Die Kirche zu St. Michael in Zeitz
Von E. Wollesen, Zeitz
Es ist an mich die Bitte gerichtet worden, die Ausführungen, mit denen ich die Führung durch die Michaeliskirche am 14. Juni 1936 begleitet habe, drucken zu lassen. Gern erfülle ich diese Bitte; ich möchte nicht nur denen damit dienen, die von auswärts kommen und die Kirche kennen lernen wollen, sondern auch den Zeitzern selbst, die zwar meinen, die Kirche sehr wohl zu kennen, aber doch von ihrer Bau- und Kunstgeschichte noch nicht viel gehört haben. Alle, die diese Ausführungen lesen, werden überrascht sein, zu bemerken, daß die alte ehrwürdige Kirche viel reicher an Kunstwerken und Sehenswürdigkeiten ist, als sie gedacht haben. Es gilt auch von dieser Kirche: „Man muß sie kennen, um sie zu lieben."
Es kann sich nicht handeln um einen bautechnischen Vortrag über die Kirche, noch viel weniger um eine Lösung der mannigfachen Rätsel, von denen der vortreffliche Aufsatz von Arthur Jubelt über die Michaeliskirche in „Unsere Heimat im Bild" Nr. 12, Dezember 1928, zu reden weiß; nur um großen und ganzen will ich von der Baugeschichte reden. Wir lassen gleich die erste Frage unbeantwortet: Bereits im 10. Jahrhundert wird von Thietmar von Merseburg eine von Boso auf einer Waldhöhe bei Zeitz errichtete Kirche aus Steinen erwähnt. Man meint, der letzte Rest dieser Kirche sei der heutige Turmunterbau; die Kirche sei sonst in der Hauptsache aus Holz errichtet gewesen. Was an dieser Meinung wahr ist, das festzustellen, überlassen wir gern denen, die in solchen Dingen zünftig sind, den Baugeschichtlern. Wir beginnen gleich damit, daß wir sagen: Im 11. Jahrhundert trat an die Stelle dieser Kirche eine romanische kreuzförmige Pfeilerbasilika, also eine Kirche, die aus einem Mittelschiff, einem südlichen und einem nördlichen Seitenschiff bestand. Die Breite der Kirche entsprach der Breite des Turmes. An das 2. östliche Quadrat --- das Mittelschiff bestand in seinem Grundriß aus 5 Quadraten --- schloß sich südlich und nördlich je ein gleichgroßes Quadrat an. Diese drei nebeneinander liegenden Quadrate bildeten das sog. Querschiff. Die Seitenschiffe waren nur schmal und etwa halb so hoch wie das Mittelschiff, in dessen überragenden Wänden die romanischen Fenster Licht in die Kirche sandten. Das Mittelschiff war mit einer flachen Holzdecke versehen. An der Ostseite befand sich eine halbrunde Apsis. Von diesem romanischen Bau sind heute noch erhalten die gedrungenen niedrigen Pfeiler, die oben durch einfache Platten abgeschlossen sind, ferner die 90 Zentimeter starken Mauern des Mittelschiffes sowie je 2 Umfassungsmauern des alten Querschiffes und wohl auch des Altarraumes.
Wie an vielen anderen Kirchen aus der romanischen Bauzeit, so erfolgte auch hier an unserer Michaelskirche, vermutlich in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, ein gotischer Umbau, der aber damals nur zum Teil durchgeführt werden konnte. Der Altarraum verlor seine halbrunde Apsis, erhielt an der zugesetzten Ostwand 3 frühgotische Fenster und an der Nord- und Südwand je 1 schmales, hohes frühgotisches Fenster, ferner nach dem Kirchenschiffe zu einen neuen frühgotischen Triumphbogen, der in seiner nur 60 Zentimeter breiten Stärke sich auf dem kräftigen romanischen Stützpfeiler höchst eigenartig ausnimmt. Der so frühgotisch umgeänderte Altarraum wurde mit einer wundervollen neuen Wandmalerei geschmückt, den Bildern der 12 Apostel, und zwar auf der Nord- und Südseite je 2 Paare und auf der Ostseite 4 Einzelfiguren.
Das Mittelschiff mit seinem runden Bogen blieb bei diesem Umbau unverändert, dagegen erhielt sein oberer Teil, der Lichtgaden, frühgotische Fenster, die noch jetzt unter und über den Gewölben im Mauerwerk erhalten sind und an der Orgelempore mit ihrem unteren Teil sogar in das Kirchenschiff hineinragen. Man kann sich denken, daß der Wunsch, mehr Licht in das Mittelschiff zu bringen, diese Aenderung notwendig gemacht hat. Wie das Mittelschiff, so blieben auch die Seitenschiffe bei diesem Umbau unverändert. Auf das Ganze gesehen, muß man doch sagen, daß der Umbau recht bescheiden war, und doch stand die Kirche in diesem Zustande bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Erst da erhielt sie die Gestalt, die sie noch heute hat.
