Erinnerungen an den erloschenen Adel unsrer Heimat.
(Vortrag von E. Wollesen, Werben - Elbe, gehalten in Osterburg am 7. Oktober 1908 auf der Jahresversammlung des Stendaler Museumsvereins.)
Das Ihnen bekannte Thema ist gewählt worden, um das Interesse für die zahlreichen Denkmäler vergangener Zeiten und Geschlechter in unserer Heimat zu erwecken und dadurch die Liebe zur Heimat zu vermehren. Ehe wir näher an die Ausführung herangehen, müssen wir feststellen, was wir hier unter der „Heimat" und unter dem „erloschenen Adel" verstehen wollen. Unter der „Heimat" meinen wir hier nur den östlichen Teil unseres Kreises, die sogenannte „Wische", den ganzen Kreis in unsere Betrachtung hineinzuziehen, verboten leider Raum und Zeit des Vortrages. Unter dem erloschenen Adel aber möchten wir die ritterlichen Geschlechter verstanden wissen, welche, nachdem sie von den Dörfern unserer Wische den Namen angenommen und jahrhundertelang hier gewohnt haben, vor kürzerer oder längerer Zeit ausgestorben sind. Lassen Sie uns denn im Geiste eine Wanderung durch das bezeichnete Gebiet antreten und überall die Spuren des erloschenen Adels aufsuchen! Wir beginnen im Osten an der Elbe in der Nähe der Stadt Werben.
Etwas südlich von Werben liegt das Dor Berge. Seine große, schön erhaltene, romanische Backsteinkirche wird schon früh als „die St. Nikolai-Kirche auf dem Berge" erwähnt. Freilich von der ritterlichen Familie, die nach dem Dorfe den Namen führte und im 15. und 16. Jahrhundert dort wohnte, haben sich nur in Original-Urkunden Erinnerungen erhalten; wohl aber finden sich Erinnerungen anderer Art an die nach dem nahen Rittersitz genannten Familie von Kannenberg in dem Dorfe Berge. Der berühmteste Held dieser Familie war der General Christoph von Kannenberg. Ich brauche seinen Lebensgang hier nicht näher zu erzählen; wir finden über denselben nähere Nachrichten in dem 21. Jahresbericht des altmärkischen Geschichtsvereins; nur das sei kurz erwähnt, daß er als sechzehnjähriger Jüngling den Fahnen des 1631 in der Nähe seiner Heimat, in und bei Werben, weilenden Schwedenkönigs Gustav Adolf folgte, daß er in vielen Schlachten, namentlich bei Prag und dann nachher bei Warschau, ruhmreich kämpfte, und daß er mit dem in seinem Kriegsdienste erworbenen Vermögen reichen Güterbesitz in seiner Heimat erwarb. Als dem Helden nach seinem am 10. Februar 1673 erfolgten Tode in Minden ein pompöses Leichenbegängnis bereitet wurde, sah man den großen Kurfürsten und den Kurprinzen persönlich im Leichengefolge. Seine letzte irdische Ruhestätte fand Christoph von Kannenberg in dem Erbbegräbnis zu Krumke bei Osterburg. Dort soll er mit Stecken und Sporen im offenen Sarge liegen und von manchem jetzt noch Lebenden gesehen sein. An diesen Helden werden wir in Berge durch einen Abendmahlskelch erinnert, der auf seinem Fuße das Allianzwappen des Christoph von Kannenberg und seiner Gemahlin Maria von Bartensleben zeigt. Wir sehen im Schilde des ersten Wappen 2:1 gestellte zierliche Kannen, als Helmschmuck eine Kanne zwischen zwei Büffelhörnern und darüber die Buchstaben C. v. K.; wir sehen im zweiten Wappen im Schilde zwei Korngarben mit darüber springendem Wolf, als Helmschmuck aber einen fächerartigen Busch von hohen, schmalen Federn und darüber die Buchstaben M. v. B --- An dieselbe Familie von Kannenberg erinnert in Berge das Wappen über der Kanzel, die auch hier, wie so oft in Dorfkirchen, über dem Altar angeordnet ist. Die reichen Barockformen dieses Altaraufsatzes lassen vermuten, daß er nicht aus der Zeit des Christoph von Kannenberg, sondern aus etwas späterer Zeit stammt; vielleicht war er eine Stiftung des Enkels, nämlich des Friedrich Wilhelm von Kannenberg, des Letzten seines Geschlechts, des Preußischen Obristen und Chefs eines Dragoner-Regiments, Oberhofmeisters der regierenden Königin Elisabeth Christine von Preußen, Ritters des Schwarzen Adlers-, Johanniter- und schwedischen Seraphinen-Ordens, Domherrn zu Halberstadt, Erbmarschalls des Fürstentums Minden und Erbherrn auf Kannenberg, Iden, Krumke, Busch usw.
