Die Bücherei der Zeitzer Michaeliskirche
Von E. Wollelsen †, Zeitz
Die Bücherei der Zeitzer Michaeliskirche ist seit einigen Jahrzehnten durch den in ihr entdeckten Luther-Thesendruck aus dem Jahre 1517 in der wissenschaftlichen Welt sehr bekannt geworden, kennt man doch bisher in der ganzen Welt nur sieben derartige Thesendrucke, ja, von der besonderen Art des Zeitzer Druckes (B) nur drei. Es bleibt das Verdienst des Pfarrers Kromphardt, daß er diesen Thesendruck im Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einem starkem Sammelbande der Bibliothek (D 1, 347) gefunden und dann veröffentlicht hat. So bekannt aber die Michaeliskirchenbibliothek aus dem eben angegebenen Grunde in der weiten wissenschaftlichen Welt ist, so unbekannt ist sie in der engeren Welt, in der Zeitzer Bürgerschaft; es werden verhältnismäßig nicht viele Bürger sein, die Interesse an der Bücherei haben; sie wissen vielleicht, daß sie in dem Raum über der Sakristei der Michaeliskirche untergebracht ist, aber sie kennen den Raum nicht, geschweige denn seinen Inhalt, seinen Büchereireichtum. Um das Interesse für die Bücherei mehr anzuregen, um sie aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken, sei es gestattet, einiges aus ihrer Geschichte hier bekanntzugeben.
Als Begründer der Bibliothek ist der gelehrte Erhardus Lauterbach, von 1603 bis 1649 Pfarrer an der Michaeliskirche und Superintendent des Stifts Zeitz, anzusehen. Er hat nicht nur Bücher aus seiner eigenen Bibliothek der Michaeliskirche geschenkt, sondern hat auch Bürger der Stadt und Männer seiner Bekanntschaft veranlaßt, ein Gleiches zu tun. Auf der ersten Seite finden wir die Vermerke über den Geschenkgeber, über das Jahr der Schenkung und über den, der das Buch für die Bibliothek zu treuen Händen übernommen hat, Erhardus Lauterbach. So heißt es auf einem Vorstoßblatte des oben erwähnten Sammelbandes u. a.: „Lucas Scholtz, Bürger und Kramer in Zeitz verehrte das Buch --- --- --- der Kirchen zu S. Michael anno 1613 mense Februarii. Ehrhartus Lauterbach Superintendens m. pr." Unter den Bücherspendern zeichnete sich besonders Caspar Melissander D., Pastor und Superint. Altenburgensis aus; vielleicht war er geborener Zeitzer, vielleicht war er durch Amt und Freundschaft eng mit Lauterbach verbunden. Eine andere Eintragung lautet: „Diese beiden Bände der Theologischen Werke des D. Egidius Hunnius hat zur Neuen Bibliothek zu S. Michael in Zeitz verehrt M. Johannes Teuber, pastor ibidem. Geschehen im Jahre Christi 1618, den 20. August."
Nicht die geringste Mühe mag der Gründer der Bücherei darauf verwandt haben, die noch in der Kirche vorhandenen Bücher, die die noch aus mittelalterlicher katholischer Zeit stammenden Wiegendrucke, zu sammeln und sorgfältig als wichtige Zeugen der vergangenen Zeit zu erhalten. Diesem Bemühen ist es hauptsächlich zu verdanken, daß die Bibliothek allein aus der Zeit vor 1500 achtzehn Druckwerke zählt. Daß Werke aus der Reformationszeit und aus der Zeit des Erhardus Lauterbach in sehr großer Zahl vorhanden sind, erscheint selbstverständlich. Pfarrer Kromphardt zählt außer Luthers sämtlichen Werken von Erasmus 10, von Flacius 30, von Melanchthon 23 Schriften auf; er rechnet ca. 90 vorreformatorische Schriften, ca. 250 aus der Zeit 1519 bis 1560 und ca. 400 aus der Zeit 1560 bis 1600. Dazu kommen noch vier Handschriften und eine Urkunde vom Jahre 1439, die --- nach Kromphardt --- mit den Worten anfängt „Joh. Sigismund von Egloffstein."
Ein wahres Wunder ist es, daß diese Bücher durch alle die Gefahren des furchtbaren Dreißigjährigen Krieges glücklich hindurchgerettet sind.