Diesen Umbau führt man gewöhnlich auf eine Zerstörung der Stadt und der Kirche 1429 durch die Hussiten zurück: nun ist es aber doch auffallend, daß weder die gleichzeitigen Urkunden noch die Chronisten davon berichten. Nicht einmal der kundige Mönch Paul Lange († 1536), der eine Bischofschronik hinterlassen hat, weiß etwas davon. Dagegen berichtet er von den Leiden seines Klosters Bosau in der Zeit des sogen. Bruderkrieges 1445---51 durch die mit den Hussiten oft verwechselten böhmischen Söldner des Herzogs Wilhelm. Wenn aber das Kloster Bosau damals schwer gelitten hat, so wird auch die alte Stadt Zeitz ein ähnliches Schicksal gehabt haben. Die Michaelskirche erlitt so schweren Schaden, daß man an einen völligen Umbau herangehen mußte. Nun wurde der gotische Umbau vollendet: Die romanische Basilika wurde zu einer gotischen hallenartigen Kirche. Die Seitenschiffe wurden verbreitert und erhöht, in den oberen Außenwänden mit den gotischen Fenstern versehen, der ganze Kirchenraum spitzbogig eingewölbt. Schon damals werden die schlanken hohen beiden Turmspitzen, die die Kirche überragten, erbaut worden sein, ebenso wie die je vier nebeneinandergestellten Giebel auf der Nord- wie auf der Südseite über den dreiteiligen, mit schönem gotischen Maßwerk geschmückten Fenstern und die einfach gegliederten Strebepfeiler mit Kreuzblumen, die die Last des Innenbaues stützen helfen. Außerdem erhielt die Kirche jetzt im Innern eine reiche bildliche Ausmalung, von der 1896 an der Nordwand Reste einer Bildfolge in Höhe der Empore gefunden, aber unbegreiflicherweise bei der Erneuerung des Kircheninnern 1925 wieder übermalt wurden. Diese Reste stellten den in der mittelalterlichen Kunst bekannten „Totentanz" dar, der dann im Anfang des 16. Jahrhunderts von einem gewaltigen Bilde des Christophorus übermalt worden ist.
An diesen eben geschilderten Umbau der Kirche schlossen sich allerlei Nebenbauten an, die Nonnenkapelle, die Vorhalle an der Südseite und die Sakristei mit der Bücherei. In dem oben erwähnten Bruderkriege mußten die Nonnen das Stephanskloster verlassen; sie fanden in einem der Kirche gehörigen Hause an der Ecke des Michaeliskirchplatzes und der Ritterstraße klösterliche Unterkunft und in der Michaeliskirche an der Nordwestecke eine Kapelle, zu der sie auf einem verdeckten Gange von ihrer Wohnung aus gelangen konnten. Aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammt an der Nordstecke der Kirche die mit spätgotischen Gewölben gedeckte Sakristei mit der darüber befindlichen berühmten St. Michaelisbücherei.
Den Eintritt in das Innere der Kirche vermitteln vier spitzbogige Türen, von denen die eine, die in die an der Südseite liegende Vorhalle führt, besonders reich und schön ausgestaltet ist. Ueber der Einfassung von Birn- und Rundstäben liegt ein mit spätgotischen Krabben und einer Kreuzblume reich geschmückter Wulst, der wieder von zwei reichen Fialen flankiert wird. Die Wirkung dieses Hauptportals wird noch erhöht durch zwei auf Konsolen stehende baldachinbekrönte, sehr schön gearbeitete gotische Figuren, Maria mit dem Kinde und St. Michael, den Drachen tötend. Auch die Vorhalle wird einst im Innern mit farbenprächtigen Bildern geschmückt gewesen sein.
Wir haben nun die Kirche so kennen gelernt, wie sie am Anfang des 16. Jahrhunderts ausgesehen hat. Ehe wir aber zur Besichtigung des Einzelnen im Innern der Kirche kommen, liegt es uns ob, auf die Veränderungen hinzuweisen, die das Gebäude seit jener Zeit in seinem Aeußeren erfahren hat.
