Aufsatz 1905
Die Feldflur der Stadt Werben a. E.
- Autor
- Ernst Wollesen
- Erschienen in
- Beiträge zur Geschichte der Altmark Band 2, S. 106-114
- Jahr
- 1905
- Umfang
- 3.245 Wörter · ca. 15 Min.
Von E. Wollesen -- Werben a. E.
Wenn wir im folgenden im Geiste eine Wanderung durch die Feldflur der Stadt Werben antreten und den freundlichen Leser um seine Begleitung auf dieser Wanderung bitten, so ist es nicht unsere Absicht, naturkundliche Kenntnisse zu sammeln, oder landwirtschaftliche Beobachtungen anzustellen, oder katasteramtliche Vermessungen vorzunehmen, sondern es ist unsere Absicht, ortsgeschichtliche Erinnerungen wachzurufen, die Namen der einzelnen Wiesen und Acker zu erklären und die Geschichte derselben zu erforschen. Die Ausführung dieser Absicht scheint ja zunächst nur örtliches Interesse beanspruchen zu können; sie hat aber in Wahrheit auch Anspruch auf allgemeines Interesse, weist doch auch sie immer wieder von der örtlichen zu der allgemeinen Geschichte hin.
Die Feldflur der Stadt Werben zerfällt wie die anderer Gemeinden in Wiesen und Acker; Wälder fehlen in der Gegenwart ganz. Die Wiesen liegen nordwärts von der Stadt zwischen Stadt und Elbe, zwischen Elbe und Havel und jenseits der Havel; die Acker liegen westlich, östlich und südlich von der Stadt. Wir werden also zunächst von der Stadt aus nordwärts durch die Wiesen wandern, um dann nachher die einzelnen Ackerstücke im Westen, Osten und Süden der Stadt aufzusuchen.
Der grosse Wiesenkomplex zwischen der Stadt und der Elbe führt den gemeinsamen Namen „Märsche". Die Stadt muss sich um die Markgrafen Johann und Otto von Brandenburg besonders verdient gemacht haben, denn sie gedenken in einer Urkunde des Jahres 1226 der besonders belohnenswerten, treuen Dienste, welche ihnen von dem Rate und von der gesamten Bürgerschaft erwiesen worden sind. In Berücksichtigung dieser Dienste bestätigen und erweitern sie die Übertragung von Grundstücken, indem sie namentlich die Märsche, welche längs des Deiches zwischen der Elbe und der Stadt gelegen sei, den Bürgern zur Weide für ihr Vieh vereignen. Seit 1226 gehört also die Märsche bereits der Stadt. Noch heute werden die Kühe der Werbener Bürger gemeinsam auf der Märsche geweidet. Die Märsche hat dadurch geschichtliche Bedeutung gewonnen, dass König Gustav Adolf von Schweden dort vom 11. Juli bis etwa 14. August 1631 mitten unter seinen Truppen kampierte, den Angriff Tillys auf Stadt und Lager siegreich abwies und hier die wichtigen Bündnisse mit Sachsen und Hessen abschloss, deren segensreiche Folgen sich im Siege bei Breitenfeld zeigten. Noch heute ist der künstlich aufgeworfene Hügel kenntlich, auf dem damals „des Königs Gustavi Adolphi Gezelt" gestanden. Von ihm aus bietet sich ein freier Ausblick nach Nitzow, Toppeln, ganz besonders nach Dom und Stadt Havelberg und Werben dar. Er lag so weit von dem Deiche entfernt, dass die etwa einschlagenden Tillyschen Kanonenkugeln ihn nicht leicht erreichten; er lag andererseits so nahe an der vor der alten Havelmündung über die Elbe führenden Pontonbrücke, dass der König im Falle einer Niederlage leicht über die Brücke fliehen konnte. Am 22. Juni 1762 weilte hier die preussische Königin Elisabeth Christine, um die historisch berühmte Stätte zu besichtigen. In dem um die Mitte des 17. Jahrhunderts erschienenen Werke von Litochius „Rerum Germanicarum etc." ist eine wertvolle Karte des schwedischen Feldlagers bei Werben enthalten.
