Eisaufbruch und Ueberschwemmungen 1771

Von Friedrich Kausch, Burg

Wenn die „Magdeburgische Zeitung" im Laufe der letzten Jahre immer wieder über große Naturkatastrophen berichten mußte, Erdbeben, Wirbelstürme, Wolkenbrüche, Ueberschwemmungen, so brachte dieser Winter etwas Neues hinzu, die gewaltige Kältewelle, die in ihren weiteren Folgen noch gar nicht zu übersehen ist.

Wer in der Nähe der Elbe groß geworden, erinnert sich noch an bange Stunden, die sein Vaterhaus erlebte: Tauwetter, Aufbruch des Eises, Zusammenschieben der Schollen und damit verbundenes Aufstauen des Wassers, das zusehends steigt, besonders wenn zugleich von den Gebirgsgebieten herunter die Schmelzwässer strömen, und bald die Deichkrone erreicht; 1909 am 12. Februar die großen Deichbrüche in der altmärkischen Wische. 34 Dörfer und 2 Städte mehr oder weniger vom Wasser überflutet, zum Teil bis an die Dächer.

Von einem typischen Ueberschwemmungsjahr --- 1771 --- soll hier die Rede sein. Die folgenden Nachrichten sind dem Aktenmaterial des Magdeburger Staatsarchivs entnommen. (Signatur A 23b XI Nr. 26 und A 23b V Nr. 328 und Nr. 331).

Die Aufzeichnungen führen uns in eine Gegend, die von jeher den Ueberschwemmungen im reichsten Maße ausgesetzt war, die altmärkische Wische. Eben wie eine Tischplatte, dazu so tiefliegend, daß schon bei normalem Wasserstand die Wiesen und Felder nicht viel höher liegen als der Flußspiegel, endlich nach Westen leicht geneigt, so daß alle Deichbrüche von Tangermünde ab unweigerlich den größten Teil der Wische und der anschließenden Alandsniederung überfluten müssen.

Das Jahr 1771! Lange anhaltender, strenger Frost, dazu eine Unlast Schnee, Hochwasser, das sich während des Sommers noch zweimal wiederholt und in den Monaten Juli bis August Woche über Woche hindurch nicht zurücktreten wollte und in diesem letzten Punkt zu dem für alle Betroffenen schrecklichen und unvergeßlichen Sommerhochwasser von 1926 ein Gegenstück bildet.

Das Jahr begann mit großen Eisstockungen bei Bleckede im Lüneburgischen und weiter von Berge bis Altenzaun, so sehr, daß die Elbdeiche auf der Jerichower Seite bei Schönefeld, Scharlibbe und Neuermark überliefen und schließlich bei dem letztgenannten Ort durchbrachen. Der damalige Deichhauptmann, Landesdirektor von Werdeck auf Osterholz, muß zu Pferde von einem Ort zum andern hetzen und sieht, daß ihm in solchen Notzeiten sein allzu großer Bezirk aus den Händen gleitet. Er bittet daher die Kammer, seinen Distrikt zu teilen. Alles gut und schön, man zweifelt auch keineswegs an der Richtigkeit seiner Angaben, aber auf dem Dienstwege läßt sich das natürlich nicht so schnell erledigen. Und als die von dem Deichhauptmann befürchteten Ereignisse eintraten, da stellte man in Stendal noch Erhebungen an.

Die Eisstockung war inzwischen beseitigt und normaler Eisstand eingetreten. Mitte März nun erfolgte ein Witterungsumschlag und wieder entstanden umfangreiche Stauungen, und am 24. 3. brach bei Havelberg ziemlich überraschend der Elbdeich.

Vor dem Durchbruch, schreibt der Kriegsrat Bastinette-Wittstock, hat das Wasser der Havel schon 9 Fuß über normal gestanden und ist noch immer gestiegen. Dieser Bruch erwies sich jedoch als nicht sehr erheblich, da das Wasser „nach kurzer Tour gleich wieder in die Havel strömte".

Da hüllt sich am 26. die ganze Gegend in eine dichte, weiße Decke, ein Schneefall, wie er seit Menschengedenken nicht vorgekommen, hemmt jeden Verkehr. Der Deichhauptmann kann die Deiche nicht mehr bereiten, da das Pferd bis an die Brust im weichen Schnee versinkt. Die Boten können nur schwer von einem Ort zum andern, da sich die Fußgänger durch den „etliche Ellen hoch liegenden Schnee harten durchschippen müssen".

Und nun nimmt das Unglück seinen Lauf. Eine eigentliche Gefahr bestand auf der altmärkischen Seite am 26. noch nicht. Wohl ist infolge der neuen Eisstopfung das Wasser oberhalb Werben außerordentlich hoch, so hoch, daß es bis an den Rand des Deiches steht, stellenweise sogar leicht überläuft. Größte Aufmerksamkeit ist nötig und von Werdeck hat alle Vorkehrungen getroffen, um das Schlimmste zu verhüten.

