Kelch der Kirche zu Werben in der Altmark.
Die ausgezeichnete Lage der Stadt Werben, am linken Ufer der Elbe, dem Einflusse der Havel gegenüber, gab derselben zur Zeit, als die Deutschen in die Slavenländer vordrangen, und wieder vertrieben, wenigstens das linke Ufer festzuhalten und von dort aus ihre früheren Eroberungen zu erneuen bestrebt waren, lange Zeit hindurch eine besondere Bedeutsamkeit. Namentlich im XI. Jahrhundert, wo jene Kämpfe vorzugsweise stattfanden, war die Veste Werben fast fortwährend der Mittelpunkt heissester Kämpfe, und befand sich bald in den Händen der deutschen Christen, bald in denen der slavischen Heiden. Nachdem jedoch Albrecht der Bär siegreich über den Strom vorgedrungen und die deutschen und christlichen Grenzen mit denen seiner Markgrafschaft weiter gegen Osten hin gerückt hatte, übergab er die Kirche zu Werben, nebst vielen Grundstücken umher, i. J. 1160 dem Johanniter-Orden, der dieselbe bis zu seiner in neuester Zeit erfolgten Säcularisation, anfänglich als Hauptsitz der Ballei Brandenburg, später als Commende besass.
Der im rundbogigen Ziegelbau aufgeführte mächtige Thurmbau dürfte noch dem XII. Jahrh. angehören, also bald nach Besitznahme durch die Johanniter erbaut worden sein; doch mit Ausnahme des Obergeschosses, welches den Uebergangsstyl zeigt. Die Kirche selbst wurde in zwei Abschnitten innerhalb des XV. Jahrh. an Stelle eines älteren Baues in elegantester Weise erneuert; sie zeichnet sich vorzugsweise durch eine Reihe von Glasgemälden aus, die, obschon bereits der zweiten Hälfte dieser Spätzeit angehörig, doch dem Vorzüglichsten beigemessen werden müssen, was uns von Glasmalerei erhalten ist. Sie wurden, laut der daran angebrachten Inschriften i. J. 1467 durch Churfürst Friedrich II. geschenkt, dessen Wappenschilder hier von der Kette des Schwanenordens umgeben erscheinen --- beiläufig gesagt, unter den vorhandenen Darstellungen die älteste sicher datirte, die den Forschern und namentlich dem neuesten Schriftsteller über diesen Orden, Freiherrn v. Stilfried, der alle noch vorhandenen Abbildungen zu sammeln sich bestrebte, noch entgangen ist. Diesmal wollen wir uns aber mit einem anderen Schatze dieser Kirche beschäftigen, einem Kelche aus vergoldetem Silber, über dessen Form und künstlerische Ausschmückung die beifolgende Tafel IV. das Nähere ergiebt. --- Der 6¼ Zoll Rhl. hohe und 5¾ Zoll in der oberen Schale und im Fusse breite Kelch, ebenso die dazu gehörige Patene, ist auf der vorstehenden Abbildung (Fig. 1. 2) im dritten Theile der wirklichen Grösse dargestellt: die Hauptform im Ganzen noch sehr einfach, nur im mittleren Buckel, welcher als Handgriff dient, etwas reicher ausgebildet. Die übrigen sonst ganz glatten Theile, Fuss und Becher, sind jedes nur durch vier Medaillons mit biblischen Darstellungen geschmückt. Während die des ersteren ganz isolirt auf dem glatten Grunde liegen, werden die des letzteren unter einander durch ein Ornamentband verbunden, das in flachem Relief mit verschiedenartigen Mustern des ausgebildeten romanischen Styls geschmückt ist. Diese Ornamentik nicht minder wie die noch sehr einfache Hauptform des Kelchs, ebenso der Styl der Zeichnungen jener gravirten Medaillons, welche im Folgenden näher betrachtet werden sollen, lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass das Kunstwerk am Ende des XII. oder Anfange des XIII. Jahrh. angefertigt wurde, also bald nachdem die Kirche zu Werben in die Hände der Johanniter gekommen war. Wir würden kein Bedenken tragen diese Annahme noch bestimmter auf das XII. Jahrh. zu präcisiren, wenn nicht der Ornamentstreifen mit dem Vierblatt innerhalb eines Rhombenmusters doch schon einen etwas jüngeren Charakter andeutete, weshalb wir die genauere Feststellung vorläufig anheim geben. Ob das Kunstwerk in Werben oder dessen Umgegend angefertigt worden, oder von ausserhalb dorthin gekommen, darüber fehlt es an jeder Nachricht oder sonstigem Aufschlusse, weshalb wir auch hierüber uns nicht zu äussern wagen. Bemerkenswerth aber ist noch, dass ein zweiter Kelch derselben Kirche, nach Form, Ausschmückung und Inschrift der zweiten Hälfte des XVI. Jahrh. angehörig, die Gegenstände der Darstellung unseres älteren Kelches in damaliger Kunstweise wiederholt darstellt. Als Grund wird angegeben, dass, als die Stadt bereits die Reformation angenommen, der Comthur noch in der römischen Kirche verblieben sei und der Gemeinde den Gebrauch sowohl der Kirche wie des Kelchs nicht zugelassen habe, weshalb diese sich vorläufig mit der kleineren Kirche des heil. Geist-Hospitals begnügt und einen neuen Kelch habe anfertigen lassen, dem der ältere im Allgemeinen als Muster diente. Jetzt dienen beide vereint demselben Gottesdienste in derselben evangelischen Kirche. v. Q.