Das Aeußere der Kirche in jener Zeit muß namentlich durch die schlanken Turmspitzen einen schönen Anblick gewährt haben, so, wie ihn die ganz ähnliche St. Johanniskirche in Ellrich am Harz noch heute dem Beschauer gewährt. Nun blieb aber leider das Aeußere im Lauf der Zeit nicht so, wie es damals war. Durch Unachtsamkeit des Türmers brach in dem einen der rechteckigen Kirchtürme 1660 Feuer aus, das diesen Turm zerstörte. Anstatt nun diesen Turm so schnell wie möglich neu erstehen zu lassen, trug man auch den andern Turm ab, verband die beiden rechteckigen Turmreste durch Mauern zu einem einzigen höheren Mauerkern und schuf die so wenig zum übrigen Bau passende dreiteilige barocke Turmbekrönung. Zwei große Stützpfeiler und eine in Form einer Vorhalle angebaute Stützmauer geben seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts diesem ältesten Bauteil unserer Kirche den nötigen Halt.
Zu einer Zeit, in der man von den herrlichen Apostelfiguren im Hohen Chore nichts wußte, weil sie in einer bilderfeindlichen Periode übertüncht worden waren, erweiterte man das mittlere Fenster in der Ostwand des Chores und das eine Fenster in der Südwand zu dreiteiligen Maßwerkfenstern, ohne doch nur zu ahnen, daß man die Apostelbilder an diesen Stellen dadurch zerstörte. Erst 1896 entdeckte man unter dem Putz die Bilderreste und stellte sie, soweit möglich, wieder her. Auch an der Südseite rechts und links befanden sich Anbauten, die erst im 19. Jahrhundert entfernt wurden. Zwei Rosettenfenster senden seit ihrem Abbruch das so notwendige Licht in den Teil des Kirchenraums, der sich unter der südlichen Empore befindet.
Mit der Einführung der Reformation trat die Predigt in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Für die feiernde Gemeinde mußten Plätze zum Sitzen geschaffen werden. So wurden denn in den Kirchen Emporen errichtet, um möglichst vielen Gemeindegliedern Sitzplätze während des Gottesdienstes zu verschaffen. Auch in unserer Michaeliskirche wurden Emporen gebaut. Dadurch aber wurde das Innere der Kirche, namentlich unter der nördlichen Seitenempore, sehr verdunkelt. Es heißt in einem Bericht des Bauamts Schulz an die Königliche Regierung in Merseburg vom 16. April 1895, „daß in den Sitzen unter der nördlichen Seitenempore, wenn nicht die Sonne scheint, eine solche Dunkelheit herrscht, daß das Lesen im Gesangbuche nicht möglich ist. Die Anbringung von Fenstern unter der Nordseite wird daher als ein dringendes Bedürfnis erachtet. Die an der Südseite angebrachten beiden Rosettenfenster mit einer Lichtfläche von 1,60 Quadratmeter geben zwar dort, wo sich vor der Kirche ein freier Platz befindet und die Sonne direkten Zutritt hat, genügendes Licht, würden aber an der Nordseite, wo an der Kirche eine schmale Straße vorüberführt, deren gegenüberliegende Seite mit hohen Häusern bebaut ist, für eine erfolgreiche Beleuchtung nicht ausreichen. Es wird daher diesseits vorgeschlagen, unter der Empore an der Nordseite correspondierend mit den Rosettenfenstern an der Südseite 4 Stück zu zweien gekuppelte Fenster im gotischen Stil von 0,50 Meter Breite und 1,50 Meter Höhe mit einer Lichtfläche von 2,60 Quadratmeter und mit starker Abschrägung der inneren Leibungsflächen anzulegen." Nach diesem Vorschlage ist dann auch verfahren worden.
Im Jahre 1844 baute man das Kirchendach um und deckte die ganze Kirche mit Schiefer. Man kann nicht sagen, daß das Aussehen der Kirche durch diese Umbauten gewonnen hätte. Der Außenbau läßt wünschen, daß die ursprünglichen beiden rechteckigen Türme mit ihren schlanken Helmen wiederhergestellt würden. Der Innenraum ist zu schwerfällig und gedrückt, um gotisch zu sein. Doch trösten wir uns damit, daß das Innere der Kirche gar traulich ist, so daß man gern darinnen weilt, und daß es reich an mannigfachen Kunstschätzen ist, die wir nun näher kennenlernen wollen.
Wir beginnen mit der Besichtigung des Hohen Chores. Um den auf dem Hochaltar dargestellten Heiland sehen wir die Bilder seiner 12 Apostel. In Nr. 12 des Jahrgangs 1928 von der Beilage unserer ZNN., „Unsere Heimat im Bild" steht darüber das Folgende: „In bunten schönen Farben zeigen sie (die Wandmalereien) unter einer von Giebeln, Türmchen und Zinnen bekrönten frühgotischen Arkadur aus Kleeblattbogen und Säulchen mit Knospenkapitälen eine Anzahl 8 Meter hoher Gestalten mit Heiligenscheinen, Spruchbändern und in antiken Gewändern, deren lebhafte Linienbewegung im krassen Widerspruch steht zu ruhigen Haltung der Körper. Es sind die 12 Apostel, von denen jedoch durch die Verbreiterung der beiden Fenster nur noch 7 erneuert werden konnten und 2 ganz neu hinzugefügt werden mußten."