Der östlichste Teil der Märsche, der an dem von der Elbe gebildeten fast rechten Winkel liegt, heisst Paschens Werder; er ist mit mannigfachem Weiden- und Pappelgebüsch bestanden. Der Name stammt wohl von einem früheren Besitzer her. -- Östlich von den am Elbdeich stehenden Mühlen liegt ein Wiesengrundstück, welches auf den Karten der Königlichen Generalkommission den Namen „Galgenwerder" trägt; hier muss also in früherer Zeit der Galgen gestanden haben, recht sichtbar allen denen, welche die nahe lebhafte Verkehrsstrasse von Werben nach der Prignitz passierten. -- Im Jahre 1840 wurde die Separation der Märsche durchgeführt.
Jenseits der Elbe, zwischen diesem Fluss und seinem Deich, östlich von der Werbener Fährstelle, liegt der „Gallenwerder"; den Namen hat der Werder daher, dass es von St. Gallen (16. Oktober) ab den Neu-Werbenern gestattet war, das Vieh auf demselben zu weiden.
Jenseits des Elbdeiches, also zwischen der Elbe und der Verlängerung der Havel, finden wir eine ziemlich umfangreiche Erhöhung, welche den Namen „Kanalberg" trägt und der Werbener Kirche gehört. Als im Sommer des Jahres 1832 die Havelmündung nach ihrer jetzigen Stelle verlegt und der Mitteldeich verlängert wurde, brach unter den zahlreichen Erdarbeitern die Cholera aus. Von 27 erkrankten Arbeitern starben 9, für welche am 18. August auf dem Kanalberge feierlich eine Begräbnisstätte geweiht wurde. Der Name kommt eben von der kanalartigen Verlängerung der Havel her.
Wandern wir von dem Kanalberge weiter nach Osten, so gelangen wir an den alten Havelort, d. h. an die Stelle, an welcher bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts etwa die Havel in die Elbe mündete. Unmittelbar hinter derselben erhebt sich wiederum ein ziemlich umfangreicher Hügel, der die künstliche Aufhöhung schon durch seine Vegetation verrät. Wir befinden uns auf der „Ratsschanze" oder vielmehr auf der Stätte, auf der Gustav Adolf, der Schwedenkönig, kurz vor seinem Abzuge von Werben im August des Jahres 1631 eine mächtige Schanze errichten liess. Diese Schanze war mit dreifachen Palisadenreihen, Redouten und Batterien versehen und auf einer Insel gelegen; man hatte nämlich die Landspitze zwischen beiden Flüssen hinter der Schanze durchstochen. Havel und Elbe konnten von den Kanonen dieser Schanze bequem bestrichen werden. Zehn Jahre lang brachte die Schanze unnennbares Verderben über die Stadt und ihre Umgebung, weil jede der kriegführenden Parteien nach dem Besitz dieser wichtigen Veste strebte. 1636 verlegte sogar der schwedische Oberbefehlshaber Banner sein Hauptquartier nach der Werbener Schanze. 1641 endlich wurde die Schanze, freilich nicht mit sonderlicher Zufriedenheit der Schweden, geschleift.
Von der Ratsschanze weiter nach Osten hin erstreckt sich das sogenannte „Hainholz", einst ein herrlicher Eichenwald, jetzt ein grosser Wiesenkomplex. Es konnten darin, so heisst es in dem Werbener Lagerbuch vom Jahre 1743, etwa ein Schock Schweine fett gemacht werden. Rat und Stadt hatten an der Holzung gemeinsames Recht. Die Mastung und Grasung war an die Bürgerschaft für 25 Taler verpachtet. In dem Eichwerder wohnte ein Hirt, der im Sommer das Vieh darin hütete. Der Verkauf von Holz brachte im Jahre 1743 an 36 Taler 3 Gr. 6 Pfg. In dem Hainholz hatte das Dorf Nitzow zu offenen Zeiten, wenn keine Mast vorhanden war, das Hütungsrecht. Im Jahre 1807 wurde der Stadt Werben von der westfälischen Regierung eine grosse Kriegskontribution auferlegt; von derselben konnten die Bewohner nur den vierten Teil bar aufbringen; zur Beschaffung der anderen drei Viertel wurden nach eingeholter Genehmigung nach und nach sehr viele Eichen aus dem Hainholz verkauft, wodurch leider der grösste Teil dieses Holzes geräumt wurde. Dass auch die Sage sich des „Hainholzes" bemächtigt und seinen Namen von einem Fräulein Hain hergeleitet hat, sei hier nur nebenbei bemerkt.