Die Kirche in Berge birgt noch ein anderes sehr wertvolles Andenken: es ist gleichfalls ein Abendmahlskelch mit einem Allianzwappen auf seinem vergoldeten Fuß. Das erste Wappen zeigt in seinem Schilde einen schräg links gelegten und auf dem Helm einen senkrecht stehenden Holzschlägel, darüber die Buchstaben H. C. v. S. O. L., darunter die Jahreszahl 1632; das zweite Wappen zeigt im Schilde und auf dem Helm je drei altertümlich geformte, gestürzte, unten etwas spitz zusammengesetzte Schwerter, darüber die Buchstaben M. v. E. Es sind die Wappen des Obristleutenants Heinrich Caspar von Schwarzenholz und seiner Gemahlin Maria von Eichstädt. Die Gattin schenkte im Jahre 1632 den Kelch an die Kirche zu Berge, um das Andenken ihres 1630 verstorbenen Gatten zu ehren. Die Hauptgüter der von Schwarzenholz waren in jener Zeit außer dem südlich von Berge belegenen Stammsitz Schwarzholz und dem Rittersitz in Welle bei Stendal die zur Parochie Berge gehörigen Güter in Germerslage und in Berge selbst. Die Hauptperson des 1703 erloschenen altmärkischen Rittergeschlechts war jener Heinrich Caspar, erzbischöflich-magdeburgischer Obristleutnant, Hofmarschall, Mundschenk und Oberküchenmeister, durch den das Geschlecht auch im Magdeburgischen Güter erwarb.
Auf dem alten, zu einer herrlichen Landstraße umgewandelten Elbdeiche wandern wir im Geiste weiter und gelangen nach dem von üppigem Parke umgebenen, lieblich gelegenen Rittergute Kannenberg, dem ehemaligen Stammsitze des gleichnamigen Geschlechts. Von demselben zeugt dort außer einer reichhaltigen, im 23. Jahresberichte des Altmärkischen Geschichtsvereins veröffentlichten Urkundensammlung nur noch ein sandsteinernes Allianzwappen des Christoph und der Maria von Kannenberg, das an einem Wirtschaftsgebäude angebracht ist.