Professor Brinkmann ist es gewesen, der diese Wandmalereien wiederentdeckt und seinen vielen Verdiensten um die Bau- und Kunstgeschichte der Stadt Zeitz dadurch ein neues wertvolles Verdienst hinzugefügt hat. In dem 5. Jahresbericht des Vereins zur Erhaltung der Denkmäler der Provinz Sachsen für 1898---99 schreibt er u. a. auf S. 65 ff. über diese Apostelfiguren: „Sie sind wie üblich in antiken Gewändern mit schönem Faltenwurf dargestellt, und die Heiligenscheine wie auch z. T. der Saum der Gewänder waren in modelliertem Stuck, der vergoldet war, ausgeführt. Die architektonische Umrahmung der einzelnen Figuren besteht aus einem Kleeblattbogen. Die Figuren der Nord- und Südwand sind durch ein die Mitte einnehmendes Fenster in zwei Gruppen geschieden, jede zu 2 Figuren, die wieder durch eine romanische Säule voneinander getrennt sind, auf deren Kapitäl nach links und rechts gewendete Kleeblattbogen ausruhen". Wir lesen in seinem Aufsatz weiter, daß man, da an eine Erhaltung der zu sehr verstümmelten Originale nicht zu denken war, nur die Wahl hatte, sie ganz vernichten zu lassen oder sie wiederherzustellen. Das ist denn durch die Bemühungen des geschäftsführenden Ausschusses der Denkmälerkommission geschehen und so wenigstens im ganzen der ursprüngliche Eindruck des Altarraumes wieder zur Erscheinung gebracht worden. Uebrigens ist dem Brinkmannschen Aufsatz nicht nur ein Grundriß der Kirche beigefügt, sondern auch ein vorzügliches Bild der Apostelgruppen an der Nordseite des Chores.
Ehe wir uns in die Sakristei begeben, beachten wir links von der Eingangstür in einer 1934 in spätgotischen Formen hergestellten Wandnische den Thesendruck, der lange unbeachtet in einem dicken Bande der Michaeliskirchenbibliothek geborgen war, bis ihn Pfarrer Kromphardt anfangs der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts entdeckte und in die Oeffentlichkeit brachte. Von 1917 bis 1932 befand er sich in Wittenberg im Luthermuseum als hervorragendes Stück in demselben, seit 1932 ist er wieder nach Zeitz zurückgekehrt. Man kennt zurzeit 6 solcher Plakatdrucke der Thesen, bei denen man zwei Gruppen, A und B, unterscheidet; unser Zeitzer Druck gehört zur Gruppe B, deren andere beiden bekannte Exemplare sich im Geheimen Staatsarchiv in Berlin und in der Gymnasialbibliothek in Brieg befinden. Diese Exemplare der Gruppe B unterscheiden sich von denen der Gruppe A durch verschiedene Druckfehler; so zählt der Drucker nur nach der 26. These mit 17, 18 und so fort weiter, so daß nach der Zähl nur 87 Thesen herauskommen, obgleich es in Wirklichkeit 97 Thesen sind; es sind nämlich hierbei zwei Thesen in zwei geteilt worden. Bei der 24. These sind die Ziffern umgestellt, so daß statt 24 dasteht 42. Bei den Exemplaren der Gruppe A finden wir diese Druckfehler nicht; es liegt daher nahe, die der Gruppe A für eine Korrektur der Exemplare von Gruppe B, die letzteren also für die zeitlich älteren zu halten. Die wissenschaftlichen Fragen, die diese Plakatdrucke angeregt haben, sind noch nicht zum Abschluß gekommen. Bis jetzt neigt man der Ansicht zu, daß diese Drucke nicht Stücke sind, von denen Luther eins an die Tür der Wittenberger Schloßkirche geschlagen hat, sondern nur Nachdrucke eines noch nicht aufgefundenen Originals. Immerhin besitzt die Zeitzer Michaeliskirche in diesem Thesendruck einen seltenen und sehr wertvollen Schatz aus der Reformationszeit. Dem leider viel zu früh heimgegangenen Gemeindemitgliede Buchdruckereibesitzer Reinhold Jubelt bleibt die Michaelisgemeinde immer herzlich Dank dafür schuldig, daß er für den Thesendruck einen ebenso sicheren wie würdevollen und stilvollen Aufbewahrungsort geschaffen hat.
