Dr. Wolfgang Mollerianus an den Zeitzer Bischof Nicolaus von Amsdorf 1545
(Mitgeteilt und erläutert von E. Wollesen - Zeitz)
Unter den Lutherakten der hiesigen Stiftsbücherei befindet sich ein Brief, der mit Luther nichts zu tun hat; er ist von einem Arzt an den damaligen evangelischen Naumburg-Zeitzer Bischof Nicolaus von Amsdorf gerichtet. Der Brief, der in der damals unter Gelehrten üblichen lateinischen Sprache geschrieben ist, ist in seiner Form und in seinem Inhalt so interessant, daß er verdient, in weiteren Kreisen bekannt zu werden; er soll darum zuerst in deutscher Uebersetzung wiedergegeben und dann ein wenig näher erläutert werden.
„In höchster ehrfurchtsvollster Verbindlichkeit entbiete ich dem Hochgeborenen und ausgezeichneten Herrn, dem Doctor Nicolaus von Amsdorf, dem Hochwürdigen Bischof der Zeitzer, Heil!
Da ich wußte, daß Ew. Magnifizenz mein Schreiben nicht unangenehm sein würde, wollte ich Euch, Hochwürdiger Vater, von dem in Kenntnis setzten, was mir ohne Hoffen und Erwarten in Zeitz begegnet ist. Als ich nämlich am 22. März ein wenig nach Mittag in Eure Stadt gekommen war; in der Absicht, in der Frühe des folgenden Tages eilig meinen Weg nach Meißen fortzusetzen, hatte ich für den übrigen Teil des Tages beschlossen, sowohl zu meinem Besten als auch zu dem meiner durch die eilige Reise ermüdeten Pferde zu ruhen, dennoch gab ich mich inzwischen der Ruhe nicht so hin, daß ich nicht Sorge trug, alles das zu besichtigen, was in ZeitzZeik für denkwürdig gehalten wurde. Als ich aber am nächsten Morgen eben daran war, mein Pferd zu besteigen, kam zu meiner Begrüßung ein wahrlich höflicher und beredeter Mann, der, als er bei mir war, allerlei über gemeinsame Studien erzählte und --- ich weiß wirklich nicht mehr, wie --- ganz unerwartet so scheinbar nebenbei bemerkte; Ihr hättet in Eurem Bistum dringend einen wirklichen Arzt nötig. Er bat mich daher immer wieder und wieder, ja nicht den Fuß aus der Stadt zu setzen, ehe ich nicht Ew. Hochwürden aufsuchte; er hielt das für mich nicht nur für ehrenvoll, sondern auch für sehr vorteilhaft. Ich aber schlug das als schicklichem und vernünftigem Grunde ab. Sobald er aber sieht, daß ich auf meiner Absicht beharrte, schleicht er sehr betrübt davon, aber als ich schon das Pferd bestieg, da siehe, eilt der Apotheker wieder herbei, bittet und beschwört mich, ihm doch zu erlauben Euch, Hochwürdiger Herr Doctor, von mir Kenntnis zu geben.
Wer ist aller Höflichkeit so fern, daß er mein Weggehen geringer einschätzte (als mein Bleiben), ich hätte ja von Euren Verdiensten, die ganz ungewöhnlich und gerade zu unsterblich sind, fortgesetzt reden müssen? Wessen Leben ist völlig ohne Höflichkeit und Bildung? Darum bitte und beschwöre ich Euch, mir um Eures großen Geistes und ausgezeichneten Charakters willen mein dreistes Schreiben nicht übelzunehmen, denn ich liebe Euch außerordentlich und ich freue mich über Eure Anerkennung sehr, um welche ich Euch, Ehrwürdiger Herr Doctor, inständig bitte, damit auch nicht ein Stäubchen --- ich will nicht sagen der Gemeinheit ---, nein, nicht einmal irgend eines Verdachts auf Euch falle. Und wenn Ihr irgend etwas an mir wahrnehmet, von dem Ihr meinet, es werde Euch einmal zum Nutzen gereichen, so steht es alles als Euch gewidmet und geweiht an.
In Eile 23. März 1545.
Ew. Hochwürden gehorsamster Wolfgang Moller, der Künste und Medizinen Doctor.
An den Hochwürdigen und Hochgeborenen Herrn Doctor Nicolaus von Amsdorf, der Zeitzer und anderer christlichstem Bischof, seinen hochverehrten Herrn."