In ikonographischer Beziehung haben wir über die auf dem unserer Ansicht nach aus dem XIII. Jahrh. herrührenden Kelche befindlichen Darstellungen folgende Bemerkungen zu machen. Es umgeben zunächst die Cuppa desselben vier durch einen erhabenen Ornamentstreifen verbundene gravirte Medaillons, auf denen solche alttestamentliche Vorgänge dargestellt sind, welche als Typen des h. Abendmahles und des Opfertodes Christi betrachtet werden. Wenn sonst den alttestamentlichen Typen der neutestamentliche Antitypus gegenübergestellt zu werden pflegt, so war eine bildliche Darstellung des letzteren hier überflüssig, indem der Kelch selbst das neue Testament in dem Blute des Herrn substantialiter aufzunehmen die Bestimmung hat. Die einzelnen Typen (Fig. 3---6) sind:
- Abraham und Melchisedeck, mit dem Hexameter als Umschrift:
† MELCHISEDECH. RITE. DAT. ABRAM DVO MVNERA. UITE.
Abraham kommt aus dem Feldzuge gegen die neun Könige siegreich zurück; er bringt den Zehnten von der gemachten Beute dem Könige Melchisedeck von Salem, dem Priester Gottes des Allerhöchsten, dar, welcher ihm seiner Seits segnend mit Brod und Wein entgegentritt. Es ist bekannt, wie im neuen Testamente selbst (Ebr. 7) dieser denkwürdige Vorgang (Gen. 14), als Vorbild des Hohepriesterthums Christi und von vielen Kirchenlehrern das Brod und der Wein als Typus des Messopfers aufgefasst wird. Melchisedeck erscheint mit dem Hostienkelch in der Hand in der Tracht eines christlichen Priesters, angethan mit der alterthümlichen Casula (inter brachia plicata), die er mit den Armen emporhebt. Unter derselben trägt er die Alba mit übergehängter Stola, und die Kopfbedeckung allein erinnert an den alttestamentlichen Priester. Abrahams Gestalt ist nicht vollständig zu sehen; in späteren Darstellungen derselben Geschichte erscheint er in voller Ritterrüstung und ohne den Zehnten, welchen er hier auf einem unterbreiteten Tuche dem Melchisedeck darbietet. Worin der Zehnte besteht, ist schwer zu sagen; es könnten Goldklumpen sein. --- Die Scene selbst ist in eine Kirche verlegt; hinter Melchisedeck erblickt man den Altar.
- Die Opferung Isaaks, mit der Umschrift:
† ABRAAM IMMOLAT FILIVM SVVM YSAAC.
Abraham, der seines einzigen Sohnes nicht verschonet (Gen. 22, 12) ist ein Vorbild Gottes, welcher auch des eigenen Sohnes nicht verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahin gegeben (Rom. 8, 32), Isaak also ein Vorbild des Opfers Christi. Diese Darstellung gehört seit den ersten christlichen Jahrhunderten zu den am häufigsten wiederkehrenden und entspricht auch hier dem gewöhnlichen mittelalterlichen Typus, von dem unser Künstler nur etwa in den verbundenen Augen des Isaak sich eine, aber sehr passende Abweichung erlaubt hat. Letzterer, der sonst fast als Jüngling dargestellt zu werden pflegt, erscheint hier in rührender Weise als ein zarter Knabe, zu schwach freilich, um das Holz zum Brandopfer tragen zu können. Die blosse Andeutung der Hecke, in welcher sich der Widder mit den Hörnern verfangen hat, wird durch den engen Raum des Medaillons motivirt.