War Erhardus Lauterbach der „Gründer" der Bücherei, so war Paul Christian Mitternacht, Pfarrer an S. Michael und Stiftssuperintendent (1751---66), der „Mehrer" derselben. Nachdem sein einziger Sohn als Student in Leipzig gestorben war, vermachte er durch Testament seine ca. 2000 Bände starke Bibliothek der Kirche zu S. Michael. Diese seine große Bücherei stammte zum Teil von seinem gelehrten Großvater Johann Sebastian Mitternacht und seinem nicht minder gelehrten Vater Paul Christian her, die beide auch Pfarrer an S. Michael und Stiftssuperintendenten gewesen waren, und zwar jener bis 1679, dieser bis 1735. An der Südwand, nicht weit vom östlichen Treppenaufgang, links neben der Eingangstür unserer Kirche, hängt eine eiserne Gedenktafel mit der Ueberschrift: „Memoria Mitternachtiana": die Söhne und Enkel haben sie 1735 dem Vater Paul Christian und dem Großvater Johann Sebastian gestiftet. Die Familie Mitternacht stammte aus Hardisleben bei Budstedt. In der „Mark Zeitz" Nr. 85, S. 128, ist dem Johann Sebastian in einem Aufsatz von Wirth ein wertvolles Denkmal gesetzt. Noch heute finden wir an der Wand der südlichen Empore unserer Kirche die großen Ölbilder der beiden, des Vaters und des Sohnes Paul Christian Mitternacht.
Die Bibliothek ist in dem Raume über der Sakristei der Michaeliskirche auf zehn mit den Buchstaben A bis K bezeichneten Regalen an drei Seiten untergebracht; man kann nicht sagen, daß sie gut untergebracht ist, denn vor Staub und Feuchtigkeit ist sie nicht genügend geschützt. Die Eingangstür befindet sich an der östlichen Wand der südlichen Empore.
Nach dem Katalog soll die Bücherei 2632 Nummern umfassen; es müßte notwendig festgestellt werden, ob auch wirklich alle im Kataloge aufgezählten Bücher vorhanden, oder ob viele von ihnen, wie Kromphardt schrieb, abhanden gekommen sind. In letzter Zeit ist mit großem Bedauern festgestellt worden, daß gerade der oben erwähnte Sammelband, aus dem der Luther-Thesen-Plakatdruck entnommen ist, trotz vielen Suchens nicht zu finden ist. Man wollte ihn studieren, um vielleicht aus den einzelnen darin befindlichen Schriften und Handschriften eine Antwort auf die Frage zu gewinnen, wie dieser seltene Druck nach Zeitz gelangt ist.
Der Katalog ist von Johann Paul Christian Philipp, 1806 bis 1840 Archidiakonus an S. Michael, begonnen und bis zur 1771. Nummer fortgeführt. Auf Veranlassung des Superintendenten Erdmann hat ihn der emeritierte Pfarrer Seydel weiter bearbeitet. Den Rest hat Pfarrer Kromphardt dem Katalog hinzugefügt. Er hat die Bücher nach dem Katalog geordnet, die Regale mit den Buchstaben A bis K versehen, die nichtnummerierten Bücher mit Nummerzetteln versehen und damit das Auffinden der Bücher ermöglicht. In den Katalogen sind die Bücher chronologisch nach den kirchengeschichtlichen Perioden aufgeführt, in den Regalen scheinen die Bücher nach ihrer Größe eingestellt zu sein. Man sieht, daß da noch viel zu ordnen ist.
Ein Register über die ausgeliehenen Bücher ist nicht bekannt, vielleicht nie geführt; jeder Anhalt zur Wiedererlangung ausgeliehener, aber nicht zurückgegebener Bücher fehlt infolgedessen. Es wäre dringend notwendig, das von dem Pfarrer Kromphardt angelegte Verzeichnis über ausgeliehene Bücher zu suchen und fortzuführen, die Bücher allmählich alle mit Nummern zu versehen und auf Grund des vorhandenen Katalogs einen neuen auszuarbeiten, welcher die Bücher nach den verschiedenen Wissenschaften gesondert aufführt. Das aber sind Aufgaben, deren Lösung jahrelange Arbeit erfordert und starke Liebe zur Sache voraussetzt.