Nach kurzem Aufenthalt setzen wir die Wanderung auf dem alten Elbdeiche fort. Unser Blick schweift zur Linken über die weite grüne Fläche des Sandauerholzes mit seinen weit zerstreut liegenden Gehöften bis hin nach dem alten Städtchen Sandau, das am Horizont mit seinem gewaltigen romanischen Kirchturm vom anderen Ufer der Elbe zu uns herübergrüßt. Nachdem wir Germerslage mit dem ehemaligen Rittersitze der von Rengerslage, von Schwarzholz und dann von Voß passiert haben, verlassen wir kurz vor Alt-Köcklitz (Büttnershof) den Elbdeich auf der rechten Seite und kommen gar bald an ein fast einsam gelegenes Kirchlein, dem wir es äußerlich nicht ansehen, welch' eine Fülle von historischen Erinnerungen es in sich birgt; wir meinen das Kirchlein von Köcklitz. Schon beim Eintritt in die Turmhalle fällt unser Blick auf zwei riesige Epitaphien, die zu beiden Seiten der ins Innere der Kirche führenden Tür aufgestellt sind. Die Umschriften der beiden Steine sagen uns, daß wir die Figuren des Georg und des Gabriel von Pieverling, der Söhne Lorenz' des Aelteren, vor uns haben. Die von Pieverling waren seit dem 14. Jahrhundert in Köcklitz und in Rosenhof begütert; sie stammten aus dem bei Stendal belegenen Peulingen. Das Geschlecht, das noch heute in Bayern lebt, erlosch in der Altmark im Mannesstamm 1806 mit Hans Christoph auf Rosenhof, der von 1799 an Direktor der Regierung zu Posen war. Die Kirche zu Köcklitz birgt noch viel mehr Erinnerungen an dieses Geschlecht. In dem Kircheninnern hinter dem ehemaligen Predigerstuhl erblicken wir das Epitaphium des Abraham von Pieverling. Sein Brustbild ist von vielen Ahnenwappen umgeben; darunter lesen wir das Symbolum: „Wie Gott will, ist mein Ziel." Abraham von Pieverling lebte von 1651 bis 1690; er war vermählt mit Agnesa Maria von Steding, deren gewaltiger Grabstein wir am Fuße der schlichten Kanzel erblicken. An diesen Abraham von Pieverling erinnern in der Kirche außer einem Abendmahlskelch mit seinem Wappen, mit den Buchstaben A. P. und der Jahreszahl 1688 noch zwei unter der Decke des Kirchenschiffes angebrachte Fahnenstangen, in deren breite metallene Spitzen Buchstaben und Jahreszahlen eingeschnitten sind. Diese Fahnen weisen uns in die der Schlacht von Fehrbellin (1675) vorausgehende Zeit zurück. Der altmärkische Landsturm wurde damals gebildet, unter Hauptleute gestellt, an die Elbe kommandiert, um den Einfall der in der Mark schrecklich hausenden Schweden in die Altmark zu verhindern. Auf dem Tuche dieser Fahnen befand sich der bekannte Spruch: „Wir sind Bauern von geringem Gut und dienen unserm gnädigsten Kurfürsten mit unserm Blut." Abraham von Pieverling mag einer der Führer dieser „Defensionen" gewesen sein. Der altmärkische Landsturm hat seinen Zweck damals völlig erreicht. --- Und noch ein Bildnis eines von Pieverling erblicken wir in der Kirche: das Bildnis des Königl. Deichhauptmanns Abraham Ludwig, der zu den bisherigen Familiengütern noch das nahe belegene Rittergut Osterholz hinzu erwarb; er starb 1748. Ehe wir die kleine Kirche verlassen, müssen wir noch ihrem Turm einen kurzen Besuch abstatten. Auf jeder der beiden dort hängenden, aus dem Jahre 1760 stammenden Kirchenglocken finden wir das Allianzwappen des oben bereits genannten Hans Christoph von Pieverling, der Letzten seines altmärkischen Stammes, und seiner Gemahlin Sophia Eleonora Henriette von Görne; jenes Wappen zeigt im quergeteilten Schilde je eine heraldische Lilie und als Helmzier zwei gekreuzte, durch eine Krone gesteckte Lilienstäbe, dieses zeigt ein von drei Kleeblättern begleitetes Messer im Schilde und ein Hirschgeweih als Helmzier. Mag das altmärkische Geschlecht derer von Pieverling schon über ein Jahrhundert ausgestorben sein, die Köcklitzer Kirche wird ihr Andenken noch lange unter den kommenden, dort wohnenden Geschlechtern wach erhalten. Wen aber der Weg einmal in diese Gegend führen sollte, der versäume ja nicht, sich dieses schlichte und so erinnerungsreiche Köcklitzer Kirchlein anzusehen!
