Luthers Besuche in Zeitz
Vortrag im Geschichts- und Altertumsverein,
gehalten von Herrn Pfarrer D. Wollesen
Den heutigen Mitteilungen über Luthers Besuche in Zeitz liegen in der Hauptsache 45 lateinische Briefe zu Grunde, die Luther von Wittenberg an Nikolaus von Amsdorf, den 1542 zum evangelischen Bischof von Naumburg-Zeitz gewählten und in Zeitz residierenden Freund richtete. Diese Briefe verdanke ich Herrn Arthur Jubelt, der leider seine ursprüngliche Absicht, sie selber zu bearbeiten, infolge des Mangels an Zeit nicht ausführen konnte. Diese Briefe sind in den folgenden Werken gedruckt: „Dr. Martin Luthers Briefwechsel", bearbeitet und mit Erläuterungen versehen von † D. Ernst Ludwig Enders, fortgesetzt von D. Dr. Kawerau, Oberkonsistorialrat zu Berlin, Leipzig 13. Band 14. (1540--42), 15.--16. Band (1542--1545), Bd. 17 (1546), Nachträge (1501--1536).
Wir bewundern schon ganz äußerlich die große Zahl der Briefe, die Luther an Amsdorf geschrieben; wir bewundern sie, weil wir wissen, welch' eine Riesenarbeit auf den Schultern dieses so viel leidenden Mannes ruhte. Er selber bat Amsdorf, seinen Boten den Auftrag zu geben, Amsdorf von ihm, Luther, zu fordern oder den zu bezeichnen, durch den er Antwort schicken sollte. Ich habe, bemerkt Luther dabei, nicht so viel Muße, vergeblich Briefe zu schreiben, da nicht einmal zu den notwendigen Briefen überflüssig Zeit und Muße ist.
Schon aus der großen Zahl dieser Briefe können wir, auch ohne noch den Inhalt zu kennen, auf ein inniges Freundschaftsverhältnis zwischen Luther und Amsdorf schließen, eine Folgerung, die durch die Form und durch den Inhalt der Briefe überall bestätigt wird. Den besten Beweis aber für dieses innige Freundschaftsverhältnis gibt das Verlangen Luthers, den Freund in Zeitz zu besuchen, ein Verlangen, das in den Briefen auch beim 1. und 2. Besuch zum ergreifenden Ausdruck kommt.
Die Briefe bieten für den Lutherfreund eine große Zahl von Vortragsgegenständen; denn Luther schreibt darin seinem Freunde alles, was ihn gerade in jener Zeit von 1542 bis 1546 an Freud und Leid bewegt, sei es, daß er es erlebt in der Welt- oder Kirchengeschichte, in dem Leben seiner Freunde oder seiner eigenen Familie, in seinem Amte oder in seinem Verkehr. Wir müssen immer wieder staunen über die Fülle seiner Arbeit, über die Schärfe seines Geistes, über die Tiefe eines Gemüts, über die Stärke seines Willens, über den Reichtum seiner Kenntnisse. Erst in den Briefen lernt man den ganzen Luther, den urbildlichen Deutschen und Christen, kennen.
Aus den sich darbietenden Themata habe ich das vorhin genannte „Luthers Besuche in Zeitz" ausgewählt; ich glaubte, daß dieses Thema für die Freunde von Zeitz und Luther am meisten Interesse haben würde. Wohl ist durch Herrn Arthur Jubelt in den heimatgeschichtlichen Beilagen unserer ZNN. schon ein Vortreffliches über Luthers Besuche in Zeitz veröffentlicht worden, aber vielleicht läßt sich hinsichtlich des 2. und 3. Besuches noch einiges aus den Briefen hinzufügen. Wohl werden die nicht auf ihre Rechnung kommen, die eine Bereicherung der Zeitzer Chronik aus den Briefen erwarten --- es ist nicht viel von Zeitz darin die Rede --- aber ich hoffe, daß es doch durch das, was ich hier geben werde, ein wenig entschädigt werden.
