Stendal und die Hanse · 1929

9. Stendal und Halle.

Kapitel 10 von 12 · Stendal und die Hanse. · 349 Wörter · Ernst Wollesen

Immer wieder lenkten brennende neue Tagesfragen die Aufmerksamkeit der niedersächsischen Städte, also auch des zu ihnen gehörenden Stendal, auf sich. In Halle war ein heftiger Streit ausgebrochen, bei dem es sich um nichts Geringeres handelte, als um die Zertrümmerung der städtischen Aristokratie. Schon im Oktober 1474 hatten Braunschweig, Halberstadt und Stendal vergebens die inneren Gegensätze in Halle auszugleichen versucht. 1475 Nov. 29 richteten die in Helmstedt zusammengetretenen Städte ein Schreiben an Halle, in dem sie sich zu Vermittlern zwischen dem Rat und „den in dem dale ane vordacht" erboten; aber wie zum Hohne forderten am 6. Dez. die Zertrümmerer der städtischen Aristokratie, der Erzbischof Johannes von Magdeburg und der demokratische Rat, von den Pfännern als „Buße" 50 000 Gulden. Noch im Jahre 1478 drehte es sich innerhalb des niedersächsischen Drittels der Hanse, d. h. des um Braunschweig als Vorort gescharten „Dordendeyls", einzig und allein um den Streit zwischen der Pfännerschaft und dem Rate der Stadt Halle. Sowohl am 9. Juni 1478 waren Ratssendeboten von Magdeburg, Braunschweig und Halberstadt, wie am 14. Sept. solche von Magdeburg und Halberstadt in dieser Angelegenheit in Halle anwesend, vermochten jedoch der alten Hansestadt alle ihre Unabhängigkeit nicht zu retten, die mit dem 17. und 18. Sept. 1478, dem vollständigen Siege der erzbischöflichen Truppen, für immer ihr Ende erreichte. Ebenso führten Ende November seitens der hansischen Verbündeten unternommene Vermittlungsversuche zu gar nichts; unter diesen Verbündeten zogen auch Stendals Ratssendeboten auf den Giebichenstein zum Erzbischof und weiter nach Dresden und Leipzig zu den sächsischen Fürsten. Mit diesen vergeblichen Versuchen war der wirkliche Austritt Halles aus dem Bunde der Hansestädte besiegelt. Im Jahre zuvor hatte Quedlinburg ein ähnliches Schicksal ereilt. Diese Ereignisse der Jahre 1477 und 1478 bedeuteten die erste Bresche, die seitens der schon lange drohenden landesherrlichen Gewalt in dies seit den Tagen des Entstehens obwaltende innige Einvernehmen zwischen der deutschen Hanse und ihren niedersächsischen Angehörigen gelegt wurde. Den Hansestädten Niedersachsens kam es mit voller Klarheit zum Bewußtsein, daß es mit dem starken politischen Rückhalt, den der Hansebund so oft mit Erfolg für sie gebildet hatte, unwiderbringlich dahin war. (Eschebach a. a. O. Seite 129 f.).