Ueber die Aufnahme der Salzburger Emigranten in Zeitz und beim Zeitzer Domherrn Johann Martin Luther II. im Jahre 1732
(Mitgeteilt von E. Wollesen-Zeitz)
In der Bücherei des Reiner Stiftsgymnasiums befinden sich zwei interessante Schriftstücke, die von der Aufnahme der Salzburger Emigranten bei ihrem Durchzuge durch Zeitz handeln. Diese Schriftstücke sind allerdings nicht im Original vorhanden, sondern in der getreuen Abschrift des Johann Christian Grubner, eines Schwiegersohnes des vorletzten in Zeitz lebenden unmittelbaren Nachkommen D. Martin Luthers, des Lic. Johann Martin Luther II. Die Emigranten wurden von allen Zeitzern sehr freundlich aufgenommen und sehr reichlich versorgt, ganz besonders aber von Johann Martin Luther und den Seinigen; darum nimmt er auch in diesen Schriftstücken, in denen der Führer dieses Emigrantenzuges, Veit Hunsdorff, dem Danke für die stattliche Aufnahme beredten Ausdruck gibt, eine hervorragende Stellung ein.
1.
Gnade und Friede in Christo Jesu unserm Herrn. Amen.
Liebe Brüder in Christo, ich bin auch einer von denen 511 armen vertriebenen Salzburgem, welche ihr am vergangenen 5. Juli sehr freudig angenommen, gantz reichlich verpfleget, bewirthet und beschenket habt. Unsere Geistlichen haben bei der Vertreibung uns weis gemacht, wir würden unter den Evangelischen nicht einen Bissen Brodt kriegen und hinter den Zäunen liegen die andern vorgegangenen Salzburgischen, hätten Graß in Mäulern und wären so jämmerlich gestorben. Dieses alles aber ist nicht also. Gott sey Dank dafür! Ihr lieben Zeitzer habet unser Lied „Von Gott will ich nicht lassen", welches wir durch Eingang eurer Thore anstimmten, euch zu Hertzen gehen lassen, daß ihr uns alle gantz gerne und willig aufgenommen. Ihr habet uns in eure Häuser und Wohnung mit Freuden eingehen lassen; Ihr habet uns gantz väterlich mit Speis und Trank und Quartier versorget, auch habet ihr uns und unsern Kindern das nöthige Gewand gegeben und endlich am 7. Juli früh gegen 8 Uhr in Frieden wieder von euch reisen lassen. Am 6. Juli, den Sonntag, haben auf 200 Köpfe das heilige Abendmahl, davon die allermeisten zum 1. Mahl, in beiderlei Gestalt in der S. Michaeliskirche genossen. Wer weiß, ob ihr nicht auch Engel mit beherberget, wie in dem Brief an die Hebr. 13 v. 2 zu finden ist, deswegen es euch ewig wohlgehen wird. Gott vergelte euch alles in Christo Jesu. Wir wollen eure großen Wohlthaten rühmen von Kind zu Kindes Kind!
Besonders aber rühme ich mit meinem Weibe und drei Kindern die Barmherzigkeit, welche der bei euch wohnende hochwürdige Herr Johann Martin Luther, des seligen Herrn D. Martin Luther einziger Uhr-Uhr-Enkel, der älteste Domherr, auch beider Rechten Lizentiat, an uns gethan. Er nebst seiner gutthätigen Familie hat uns zwei Tage lang überflüssig gespeiset, mit Gewand versorget, auch das wunderschöne Buch „Arndts Wahres Christentum" auf die Reise geschenkt. Seinen von seinem Stammvater D. Martin Luthers ererbten Nahmen, welchen er auf mein inständiges Bitten darein geschrieben, vergesse ich nun und nimmermehr. Bey unserm Elend haben wir noch mehr Guths gekriegt, da wir von euren Mitbürgern gehört, daß des seel. D. Martin Luthers berühmter Stamm und Nahmen in der Welt durch diesen alten Herrn, einen Mann nunmehro von 70 Jahren, fortgepflanzt worden und unter der Sonnen nirgends von dem seel. H. D. Martin Luther leibliche Nachkömmlinge als in eurer Stadt Zeitz seyn, daß die Lutherische Wiederfahrer ein Zeichen nehmen können, wie der liebe Gott seine heilige Verheißung im 2. Buch Samuels im 7. cap. v. 9 an ihm und seinem Samen nach ihm erfüllet und diesem Geschlechte einen großen Nahmen gemacht, wie der Nahme der Großen auf Erden.
Ich bitte euch, liebe Zeitzer, ehret diesen grauen Kopf, den alten Herrn Luther. Ihr wisset wohl, daß im 3. Buche Moses cap. 19 v. 32 geschrieben stehet: „Vor einem grauen Haupte soltu aufstehen und die Alten ehren", zumahlen ihr und sonst kein Ort der Welt die Ehre habt, daß dieser älteste Reiß samt seinen andern Ausprößlingen von D. M. L. stammt.