Der 1. Besuch Luthers in Zeitz
Die Geschichte dieses ersten Besuches ist am bekanntesten. Luther hatte in Naumburg Nikolaus von Amsdorf zum 1. Evangelischen Bischof von Naumburg-Zeitz feierlich eingeführt. Nach der Einführung, so schreibt der Chronist Zader, ist Amsdorf neben Luther, Melanchthon, Kurio und Spalatin den Abend Agnetis, es war der 21. Januar (1542) um 5 Uhr zu Zeitz eingekommen und ist der neue Bischof des folgenden Tages, am 3. Sonntag nach Epiphania, in der Schloßkirchen gleichfalls eingeweihet, da er eine Predigt getan von den Aussätzigen und des Hauptmanns Knecht zu Kapernaum. D. Luther aber ist nach Mittag in der Barfüßerkirche auch mit Predigt gehalten in Versammlung einer großen Menge Volkes, dessen Luther selbst erwehnt Tom. VIII. Jenens., Fol. 2. Luther verteidigte den Kurfürsten gegen die Angriffe des von der Zeitzer Domherrenschaft gewählten katholischen Bischofs Julius von Pflug und sagt in seiner Schrift „Exempel, Einen rechten Christlichen Bischof zu weihen" ausdrücklich: „Solchs hab ich auch zu Zeitz offentlich gepredigt." Wer näher über diesen ersten Besuch unterrichtet will, kann es in den vorzüglichen Aufsätzen tun, die Herr Arthur Jubelt in „Die Mark Zeitz" und „Unsere Heimat im Bild" im vorigen Jahre veröffentlicht hat.
Gar bald nach dem ersten Besuch Luthers in Zeitz hat Nikolaus von Amsdorf an Luther geschrieben; es fühlte sich in Zeitz gar nicht wohl. Wie gern wäre er in Magdeburg geblieben! Es hatte dieses Unbehagen des Bischofs in Zeitz verschiedenen Gründe, wie z. B. die Gegnerschaft der Zeitzer noch katholisch gebliebenen Domherren und des von diesen gewählten Bischofs Julius von Pflug, --- Luther nennt sie in seinen Briefen „Centauren" --- ferner das geringe Gehalt, --- Luther schreibt, daß Amsdorf aus einem reicheren Prediger ein ärmerer Bischof geworden sei, der mehr nötig habe, als in Magdeburg, --- ferner der wenig erfreuliche Zustand seiner Wohnung in dem Schlosse, --- Luther wünscht ihm eine ein wenig behaglichere und schönere Wohnung, --- ferner eine Ueberfülle der amtlichen Arbeit, aber das alles waren noch nicht die Hauptgründe, der Hauptgrund war der, daß er sich in dem größeren Glanze seiner neuen bischöflichen Würde nicht wohl fühlen konnte; es paßte dem schlichten Manne nicht, sich wie einen Fürsten grüßen und ehren lassen zu müssen. Luther sucht ihn zu trösten: „Ich weiß, wie fremd und widerwärtig Dir solch höfisches und weltliches Treiben ist, Dir, dessen Geist an Stille und Ruhe gewöhnt ist, aber Du hast es ja nicht gesucht und nun laß es Dir gefallen, nicht um Deinetwegen, sondern um derer willen, um derentwillen es geschehen muß. Du mußtest Dir ja auch schon in Magdeburg dergleichen gefallen lassen, wurdest Du doch auch dort Licentiat, darnach Ritter von Amsdorf und ähnlich genannt. Du weißt ja, daß das alles nebensächlich vor Gott ist, daß aber die sichtbare Kirche solcher äußeren Dinge nicht entbehren kann." In einem weiteren Briefe tröstet Luther den Freund durch den erfreulichen Hinweis darauf, daß ihm, dem Amsdorf, in den Dr. iur. Franz Pfeil aus Magdeburg ein treuer Kanzler gegeben sei, und daß die Zeitzer Geistlichkeit sich ihm willfährig erzeigt habe. Und nicht wenig mag es dem Freunde tröstlich gewesen sein, wenn Luther seinem 1. und 3. Briefe die Grüße seiner Käthe anfügt, dort: „Meine Käthe wünscht Dir von ganzen Herzen Gottes Segen und wünscht sich Glück, daß sie in der Nähe hat einen gnädigen Nachbar und Gevatter", und hier: „Es grüßt Dich meine Käthe, die Nachbarin Deines Königreichs, vielleicht