Von dem Altarraum führt eine sehr schöne spätgotische Tür mit sich überschneidendem Stabwerk in die von zwei länglichen Kreuzgewölben überdeckte Sakristei. Sie birgt in einem Wandschrank wohlverwahrt die heiligen Geräte der Michaeliskirche. Irre ich nicht, weist der eine Abendmahlskelch in das Mittelalter als Ursprungszeit zurück. Der eine gotische Kelch steigt aus sechsblättrigem Fuß zum sechsseitigem Schaft empor, der über dem Kelchknauf die eiförmige (parabolische) Kelchschale trägt. Auf dem Kelchfuße ist außer dem „Gekreuzigten" ein von einem Kranze umgebenes Schildchen sowie die Worte „Barbara Beckerin 1632" eingraviert. Auf den sechs aus dem Kelchknauf hervortretenden vierseitigen Buckeln (rotulis) lesen wir die Buchstaben Jesus.
Der zweite Kelch erweist sich durch die Inschrift Maria in gotischen Kleinbuchstaben am unteren Teil des Kelchknaufes (Nodus) als mittelalterlich. Auf dem Fuße eines dritten Kelches sehen wir das Bild eines Springbrunnens in blauer Emaille auf Silberzeichnung mit den Buchstaben G W J, auf dem eines vierten Kelches den Namen der Stifterin Sabina Geibin. Von ihr stammen auch Kanne und Patene mit dem eigenartigen Monogramm „Jesus". --- Die Sakristei dient zugleich als Kapelle.
Wenn wir die Sakristei verlassen und den Altarraum wieder betreten, fällt unser Blick auf das am Ende südwestlichen Vierungspfleiler befestigte Mittelstück eines Altarschreines, der die „Beweinung Christi" darstellt. Die Flügel, auf denen Passionsszenen dargestellt waren, sind leider nicht mehr vorhanden. Dieser Schrein war ursprünglich in der Kapelle des oberen Johannisgottesackers, dann, nach dem Abbruch, in dem Bibliotheksraum der Michaeliskirche aufgestellt und bei der letzten Erneuerung der Michaeliskirche an seiner jetzigen Stelle angebracht worden. Wir sehen in dem Schrein den „Leichnam des Heilands" in liegender Stellung, mit dem Lendentuche angetan und mit der Dornenkrone gekrönt. Johannes der Evangelist, den lockigen Kopf voll Schmerz nach links wendend, hält den Oberkörper des Herrn auf seinem Schoß; seine linke Hand erscheint unter dem linken Arm des Herrn, mit seiner Rechten stützt er den rechten Arm desselben. Maria, in der Mitte hinter dem Leichnam, beugt sich in tiefer Trauer zu dem Todten nieder, faßt mit der Rechten das freie Ende ihres weißen Kopftuches und stützt mit der Linken das auf dem Schoß des Jüngers ruhende Haupt des Herrn. Rechts hinter Maria Magdalena stehen zwei Frauen, von des Herrn ergriffen, ihre Rechte will sie auf diese Hand legen. Rechts hinter Maria Magdalena stehen zwie Frauen, von denen die eine schmerzbewegt den Blick nach oben wendet und ihre Hände wie zum Gebet erhebt, während die andere Frau in der Rechten ein Salbenbüchslein hält, das sie mit der Linken zu öffnen sich anschickt; es sind die beiden Marien, die Frauen des Alphäus und des Zebedäus. Ganz links, hinter Johannes, wird noch eine Frauengestalt sichtbar; es ist Veronika, die an zwei Zipfeln ein weißes, mit dem Bilde des Christuskopfes geschmücktes Tuch emporhält. Die aus dem späteren Mittelalter stammende Legende erzählt bekanntlich, Veronika habe dem vorüberschreitenden, unter der schweren Last des Kreuzes auf seinem Wege nach Golgatha fast zusammenbrechenden Herrn ein Tuch gereicht, mit welchem er sich von Schweiß und Blut bedeckte Antlitz abtrocknen sollte. Christus habe sein Gesicht hineingedrückt und ihr das Tuch mit dem Abdruck seines Antlitzes wiedergegeben.
Wie das Gold von dem Hintergrunde des Schreines strahlt, so auch von den breiten Flächen und den hervorstehenden Falten der Mäntel. Die Innenflächen der Mäntel und der Röcker sind blau und rot, auch schwarzbraun oder hellgrün, ja, sie wechseln mit Blau, Rot und Grün ab. In den goldenen Hintergrund hat der Meister außer einem schraffierten Muster auch die Heiligenscheine um die Köpfe der vier Frauen eingraviert.