Wenn wir uns bei der Werbener Fährstelle auch über die Havel setzen lassen, gelangen wir zuerst auf den sogenannten „Streitwerder", der seinen Namen natürlich daher trägt, dass um seinetwillen viel gerichtlicher Streit zwischen Quitzöbel und Werben gewesen ist. Die anderen zwischen der Havel und den von Jagowschen Forsten gelegenen Wiesen werden mit dem gemeinsamen Namen „Sürewiesen" bezeichnet. Ursprünglich bezeichnete „Süre" das Flüsschen, an dem diese Wiesen gelegen waren. Das allererste Beispiel, dass Städten bedeutende Ländereien vereignet wurden, geben diejenigen, welche die brandenburgischen Markgrafen der Stadt Werben im Jahre 1225 überliessen. Graf Heinrich von Anhalt, Vormund der minorennen Markgrafen Johann I. und Otto III., verkaufte nämlich im genannten Jahre unter Zuziehung dieser seiner Neffen zur Tilgung von Schulden, womit die Landesherrschaft der Stadt Werben verhaftet war, den hier als Wiese bezeichneten Ort Prinzlow zugleich mit den Sürewiesen. Dem Stadtrichter stand das Recht zu, in Hinsicht dieser Ländereien Recht zu sprechen. Die Markgräfin Mathilde, die Mutter der gedachten Markgrafen, bestätigte mit diesen letzteren in demselben Jahre diesen Verkauf. - Unter den Sürewiesen heben wir hier nur eine besonders hervor, die Schütten-Krull-Wiese; diese kaufte der Rat am Tage Mariä Magdalenä 1570 von Hans Schütten-Krull, einem Magdeburger Bürger.
Getrennt von diesen Wiesen lag das „Prinzlow" genannte Wiesengrundstück, welches gleichfalls 1225 der Stadt Werben überlassen wurde; wir finden es am weitesten nach Norden zwischen den Dörfern Rodahn und Glöwen. Im Jahre 1335 bestätigte Markgraf Ludwig der Stadt den Wald „Colpin", die früher „Prinzlow" genannte Wiese. Von dieser Holzung heisst es im Lagerbuch des Jahres 1743, dass jeder Bürger, wenn alle 20 Jahre diese Lake gehauen ward, 2 bis 4 Fuder bekam. Die Mithut in dieser Elslake hatten die benachbarten Dörfer Rodahn, Glöwen und das Vorwerk Buchholz. Wegen des an diese Lake stossenden Luches hatte die Stadt viel Streit mit dem Dorfe Rodahn und mit dem Feldmarschall von Grumbkow. Bei der Separation des Kolpins 1774 fielen der Stadt 260 Morgen zu. Diese wurden laut Kaufkontrakt vom 4. Mai 1776 an die Gemeinde Rodahn für 2000 Taler verkauft. Für diese Summe wurde der Wegenersche Acker, nahe bei der Stadt, an dem von der Parisstrasse nach dem Drudenhof führenden Wege belegen, angekauft und an die Interessenten verteilt, welche ihren Beitrag zu dem wegen des Kolpins geführten Prozesse geleistet hatten.
Nachdem wir die Wanderung über die Wiesen der Stadt und Kirche beendigt haben, kehren wir im Geiste nach der Stadt über Havel und Elbe zurück, um nun die der Stadt und Kirche gehörigen Äcker aufzusuchen. Westlich von der Stadt, an dem nach dem Seehof (jetzt „Neu-Goldbeck") führenden Wege, liegt die Ratskämpe oder der „Kamp"; dieses Land ist einst der Kämmerei von der gemeinen Stadtweide abgetreten; es brachte 1743 an Pacht 50 Taler ein.
Von der Ratskämpe wenden wir uns südwärts, überschreiten die Seehäuser Kunststrasse und gelangen bei der letzten Mühle auf das Plätzenland, das sich bis zur grossen Wässerung hin erstreckt und ehemals der Stadt gehört hat. Um eine Schuld los zu werden, cedierte der Werbener Rat 1634 zwölf Stücke vom Plätzenlande mit anderen Ländereien an die Kirche St. Johannis zu Werben. Der Name stammt zweifellos von dem ehemaligen Werbener Bürgermeister Joachim Plaetz her. Im Jahre 1563 bestätigte der Kurfürst Joachim von Brandenburg den Ankauf des Plätzenlandes für 1000 Taler durch den Rat der Stadt Werben. Das Kaufgeld sollte zinsbar angelegt werden, bis ein „rechtlicher Austrag" zwischen den Gläubigern des verstorbenen Bürgermeisters Joachim Plaetz zustande gekommen wäre. Im Jahre 1565 bestätigte derselbe Kurfürst den Vertrag, welchen der Rat der Stadt mit jenen Gläubigern geschlossen hatte. Von älteren Mitgliedern der Familie Plaetz lernen wir aus Werbener Akten noch Achim (1449), Hans (1459), Bartel (1505) kennen.