Dein Gast im kommenden Sommer, das nämlich droht sie Dir..." Käthe, besaß ein Gütchen im Amte Borna, das an das Bisthum Amsdorfs grenzte, daher die Bezeichnung Amsdorfs als Nachbar und der Käthe als Nachbarin. Besonders tröstlich aber wird dem Briefempfänger der Schluß des 2. Briefes gewesen sein: „Der Herr sei mit Dir, denn auch wir sind im Geist beständig mit Dir!" „Ich wollte Dich trösten", schreibt Luther im 3. Brief, „als einer, der um Dich in ungewöhnlicher Weise besorgt ist, eingedenk dessen, in wie große Sorgen ich Dich gestützt, oder vielmehr, darin eingestimmt habe, daß Du gestürzt wurdest. Aber der Herr, der durch Törichte und Unmündige der Welt regiert und die Weisen in ihrer Weisheit stürzt, wird selbst sein Werk durch uns, die törichten der Männer, vollenden." --- Hatte L. den Amsdorf getröstet bisher, im Oktober 1542 trat ein Ereignis in Luthers Familie ein, das den Amsdorf tief erschütterte und zu einem Trostschreiben an Luther veranlaßte: der Tod Magdalenchens, des Lieblingstöchterleins Luthers. Ergreifend ist, was Luther in seinem Dankbrief an den Zeitzer Freund geschrieben: „Ich liebte sie fürwahr, nicht nur, weil es mein Fleisch war, sondern weil sie ein liebliches, ruhiges und mir folgsames Wesen hatte. Aber jetzt freue ich mich, daß sie bei ihrem (himmlischen) Vater in süßer Ruhe lebt bis an jenen Tag. Und ich bitte, daß uns eine ähnliche Stunde des Scheidens gegeben werde, mit solchem Glauben und solcher süßen Ruhe, das heißt in Wahrheit in dem Herrn entschlafen, den Tod nicht sehen noch kosten und mit seinem Härchen die Angst spüren."
Luthers 2. Besuch in Zeitz
Bei dem freundschaftlichen Verhältnis zwischen den beiden Männern konnte ein wenn auch noch so reger Briefwechsel nicht genügen; es mußte das Verlangen immer wieder zu ihnen rege werden, einander zu sehen und zu sprechen. Ganz besonders in Luthers Herzen wurde dieses Verlangen wach. Aber wie unendlich lange sollte es dauern, bis dieses Verlangen durch den Besuch in Zeitz befriedigt wurde! Schon Ende August oder Anfang September 1542 schreibt Luther: „Lange habe ich nicht geschrieben, mein lieber Amsdorff, weil ich immer hoffte, daß ich mal zu Dir kommen würde." Und am 4. Januar 1543 heißt es: „Ueberhaupt werde ich, wenn es mein Kopfleiden erlaubt, bei Dir in Kurzem erschienen, entweder an Fastnacht oder an ein wenig nachher (Carnisprivium, Dienstag nach Estomihi). Mache nur das Gastzimmer zurecht." Amsdorf litt sehr unter dem herrschsüchtigen Wesen des D. Creitz, seines Unterbischofs, wie Luther ihn nennt, der unter dem Scheine des Unschuldigen alles tyrannisch tut. Auch das verstärkte den Wunsch Luthers, den Freund zu besuchen; an Ort und Stelle sich darüber zu unterrichten und bei Hofe Befreiung nachzusuchen. Aber Krankheit des Kopfes und die Kälte des Winters vereitelten alle Reisepläne Luthers. Er selbst bemerkt darüber am 14. Juli 1543: „Auch heute noch höre ich nicht auf zu überlegen, mein lieber und verehrter Bischof, wann ich endlich zu Dir kommen kann. Während des Winters war es nicht möglich. Nach Pfingsten hatte ich die Reise ganz fest beschlossen und alles angeordnet, aber mein Befinden schwankte so sehr, daß ich nicht ausreisten wagte, und daß ich bis heute; --- ich wäre gestern beinahe durch eine tiefe Ohnmacht zusammengebrochen, --- täglich die Stunde des Todes erwarten muß." Immer wenn Luther schon alles zur Zeitzer Reise geordnet hatte, kam etwas, das ihn in seinem Vorsatze behinderte. Darum wollte er versuchen, bei irgend einer plötzlichen Gelegenheit, auch ohne