Der Deichhauptmann hält sich pflichtgemäß da auf, wo die Gefahr --- nach menschlichem Ermessen --- am größten, bei Werben --- Räbel --- Berge. Seinen Diener hat er aber nach Wahrenberg hinunter geschickt, um von daher ebenfalls zuverlässige Nachrichten einholen zu lassen.

Da fängt plötzlich am Spätnachmittag des 26. von Beuster bis Neukirchen hin das Wasser in beängstigender Weise an zu steigen. Der Diener ist auf dem Rückweg von Wahrenberg bis Camps gekommen. Da läuft das Wasser bei Beuster und Camps „fast überall schon über den Deich".

Der Deichschauer will in aller Eile die Dämme um einen Fuß erhöhen. Material ist genug vorhanden --- aber es liegt unter dem meterhohen Schnee. Menschen, die helfen wollen, sind genug zur Stelle, denn es geht ja um ihr Hab und Gut, vielleicht sogar ums Leben. Pfähle sind reichlich vorhanden --- aber der Erdboden ist so fest gefroren, daß man sie nicht hineinschlagen kann.

Um 12 Uhr nachts kommen die Wachen von Schönberg her gelaufen und melden in großer Aufregung, daß es auch da an einem Orte überlaufe und immer noch wachse und daß sie Hilfe brauchten. Als der Knecht des Deichhauptmanns sich mit einigen Leuten dahin auf den Weg macht, finden sie schon überall Wasser, das in Strömen über den Deich fließt. Sie erreichen nicht einmal mehr den ihnen bezeichneten Ort.

Als sie sich trotzdem noch etwa 100 Schritt weit vorwagen, gerät der Diener in ein knietiefes Loch, in dem die Strömung so stark ist, daß er sich nur mit Hilfe seines Stockes noch auffangen kann, „als ihn die Force des Wassers schon gefaßt hatte und ihn mit in das Brack nehmen wollte".

Die Wasser steigen und steigen. Gegen fünf Uhr morgens ist die Flut auch bei Beuster schon einen Fuß höher als der Deich. Das Unglück ist da. In kurzer Zeit bricht der Deich zwischen Neukirchen und Schönberg an drei Stellen.

Der Diener des Deichhauptmanns erreicht erst am 4. April Werben. Er erzählt, daß er bei dem Versuch, dem Wasser zuvorzukommen, auf einem kleinen Sandhügel in der Nähe von Neukirchen habe zwei Tage und zwei Nächte Hunger und Frost aushalten müssen. Dorthin habe auch ein Bauer sein Vieh getrieben. Endlich habe ihnen jemand, einen Backtrog als Kahn benutzend, etwas an Lebensmitteln und Futter zugebracht und nach weiteren Tagen sei ein Kahn gekommen, der ihn dann bis Werben gefahren habe.

Die Wasser breiten sich mit rasender Schnelligkeit aus. Bald sind die umliegenden Dörfer erreicht. Der Einbruch kam so schnell und unvermittelt, daß die Einwohner sich gar nicht darauf vorbereiten konnten. Das Vieh ist noch in den Ställen, das Brotkorn nicht in Sicherheit --- und schon gurgeln die Fluten heran. Die Bewohner eilen die Treppen hinauf und müssen die Tiere ihrem Schicksal überlassen.

Auf dem gegenseitigen Elbufer bereitet sich inzwischen ähnliches vor. Der Lennewitzer Schardeich (zwischen Havelberg --- Wittenberge) fliegt davon und die Fluten überschwemmen ein unglückliches Land. Acht Dörfer werden genannt, die ganz überflutet sind, und sieben weitere, bei denen nur die Wiesen, Felder und Waldungen im Wasser verschwunden. ---

In der Wische ist inzwischen die ganze Gegend von Werben bis Böhmenzien und noch weiter bis ins Hannöversche hinein unter Wasser gesetzt. 48 Dörfer und noch mehr Einzelhöfe, manche davon bis an die Dächer. Der innere Teil der Stadt Seehausen ist frei vom Wasser, aber ringsherum abgeschnitten.

Nach dem Bruch ist gleich Frost eingetreten, daß sich die ganze Gegend mit einer Eisdecke überzieht, gerade so stark, daß man auch mit Kähnen nicht in das Gebiet hinein kann. So sind die Behörden in Stendal gar nicht imstande, sich ein Bild von der Lage im Ueberschwemmungsgebiet verschaffen zu können, auch zunächst nicht in der Lage, irgendwie helfend einzugreifen. Zu allem ist inzwischen bei dem Dorf Pollitz noch der Alandsdeich gebrochen und hat das Unglück vermehrt. Die Bewohner sitzen währenddessen auf ihren Dachböden, hungern und frieren und müssen zusehen, wie das Wasser unter ihnen eine Lehmwand nach der andern herausspült.

Als dann der Frost nachläßt, können die umliegenden Ortschaften endlich helfend eingreifen, Werben, Arendsee, aber auch Osterburg, Stendal, Salzwedel: Die notwendigsten Lebensmittel. Herr von Werdeck rechnet dazu Brot, Bier und Branntwein.