Zwischen fruchtbaren Feldern geht es nun auf schmalem Fußsteig weiter nach dem Rittergut Rosenhof. Schon von weitem leuchtet uns sein weißes stattliches Herrenhaus zwischen den Wirtschaftsgebäuden hindurch entgegen. Es ist anzunehmen, daß sich dort im Archiv noch mancherlei Urkunden befinden, welche an die von Pieverling erinnern. Auf sehr breiter, von mächtigen Kastanien begrenzter Landstraße, die von dem einstigen sehr regen Verkehr an der Elbe entlang in dieser Gegend Zeugnis ablegt, gehen wir an dem Dorfe Schwarzholz und dem Rittergute Osterholz vorüber nach Polkritz. Die als Dorfkirche recht geräumige, schön restaurierte Polkritzer Kirche, die auf freiem Felde zwischen den Dörfern Polkritz und Schwarzholz und dem dorthin eingepfarrten Osterholz liegt, birgt viele Erinnerungen von orts- und familiengeschichtlichem Werte in sich, z. B. das herrliche Grabdenkmal des in der Schlacht bei Chotusitz am 17. Mai 1742 gefallenen Preuß. Generalmajors Ernst Ferdinand von Werdeck, Gedenktafeln der noch heute in Osterholz angesessenen Patronatsfamilie von Knoblauch, bunte Wappen an der Brüstung der Patronatsempore usw. Wir betrachten sie diesmal nur flüchtig, um den Turm der Kirche zu besteigen und das älteste Andenken der Kirche, die eine Kirchenglocke, in näheren Augenschein zu nehmen. Wir sehen auf derselben neben dem Wappen der 1567 erloschenen Ritterfamilie von Osterholz die folgende Inschrift: „Gott sy lof und ere, durch min gelut ick dat vermere. Sante Peter byn ick genannt, by Gott wol bekannt. Herrmann Vogel. 1501." So oft daher diese Glocke mit ihrer tiefen Stimme Gottes Lob und Ehr verkündigt, erinnert sie auch an das alte Geschlecht von Osterholz, das jahrhundertelang bis zu seinem Aussterben auf seinem gleichnamigen Stammsitz angesessen gewesen ist.
Das nächste Ziel unserer Wanderung ist die Kirche von Krusemark, deren mächtiger Turm schon in sehr weiter Ferne sichtbar wird. Es gibt wohl keine Kirche in dem Kreise Osterburg, ja, in der ganzen Altmark, die so erinnerungsreich wäre wie diese; ich möchte sie als eine Ruhmeshalle derer von Krusemark bezeichnen. Es sind im Gewölbe des Turmes 17 Särge aufgestellt, in welchen Mitglieder dieser Familie ruhen; sicherlich wäre es wünschenswert, wenn diese Särge in einem gemeinsamen Erbbegräbnis auf dem Friedhof bei der Kirche beigesetzt würden. Oben in dem Turm befindet sich --- es sei nur kurz bemerkt --- eine aus dem Jahre 1490 stammende Glocke, von dem berühmten Glockengießer Gerhard Wou de Campis, demselben Meister also, von dem die 275 Zentner schwere Erfurter Domglocke „Maria gloriosa" und noch so manche andere hervorragende Glocke gegossen ist. Die Größe und Gestalt der Minuskeln stimmt auf beiden Glocken in Erfurt und Krusemark genau überein, woraus die Anwendung derselben Buchstabenmodelle zu schließen ist. In Krusemark ward schon 1485 eine Glocke gegossen; die Arbeit mißlang aber vollständig; der Stendaler Meister büßte 37½ Gulden an Glockenspeise ein. Wahrscheinlich wollte man sich nicht noch einmal einem Mißerfolge aussetzen; man wandte sich daher nun an den berühmtesten Glockengießer seiner Zeit, den genannten Gerhard Wou de Campis, und man hatte keinen Grund, diesen Schritt zu bereuen. Noch heute erfreut die Glocke jedermann durch ihren wunderbaren Klang. Doch nun betreten wir das Innere der Kirche.