Vorsatz, nach Zeitz zu reisen, begierig, den Freund noch einmal vor dem Tode zu sehen. Zur Erhaltung seiner Gesundheit, ganz besonders zur Befreiung von seinem quälenden Kopfweh, hatten die Aerzte eine Ader an dem linken Bein geöffnet. Dadurch wurde ihm eine Zeit lang die Kopfschmerzen und andere beschwerliche Zufälle genommen. Er meinte, daß seine Krankheit das Greisenalter sei, die Folge des Arbeitens und des sehr heftigen angestrengten Nachdenkens, ja, die Faust des Satans sei. Er glaubte nicht, daß ihm die Medizin der Aerzte heilend helfen könne. Er ließ sich trotzdem die Verordnungen derselben gefallen, um den Schein zu vermeiden, als sei er ihr Gegner. „Es ist", sagte er, „um den faulen Schelmen zu tun, den will ich dran wagen. Hilft's, so hilft's." Zu den angeführten Reisehindernissen, Krankheit, übermäßige Arbeit, unvorhergesehene Besuche der vielen, die bei ihm Hilfe und Rat erbaten, kam ein neues Hindernis. Der Vorsatz, den Zeitzer Freund gelegentlich der Leipziger Messe zu besuchen, wurde bei dem Gedanken an die Feindschaft der bei Leipzig angesessenen von Pflug wieder aufgegeben. --- Julius v. Pflug war ja sein Gegenbischof. --- Nun aber wurde der Vorschlag erwogen, sich entweder auf der Burg in Eilenburg oder bei dem D. Theodorich von Schoenfeld in Wilkau zwischen Duben und Leipzig oder in Pretzsch oder Prettin oder Schmiedeberg zu treffen. Aber auch daraus wurde nichts. Mit dem neuen Jahre 1544 wird der längst gehegte Reiseplan von neuem aufgenommen. Luthers Gesundheitszustand hat sich gebessert; er hält Vorlesungen und Predigten, steht und geht. Aus der Kurfürst von dem Reiseplan Luthers, aber auch von den vielen Reisehindernissen gehört, läßt er Nikolaus v. A. bitten, doch zu Luther zu reiten. Auf die Nachricht davon schreibt Luther, daß ihm der Gast natürlich willkommen sei, daß er ihm ein Wohn- und Schlafzimmer und alles, wie es seiner „Dürftigkeit" entspreche, bereit halte, daß er aber doch von seinem Plane festhalte, nach Zeitz zu kommen, weil er sich gern Muße schaffen wolle. Amsdorf möge ihm anzeigen, ob nach seiner Meinung der Weg durch Leipzig und das Land der Pflüge sicher sei. Wenn nicht, werde er durch Grimma oder die „Eiche Ponickow" reisen. Die Antwort Amsdorfs muß verneinend ausgefallen sein; Luther teilt ihm daher unter den 23. Mai ejd. a. seinen Entschluß mit, durch kurfürstliches Gebiet über Grimma und Borna zu reisen und auf diesem Wege das nahe bei der letzteren Stadt belegene Zulsdorff, das Gütchen (Vorwerk) seiner Käte, zu besuchen und am 4. Pfingsttage so heimlich wie möglich nach Zeitz abzureisen. Die Reise muß wiederum aufgeschoben werden, denn der Kurfürst Johann Friedrich hatte Luther durch seinen Kanzler D. Bruck mitteilen lassen, daß er selbst in 15 Tagen nach Zeitz kommen, und dann dort die sehen wolle. Leider verzögerte sich die Reise des Hofes. Schon hatte Amsdorf für die festliche Bewirtung seiner hohen Gäste u. a. auch Krebse besorgt, die er nun infolge der Reiseverzögerung allein essen mußte. Luther tröstet ihn darob mit dem Versprechen: „Ich werde den Schaden ersetzen als einer, der mit dir alle übrigen Krebse verschlingt." Humorvoll vergleicht er das Regiment des Hofes mit Krebs und Schnecken; es geht nicht vorwärts, sondern will immer zurück; er schließt mit dem köstlichen Wunsche: „O, daß ich alle Krebse und Schnecken des Hofes vertilgen könnte!" Als der Hof wiederum die Reise verschiebt, ist der Entschluß Luthers gefaßt, allein zu reisen und zwar aus Wittenberg früh am nächsten 4. Tage nach Laurentii (13. August) aufzubrechen, am