Der Drudenhof gehört noch heute in kommunaler Hinsicht zu Werben; er liegt an der Wendemarker Grenze dem Einhof benachbart. Der Name stammt aller Wahrscheinlichkeit nach von der Werbener Familie Drude her, aus welcher wir z. B. einen Clawes, Mitglied der Gilde des „heiligen Kreuzes" (1446), und einen Johann (1530) kennen lernen. Vermutlich ist dieser Hof früher im Besitz der rittermässigen Familie von Werben oder (deutsch) von der Weide gewesen, einer von der Werbener Burgmannschaft abstammenden Familie, die sich nach Aufhebung der Burg Werben in der Nähe der Stadt ansiedelte. Von einem Verkauf des Hofes durch die von der Weide an die Stadt Werben im Jahre 1316 berichtet uns Riedel in seinem bekannten Codex Diplomaticus näheres. Bis 1526 lassen sich noch Glieder dieser Familie, die sich nach der Prignitz, nach Mecklenburg und Franken ausbreitete, in Werben nachweisen. Noch 1529 wird in Werbener Akten von dem Hofe „Weide", im Gerichte zu Werben belegen, geredet. Über die weiteren Schicksale der Drudenländereien hören wir näheres in der Werbener Chronik, S. 163.
Vom Drudenhofe aus südlich, jenseits der Rengerslager Strasse, liegen das Blockland, Klinkows Kiel und das Gebiet der ehemaligen städtischen Forst. Die Ackerbezeichnung „Blockland" finden wir vielfach auch anderswo; es dürfte damit das Land bezeichnet sein, das bei der ursprünglichen Flureinteilung durch die Niederländer (um 1150) übrig blieb. --- Der Rat besass damals den sogenannten Klinkows Kiel, welchen zur Zeit des oft genannten Lagerbuches die Bertramschen Erben wiederkäuflich inne hatten. --- Am nächsten an die Behrendorfer Feldflur heran stösst das ehemalige Waldrevier der Stadt, in welchem noch 1838 ein Jägerhäuschen stand. Jetzt befindet sich dort die städtische Abdeckerei und ganz in der Nähe der ehemalige Judenkirchhof. Wenn es auch gegenwärtig keineJuden mehr in Werben gibt, so müssen früher ziemlich viele hier gewesen sein; wir erinnern nur kurz daran, dass die heutige Seehäuserstrasse früher Jüdenstrasse hiess, dass Markgraf Ludwig 1334 auch die Werbener Juden in seinen Schutz nahm. Im Jahre 1830 zählte man 99, im Jahre 1838 103, im Jahre 1840 24 jüdische Bewohner in Werben.
Wir gelangen nun zu den Ländereien, welche zwischen der Strasse Werben---Behrendorf und der Strasse Werben---Berge liegen. Am weitesten von der Stadt entfernt, nahe dem „Arnsberge" (früher „Narrenberge"), liegt das Klintenland, das gegenwärtig der Kirche gehört. Dies Ackerstück dürfte seinen Namen von dem ehemals hier gelegenen Dorfe Klinte haben. Unter den Dörfern, welche dem Bistum Havelberg hier in der Wische angehörten, werden in der Bestätigungsurkunde des Markgrafen Albrechts II. (1209) auch eine viertel Hufe und fünf Morgen bei Klinte namhaft gemacht. Im Jahre 1313 schenkte Anna, Herzogin von Breslau, dem Ordenshause zu Werben alle ihre Rechte und Einnahmen, welche sie von drei viertel Hufen Acker in villa Klinte hatte. Ebenso schenkte vier Jahre darauf Markgraf Johann seine Rechte und Einnahmen von drei viertel Landes in demselben Dorfe dem Werbener Ordenshause, um damit gleichfalls eine Messe für seinen Vater Hermann bei den Johannitern zu Werben zu stiften. Auch das Kloster Dambeck überliess 1349 mit mehreren anderen Einkünften aus der Nähe von Werben dem Ordenshause Hebungen aus Klinte. Als darauf der Herrenmeister von Werberge diese vom Kloster Dambeck gewonnene Einnahme zu einem bestimmten Zweck anwies, ward Klinte davon ausgenommen. 1454 verpfändete Markgraf Friedrich der Jüngere dem Arndt von Lüderitz Hof und Hufen zu Klinte, den Peter „gyse" damals betrieb. Unter den Einkünften des 1511 von Dietrich Bolte in der Werbener Pfarrkirche gestifteten Elenden-Altars finden wir fünf Mark von einem Acker im Felde Klinten bei Werben. Auch die Deichrolle vom Jahre 1695 redet von den im „Gerichte" Klinte belegenen Deichen. Es scheint, als ob das Dorf gegen Ende des 15. Jahrhunderts wüst geworden wäre. Es gab auch eine sehr angesehene Familie „Klinte" in Werben. Wir nennen nur kurz die folgenden Glieder dieser Familie: Merten (1439), Hans (1481, 1506, 1507, 1513 Werbener Bürgermeister, 1527 gerichtlicher Zeuge), Anna, Hans Klintes nachgelassene Witwe, ihre Kinder Hans und Christine (1535).