- Moses und die eherne Schlange, mit der Legende:
† MOYSES CVM. HEREO. SERPENTE.
Dieser Vorgang (Num. 21) ist von dem Heiland selbst (Joh. 3, 14) auf seinen Tod gedeutet worden und findet sich in der christlichen Kunst auch stets in diesem Sinne dargestellt. Die Auffassung unseres Künstlers ist völlig dem überlieferten Typus gemäss. Vor Mose steht ein israelitischer Mann in der jüdischen Tracht des Mittelalters mit Spitzhut und kurzem Mantel.
- Elias und die Wittwe von Sarepta, mit der Umschrift:
† PAVPER. MVLIERCVLA. HELIAS. PROFE.
Wir sehen hier deutlich eine Darstellung des im ersten Buche der Könige 17, 10 ff. erzählten Vorganges. Der Prophet Elias kommt in der Zeit der Dürre auf Befehl des Herrn nach Sarepta und findet vor dem Stadttor die ihm von Gott als Versorgerin bezeichnete Wittwe mit Holzauflesen beschäftigt. Er verlangt von ihr ein wenig Wasser zu trinken und einen Bissen Brods zu essen; sie aber erwidert: So wahr der Herr, dein Gott, lebet, ich habe nichts Gebackenes, ohne eine Hand voll Mehl im Kad und ein wenig Oel im Kruge, und siehe ich habe ein Holz oder zwei („duo ligna" in der Vulg.) aufgelesen; und gehe hinein und will mir und meinem Sohne zurichten, dass wir essen und sterben. --- Dies ist der Gegenstand der Darstellung: der Prophet steht bittend vor dem armen Weibe; diese, das gesammelte Holz in einem Bündel auf dem Rücken und die zuletzt aufgelesenen „duo ligna" in den Händen, hört seine Rede zu. Hier ist der Vergleichungspunkt mit dem Opfertode Christi schwer zu finden, zumal bei der Seltenheit der Darstellung gerade dieses Momentes aus der Geschichte des Elias und der Wittwe von Sarepta. Der Umstand, dass die Frau die beiden Hölzer, in offenbarer Absichtlichkeit des Zeichners, T förmig hält, liesse zunächst auf ein Vorbild der Kreuztragung Christi schliessen; es ist aber möglich, dass an eine künstlichere, weiter hergeholte, dem Mittelalter nicht fremde Allegorie im Sinne der Kabbalistik zu denken ist, wobei fest zu halten bleiben würde, dass die „duo ligna" sicherlich als Typus des Kreuzes Christi aufzufassen sind. Der „panis subcineritius", den Elias (Vs. 13) die Wittwe mit dem aufgelesenen Holze backen heisst, galt nachweislich für ein Symbol Christi nach seiner menschlichen Natur.[1]
An den vier Seiten des Knaufes sind in kleinen Medaillons die Evangelistenzeichen angebracht, welche als Repräsentanten des neuen Testaments öfter gerade an den Kelchgriffen vorkommen (Fig. 7---10).
Am Fusse befinden sich wiederum 4 Medaillons (Fig. 11---14) mit gravirten Bildern, zwei neutestamentlichen und zwei alttestamentlichen. Als Hauptdarstellung ist zunächst die auch sonst auf Kelchfüssen häufige Kreuzigung Christi angebracht, mit der Umschrift:
† YHESVS NAZARENVS. REX. IVDEORVM
welche die Stelle des an dem Kreuze selbst fehlenden Titulus vertritt. Der Crucifixus ist nach dem späteren Typus mit geneigtem Haupte, übergelegtem rechten Fusse und mit drei Nägeln angeheftet dargestellt; die wagerechte Haltung der Arme, die mangelnde Dornenkrone und der volle, von den Hüften bis zu den Knieen reichende Schurz erinnern noch an die ältere Darstellungsweise.[2] Die Gestalten der Maria und des Johannes unter dem Kreuze sind nach dem hergebrachten Typus aufgefasst; die Mutter jedoch nicht, wie der Jünger, mit zur Wange erhobener Hand, sondern, was eben so oft vorkommt, mit emporgehobenen Händen. --- Auf der entgegengesetzten Seite des Kelchfusses ist die Verkündigung Mariä angebracht, wohl nicht als im Zusammenhange mit dem heil. Abendmahle stehend [3], sondern überhaupt nur als der Anfang des Standes der Erniedrigung Christi gegenüber der Kreuzigung als dem Ende desselben, wie auch die Sage, welche beide Ereignisse auf denselben Jahrestag (25. März) verlegt, die gegenseitige Beziehung derselben andeutet. Die Darstellung selbst hat in ikonographischer Beziehung nichts Bemerkenswerthes, und die Umschrift enthält den Gruss des Engels:
† AVE. MARIA. GRACIA. PLENNA. DOMINVS. TECVM T.