Abend desselben Tages in Eilenburg zu Abend zu essen und am andern Tage „zur Eiche" nach Borna zu kommen, oder auch über Grimma zu reisen, sowie es die Bürgermeister jener Städte raten. Luther hat das Angebot des Kurfürsten, ihm Reiter zum Schutze zu senden, dankend abgeschlagen, aber Amsdorf gebeten, ihm 1 oder 2 Reiter entgegenzusenden. Alles diesem Plan ist denn endlich etwas geworden. Luther hat nun endlich seinen so lange beabsichtigten Besuch in Zeitz gemacht. Am 14. Aug. 1544 wird er in Zeitz angekommen sein.
21. und 23. August von Zeitz aus Briefe geschrieben und am 27. August wieder in Wittenberg angekommen ist, können wir, wenn wir eine zweitägige Reisezeit annehmen, als Endtermin des Besuches den 25. August vermuten. So lange ist er bei diesem Besuch in Zeitz gewesen, wie weder bei dem 1. noch bei dem 3. Besuch. Leider erfahren wir aus unseren Briefen nichts über das, was er in Zeitz getan, oder was er mit seinem Freunde verhandelt hat. Wir können nur annehmen, daß er dem Freunde in seinen zahlreichen Widerwärtigkeiten mit Rat und Tat treulich beigestanden, daß er durch seine Gegenwart das Evangelium in Zeitz mächtig gefördert hat, daß Amsdorf ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich gemacht, und daß die Bürgerschaft, soweit sie die neue Lehre angenommen, ihm viel Liebe und Ehre erwiesen hat. Bedauerlich war es daher, daß diese Reise ihm nicht die ersehnte Erholung gebracht. Nach seiner Rückkehr klagte er: „Ich bin aber itz beym kom̄en von Zeitz so müde des farens, daß ich nicht gehen noch stehen kan, schier auch sitzens uberdrussig." Gleich nach der Rückkehr, noch an demselben Tage, gab Luther dem Kanzler Dr. iur. Franz Pfeil, der sich nicht hatte nehmen lassen, den Reformator bis Wittenberg zu begleiten, einen herzlichen Dankesbrief an Amstorf mit zurück. Er dankt in demselben dem Freunde dafür, daß er ihn den Kanzler auf die Reise gegeben, und daß er die Kosten der Reise selbst übernommen habe; er dankt ihm aber auch für ein anderes Geschenk. Ohne Luthers Wissen hatte Amsdorf ihm einen silbernen Becher und Löffel in sein Reisegepäck stecken lassen, den Luther erst in Wittenberg entdeckte. Dem bescheidenen Luther war das gar nicht recht. Er schreibt darum in jenem Briefe, daß Amsdorf es wohl gut gemeint habe, wie einst Joseph, der seinem Bruder Benjamin auch seinen Becher heimlich in den Sack stecken ließ, daß er aber doch hätte bedenken sollen, wie unziemilch es für einen armen Theologus, der an einem niedrigen Orte geboren und nur auch an einen solchen gestellt sei, gelten müsse, aus Silber oder Gold zu trinken, und wie leicht es auch möglich sei, dadurch den Feinden und Gegnern des Gotteswortes ein Aegernis zu geben. Er wälze die Schuld auf Amsdorfs voreilige und ungestüme Verschwendungssucht, daß er durch seine Güte, nicht durch eigenen Willen, so hochmütig und eitel geworden sei. Beinahe hätte der Freund ihn mit seinem heimlichen Geschenk zum Diebe wider Willen gemacht, wie jener Wirt den Jakobspilger, der 1020 mit seinem Sohn nach Toulouse gekommen. Luther deutet damit auf eine Legende, die Jacobus a Voragine in seiner Legenda Aurea cap. 94 erzählt: Der treuloser Wirt steckte den beiden Jakobspilgern, Vater und Sohn, einen silbernen Becher heimlich in den Ranzen und beschuldigte sie dann des Diebstahls. Jeder nimmt die Schuld auf sich, um den andern zu retten. Der Sohn wird verurteilt und gehängt, ist aber, als der Vater nach 36 Tagen wiederkehrt, noch am Leben. Auch dieses Wunder wird durch die Tücke des Wirtes offenbar.