Von den Epitaphien ist das älteste und zugleich schönste das des Erdmann von Krusemark. Es stellt den Ritter auf einem Kissen knieend mit zum Gebet gefalteten Händen dar. Ueber der betenden Gestalt lesen wir den Wahlspruch: „Gott allein die Ehre!", darunter lesen wir die Inschrift; wir entnehmen derselben, daß der 1610 geborene Erdmann als Kurfürstlich Brandenburgischer Oberster Wachtmeister zu Roß und Altmärkischer Kriegskommissarius im Jahre 1684 gestorben und in seinem 75. Lebensjahre in der Krusemarker Kirche beigesetzt ist. Zu beiden Seiten befinden sich, wie immer, die Ahnenwappen. --- Das nächstälteste Grabdenkmal zeigt uns in Halbfigur den Brandenburgischen Obristen und Magdeburgischen Kommandanten Adam von Krusemarck, der, wie die Inschrift sagt, sein Leben 1689 im Sturme bei scharfer Eroberung der Stadt und Veste Bonn ritterlich eingebüßt hat. Zu beiden Seiten des mit den Ahnenwappen und mit kriegerischen Emblemen geschmückten Denkmals sind je drei Fahnen, über denselben Harnisch und Degen des Helden angebracht. --- Ein anderes Denkmal zeigt zwei schräg gegeneinandergelehnte Wappenschilde, deren einer einen Anker, deren anderer einen schräg aufwärts gestellten Schlägel trägt. Aus der darunter befindlichen Inschrift erfahren wir, daß Hans Erdmann von Krusemarck dieses Denkmal „Gott zu Ehren, der Kirche zu Zierde und seiner liebwertesten Mutter zum immer währenden Gedächtnis" setzen ließ; aus der darüber befindlichen Inschrift ersehen wir, daß diese Mutter „Dorothee Elisabeth von Lüderitz" aus dem Hause Wittenmor war. --- Nachdem wir in den letzten beiden Denkmälern die Eltern kennen gelernt haben, lernen wir in dem folgenden Denkmal den Sohn, Hans Erdmann, näher kennen; die Inschrift lautet: „Adel, Studia, Tapferkeit und Verdienst haben ihn unter König Friedrich Wilhelm von Preußen zum Obristen über ein Regiment zu Fuß gemacht. Nachdem er den Niederlanden, Preußen, Deutschland, Italien und Frankreich seine Tapferkeit gezeigt, hat ihn ein seliger Tod zu Anklam Anno 1717 den 5. May und er den 12. ejusdem hierselbst sein Grab gefunden. Alt 46 Jahr 9 Monat 18 Tage." --- Auf einer neben diesem Denkmal befindlichen Marmortafel lesen wir in vergoldeten Buchstaben: „Hans Friedrich von Krusemarck, geb. den 14. Juni 1720, gestorben den 15. Mai 1776, Königlich Preußischer Generallieutenant, Ritter des Schwarzen Adlerordens, Erbherr auf Krusemarck, Hohenberg, Groß-Ellingen." Darunter steht mit kleinen Schriftzeichen: „Exstinctae gloriae monumentum, quod nomen ultimum stirpis cum pietate dicat". Dieser Hans Friedrich von Krusemark gehört zu den wenigen Generälen, die der innerlich vereinsamende Friedrich der Große noch gern und oft in seinem Alter um sich sah. Er war aber nicht der letzte seines Stammes. Das Geschlecht erglänzte noch in seinen Letzten, dem 1822 verstorbenen Preußischen Generalleutenant und Gesandten in Wien, Friedrich Wilhelm Ludwig von Krusemarck. Ueber der Inschrift auf jener Marmortafel sehen wir das Wappen der Familie; es zeigt im Schilde einen (gelben) dreiarmigen Leuchter und auf dem Helm einen (weißen) Schwan. Gern weilten wir noch länger in der Krusemarker Kirche, um die zahlreichen andern Epitaphien der von Meyern-Hohenberg und von der Schulenburg zu betrachten, doch wir haben noch einen weiten Weg vor uns, wir müssen daher weiter.
