltkrieges im Gefangenen-Lager bei Werben untergebracht war, bewertete den Schnitzaltar künstlerisch so hoch, daß er ihn für Frankreich gewinnen wollte.
Meiner Laienbegeisterung will es scheinen, daß diesem kraftvollen deutschen Werk ein Platz in unserer Kunstgeschichte gebührt.