Der 3. Besuch
In der Beilage der Zeitzer Neuesten Nachrichten „Unsre Heimat im Bild" a. a. O. hören wir auch über Luthers dritten Besuch in Zeitz näheres. Es bleibt hier nur übrig, auf Grund unserer Briefe einiges ergänzend und erklärend hinzuzufügen. Luther, der sich nach Erholung für Leib und Seele sehnte, kam mit seinem Sohne Hans und Maugis am 27. Juli 1545 von Leipzig aus in Zeitz an. Wir sehen dieses Mal nichts von irgend welchen Vorbereitungen auf die Zeitzer Reise, Luther wird sie, einem früheren Vorsatze gemäß, geheimnisvoll und plötzlich angetreten haben, um nicht immer, wie damals, im letzten Augenblick gestört zu werden. Den Anlaß zu dieser Reise gab nicht nur der Wunsch, sich ein wenig zu erholen, sondern auch der Wunsch Amsdorfs, Luther möchte einer in Zeitz anberaumten Verhandlung in dem Streite der Naumburger Pfarrer Medlers und Mohr beiwohnen. Auch Cruciger, der Wittenberger Pfarrer, dessen Tochter mit Hans Luther vermählt war, sollte den Streit schlichten helfen. Medler scheint ein sehr begabter, aber auch sehr streitbarer Mann gewesen zu sein. In Naumburg, wohin er 1536 von Rodach aus gekommen war, hatte er mancherlei Unannehmlichkeit. Luther hatte sich schon öfter mit ihm beschäftigen müssen. Zunächst handelte es sich um eine Patronatsache. Luther rät dem Amsdorf, dem Medler gegenüber möglichst bis zur Visitation zurückhaltend zu sein; die Visitation werde schon aufklären, wie weit sich das Patronatrecht erstrecke. Luther rät weiter, dieses Recht den Widerwilligen nicht mit Gewalt abzunehmen, sondern mit ihnen zu verhandeln, damit sie freiwillig verzichteten. Uebrigens tadelt Luther ganz offen Medlers Herrschsucht. Medler hatte in Naumburg die „Töpper" excommuniciert. Man kann sich denken, welches Aufsehen diese Excommunikation in der Stadt verursachte. Luther riet auch hier dem Bischof zum Frieden. Den „Töppern" solle er befehlen, sich ruhig zu verhalten, Medler aber zwingen, dem, was zum Frieden diene, nachzusagen. Unerhört sei es, daß er es gewagt habe, auch ihn, den Bischof anzugreifen und seine Würde anzutasten. Nun aber kommt Medler selber nach Wittenberg, entschuldigt sich demütig, hebt als Person Amsdorfs glänzend heraus, leugnet, die Würde des Bischofs angetastet zu haben, und bittet Luther, ihm ein Verhör bei Amsdorf zur freien Meinungsäußerung erwirken zu wollen. Das Verhör kommt 1543 zustande. Obwohl dieses Verhör einen für Medler günstigen Verlauf genommen, war es Luther und der Wittenberger Wunsch, Medler am liebsten an einen andern Ort, etwa nach Zeitz, als theologischen Lector, zu versetzen. Aber aus dieser Versetzung wurde nichts. --- Nun kam zu dem allen noch der Streit zwischen Medler und seinem Naumburger Amtsbruder Mohr, der 1543 nach Naumburg gekommen war. Mohr beschwerte sich über Medler bei der Universität Wittenberg; diese lehnte die Klage ab und verwies ihn an Amsdorf. Vielleicht war dieser Beschluß auf eine Bitte hin gefaßt worden, welche der Naumburger Rat unter dem 30. April 1544 an die Wittenberger gerichtet hatte, den Medler, diesen ausgezeichneten Mann, nicht fortzunehmen. Aber auch das Verhör, des am 27. Juli 1545 in Zeitz vor Amsdorf in Gegenwart Luthers und Crucigers vorgenommen wurde, kam zu der Entscheidung, daß es am besten sei, beide, Medler und Mohr, von Naumburg zu versetzen. Medler, der schon am 20.4. ejd. a. Naumburg verlassen hatte, um der kranken brandenburgischen Kurfürstin Elisabeth als Prediger zu dienen, übernahm Michaelis 1546 die lange für ihn offen gehaltene Superintendentur in Braunschweig. Mohr hatte Naumburg am 31. Juli ejd. a. verlassen. Er blieb einstweilen ohne Amt.