Auf schöner Kunststraße gelangen wir nach dem Dorfe Bertkow, das einst gleichfalls einem ritterlichen Geschlechte seinen Namen, von Bertkow, gegeben hatte. Noch heute gibt es in der fast ursprünglich erhaltenen romanischen Feldsteinkirche des Dorfes manches gewichtige Andenken an die gleichnamige ritterliche, im Jahre 1798 erloschene Familie. Wir weisen zuerst auf einen prachtvollen, laut Inschrift aus dem Jahre 1591 stammenden vergoldeten Abendmahlskelch. Er zeigt auf zwei Feldern seines aus dem Sechspaß aufsteigenden Fußes die Wappen des Otto von Bertkow und seiner Gemahlin Margarethe von Gohr; jenes enthält im Schilde einen mit drei Rosen belegten Schrägrechtsbalken, auf dem Helm eine Rose auf astigem Stiel, dieses enthält einen Schrägrechtsbalken, der eine Weinrebe, mit drei Trauben trägt; der Helm ist mit Straußenfedern geschmückt. Die übrigen Felder des Kelchfußes zeigen die Namen der anderen damals lebenden männlichen Familienglieder. --- In dem sonst ziemlich schmucklosen Kircheninnern fällt am meisten der Altaraufsatz auf; in drei Teilen erhebt er sich, von reichem Schnitzwerk flankiert, zwischen zwei Säulen; in dem untersten Teile sehen wir das Bild des heiligen Abendmahls, in dem mittleren das der Kreuzigung, in dem obersten das der Auferstehung des Herrn. An den beiden Säulen befinden sich die bunten Wappen der Stifter dieses Altarschreines, nämlich des nachmaligen Altmärkischen Quartalsgerichtsrathes David Reimer von Bertkow und seiner Gemahlin Sophie Hedwig von Lindstedt; jenes zeigt einen mit drei Rosen belegten Schrägrechtsbalken, dieses drei 2:1 gestellte Wolfsangeln. Da der Ehevertrag zwischen beiden am 6. September 1696 aufgesetzt und David Reimer am 6. Februar 1704 mit dem Bertkow'schen Gütern belehnt ist, so haben wir damit wenigstens einen ungefähren Hinweis auf die Entstehungszeit des Altarsatzes. Beide Stifter desselben hatten vier Söhne, die alle vier in den Schlesischen Kriegen des Großen Friedrich den Heldentod für das Vaterland fanden. Der eine von diesen Söhnen, Erdmann Christoph, Königl. Preuß. Major unter dem Leibkürassierregiment zu Pferde, war mit Anna Luise von Dewitz vermählt; er fiel 1745 bei Dresden. Der gewaltige Grabstein seiner 1782 verstorbenen Witwe ist noch in der Bertkower Kirche vorhanden; das Wappen zeigt im (roten) Felde drei goldene Trinkgefäße.
Von Bertkow setzen wir im Geiste unsere Wanderung nach Goldbeck, dem bedeutendsten Industrieorte des Kreises, fort. Von dem erfreulichen Aufschwunge, den dieser an der Bahn Stendal - Wittenberge gelegene Ort in den letzten Jahren genommen hat, legt der neue Dorfteil, den wir zuerst passieren, beredtes Zeugnis ab. Wir aber eilen nach dem hinter der Bahn belegenen alten Dorfe und suchen dort das Gotteshaus auf. Während das Kirchenschiff im Jahre 1894 völlig neu in größerem Maßstabe aufgebaut ist, ist der sehr alte Turm unverändert stehen geblieben. Auf der größeren Glocke in diesem Turm lesen wir unter dem Bilde des heiligen Georg die Namen der Judith von Rochow, Daniel von Lützendorffs nachgelassener Witwe, sowie des Pfarrers, der Kirchenväter und des Magdeburger Glockengießers Heinrich Borstelmann mit der Jahreszahl 1615. Daniel von Lützendorff war der Letzte seines in Klein-Schwechten, Goldbeck und Arneburg angesessen gewesenen Geschlechts, das einst mit dem Schenkenamt des Markgräflichen Hofes betraut gewesen war. Vielleicht war der heilige Georg der Schutzpatron der Goldbecker Kirche, sicher aber bezeugt der Name des Pfarrers auf der Glocke, daß damals Goldbeck ein besonderer Pfarrort gewesen ist.