Gott hat uns Fremdlinge als Christus Abgesandte zu euch gesendet, ihr habet uns gerne aufgenommen vielmehr als Königliche und Fürstliche Legaten und Diener nach dem Exempel des frommen Loth. Ja, ihr redet uns auch also selbst an, wie im Ersten Buch Mosis im 19. cap. und 2. Vers geschrieben ist. Gott wird euch im Himmel alles vergelten lassen nach den Wortten Christi Joh. 13 v. 10, in Davids 41. Psalm v 2 und 3, Matth. 10 v. 42. Gott wird euch, liebe Zeitzer, und euren frommen Loth, den grauen alten Herrn Luther, am jüngsten Gericht das Reich des Ewigen Lebens unsertwegen zur Vergebung geben, wie geschrieben stehet Matth. 25 v. 34, 35, 36 und 40 versicul. Dieses heilige Versprechen wird nicht ausbleiben. Euer Alter sey wie eure Jugend, euch seegne Vater und der Sohn, euch seegne Gott der Heilige Geist! Gott sey euer und eures Samens Gott nach euch und erquicke meinen alten Lutherischen Loth in Zeitz und versorge sein Alter, lasse sein Lutherisches Geschlecht immer fortgehen bis ans Ende der Welt! Der Herr sey sein, auch euer Fels und Burg und euer Erretter! Er seegne euch je mehr und mehr euch und eure Kinder, daß ihr sehen möget eurer Kinder Kinder! Wir sind euer Tag und Nacht eingedenk und erbitten zu eurer Ere und Lob vollkommene Gunst des Herrn, beydes, wenn wir öffentlich beym Gottesdienst das Gebeth sprechen, und wenn wir daheim insonderheit beten. Der Herr Christus bleibe mit seinem göttlichen Wort und Verheißung bey des seel. Lutheri Nachkommen alle Tage bis an der Welt Ende. Wir, ihr lieben Zeitzischen Wohltäter, glauben auch festiglich der göttlichen Verheißung und sind dessen in guter Zuversicht, daß der bei uns angefangen hat das gute Werk, der werde es auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi, Phil. 1 v. 6.
Gnade und Friede sey mit euch allen! Hierzu wolle der liebe Gott sprechen sein heiliges Amen!
Gegeben zu Halle am 9. Julit 1732. Gegeben in der Stadt Halle auf unsrer Reise aus dem Salzburg, Egypten in das Königl. Preuß. Canaan am 9. Julit 1732.
Gesamte aus 511 Köpfen am 7. Julit 1732 von euch abgereisete arme vertriebene, aber von Gott nicht verlassene Salzburgische Emigranten und Königl. Preußische Colonisten.
2.
Danksagung der Salzburgischen armen Emigranten an 511 Köpfen gegen die gutthätigen Christen in der Sächsischen Stiftsstadt Zeitz, besonders aber gegen den Hochwürdigen Herrn Johann Martin Luther, Eines Hochwürdigen Capituls daselbst ältesten Canoniquen und Custos, auch beider Rechte Licentiaten, als des seel. D. Martin Luthers einzigen Uhr-Uhr-Enkels, aus schuldigster Dankbarkeit ihm zu seinem am 17. August dieses Jahres erlebten Geburtstage übergeben von Veit Hundorffen armen vertriebenen Bauersmann aus der Salzburgischen Pflege in einem einfältigen Gespräch vorgestellet zwischen Veit Hundorffen, seinem Weibe und drei Kindern.
Veyß Hundorff zu seiner Familie
Wir haben itzo auf unserm Durchzuge von der Gräfl. Stadt Gera so viel Wohlthaten empfangen, daß wir solches nicht besser hoffen können; da wir nun so großem anhaltenden Regenwetter in diese Stadt Zeitz gekommen, so werden wir, wie uns die christliche Gemeinde zu Gera gesagt, auch alhier antreffen. Wir sind gantz abgemattet von der beschwerlichen Wanderschaft, unsre Kleider sind vom Regenwetter gantz durchgedrungen, daß wir keinen trocknen Faden am Leibe haben.
Sein Weib Werle
Schau, Männel, hier ist eine Jungfrau, die spricht, wir sollen mit Sie gehen zu ihrer Herrschaft, da fänden wir eine gute warme Stube und einen vor uns zubereiteten Tisch, daß wir uns auspflegen könnten.
Veit
Ey, Weiberl, wir wollen mit gehen mit unsern Kindern. Gott hat uns auf unsrer 5-wöchentlichen Reise noch nicht verderben lassen. Ey, die Botschafft ist wie von einem Engel. Gott führt uns doch wunderbahr aus unserm Saltzburgischen Diensthauß Egypten auf der langen Reise in unser Preußisches Canaan. Kommt, Werla, wir wollen gehen. Wir kommen vielleicht zu einem guten Evangelischen Israeliten. Mutter, nimm's kleine Mädle auf'n Arm. Und du, mein Sohn Lipp, sag's dem Knechte, daß er unterdessen das Pferd ausspannen und füttern soll. Siehe, Weiberl, die Jungfer spricht, hierinnen wäre das Haus ihr Herrschaft. Gehe nein zum Herrn, ich will weder auf'n Markt gehn zum Knechte und unser nasses Gewand hohlen.
Merle, das Weib,
fragt die Dienstmagd, wie heiße der Herr im Hause, wo ist er? Welche antwortet: Er heißt „Herr Lic. Luther" und ist in der Stuben. Gehet nur ein. Diese tritt ein und spricht: Gott grüß den Herrn; es gehe dem Herrn allezeit wohl!
Es. 44 v. 3. Hosea 14 v. 9. Gal. 1 v. 11.