Im Oktober 1545 tröstet Luther den Mohr, daß er nicht verzagen solle, denn er sei nicht aus Verachtung aus Naumburg vertrieben worden, sondern weil der Sache nicht anders geholfen werden konnte, als daß er mit Medler zusammen entlassen wurde. Als M. Georg Mohr im November 1545 bei Luther war, seufzte und klagte er, daß er ohne Stelle sei. Luther gab ihm einen empfehlen Brief an den Fürsten mit.
Es war noch anderes, was Luther bei seinem 3. Besuche in Zeitz anhören mußte: Der Abt von Bosau erschien bei Luther, bat ihn, sich für ihn bei Amsdorf zu verwenden, daß ihm, dem Greise und dem um das Kloster sehr verdienten Manne, auch wenn er sich verheiraten würde, die Leitung des Klosters auf Lebenszeit belassen würde. Luther schreibt am 16. Nov. 1545 von ihm, er solle ein nützlicher und treuer Haushalter sein, und fährt fort: „Es scheint nicht recht zu sein, wenn er entfernt wird, da er nicht mehr lange leben kann. Wenn er ein Weib heimführt, hat er erst recht Grund, denn ein Vergnügen wird es nicht sein können. Die Einsamkeit veranlaßt ihn, vermute ich, aber --- o daß er sich nicht irre! Amen." Zur näheren Erklärung sei auf das Folgende verwiesen: Im Zeitzer Heimatmuseum befindet sich aus dem ehemaligen Benediktiner-Kloster Bosau (unmittelbar bei Zeitz) ein Grabstein mit der Inschrift: „M DX hanß Sch...reqest in pace a." und mit dem Wappenschild, einem mit Nägeln besetzten Sparren. Es handelt sich um Johannes Scharpf, dem Vater des 1517 zum Bosauer Abt gewählten Jobocus Scarpfs. Nachdem der Vater einige Jahre in Kriegsdiensten gestanden, begab er sich zuletzt zu seinem Sohne nach Bosau und wurde praebendarius des Klosters. In dem
[Zeile unleserlich]
Schreiben, in welchem der Abt von Bosau dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen meldet, daß er dem Mönch Jakob Voigt 241 Stück Reliquien für den Kurfürsten übergeben habe; er bittet, in betreff der Holzsache im Altenburger Kammerforste Beförderung tun zu wollen. Das geschieht am Tage Pancratii auf Begehr des Kurfürsten. Dem Kloster stand nach altem Herkommen die wöchentliche Verabfolgung von 2 Fudern Holz aus dem Altenburger Kammerforste zu. Sollte der 1517 erwählte Abt Jodocus Scharpf der Stifter dieser Reliquien gewesen sein?