Mit der Werbener Kleinbahn geht es nun langsam zwar, aber sicher nach dem nahe gelegenen Möllendorf. Auch hier wieder finden wir in der Kirche einen gewichtigen Gedenkstein an den Letzten eines altmärkischen Rittergeschlechts. An dem Triumphbogen der Kirche steht der Stein; die Inschrift besagt, daß Erdmann Christoph von Dalchau 1679 vor dem Feind in dem letzten Treffen zu Schameith seinen Tod gefunden und zu Königsberg in der „Leuen-Kirche" im 36. Jahre seines Alters zur Ruhe gebracht ist. Schon im 15. Lebensjahre hatte er, ein Neffe des uns schon bekannten, berühmten Generals Christoph von Kannenberg, seine militärische Laufbahn begonnen. 1669 wird er im jugendlichen Alter von 26 Jahren Kapitän der 1. Leibkompagnie im Infanterie-Regiment seines Oheims, das damals in Minden in Garnison lag. Nach dem Tode des 1673 in Minden verstorbenen Oheims finden wir ihn in dem Kannenbergischen Kürassier-Regiment. Wir können annehmen, daß er in dem letzteren Regiment an den bedeutenden Schlachten und Treffen gegen die Schweden teilnahm, bis ihn denn in der litthauischen Landschaft Schameith die tötliche Kugel des Feindes traf. Noch heute genießen die Hausarmen in Möllendorf die Zinsen eines von ihm hinterlassenen Armenlegates.
Ueber Rohrbeck, dessen Kirche noch zwei Epitaphien der hier einst begütert gewesenen Familie von Rossow aufweist, gelangen wir mit demselben Bähnchen nach dem Dorfe Iden. Hier war jahrhundertelang die in der Altmark sehr verbreitet gewesene, 1784 aber erloschene Familie von Rindtorff angesessen. Noch erinnern zwei Grabsteine in der alten romanischen Idener Dorfkirche an diese Familie. An der Nordwand, fast hinter Kirchenstühlen verborgen, steht der schlichte Grabstein der 1583 verstorbenen Maria, einer Tochter des Claus von Rindtorff. Einen wunderbaren Platz hat bei einer in neuerer Zeit vorgenommenen Kirchenerneuerung ein zweiter Grabstein gefunden; er steht tief in einer Fensternische hoch über dem Eingang zur Sakristei, so tief und so hoch, daß man von der Umschrift nichts lesen kann. Die Wappen lassen uns erkennen, daß der dargestellte ritterliche Mann ein von Rindtorff, die dargestellte Ehefrau eine von Schwarzkopf ist. Der Ritter stemmt sehr energisch die Rechte über dem kurzen Dolch in die Seite, während er die Linke auf den Knauf des Degens legt; Halskrause, eng anliegendes Obergewand und weite Kniehosen bilden seine Bekleidung. Die Frau, welche die Hände wie zum Gebet vorhält, trägt über einem anliegenden Untergewand ein vorn offenes, lose anliegendes, lang herabhängendes Obergewand. Die Gewandung beider Gestalten weist in die Zeit um 1600 zurück.
