MANNICHFALTIGES.
MANNICHFALTIGES.
I. Kleinere Aufsätze und Notizen.
1. Wappen des S. Johanniter Ordens der Ballei Brandenburg.
Zu den noch wenig gewürdigten Kunstwerken unseres Vaterlandes gehören die Glasmalereien mehrerer Kirchen der Altmark und der benachbarten Priegnitz. Vor allen sind es die der Kirche zu Werben (deren schöner Kelch schon neulich von uns [I. 2. S. 69] beschrieben wurde), welche mit Recht mindestens einen Lokalruf erlangt haben. Wir behalten uns vor, die sehr eigenthümliche Kirche und deren übrige Monumente besonders darzustellen, indem wir diesmal nur eins ihrer Glasgemälde vorführen. Wenn auch die Fenster der dem Mittelschiff gleich hohen Seitenschiffe und deren Polygonendigungen gleichfalls mit Resten von Glasgemälden versehen sind, so ist es doch vorzugsweise der siebenseitige Chorschluss der Kirche, welcher unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Von den fünf Fenstern desselben sind die beiden äusseren niedriger, als die drei mittleren, und nur noch jedes mit einer einzelnen Apostelfigur geschmückt. Dagegen sind jene drei grösseren Fenster, trotz einzelner Lücken, doch noch als wohlerhalten zu nennen. Das südlichste derselben zeigt in zwei Gruppen den Sündenfall: Adam und Eva unter dem Baume, und dieselben aus dem Paradiese vertrieben; eine dritte Gruppe fehlt jetzt. Die Figuren sind stets mit grünen Bäumen gemischt. Die erste Gruppe ist auf rothem, die zweite auf blauem Grunde. Zu unterst zeigen die Abtheilungen des Fensters drei Wappen nebeneinander, von denen aber das südlichste jetzt ausgefallen ist. Jedes derselben ist mit der Kette des Schwanenordens umgeben, dessen Kleinod herabhängt, und von dem Helm mit dessen Zierraht überstiegen. Das mittlere Wappen ist im weissen Felde der rothe brandenburgische Adler, überstiegen von dem goldnen, mit einer goldnen Krone geschmückten Helme, aus dem zwei schwarze mit goldnen Herzen bestreute Adlerflügel emporwachsen. Das nördliche Feld zeigt den Nürnberger Löwen mit dem dazugehörigen Helmschmucke der Büffelhörner. Das dritte jetzt fehlende Wappen wird unzweifelhaft der quadrirte Zollernschild gewesen sein. Darunter steht die Inschrift:
Vrede rich von g lades ghenade̅ markgr[ave to bran . . . .
. . . ka merer de s hilchen Romische̅ rikes un̅[de kurfurst . . . .
Zu bemerken ist, dass die eingeklammerten Stellen fehlen und daher hier ergänzt sind; die Fortsetzung der Inschrift unter dem ehemaligen dritten Wappen fehlt gleichfalls gänzlich. Sicher geht aus dem Vorhandenen jedoch hervor, dass dieses Kunstwerk noch von dem Stifter des Schwanenordens herrührt. Das nördliche Fenster giebt die Jahreszahl (ano. dni. m°. cccc°. lx°vii°.) 1467 als Zeit der Errichtung, wodurch zugleich obige Abbildungen des Schwanenordens unter allen bisher bekannt gewordenen als die ältesten mit einer Jahreszahl versehen festgestellt werden. Wichtiger aber noch sind die zwei Darstellungen dieses Fensters: unten der Tod, oben die Krönung der Maria (letztere zwischen Gott Vater und Sohn), welche unzweifelhaft zu den vorzüglichsten Kunstwerken dieser Art gehören, die wir besitzen. Bei grossartigster Conception der ganzen Anordnung und Gruppirung ist vorzugweise die hohe Schönheit der Gestalten und vor allem der Köpfe, welche uns anzieht. Ich wüsste ihnen seit den Zeiten des Meister Stephan kaum etwas Aehnliches in Deutschland an die Seite zu stellen. Man erkennt darin nur den wohlthätigen Einfluss der van Eyckschen Schule, ohne deren Härten, welche die einheimische Kunst im übrigen Deutschland --- so schroff gebrochen hat. Ich stehe nicht an, diese beiden Glasgemälde für die schönsten malerischen Kunstwerke der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts in Deutschland anzunehmen. Die Blüthe der Glasmalerei zu dieser Zeit scheint in der Mark Brandenburg die hier fehlende Schule der Staffeleimalerei zu vertreten.