Unter dem eigentlichen Bildwerk zieht sich ein Streifen, der mit echt gotischen geometrischen, untereinander völlig gleichen Figuren belegt ist. Jede dieser neuen Figuren ist ein Quadrat mit vier Blättern, die von dem gemeinsamen Mittelpunkt ausgehen und mit ihren Spitzen in den Ecken des Quadrates endigen. Das Bildwerk wird von zwei dünnen, locker aufstrebenden Säulchen flankiert, die das über demselben befindliche Maßwerk tragen sollen. Das Maßwerk selbst besteht aus Ranken mit an beiden Seiten stumpf gezackten Blättern. Unser Bildwerk trägt alle Kennzeichen der Kunst des berühmten Bildschnitzers Tillmann Riemenschneider (1468 bis 1531), der die Kirchen in Rottenburg o. d. Tauber, Bamberg, Heidingsfeld, Maidbrunn u. a. O. mit den herrlichen Werken seiner Kunst geschmückt hat. Er hat verschiedentlich „die Beweinung Christi" dargestellt, die eine um 1500, die andere 1500 bis 1505, die dritte 1508 und die vierte im Jahre 1525. Von allen diesen Bildwerken hat das dritte um 1508 entstandene Werk in der Kirche zu Heidingsfeld die meiste Aehnlichkeit mit dem unsrigen. Wir nehmen daher an, daß auch unser Zeitzer Werk aus gleicher Zeit und aus der Schule dieses hervorragenden Bildschnitzers stammt (vergl. Zeitzer Neueste Nachrichten 1918, 5., 6., 8., 9. Februar).
Ueber diesem Bildwerk befindet sich eine in unserer Gegend ziemlich seltene Darstellung des „Schmerzensmannes", der einem Dürerschen Holzschnitt nachgebildet ist. Kanzel, Taufstein und das dreiteilige Orgelgerüst stammen aus dem Jahre 1828, die Emporen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, die schönen Bilder an den Brüstungen vom Jahre 1926. Der Taufstein enthält eine aus der Renaissance-Zeit stammende Taufschüssel, in deren Mitte in getriebener Arbeit Joseph und Kaleb als Kundschafter mit der Weintraube dargestellt sind.
Wir wenden uns nun in den nördlichen Kreuzarm, um den Treppenaufgang zu erreichen. Auf dem Wege nach der Treppe kommen wir an zwei gleich großen Grabsteinen vorüber, die einst der Zeitzer Superintendent Enoch Himmel seinen beiden Gattinnen gesetzt und mit ausführlichen lateinischen Inschriften versehen hat. Die erste Gattin, eine Tochter des Wittenberger Theologen D. Balthasar Meißner, war 1624 geboren, 14 Jahre und 7 Monate mit D. Enoch Himmel verheiratet und am 5. April 1657 gestorben. Unten links zeigt das redende Wappen des Ehemannes Sonne, Mond und Sterne, unten rechts zeigt das Wappen der verstorbenen Ehefrau im Schilde Feld 1 und 4 eine Taube, Feld 2 und 3 eine Schlange, weist also hin auf die bekannte Mahnung Jesu an seine Jünger. Die Taube kehrt als Helmzier zwischen zwei Hörnern wieder. Die zweite Gattin Enoch Himmels war eine Tochter des Torgauer Superintendenten D. Wolfgang Ernst Tuntzel, geboren in Torgau am 11. November 1641, verheiratet am 23. November 1658, gestorben am 21. Februar 1660; sie war also nur 15 Monate verheiratet gewesen und nur 18 Jahre und 3 Monate alt geworden. Die Wappen unten auf dem Grabstein sind nicht mehr erkennbar.
An der Nordwand, links neben der Thür, hängt eine Gedächtnistafel mit lateinischer Inschrift, die das Andenken an zwei hervorragende Zeitzer Superintendenten, M. Johannes Sebastian Mitternacht und seinen Sohn M. Paul Christian Mitternacht, der Nachwelt erhalten will. Söhne und Enkel haben diese Tafel zu Ehren D. O. M. S., d. h. zu Ehren des Allmächtigen, Großen und Erhabenen Gottes, gestiftet. Der Vater war am den III. Kal. Aprilis (29. April) 1613 in Teutleben geboren, wurde Pfarrer in Hardisleben und Rektor in der Neustadt Gera, dann Hofprediger und Stiftssuperintendent in Zeitz; er zeichnete sich durch bedeutende pädagogische Gaben, durch erstaunliche, unermüdliche Regsamkeit und durch einen ungemeinen, einzigartigen Eifer, sich wohlverdient zu machen, aus und starb an den IX. Kal. Aug. (14. August) 1679 (vergl. „Die Mark Zeitz" Nr. 85, S. 128, Fritz Wirth-Wallhausen, Das Licht aus Mitternacht). Der Sohn, Paul Christian Mitternacht, vermehrte den ererbten väterlichen Ruhm, wurde Pfarrer in Theißen, dann Subdiaconus, Diaconus, Archidiaconus, Pastor des Zeitzer Stiftscapituls und Stiftssuperintendent; er starb 1735. Sein Bildnis befindet sich auf der südöstlichen Empore.