Aber es war doch noch ein ganz anderer, viel tieferer und gewichtigerer Grund, der Luther zum 3. Besuche in Zeitz veranlaßt hatte. Der Brief, den Luther am 28. Juli 1545 von Zeitz aus an seine Frau geschrieben, gibt uns ebenso überraschenden wie erschütternden Aufschluß. Luther will Wittenberg bei Rücken kehren; er begründet es mit sittlichen Aergernissen, die dort vorgefallen sind, ohne daß die Obrigkeit nach Gebühr eingeschritten. Am selben Tage reisten Hans Luther, Cruciger und Ferdinand von Maugis wieder nach Wittenberg zurück und übergaben den Brief an Frau Käthe. Alles nähere über den Brief, seinen Inhalt, seine Folgen usw. lesen wir a. a. O. in „Unsre Heimat im Bild". Der Kurfürst schreibt persönlich an Luther, sendet seinen Leibart Dr. Matthias Batzenberger mit diesem Briefe zu Luther nach Zeitz und sagt ihm Abhilfe der Beschwerden zu. Luther war am 30. Juli, Donnerstag, von Zeitz nach Merseburg gereist, wohin ihn Georg von Anhalt dringend eingeladen hatte. Am 19. August 1545 schreibt Luther von Wittenberg an Amsdorf: „Ich bin endlich am 18. August nach Hause gekommen, so voll von Blasensteinen, daß ich auch heute noch nicht von allen frei bin. Und wenn ich auch nicht von vielen Schmerzen, wie vorher, leide, so doch bis jetzt an unerträglichem Durst. Davon genug!" Fraglich ist, wo Luther sich nach der Abschiede von Zeitz am 30. Juli bis zum 18. August, dem Tage seiner Rückkehr nach Wittenberg, aufgehalten, ob in Merseburg oder noch einmal in Zeitz oder an einem andern Orte. Manche nehmen an, daß ein am 8. August von ihm geschriebener Brief von Zeitz aus geschrieben, er also von Merseburg aus noch einmal nach Zeitz zurückgekehrt und dann erst nach Wittenberg heimgekehrt sei.
Wir kommen zum Schluß. Mancher von Ihnen wird vielleicht von Inhalt des Vortrages wenig befriedigt sein. Seine Erwartung, die Chronik von Zeitz durch ihn bereichert zu sehen, ist getäuscht. Trotzdem möchte ich zu bedenken geben, ob nicht doch für die Zeitzer Reformationsgeschichte manches Wichtige in den Lutherbriefen vorhanden ist. Ist es nicht wichtig, aus den Briefen zu ersehen, daß Nikolaus von Amsdorf, der erste und letzte evangelische Bischof von Naumburg-Zeitz nicht in Naumburg, sondern in Zeitz residiert, daß ein außerordentlich inniges Freundschaftsverhältnis zwischen diesem Bischof und Luther nebst den Seinigen bestanden, daß Luther geradezu Sehnsucht nach dem Freunde gehabt hat? Ist es nicht wichtig, zu hören, daß Nicolaus von Amsdorf sich wahrscheinlich wegen der Gegnerschaft der noch katholisch gebliebenen Zeitzer Domherren und Domgeistlichen in Zeitz sehr unglücklich gefühlt und nach Magdeburg zurückgesehnt hat? Ist es nicht wichtig zu hören, daß er in dem Herrn von Creutz einen wenig angenehmen, in dem Dr. Franz Pfeil einen sehr lieben und treuen Kanzler gehabt und bei der Zeitzer Stadtgeistlichkeit willfähriges Entgegenkommen gefunden hat; nicht interessant zu erfahren, daß Luther sich immer wieder für die Errichtung des Zeitzer Konsistoriums bei dem kurfürstlichen Hofe eingesetzt und sich über die lange Verschleppung der Angelegenheit bei Hofe sehr offen ungehalten geäußert hat? Ich meine, auch diese Brief-Feststellungen verstärken mit vollem Rechte den Anspruch, Zeitz eine Lutherstadt zu nennen. --- Wir haben in diesem Jahre das vierhundertjährige Jubiläum der von Luther und seinen Freunden übersetzten und zum 1. Male im Drucke erschienenen Bibel gefeiert, --- auch dieser Vortrag möchte ein kleiner Beitrag zu solcher Lutherfeier sein. Haben auch Luthers Briefe unmittelbar nichts mit der deutschen Bibel zu tun, so haben sie doch sicher den Zweck gehabt, den Briefempfänger in der Verkündigung des lauteren Gotteswortes zu ermutigen.