Aus den Berichten des Deichhauptmanns ist festzustellen, daß die Eisstopfung am 4. 4. noch nicht beseitigt war, daß also die Fluten der Elbe immer noch ihren Lauf durch das Ueberschwemmungsgebiet nahmen. Am 11. ist dagegen anscheinend erheblicher Fall eingetreten und die Bewohner sind dabei, das krepierte Vieh zu vergraben.

Die entstandenen Schäden, soweit sie den Viehstand betreffen, nach dem Protokoll vom 29. 4. Umgenommen sind:
104 Pferde,
19 Fohlen,
23 Ochsen,
89 Stiere,
309 Kühe,
352 Schafe,
310 Schweine,
dazu fast alles Federvieh.

An Wirtschaftsvorräten sind weggeschwommen:
3 Wispel 7 Scheffel Saatgerste,
3 Wispel 3 Scheffel Brotkorn,
1 Wispel Roggen,
54 Schock 30 Bund Stroh,
1 Fuder Heu,
3 Fuder ausgedroschene Erbsen.

Erheblich ist der Schaden an den Gebäuden. Drei Häuser und 1 Stall sind überhaupt verschwunden. Die Niederschrift bemerkt weiter: „Außerdem sind fast alle Gebäude in den betroffenen Dörfern gesunken, die untersten Fächer aufgeweicht, Böden, Back- und Kachelöfen eingefallen."

Ferner haben drei Menschen ihr Leben lassen müssen.

Die durch Versandung, Verschlammung, Vernichtung der Saaten entstandenen wohl ganz erheblichen Flurschäden sind bei diesen Verhandlungen noch nicht feststellbar, da nach der zurückgetretenen ersten Ueberschwemmung bald eine zweite folgte, das eigentliche Frühjahrshochwasser, um den 20. 4. herum, das glücklicherweise nicht so lange anhielt, aber an dem Verhandlungstage die Feldmarken noch nicht freigegeben hat.

Wer nun glaubte, das Unglück sei überstanden, war schwer im Irrtum. Es kam der Monat Juni und mit ihm gewaltige Regengüsse, besonders in den Gebirgsgegenden und als Folge davon neues Hochwasser. An den alten Bruchstellen war gearbeitet Tag und Nacht, 600 Menschen. In der Nacht zum 12. Juni weicht der neue Schönberger Deich dem Druck der Wassermassen.

„Von Neukirchen bis Böhmenzien, sogar bis ins Lüneburgische hinein die Dörfer gänzlich inundiret (überschwemmt), die Häuser im Wasser, nachdem die Wintersaat verdorben, nun auch die Sommersaat gänzlich dahin." So lautet der kurze Bericht des Deichhauptmanns. „Kein Brot, kein Futter"

Es müssen geradezu ungeheure Regenmengen niedergegangen sein, denn die Wasser fließen und fließen, Tage, Wochen. Am 2. Juli zerbricht der aufgeweichte Elbdeich zwischen Klietz und Scharlibbe auf der Jerichower Seite, auch der Haveldeich bei Sandau. Bei Berge besteht schon wochenlang die allergrößte Gefahr. Am 5. 7. gleich vier Deichbrüche bei Bölsdorf und am 9. 7. ein Bruch bei Wahrenberg, der allerdings gleich wieder aufgefangen werden konnte.

Und wieder auf der andern Seite bei Lenzen und Lenzer Wische schwinden die Deiche dahin, 2 neue Bruchstellen, und setzen die ganze Gegend bis Dömitz hin unter Wasser.

Die Not ist größer denn je. Mehr noch als die Menschen leiden die Tiere. Die gerade in diesen Gegenden blühende Viehzucht ist auf Jahre hinaus vernichtet. Futter ist nicht vorhanden, Weiden unter Wasser. Die Tiere siechen dahin. Verkaufen ist nicht möglich, da niemand sie haben will. Totschlagen, so überlegt man allen Ernstes, damit wenigstens die Haut noch bezahlt wird. Die Tiere in höher gelegene Gegenden bringen? Wenn man sie wirklich aus dem Ueberschwemmungsgebiet herausschafft, so kann man sie doch nicht so weit treiben, weil die Tiere vor Schwäche umfallen.

Ein Bild von den furchtbaren Zuständen gibt der Pfarrer von Böhmenzien im dortigen Kirchenbuch. „Sechs Wochen hindurch bin ich mit meinem Kahn von der hiesigen Pfarrwohnung aus über Zäune und Berge den Weg nach Aulosen bis hoch an den dortigen Kirchhof des Sonntags zum Gottesdienst gefahren, und die dortigen Gemeinden kamen in Ermangelung der Kähne in ihren Backtrögen zur Kirche." Das war das Jahr 1771, das Kinder und Kindeskinder nicht wieder vergessen konnten.

Möge in diesem Jahr und auch in der Zukunft unsere liebe mitteldeutsche Heimat und unser ganzes deutsches Vaterland vor ähnlichen Katastrophen bewahrt bleiben!