Etwas näher nach der Stadt zu liegt das Palm-Grubenstück; es ist ein schmaler Ackerstreifen, der sich in gewaltiger Länge von der Behrendorfer Strasse über die Bergesche Strasse hinweg bis nach der Räbelschen Strasse erstreckt. Es hat seinen Namen von dem Werbener Diakonus und nachmaligen Pfarrer und Inspektor Palmus Grube. Letzterer studierte unter dem akademischen Namen Palimedes Grubenius 1599 in Wittenberg und hatte schon vorher (1592) als armer, aber fleissiger Schüler eine Unterstützung aus dem Calveschen Testament zum Besuch einer anderen als der Werbener Schule erhalten. Als er sich im Jahre 1602 verheiratete, empfing er vom Rat als „Brauthanen" eine zinnerne Kanne und Schüssel im Werte von zwei Gulden. 1622 brachte er jenes Ackerstück von Kersten Hagemann an sich. Er starb 1624 als Werbener Pfarrer. Seine Hausmarke befindet sich noch an der 1602 errichteten Werbener Kanzel.
Wir kommen nun zu den im Räbeler Felde gelegenen Ländereien. Hier gehört der Stadt zunächst eine Wurthe vor dem Räbeler Tor; diese hat die Stadt gegen einen Weg vor der Komturei eingetauscht (cf. Dokument vom 9. August 1593). Ferner ist im oft genannten Lagerbuch noch ein Stück Acker im Räbelschen Felde genannt, welches der Rat nach dem dreissigjährigen Kriege wegen schuldiger Schösse von dem Bürger Heinrich Kratz eingezogen hatte. Der nächste zwischen dem Aland, den Kuhgräben und dem Elbdeich belegene Acker heisst „die Möhne", und zwar unterscheidet man die grosse und die kleine Möhne; beide gehören jetzt der Kirche, ursprünglich gehörten sie dem Rate. Die Geschichte der Möhne ist in der Werbener Chronik S. 186 genauer behandelt. Daraus sei hier nur kurz mitgeteilt, dass der Rat der Stadt diesen Acker in der Not des dreissigjährigen Krieges seinem Gläubiger, dem Arendseeer Amtmann Balthasar Striepe, überlassen musste, dass aber die Kirche am 20. März 1668 diesen Acker mit den ihr von dem Becherschen Legate zugefallenen 600 Talern erkaufte. Vergeblich versuchte seitdem der Rat, wieder in den Besitz der Möhne zu gelangen. Der Name erinnert an den gleichnamigen rechten Nebenfluss der Ruhr, der vom Plateau von Brilon kommend in westlicher Richtung der Ruhr zufliesst und bei Neheim in dieselbe mündet. Es ist doch anzunehmen, dass westfälische, vielleicht aus der Möhne-Gegend stammende Kolonisten diesem Acker, durch den sich vielleicht wie durch die Süre ein Flüsschen hinzog, den heimatlichen Namen gegeben haben.
Ganz in der Nähe der Möhne, parallel mit ihr, ebenfalls vom Aland durchschnitten, liegt die Katharinenhufe, die fünf viertel Morgen Landes umfasst. Sie wird auch als im „Wolfswinkel" gelegen bezeichnet. Der Rat stiftete 1345 noch eine zweite Messe zum Seelenheil aller Bürger, und zwar kaufte er 14 Scheffel Hafer Geldes von dem Ordensbesitz in Wolfswinkel und Neukirchen und bestimmte sie zu einer täglichen Messe an dem Katharinenaltar in der Ordenskirche mit Androhung von einem Scheffel Hafer als Strafe für jede versäumte Messe. Um eine Schuld los zu werden, cedierte der Rat 1634 die Katharinenhufe, die Gere und zwölf Stücke vom Plätzenlande an die Kirche, die sie noch heute besitzt.