So weit der Brief, in dem sich Dr. Molleraius bei Nicolaus von Amsdorf sehr fein für die Arztstelle in Stadt und Bistum empfiehlt.
Ehe wir auf den Brief näher eingehen, senden wir einige allgemeine Bemerkungen über die Aerzte in der Zeit des Briefes (1545) voraus. Aerzte von wissenschaftlicher Bildung waren noch im späterern Mittelalter so überaus selten, daß selbst bedeutende Städte wie Frankfurt a. M. sich bei der Anwerbung eines Arztes bis nach Göttingen und Wien wenden mußten, und daß umgekehrt Frankfurter Aerzte von Orten wie Gießen, Marburg u. a. O. begehrt wurden, weil man dort keinen Arzt hatte, welcher die des Aussatzes verdächtigen Einwohner untersuchen konnte. Unter solchen Umständen kann es nicht auffallend, wenn bis 1567 z. B. der Stendaler Physicus der einzige Arzt in der ganzen Altmark war und alle übrigen Orte sich mit Badern, Barbieren und ähnlichen Heilkünstlern begnügen mußten. Unter solchen Umständen ist wahrscheinlich, daß Dr. Mollerianus der erste richtige, d. h. wissenschaftlich gebildete Arzt gewesen ist, der sich nach seiner Wahl in Zeitz niedergelassen hat. Der richtige Arzt, wie auch unser Mollerianus, nannte sich Doctor artium et medicinarum.
Bei der Seltenheit der Aerzte konnte man es nicht auf gut Glück ankommen lassen, ob sich ein solcher auch eignem Entschluß ansiedelte: die Aerzte wurden vielmehr durch die Obrigkeit, die städtische, oder die bischöfliche Obrigkeit, berufen. Waren sie von dem Magistrate einer Stadt berufen, erhielten sie unentgeltlich das Bürgerrecht, bezogen ein bestimmtes Gehalt, genossen Freiheit von allen persönlichen und anderen Lasten, bekamen auch wohl freie Wohnung. Es ist anzunehmen, daß der Bischof unserem Mollerianus ähnliche Vergünstigungen in Aussicht gestellt hat.
Wie es mit der Zahl der Aerzte schlimm genug bestellt war, so damals auch mit ihrem Wissenschaft; selbst die berühmtesten und gelehrtesten unter ihnen huldigten allerlei tollem und törichtem Hokuspokus. Daß die Stellung der Gestirne auf das leibliche Wohlbefinden von entschiedenem Einfluß sei, galt bei ihnen für unumstößliche Wahrheit. Ein unangenehmes Gefühl beschleicht uns, wenn wir die endlosen Rezepte durchlesen. Wir staunen über das seltsame Gemisch von allen möglichen Pflanzengattungen des Orients und des Occidents, zu welchen Perlen, Edelgestein, Goldblättchen sowie Blut von Haustieren, selbst Menschenblut, Schwimmen, und Kröten, Schlangen und sonstiges Getier getrocknet, geröstet, ausgelaugt und pulverisiert eine gar bedeutsame Rolle spielen.
Und wie die Sonderbarkeit der Rezepte uns in Staunen setzt, so auch die Massenaftigkeit. So finden wir z. B. in den Schriften des Stendaler Physicus Dr. Reuchlin nicht weniger als 21 Schutzmittel gegen die Pest, welche derjenige, der sich vor Ansteckung hüten wollte, im Laufe einer Woche zu sich nehmen sollte. Es wird nämlich für jeden der sieben Wochentage und für jede der 3 Tageszeiten ein anderes Mittel verordnet. Wenn also jedes dieser Medikamente auch nur einige Wirkung gehabt hat, so muß man unwillkürlich die gute Natur unserer Vorfahren bewundern, die solche Quantitäten Medizin vertragen konnte.
