Zur ältesten Geschichte Werbens
Von E. Wollesen, Zeitz.
Der Kalendermann hat mich um einige Beiträge für seinen Altmarkischen Heimatkalender gebeten, mir aber zur Erfüllung dieser Bitte nur eine ganz kurze Frist gelassen, die noch dazu in meinen Urlaub fällt. Wenn ich darum gern die Erfüllung seiner Bitte zugesagt habe, so habe ich ihn doch auch gebeten, mit dem, was ich gerade zur Hand gehabt, vorlieb zu nehmen; eine langwierige neue Forschung war unter den obwaltenden Umständen nicht möglich. So möge denn auch der freundliche Leser mit den folgenden kurzen „Beiträgen" zur ältesten Geschichte Werbens für dieses Mal zufrieden sein; vielleicht kann ich es unter günstigeren Umständen ein anderes Mal besser machen.
1. Vor 20 Jahren, 1905, sollte in dem kleinen altmärkischen Städtchen Werben a. d. Elbe das 900 jährige Heimatfest gefeiert werden. Den geschichtlichen Grund für diese Feier fand man mit Recht in der Notiz des Merseburger Chronisten Thietmar zum Jahre 1005, daß Heinrich II. oft mit den Wenden in dem an der Elbe gelegenen Werben verhandelt und sie zur Unterwerfung gezwungen, und daß er dann das 997 verwüstete Arneburg wiederhergestellt und durch geistlichen Synodalbeschluß allerlei Mißstände abgestellt habe. Auch Helmold erwähnt diesen Aufenthalt des Königs in Werben; er bemerkt in seiner Slavenchronik darüber, daß alle Vornehmen der Vinuler dorthin gekommen und dem Könige Gehorsam versprochen. Diese Erwähnungen machen Werben zu einem der am ältesten geschichtlich bezeugten altmärkischen Orte. Gegen die Sicherheit des Jahres 1005 als des Jahres der ältesten Erwähnung kann nichts eingewendet werden. Aber nun handelte es sich bei der Festsetzung jener Neunhundertjahrfeier um die bestimmtere Datierung des königlichen Besuches in Werben. Thietmar gibt nämlich nicht an, in welchem Monat des genannten Jahres die Zusammenkunft zu Werben, um die es sich handelt, gehalten wurde. Man verlegt sie gewöhnlich in den Dezember. Dagegen möchte ich namentlich drei Gründe geltend machen: Der König urkundete am 27. November 1005 in Dortmund und am 25. Januar des folgenden Jahres in Merseburg, nachdem er das Weihnachtsfest, wie die Hildesheimer Annalen berichten, in Pöhlde am Westharz (bei Herzberg) gefeiert hatte. Sollte der König nun im Dezember von Dortmund an dem Harz vorbei den langen weiten Weg nach der Elbe gemacht haben, um dann nach Pöhlde am Harz zur Feier des Weihnachtsfestes zurückzukehren und dann wieder nach Osten nach der Saale, nach Merseburg, aufzubrechen? Mir will das namentlich für den zum Reisen am allerunbequemsten Monat Dezember nicht einleuchten, zumal wenn ich an die gewaltigen Entfernungen denke. Dazu kommt ein anderes. Der König konnte sich nicht ohne starke Gefolgschaft an die Grenze seines Reiches zu den feindlich gesinnten Wenden begeben. Wenn nun auch anzunehmen ist, daß er einen Teil der Reise zu Schiff auf der Elbe zurücklegte, die Benutzung der Landwege konnte nicht ganz unterbleiben. War nicht aber eine solche Benutzung in jener Zeit, in der die Wege nur schlecht vor dem Wasser und Eis der nahen Elbe geschützt waren, und noch dazu im Monat Dezember, für eine größere Heeresmacht fast unmöglich. Wer die Wege der altmärkischen Wische im Dezember kennt, der wird leicht geneigt sein, diese Frage zu bejahen. Und endlich! Wäre es wohl möglich gewesen, den König mit seiner stattlichen Gefolgschaft im Wintermonat Dezember auf der Burg Werben unterzubringen? Gewiß, auch Könige stellten damals nicht viel Anforderungen an die Bequemlichkeit bei der Unterkunft auf ihren beständigen Reisen durch das Reich. Taten es aber nicht einmal die Könige, wieviel weniger die Mannschaften. Dennoch muß es auf der Burg Werben, selbst wenn wir sie uns sehr geräumig vorstellen, im Winter an geschützten Räumen gefehlt haben, um so viele Gäste unterzubringen. Wir müssen daher nach einer anderen Datierung der Werbener Reise Heinrichs II. suchen. Dazu müssen wir die sonstigen Unternehmungen des Königs im Jahre 1005 bedenken. In diesem Jahre führte er den ersten seiner drei schweren Kriege gegen den gewaltigen Polenherzog Boleslav Chrobry (den Ruhmreichen), hielt sich auf dem Zuge dahin in der Zeit vom 6. bis 22. September in Crossen a. d. Oder auf, war am 22. September in Meseritz und setzte dann den Krieg bis zum Friedensschlusse fort. Wir finden dann später den König am 5. November im westfälischen Werla und am 22. November in Duisburg. Nun wäre zwischen dem Friedensschlusse mit dem Polenherzog und dem Aufenthalte in Werla am 5. November vielleicht noch Zeit zu den Reichsgeschäften an der Elbe gewesen, aber diese Zeit wäre außerordentlich beschränkt gewesen; wir müßten dann den Monat Oktober dafür ansetzen. Natürlicher will es doch scheinen, daß der König, ehe er sich auf den Weg nach dem fernen Osten begeben, um den Polenherzog in die Schranken zu weisen, seine Elb-Reichsgrenze gegen die Wenden gesichert hat, um dann, in dieser Beziehung ruhig, in den Polenkrieg ziehen zu können. Wir würden dann den Monat August als den Monat der Werbener Reichstage erhalten. Alle die oben angedeuteten Hindernisse würden in diesem Sommermonat fortfallen.