Wir steigen nun die Treppe nach der Empore hinauf und von dort einige Stufen aufwärts in den über der Sakristei befindlichen Bibliotheksraum der Michaeliskirche. Die Bibliothek ist dadurch berühmt geworden, daß anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einem ihrer Bände (D 1, 347) mit mehreren anderen Schriften jener Thesendruck durch Pfarrer Kromphardt gefunden wurde, den wir bereits betrachtet und erläutert haben. Doch immer ist es rätselhaft, wie dieser Thesendruck in die Bücherrei gekommen ist. Merkwürdig genug bleibt es auch, daß er bis zu jener Auffindung durch den Pfarrer Kromphardt so gut wie unbekannt geblieben war. Der genannte Pfarrer hat sich das sehr große Verdienst erworben, daß er einen genauen Katalog der Bücherei mit vieler Mühe aufgesetzt und der Kirche hinterlassen hat. Die Bücher werden nach neun einander folgenden Zeitabschnitten (vorreformatorische Autoren, Reformationszeit, Zeitalter der Konkordienformel, der Dreißigjährige Krieg, Herrschaft der Orthodoxie, Pietismus, Rationalismus, Zeitalter der Freiheitskriege und Neuzeit) aufgeführt. Auch diese Bibliothek enthält viele sogenannte Inkunabeln, d. h. Drucke aus der ersten Zeit der Geschichte der Buchdruckerkunst, in der diese Kunst noch gewissermaßen, „in den Windeln" lag; unter diesen ist das wichtigste und interessanteste Werk das Missale secundum rubriam divecesis Numburgensis iussu Joannis episcopi impressum 1501, also ein für die Naumburgische Diözese bestimmtes, nach ihrer Ordnung und auf Geheiß des Bischofs Johannes gedrucktes Meßbuch. Besonders reich ist die Bibliothek an lutherischen und reformatorischen Schriften. Hoffentlich ersteht der Bibliothek bald wieder ein so treuer Freund, wie es der Pfarrer Kromphardt gewesen ist.
Wir kehren auf die Empore zurück; unser Blick fällt auf die beiden Glasmalereien in den ersten beiden östlichen Fenstern der Nordwand, die erste, eine Stiftung des leider zu früh verstorbenen Fabrikbesitzers Otto Donalies, stellt eine ergreifende Ehrung der gefallenen Helden des Weltkrieges dar, die andere den „Erzengel Michael", dem einst die Kirche geweiht war und dessen Bild noch heute in dem Siegel der Stadt und der Kirche prangt. Wenden wir uns noch einmal um, so erblicken wir an der Ostwand einen „Crucifixus", der gewiß einst im Triumphbogen des Chores angebracht war. Dieser spätgotische Crucifixus zeigt recht deutlich den Unterschied zwischen dem romanischen und gotischen Standpunkt zum „Gekreuzigten". Der romanische Kruzifixus spricht die erhabene Sprache des Siegers, der triumphierend die Mühen des Kampfes vergessen macht. Im Kruzifixus der Gotik, in der es sich nur um Vergebung für die sündige Menschheit durch den Sieger handelte, mußte einerseits die unendliche Liebe des Gekreuzigten ausgesprochen werden, anderseits die Sehnsucht nach dieser Liebe von seiten der sündigen Menschheit, die nach Reue und Buße des Trostes und der Erlösung bedurfte. Um jene Liebe zum Ausdruck zu bringen, mußte der gotische Crucifixus Mensch werden, der wie alle Menschen Schmerzen empfand und ihnen erlag. Nur so konnte der Göttliche in die Herzen der Menschen Eingang finden. Der Körper des Gekreuzigten hängt wirklich am Kreuze, immer tiefer herabsinkend. Die Füße, mit nur einem Nagel übereinander liegend, sind am Kreuzesstamm befestigt. Das Haupt ist mehr oder weniger tief auf die Brust herabgesunken. Es trägt statt der Königskrone die Dornenkrone, und unter dieser quillt das Blut aus vielen Wunden hervor. Alles dieses zeigt auch der Crucifixus in unserer Michaeliskirche erschütternd und ergreifend.
Auf der Empore nach Westen weiterschreitend, gelangen wir in die 1517 erbaute, durch zwei zweiteilige Maßwerkfenster erhellte ehemalige Nonnenkapelle. Ueber der Stelle, an der einst der Altar stand, ist noch heute ein Wandgemälde erkennbar, das Christus am Kreuz darstellt.