Doch nun zu unserem Brief! Welches ist sein Inhalt? Welche Veranlassung hat er? Nicolaus von Amsdorf, der erste und letzte evangelische in Zeitz residierende Bischof, hat den dringenden Wunsch, in seiner Stadt und in seinem Bisthum einen wirklichen Arzt zu haben. Der Zeitzer Apothecarius, dessen Namen wir leider nicht erfahren, kennt diesen Wunsch des Bischofs und fühlt ihn natürlich. Aber woher bei der Seltenheit der wissenschaftlichen Aerzte einen solchen Arzt bekommen? Da hört der Apothecarius zu seiner nicht geringen Freude, ein richtiger Arzt habe auf seiner Durchreise in Zeitz Halt gemacht und in einem Gasthaus Quartier genommen, um am nächsten Morgen seine Reise nach Meißen fortzusetzen. Leider ist es ihm nicht möglich, am Nachmittag den Arzt aufzusuchen, so macht er sich in aller Frühe des nächsten Morgens auf den Weg, er kommt gerade noch zur rechten Zeit, denn eben will der Arzt an Pferde steigen, seine Reise nach Meißen fortzusetzen. Höflich nähert sich der Apothecarius dem Arzt, stellt sich ihm vor, fällt nicht mit der Tür gleich ins Haus, redet erst von dem Gemeinsamen in ihrem beiderseitigen Beruf, bis er denn endlich so ganz anscheinend nebenbei sein Hauptanliegen vorbringt, der Bischof müsse notwendig in seinen Bereich einen wissenschaftlich gebildeten Arzt haben, Mollerianus möge doch seine Reise noch ein wenig aufschieben, den Bischof aufsuchen und mündlich mit ihm über eine Bewerbung um die Arztstelle verhandeln. Der Arzt schlägt diese Bitte aus schicklichem und vernünftigem Grunde ab. Der Apotheker will schon betrübt darüber von dannen gehen, wendet sich aber noch einmal um und bittet den Arzt nicht vergeblich um die Erlaubnis, dem Bischof wenigstens Kenntnis von dem Geschehenen zu geben, während der Arzt verspricht, an den Bischof wegen der Bewerbung zu schreiben. Diese Begegnung mit dem Apothecarius schildert der Arzt in launiger Weise in dem 1. Teil seines Briefes, um darzulegen, wie er Kenntnis von dem Wunsche des Bischofs, einen Arzt anzustellen, erhalten habe.
Im 2. Teile gibt er nur die Gründe an, weshalb er nicht zum Bischof gekommen sei, sondern vorgezogen habe, zu schreiben. Wenn er gekommen wäre, hätte er nicht andres gekonnt, als von den großen Verdiensten des Bischofs zu reden; das aber wäre doch peinlich für den Bischof und nicht schicklich von ihm, dem Arzte, gewesen; vor allem aber hätte er nun dem Bischof von Vorwurf abwenden wollen; den andere ihm hätten machen können, daß er um solcher Lobreden willen ihn, den Arzt, gewählt hätte. Er bäte den Bischof, diese Gründe anzuerkennen, sein Fernbleiben zu entschuldigen und sein Schreiben zu würdigen. Er wolle gern alles tun, was ihm, dem Bischof, zum Nutzen gereichen werde.
Dieser Brief ist in mancher Hinsicht interessant. Er zeichnet sich durch die damals einem Bischof gegenüber übliche, sehr große Höflichkeit und Ergebenheit namentlich in der Anschrift, in der Anrede und im Schluß aus. In unserer schnellebigen Zeit kennt und will man solche Höflichkeit und Ergebenheit auch in Briefen an höher Gestellte nicht mehr, doch aber sollte man auch heute die Mahnung nicht vergessen: „Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor." --- Wie anschaulich schildert der Briefschreiber seine Begegnung mit dem Apothecarius! Man sieht die beiden, die sich da begegnen und unterhalten, förmlich vor seinem geistigen Auge. --- Wir lernen den schon 1539 in einer Steuersache an anderer Stelle genannten Apothecarius als einen sehr höflichen und vorsichtigen Mann kennen, der erst zuletzt wie zufällig und nebensächlich mit seinem Hauptanliegen herauskommt. --- Wenn wir annehmen können, daß Dr. Mollerianus die ärztliche Stelle bekommen hat --- und wir haben allen Grund zu dieser Annahme ---, dann sehen wir in ihm den ersten „richtigen" Arzt in Zeitz und Umgegend. --- Es sind, wie es scheint, nicht sehr viele Briefe bekannt, die Nichttheologen und Nichtkirchenleute an Nicolaus von Amsdorf geschrieben haben. So hat unser Brief auch in dieser Hinsicht eine gewisse Bedeutung. --- Dr. Mollerianus benutzt seine freie Zeit, nachdem er sich ein wenig ausgeruhet hat, dazu, die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten aufzusuchen. So hat er schon damals einen Wunsch erfüllt, dessen Erfüllung die Zeitzer noch heute von den Besuchern der Stadt ersehnen.