War in Traupitz ein Kloster?

Von E. Wollesen - Zeitz

Der leider viel zu früh verstorbene unvergeßliche Ostrauer Pfarrer Begrich bat mich, ihm auf die obige Frage Antwort zu geben; er fügte hinzu, es ginge in Traupitz und Umgegend das Gerücht, es hätte in dem Dorfe ein Kloster gestanden. Gern erfüllte ich ihm seine Bitte und gab ihm Antwort. Da diese Antwort für die Bewohner von Traupitz und Umgegend einiges Interesse haben wird, sei sie in etwas genauerer Ausführung an dieses Stelle mitgeteilt.

Der Bischof Thietmar von Merseburg aus dem Geschlecht der Grafen von Walbeck erzählt in seiner Merseburger Chronik (8. Buch S. 327 ff.), daß zu der Zeit, als Heinrich (II.) König war, also zwischen 1002 und 1024, zu Thrubizi eine Einsiedlerin namens Sisu von ungemeiner, unermessener Frömmigkeit lebte. Da nun diese Sisu zur Zeit Ottos d. Gr. erwachsen war und von jemand zur Ehe begehrt wurde, entfloh sie eiligen Laufes in die Arme Christi und unternahm es, an einem abgeschiedenen Orte in dieser Stadt (urbs) sich ihrem himmlischen Bräutigam als eine keusche Jungfrau darzubringen, und war 64 Jahre lang unablässig bemüht, sich selbst mehr, als die menschliche Schwäche und Hinfälligkeit gestattete, unbefleckt zu bewahren. Sie lag im Innern ihrer Zelle fortwährend mit Tränenströmen untermischten Gebeten ob, nach außen zu aber nütze sie der zusammenströmenden Gemeinde gar viel durch häufiges Lehren und nötige Tröstung. Was sie von den unablässig ihr zuströmenden Leuten an Gaben empfing, entzog sie sich und verteilte es unter die Armen Christi in reichem Maße und sühnte dadurch die Sünden der Geber.

Welchen Ort haben wir nun unter Thrubizi zu verstehen? Die einen meinen, es sei Traupitz im Kreise Zeitz damit gemeint, die anderen dagegen entscheiden sich für Drübeck am Harz, zwischen Wernigerode und Ilsenburg gelegen. Der erste, welcher für Traupitz eintrat, war wohl Ursinus; er bemerkt in seiner Uebersetzung der Merseburger Chronik, die lateinisch geschrieben war, S. 538: „Zu Thietmars Zeiten war dieser Ort ein Städtchen, jetzt hat er sich, wie unzählige andere, in ein Dorf verwandelt, heißt Traupitz und liegt im Stifte Zeitz" (1792). Dieselbe Bemerkung wiederholte er in seiner lateinischen Ausgabe von Wagner, seinem Schwiegersohn. Seit Ursinus sind auch neuere Bearbeiter, so z. B. ein so tüchtiger Forsher wie [Lappenberg]{.mark} scheint nach unser Zeitzer Chronist Zergiebel gefolgt zu sein, denn er bemerkt in der Zeitzer Chronik, Band IV, in einer Fußnote: „Nach Thietmar soll 1215 in Traupitz ein Kloster." Dabei ist die Jahreszahl sicher ein Druckfehler, denn Thietmar, der von 1008 bis 1018 Bischof von Merseburg war, konnte nichts über das Jahr 1215 wissen. Zwei Gründe führen die, die für Traupitz eintreten an: Die Aehnlichkeit des Namens Thrubizi mit Traupitz und die Bezeichnung des Klosterortes als urbs.

Mit viel mehr Gründen treten aber nun andere Gelehrte, so namentlich der bekannte eifrige und zuverlässige Wernigeröder Ed. Jacobs und der hallische Dr. Julius Schadeberg, für Thrubizi gleich Drübeck ein. Ihre Gründe seien im Folgenden kurz angegeben: 1. Thietmar gebraucht die Endung bizi häufig für biki = beke = rivus = Bach; so hat er selbst Wallibizi lateinisch übersetzt durch rivus silvaticus = Waldbach. Die Endung von Thrubizi ist also gar keine wendische, wie die von Traupitz (Trupicz 1296 und 1299), sondern eine rein deutsch.

2. Ursinus ließ sich durch das Thietmarsche „urbs" zu dem Glauben verführen, dieses Thrubizi sei eine Stadt in unserem Sinne gewesen, während es doch bekannt ist, daß alle befestigten Orte im frühen Mittelalter urbes oder civitates und deren Bewohner, d. h. Besatzungen urbani, cives hießen. Auch Klöster, wenn sie so gebaut waren, wie Heinrich durch sein Gesetz bestimmt hatte, galten für urbes, civitates oder wenigstens für oppida. Daß Drübeck seit Alters eine urbs oder civitas im Sinne eine mit Türmen, Mauern und Toren versehen festen Orts war, dafür stützen wir uns nicht auf allgemeine Annahmen, sondern auf urkundliche Nachrichten, die bis ziemlich tief ins Mittelalter reichen und von Befestigungstürmen reden, von denen manche sogar bis auf die Gegenwart gekommen sind. Das Dorf Traupitz wird kaum allgemeine Befestigungen gehabt haben; wenigstens berichtet seine Geschichte ebenso wenig von solchen Befestigungen wie von einer Klosteranlage.