Die beiden noch zu besprechenden alttestamentlichen Bilder sind bekannte Typen der unbefleckten Empfängniss; zunächst Moses, zu welchem der Herr aus dem feurigen Busche redet (Exod. 3), in herkömmlicher bildnerischer Auffassungsweise; doch scheint die freilich nicht recht verständliche Umschrift:
† QVOD RVBVS VT FLAMMA. TV. PORTASTI. VIRGO. M. F.
nicht den sonst gewöhnlichen Vergleichungspunkt der Unversehrtheit des brennenden Busches und der leiblichen und geistigen Unversehrtheit der Jungfräulichkeit Mariä festzuhalten, sondern, in Uebereinstimmung mit der Ansicht vieler Kirchenlehrer, vielmehr anzudeuten, dass es derselbe gewesen, der sich im Busche dem Moses geoffenbart, und den Maria unter dem Herzen getragen: Gott der Sohn. --- Das letzte Medaillon endlich stellt den Gideon dar, welcher vor dem durch Regen aus gestirntem Himmel wunderbar bethauten Vliese betet (Richter 6, 36), und nach üblichem Typus in der Tracht eines mittelalterlichen Kriegers mit bewimpelter Lanze, mit Schwert und Schild erscheint.[4] Die naheliegende Vergleichung des wunderbar durch Himmelsthau benetzten Vliesses mit der übernatürlichen Empfängniss Mariä scheint durch die nicht ganz vollständige Umschrift:
† FVSA CELI RORE TELLVS. FVSV̅. IEDEONIS VEL' V̅I̅TATIS P.
welche nur das zwiefache Wunder der abwechselnden Befruchtung des Vliesses und der Erde ausspricht, nicht besonders hervorgehoben.
Die zu dem Kelche gehörige Patene, welche auf dem Rande mit dem gewöhnlichen Weihekreuze bezeichnet ist, erscheint mit dem gravirten Kniestück des todten Christus, mit Alpha und Omega zu den Seiten desselben (Fig. 15), auf das würdigste geschmückt. Der Hexameter der Umschrift bezieht sich auf das Dogma von der Unendlichkeit des verklärten Leibes Christi und lautet:
EDITVR. HIC. IHESVS. ET PERMANET. INTEGER. ESVS.
Im Allgemeinen ist schliesslich noch auf die geschichtliche Genauigkeit hinzuweisen, welche der Künstler darin an den Tag legt, dass Moses vor dem feurigen Busch noch ohne die ihm erst durch die Theophanie auf dem Sinai zu Theil gewordene „facies cornuta" erscheint, deren Hörnerschmuck er auf dem Bilde der ehernen Schlange trägt. Ferner heisst Abraham in der Umschrift seiner Begegnung mit dem Melchisedeck noch ABRAM, wird dagegen bei der Opferung Isaaks mit dem ihm seit der Beschneidung ertheilten Bundesnamen ABRAAM benannt. --- Wiedergewöhnlich tragen sämmtliche alttestamentliche Gerechte, die auf dem Kelche dargestellt sind, mit alleiniger Ausnahme des Gideon, den Heiligenschein um das Haupt, der sonst nur den neutestamentlichen Heiligen zukommt.
In epigraphischer Beziehung ist die offenbar mit Absicht angebrachte Vermischung römischer und neugothischer Majuskeln zu bemerken, und das Vorkommen einiger Buchstaben, welche sich den Formen der eckigen Minuskel nähern: das v in der Umschrift des Gideon und das h in dem Namen des Propheten Elias. Einzelne Ungenauigkeiten in der Sprache und Rechtschreibung deuten auf die mangelhafte Latinität des trefflichen Künstlers.
Otte.