An der Orgel vorüber betreten wir zunächst den Turmraum, schauen zu den Glocken hinauf, kehren auf der Orgelempore zurück und wandern auf der südlichen Empore ostwärts, um dann wieder in das Schiff der Kirche abwärts zu steigen. Die Glocken sind eine hochherzige Stiftung des Herrn Hugo Emmerling, Zeitz. Von dem früheren Geläute mußten zwei Glocken im Weltkriege für kriegerische Zwecke abgeliefert werden, während die anderen beiden sehr alten Glocken der Kirche erhalten blieben und vorläufig in der Vorhalle der Kirche Aufstellung fanden.
An den Wänden der Empore sind die großen Oelbilder von sieben ehemaligen Zeitzer Pfarrern aufgehängt, nämlich des Christianus Gesche, August Leberecht Wilke, Joh. Christian Laurich, des Michael Christian Ludwig, Paul Christian Mitternacht, Vaters und Sohnes, und des Gottfried Werner.
Ehe wir das Kircheninnere verlassen, müssen wir noch dem schönen Renaissance-Grabmal, das unter der Orgel eine ganz ungünstige, weil dunkle, Stätte gefunden hat, eine kurze Besichtigung widmen. Es zeigt die Verstorbene in einem von zwei ionischen Pilastern um ein Giebel gebildeten Felde knieend vor dem gekreuzigten Christus. Es ist das Grabmal der Magdalena Walther, der Gemahlin des Johannes von Schenitz; sie starb am 26. Juni 1559. Zwischen dem Gekreuzigten und der Knieenden sind die beiden Wappen des Ehepaares angebracht. Der österliche Spruch aus Hiob 19 fehlt nicht.
Nun treten wir aus dem Kircheninnern in die südliche Vorhalle. Hier fesseln unseren Blick zwei Glocken, deren eine auf der linken, deren andere auf der rechten Seite aufgestellt ist. Es sind die beiden bereits erwähnten Glocken des früheren Geläutes, die wegen ihres hohen Alters in dem Weltkriege nicht abgeliefert zu werden brauchten. Die links stehende Glocke, die mittlere Läuteglocke, die einen Durchmesser von 1,24 Meter hat, trägt oben in gotischen Großbuchstaben den leoninischen Vers „Vas Deus hoc signa, plebs salva sit, aura benigna". Man nennt solchen Vers leoninisch nach dem Dichter Leo, weil in ihm die Enden der ersten und zweiten Vershälfte sich reimen (signa --- benigna); auf deutsch drückt der Vers den dreifachen Wunsch aus: „Gott segne diese Glocke, das Volk sei wohlbehalten, die Luft fruchtbringend". Die Glocke reicht in ihrem Alter in die frühgotische Zeit hinein. Die rechts stehende kleine Läuteglocke von 0,84 Meter Durchmesser hat in noch älteren gotischen Großbuchstaben die Umschrift: „O rex glorie veni cum pace", auf deutsch: „O König der Ehren, komm mit Frieden". Die Worte sind durch senkrecht stehende Kreuze getrennt. Die hier fettgedruckten Buchstaben sind größer als die übrigen; wenn man sie als Zahlenzeichen addiert, ergibt sich die Jahreszahl 1272 (x I i v i c m c). Eine solche lateinische Inschrift, bei welcher die Summe der durch Buchstaben bezeichneten Zahlen die Jahreszahl der betreffenden Begebenheit, also hier des Glockengusses, bildet, nennt man Chronogramm. Der Buchstabenformen nach kann die Glocke auch so alt sein. Die Michaeliskirche besitzt also auch in diesen beiden Glocken einen Schatz von hohem Alter; es dürften in der Umgegend nicht viele so alte Glocken zu finden sein.
Wenn wir es auch beklagen müssen, daß 1827 viele Grabmäler, Epitaphe und Kunstwerke aus der Kirche entfernt wurden, so können wir uns doch freuen, daß noch eine ganze Anzahl von Kunstwerken und Sehenswürdigkeiten erhalten geblieben und zum Teil, wie die Apostelfiguren, der Thesendruck u. a., wieder entdeckt worden ist. Möchte sich die Michaeliskirchengemeinde, wie bisher, so auch fernerhin die Pflege und Erhaltung dieser Denkmäler mit allem Ernste angelegen sein lassen! Möchte auch diese Erklärung dazu beigetragen haben, die Liebe zu dem altehrwürdigen Gotteshause in den Herzen zu mehren und zu stärken! Möchten diese kurzen Ausführungen insbesondere den fremden Besuchern der Kirche ein willkommener Führer sein!