3. Kunigunde, die Mutter Thietmars, stand mit Thrubizi in Verbindung; Thietmar erzählt darüber: „Sie war voll Liebe gegen meine Mutter, und diese gelobte ihr fest, ihr Andenken auf ihre künftige Nachkommenschaft bringen zu wollen." Wie kamen die Walbecker, die doch in dem Weserlinger Kreise, in Nordgermersleben, in Wolmirstedt, Hötensleben usw. ihre Heimat hatten, oder gar die Grafen von Stade dazu, den von den Wenden damals bewohnten Kreis Zeitz aufzusuchen und die Sisu dort aufzustöbern? Erst mit Thietmar ist das Geschlecht der Walbecker in Länder an der Saale, Eister und an dem Salzsee gekommen und sofort auch wieder mit dem 1038 gestorbenen Pfalzgrafen Siegfried, dem Gründer des Klosters Wimmelburg, verschwunden.

4. Für Drübeck spricht auch das häufige Vorkommen der Einsiedler und der Einsiedlerinnen gerade am Nordharz, besonders ihre Verbindung mit Klöstern, wie das Wanlef mit Ilsenburg, der Bia und Adelheit sowie des Eggehard mit Huysburg. Aus der Traupitzer Gegend hören wir um jene Zeit, aber auch sonst nichts von solchen Einsiedlern.

5. Zu beachten ist auch, daß gerade ein Halbestädter Totenbuch und ein zweites aus dem wenigstens von Drübeck nicht allzu entfernten Lüneburg den Todestag der Einsiedlerin Sisu verzeichnet haben.

6. Der um die Mitte des 12. Jahrhunderts im Halberstädtischen schreibende Sächsische Annalist ließ sich nicht durch die slawisch klingende Endung bizi verleiten, sondern erzählt von einer zu Drübeck beim Kloster zurückgezogen lebenden Einsiedlerin. Da der sehr wohl unterrichtete Sächsische Annalist jedenfalls nicht sehr entfernt von dem bischöflichen Kloster schrieb, so konnte er Thietmars Angaben wohl mit der Geschichte des Klosters Drübed prüfeck.

7. Es ist sogar gelungen, noch genau die Stelle nachzuweisen, an welcher damals die fromme Einsiedlerin der alten dortigen Stiftung weit über ein halbes Jahrhundert ihr weltentsagendes gottgeweihtes Leben führte. Unsern dem Kloster nach Osten, östlich vom Obstgarten des Nonnenhofes, lag die Klus oder Klause, die als kirchliche Stiftung, später mit der Ortspfarre vereinigt, noch am Anfang des 17. Jahrhunderts als eine Reliquie notdürftig fortbestand, bis sie nach 1611 abgetragen und zuletzt ganz aus der Erinnerung der Ortsbewohner verschwand. Die Klus lag zwar abgesondert von dem Kloster, aber doch im Schutze der einst den Klosterort umfriedigenden Mauern, Türme und Tore wahrscheinlich

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Drübeck sein vornehmes Kloster. Kurze Zeit darauf sehen wir in diesem angesehenen Königstift, dem die deutschen Kaiserinnen und Königinnen Adelheid und Kunigunde ihre Gunst zugewandt hatten, im Sommer des Jahres 1025, die königliche Aebtissin Adelheid, Schwester Otto's III., mit den Ihrigen der Königstochter Beatrix auf die Kunde ihres Eintreffens entgegenkommen, um sie mit königlichen Ehren nach Quedlinburg zu führen, wo der Mutter Gisela Sorge sie vor dem Römerzuge ihres Vaters, Konrads II., bergen wollte. Wäre Traupitz der Ort eines so vornehmen Klosters gewesen, es wäre sicherlich mehr als ein Gerücht auf uns gekommen.

So ist es denn genugsam bewiesen, daß nicht Traupitz bei Zeitz, sondern Drübeck am Harz unter den Thietmarschen „Thruzibi" zu verstehen ist. Und dennoch wurde etwas über ein Jahrhundert später eine Verbindung zwischen Drübeck und Zeitz hergestellt. 1147 stiftete Bischof Udo von Naumburg-Zeitz, anknüpfend an das Werk seines Vorgängers Dietrich, kurz bevor er sich einem Zuge ins heilige Land anschloß, zur sittlichen Hebung des gar zu rohen und ungebildeten Volkes an seinem Bischofssitze Zeitz das St. Stephans-Kloster als eine Pflanzstätte christlicher Bildung für Jungfrauen. Da waren de die Aebte Bernhard von Clairvaux, Heinrich von Walkenried und [Adelbrecht von Sforte]{.mark}, welche ihm rieten und getreulich zuredeten sich hierzu aus Drübeck Klosterjungfrauen zu erbitten. Das geschah auch. Dem Konvente au dem Harz[kloster]{.mark}, den die Aebtissin unter dem Geleite des Propstes mit der gesamten Stiftsgeistlichkeit einen feierlichen Empfang. Diesem Konvente war es beschieden, hier an den Marken des christlichen deutschen Landes gegen das kaum gewonnene Wendenland an der Lösung einer großen Kulturaufgabe mitzuwirken.

Literatur:

[1) (von) Spring's JahrbuchZeitzer Chronik, IV. Band, S. 374,
2) ..., 3. Buch, S. 327,
3) Leuckert, Berlin 1848,
4) ...,
5) ... 188--309,
6) ..., Germaniae script. VI. S. ...]{.mark}