Das mittlere Hauptfenster zeigt die Figuren der Maria mit dem Kinde zwischen S. Johannes dem Täufer und der heiligen Katharina, alle drei von reichem Tabernakelwerk überstiegen. Zu unterst zeigen die drei blaugemusterten Felder ebenso viel schwebende Engel in weissen Gewändern mit wenigen farbigen Streifen und reichen Flügeln von grünen und goldnen Pfauenfedern. Jeder hält einen schräggelehnten Schild: der mittlere weiss, mit dem rothen brandenburgischen Adler, die beiden andern auf rothem*[1]) und schwarzem Grunde mit dem weissen Johanniterkreuze, das hier, wie so oft, noch nicht die spätere typische Formbildung zeigt. Auch diese Glasgemälde reihen sich den obengenannten Kunstwerken würdig an, und wenn auch etwas schärfer in der Färbung, so theilen sie doch die Vorzüge derselben. Wir haben sie deshalb in farbiger Nachbildung als Titelbild (Taf. III.) unseres zweiten Jahrganges wiedergegeben, zugleich als würdigstes Symbol des in erneuter Blüthe sich erhebenden Johanniter-Ordens der Ballei Brandenburg, der von Werben aus sich gegenwärtig nicht nur über die „Mark Brandenburg, Sachsen und Wendland," wie der alte Titel lautete, sondern über ganz Preussen und selbst über dessen Grenzen hinaus, mit Segen verbreitet; ja selbst nach Jerusalem, von wo er vor 800 Jahren ausging, ist er Segen spendend zurückgekehrt.
Es sei uns erlaubt, schon jetzt auf eine Entdeckung hinzuweisen, die wir nächstens in ausführlicher Darstellung näher zu begründen hoffen dürfen. Sie betrifft den eigentlichen Urheber des S. Johanniter-Ordens, der sich bekanntlich an das Hospital der Amalfianer in Jerusalem anknüpfte. Der Urheber dieses Hospitals war aber bisher noch unbekannt. Es ist dies niemand anders gewesen als der berühmte Consul Pantaleon, filius Mauri de Pantaleone de Mauro de Maurone Comite, der in der zweiten Hälfte des XI. Jahrh. in Unteritalien eine hervorragende Rolle spielte und seinen unermesslichen Reichthum vorzugweise zur Stiftung und Ausschmückung von Kirchen verwandte. Ihm verdankte die S. Pauls-Kirche zu Rom ihre berühmten ehernen Thüren, welche Gregor VII. noch als Cardinal Hildebrand aufhängen liess, und auf denen daher beide Namen vereint stehen; ihm auch die Grotte des Erzengels Michael auf dem Berge Garganus die ganz ähnlichen, gleichfalls mit Niello ausgelegten Thüren; ihm auch die Cathedrale seiner Vaterstadt die ebenfalls ehernen Thüren. Sie alle hatte er in Constantinopel arbeiten lassen, so wie sein gleichnamiger Sohn die ähnlichen zu Atrani. Aber nicht nur mit jener Welthauptstadt war er im engen Verkehr; auch mit der alten Hauptstadt des Orients, mit Antiochien stand er in Verbindung und stiftete in ihr ein bedeutendes Hospital. Dasselbe that er dann auch in Jerusalem in grossartigster Weise, und diese seine letztere Stiftung ist es, von welcher der S. Johanniter Orden ausging. Die leider durch den Brand d. J. 1823 zerstörten Thüren (nur in der Abbildung bei AGINCOURT Sculpt. XV. 6. erhalten) von S. Paul in Rom zeigen ihn, wie er vor dem ihn segnenden Christus anbetend liegt, auf der Schulter mit dem Kreuze geschmückt, das durch ihn auf die fernsten Jahrhunderte überging.
v. QUAST.