Von Iden müssen wir wieder wandern, wir gelangen nach Rengerslage. Der Letzte des Geschlechts von Rengerslage, Hans Erdmann, starb 1677. Seine erste Gattin, Elisabeth von Barsewisch, hat der Kirche und dem Prediger ein Legat mit der Bestimmung ausgesetzt, daß jährlich am Elisabethtage eine Predigt zu ihrem Andenken dort gehalten werde. Den Namen seiner zweiten Gattin, Anna Dorothea von Schartzkopf, lesen wir auf einem bescheidenen, heute noch dort im Gebrauch befindlichen Abendmahlskelch.
Das letzte Ziel unserer Besichtigungsreise ist Meseberg, das wir von Rengerslage aus über Wasmerslage und Königsmark erreichen. An der nördlichen Außenseite der der Meseberger Kirche steht der etwas beschädigte Grabstein des 1608 verstorbenen David von Meseberg. Gleichfalls an der Nordseite der Kirche, etwas weiter nach Osten, ist ein Erbbegräbnis. Ueber der Thür desselben sehen wir ein Allianzwappen in Stein gearbeitet; es ist das Wappen des Samuel Christoph von Meseberg und seiner Gemahlin Hermine Charlotte Sophie Henriette von Borck; jenes Wappen zeigt im Schilde eine schräg gestellte Leiter, auf dem Helm vier Kugeln mit Pfauenfedern besteckt, dieses zeigt im Schilde zwei gekrönte, übereinander stehende Wölfe und auf dem Helm einen wachsenden Hirsch mit Halsband. In dem Erbbegräbnis ruhen beide mit ihren in blühendem Alter verstorbenen beiden Töchtern. Samuel Christoph, der Letzte seines Geschlechts, war Obrist in der preußischen Armee, Ritter des Ordens pour le mérite, Kommandeur des 3. Bataillons Garde.
Von Meseberg aus suchen wir das nahe gelegene Osterburg auf, um uns dort von der langen anstrengenden Wanderung auszuruhen, aber auch um noch einmal an unserem geistigen Auge das Geschaute vorüberziehen zu lassen. Wohl ist vieles in den Nöten der Kriege, in der Länge der Jahrhunderte, vielleicht durch Gleichgültigkeit der Vorfahren, durch gut gemeinte, aber nicht gut ausgeführte Kirchenerneuerungen zu Grunde gegangen, um so mehr dürften wir uns über das noch Vorhandene freuen; denn es ist doch in vieler Hinsicht von dem allergrößesten Wert. Die Grab- und Gedenksteine unterrichten uns meist ausführlich über den Lebensgang von Persönlichkeiten, die oft nicht nur in der engeren Heimat, sondern auch in dem weiteren Vaterlande eine Rolle gespielt haben. Da es Kirchenbücher in jener Zeit häufig noch nicht oder nicht mehr gab, sind solche Nachrichten besonders wertvoll. Der Heraldiker wird ebenso wie der Kultur- und Kunsthistoriker reiche Gelegenheit zu Studien finden. Aber neben der geschichtlichen Bedeutung wollen wir die religiös-sittliche nicht vergessen. Die betenden Gestalten, die leuchtenden Bibelstellen, die treffenden Sinnsprüche auf den Epitaphieen und Glocken mahnen zur Frömmigkeit. Die Freigebigkeit, mit der die Vorfahren die Gotteshäuser mit heiligem Schmuck und Gerät versehen haben, mahnt zur Nachahmung. Und wenn die meisten der dargestellten Ritter ihr Leben für das Vaterland dahingegeben haben, so wollen wir uns durch sie unsere Vaterlandsliebe um so mehr wecken lassen, als unser Vaterland jetzt größer und herrlicher dasteht, denn zu ihrer Zeit. Möchte diese Wanderung mit dazu beitragen, daß wir die stumme und doch so beredte Sprache der Erinnerungen an den erloschenen Adel unserer Heimat zu Herzen nehmen, die Erinnerung selbst pietätvoll pflegen und unsere erinnerungsreiche engere Heimat mit neuer Liebe umfangen!