Die Neunhundertjahrfeier der Stadt Werben wurde im September gefeiert; wenn auch dieser Termin aus anderen Gründen gewählt wurde, so stimmt er doch mit unsrer Datierung gut überein.
2. Die Burg Werben erlangte in der Folgezeit wegen ihrer wichtigen Lage an der Elbe vor der Mündung ihres bedeutendsten Nebenflusses, der Havel, eine immer größere Bedeutung. Deutsche und Wenden kämpften über ein Jahrhundert lang mit wechselndem Kriegsglück um den Besitz dieser wichtigen Burg. Sobald die Deutschen die Burg und Umgegend verlassen, fielen die Wenden wieder mit Raub, Brand und Mord ein. Im Jahre 1033 wurde bei dem Kastell Werben ein Graf Luitger mit 42 anderen Deutschen getötet. Als der Kaiser Konrad II. die Wenden deshalb zur Rechenschaft zog, veranlaßten sie, wie Konrads Biograph Wipo erzählt, zum Beweise, daß die Sachsen die Schuld an dem Friedensbruch trügen, einen Zweikampf bei der Burg Werben, der auch bewilligt wurde, aber mit dem Siege des Slaven endete. Dadurch entstand bei den Heiden solcher Uebermuth, daß sie sofort über die Christen hergefallen wären, wenn es nicht der Kaiser verhindert hätte. Der Kaiser stellte sich dessen ungeachtet auf die Seite seines Volkes und verweigerte den Wenden jede Genugtuung. Unversöhnt und mit tiefem Groll im Herzen ob des erfahrenen Unrechts verließen die Wenden den Landtag zu Werben, um im nächsten Jahre schon ihren Rachezug zu beginnen. Unter Führung des Fürsten Gottschalk, welcher eine Zeitlang ein Christ gewesen war, eroberten sie Werben und opferten auf Befehl ihres Führers eine große Anzahl Feinde auf dem Altar der uralten hölzernen Kirche des Ortes. So fand hier nach den Grundsätzen des Sachsen und Nordthüringen üblichen ungeschriebenen Rechts sogar im öffentlichen Recht ein deutsches Gottesurteil statt.
3. Albrecht des Bären sechster, vorletzter Sohn, Dietrich, nannte sich Graf von Werben. Nach welchem Werben nannte er sich so? Es gibt bekanntlich recht viele Orte dieses Namens. Für uns liegt es nahe, an unser altmärkisches Werben zu denken. Wohl ist es richtig, daß sein Vater Albrecht der Bär zu Werben in sehr nahen Beziehungen gestanden und sich durch die Ansiedlung der Niederländer und durch die Stiftung der ältesten Johanniterkomturei daselbst um die Stadt und um die ganze altmärkische Wische die größten Verdienste erworben hat. Wohl ist es richtig, daß Dietrich, Graf von Werben, 1170 in Havelberg am Tage der Einweihung des Domes zugegen gewesen und als Zeuge in der Urkunde genannt ist, in welcher Markgraf Otto dem dortigen Bistum und Kapitel die altmärkischen Dörfer Dalchau und Drüsedau und das halbe Dorf Losse schenkt. Aber nicht richtig wäre es, wenn wir deshalb annehmen wollten, er hätte sich nach unserem Werben genannt; das gehörte ja nun den Johannitern; die ehemalige Burg war in eine Komturei dieses Ordens verwandelt. Nein, Dietrich nannte sich Graf von der Burg Wenden an der Saale im heutigen Kreise Weißenfels. Bei der Teilung der Länder Albrechts des Bären fielen auf Dietrich nur die billungischen Erbgüter der Großmutter Eilika in Hassegau. Seine Gemahlin Mathilde, Tochter Ludwigs II. von Thüringen, hinterließ ihm nur einen gleichnamigen früh verstorbenen Sohn. Die Mark Brandenburg mit der Altmark und dem Gebiet zwischen Elbe und Havel erhielt Otto, der älteste Sohn Albrechts; dieser Otto wurde der Stammvater der brandenburgischen Markgrafen vom askanischen Stamm. So bedauerlich es auch sein mag, wir können Dietrich für die Altmark nicht in Anspruch nehmen. Werben kann sich trösten mit den guten Beziehungen, die es zu den Markgrafen gehabt hat.