Oben wurden schon die „Kuhgräben" genannt. Was hat es mit diesen Gräben für eine Bewandtnis? Von der Burg Werben führte ein ziemlich hoher Damm nach der alten Fährstelle an der Elbe, auf welchem der Weg von der Altmark nach der Prignitz führte. Dieser Damm folgte zunächst bei Werben der Räbelschen Strasse, bog bei der sogenannten alten Elbe in nordöstlicher Richtung nach der alten Elbfährstelle ab; er führte durch die die Burg Werben umgebenden Sümpfe hindurch. Dieser Erdwall wurde im Jahre 1566 von der Elbe durchbrochen, dann von den Bürgern planiert und an dieselben mit der „Verbindlichkeit" verteilt, einen kehrbaren Zaun gegen die Märsche zu unterhalten. „Da die Prediger", heisst es in dem betreffenden Aktenstück weiter, „sich weder mit dem Planieren noch mit dem Zaune haben befassen wollen, so haben sie keinen Anteil an den Kuhgräben erhalten."
Der Erdwall endigt bei dem sogenannten Tiergarten an dem Elbdeich. Der Tiergarten ist ebenso wie die Ratskämpe der Kämmerei von der gemeinen Stadtweide abgetreten; er brachte im Jahre 1743 Pacht 24 Taler. Der Name „Tiergarten" findet sich schon im 16. Jahrhundert in Gebrauch. Zu damaliger und auch noch späterer Zeit gefährdeten Raubtiere die auf der Feldmark Tag und Nacht weidenden Herden. Zur Vertilgung des Raubzeuges wurden Tier- oder Wolfsgärten angelegt, d. h. es wurden tiefe Löcher von nicht unerheblichem Umfange mit sehr steilen Rändern gegraben, in die der Scharfrichter Fleisch von verrecktem Vieh bringen musste. Das Raubzeug folgte dem Geruche und sprang nach dem Fleisch in die Löcher, aus denen es nicht wieder entwischen konnte. Noch Friedrich Wilhelm I. machte es dem Scharfrichter Erhardt Schmidt in Wittstock und Wusterhausen im Jahre 1715 ausdrücklich zur Pflicht, „Unsere bei Wusterhausen habende, auch künftig noch anzulegende Tier- und Wolfsgärten, auch Fuchs-Körnungen mit Luder gebührend zu versehen". Solche Bewandnis wird es auch mit dem Werbener Tiergarten gehabt haben; wenigstens lässt der nahe belegene „Wolfswinkel" darauf schliessen.
Wir sind am Ende unserer Wanderung angelangt. Es fällt auf, dass unter allen genannten Flurbezeichnungen sich nur eine einzige wendische befindet, nämlich Prinzlow (Kolpin), obwohl doch Werben selbst einen wendischen Namen trägt und wohl wendischen Ursprungs ist. Die meisten Namen, wie Märsche, Süre, Kamp, Blockland, Klintenland und Möhne, weisen auf die grossartige Kolonisation durch die Niederländer hin, welche um das Jahr 1150 und dann um das Jahr 1200 stattfand. Andere Flurnamen wieder sind von Personennamen hergeleitet, wie z. B. Paschenswerder, Plätzenland, Drudenhof, Klinkowskiel und Palm-Grubenstück. Anderen Fluren hat die Geschichte selbst ihren Namen gegeben, wie Katharinenhufe, Streitwerder, Tiergarten, Königshügel, Ratsschanze. Eine Zweckbestimmung enthalten die Namen Galgenwerder, Gallenwerder, Kuhgräben. Es gewährt ein eigentümliches Vergnügen, die Fluren aus der Ortsgeschichte zu erklären. An diesem Vergnügen hat es bei dieser Arbeit dem Verfasser nicht gefehlt, obwohl er das starke Bewusstsein gehabt hat, dass eben diese Arbeit nur ein schwacher Versuch genannt werden kann. Möchte dieser Versuch wenigstens anderen berufenen Männern Anregung zu ähnlichen Forschungen gegeben haben!
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