Die Deichverbesserungen in neuerer Zeit.
Seitdem ich Deichhauptmann bin --- seit 1888 --- sind folgende Verbesserungen eingetreten:
1. Mit hervorgerufen durch den Antrag von uns 3 Deichhauptleuten --- damals Deichhauptmann Weicke - Nienfelde, Deichhauptmann Schmidt - Herzefelde und mir --- sind von der Pr. Regierung Eisbrecher beschafft, die bei Eisstand nach Eintritt von passender Witterung von unten herauf beginnend das Eis in der Stromelbe aufbrechen, wie auch in diesem Jahre wieder. Dabei arbeiten etwa 3 Eisbrecher am Eise selbst, indem sie durch ihre Schwere und Schnelligkeit des Anlaufens das Eis brechen, immer wiederholend, während 2 Eisbrecher sich unterhalb aufstellen, um die losgebrochenen Schollen weiter zu bringen, da diese sich leicht wieder festsetzen, besonders bei schwächerem Frost. Die Eisbrecher müssen genügend Wasser in der Elbe haben, um schwimmen zu können. Es wird manchen wundern, wenn er dies Bedenken hört und bei offenem Wasser sich das breite Strombett der Elbe ansieht, aber es kommt bei Frost doch mehrfach vor, besonders wenn sich sogenannte Eisversetzungen gebildet haben, wie z. B. in diesem Jahre bei Torgau und 1909 bei uns, wo die Eisbrecher wegen Wassermangel teils nicht arbeiten konnten, teils nicht vorwärts kamen. Ich erinnere mich, daß 1887 oder 1888 das Eis in der Stromelbe sich so zusammengeschoben hatte, daß zwischen Berge und Räbel überhaupt kein Wasser zu finden war, trotzdem viele Löcher durch das Eis bis zum Flußbette hinunter geschlagen waren. Nur am Ufer lief ein kleines kaum 1 m breites Wässerchen lang. Wir hatten damals große Befürchtungen wegen des Eisaufganges, hatten aber das Glück, ein Frühjahr zu bekommen, das wochenlang tags Sonne und nachts leichten Frost brachte, so daß das Eis langsam fortschmolz.
Dabei liegt das Eis bei den Eisversetzungen so lose, daß mit Sprengungen wenig Hilfe zu bringen ist, was sich jetzt wieder bei Torgau gezeigt hat, wo aber durch die Gunst der Witterung noch alles ohne Gefahr abging, während uns 1909 leider nicht zu helfen war
Im allgemeinen kann man sagen, daß der Eisaufbruch weniger Gefahren bringt, je früher er erfolgt, da dann mehr mit Nachtfrösten zu rechnen ist und damit, daß im Gebirge mit seinen meist sehr großen Schneemassen noch Frost herrscht und so nur das Wasser aus der Ebene der Elbe zufließt, wodurch natürlich große Hochwassergefahr sich meist ausschließt. Je mehr Wasser aber in der Elbe bei Eisaufgang desto größer ist auch die Gefahr für die Deiche, da dann bei eintretenden Eisversetzungen ein Überfluten des Deiches viel mehr zu befürchten ist.
Bei gut erhaltenen Deichen, wie wir sie wohl überall längs der Elbe haben, gibt es m. E. nur zwei Gefahren: Grundbruch der Deiche oder Überlauf derselben und hierdurch Fortschwimmen der Deiche. Da die Deiche gut 2 m über höchsten bekannten Wasserstande liegen, kann ein Überlauf kaum anders stattfinden als durch Eisversetzung, durch die das Wasser rapide steigt, während man sich sonst durch sogenanntes Aufkasten helfen kann, d. h. durch Aufschlagen von Brettern, die mit Pfählen festgemacht und mit Mist und Erde abgedichtet werden, wozu vor allem das „Deichmaterial" dient. Es ist beim etwaigen Überlauf vorteilhaft, wenn der Deich noch gefroren ist und so eine feste harte Masse darstellt, was ja bei Eisaufbruch meist der Fall ist.
Zur Sicherung des Deichfußes sind außerdem An- und Zuschüttungen erfolgt. Ich will hier nur die in der Oberschau erfolgten anführen, da ist zuerst eine tiefe Wasserschlenke Osterholz gegenüber ausgespült, dann ist oberhalb des Fährkruges eine lange Ausschüttung am Deichfuße vorgenommen, auf die die Hochwasserladestelle gelegt ist. --- Der Schaardeich, der so lange war, ist dadurch verschwunden.
Vor der Deichbruchstelle bei Berge, wo im Jahre 1909 die letzte große Überschwemmung sich ereignete, deren Verlauf noch in lebhafter Erinnerung, ist die lange tiefe Wasserschlenke am Rönnewerder ausgespült, schließlich ist zwischen Berge und Räbel durch Hinbringen von Baggersand auf einer langen Strecke Vorland anstatt des früher gleich an das Elbwasser abfallenden Deiches geschaffen. Das ist an einer Stelle, wo der Strom der Elbe gerade auf den Deich gerichtet ist, so daß hier bei Eisaufgang immer Eismassen auf und in den Elbdeich getrieben werden. Dem Dorfe Räbel gegenüber war sehr hohes Vorland in der Einlage, das wohl noch unter Einwirkung des Rückstaues von der Havelmündung bei Eisgang meist Anlaß zu Eisverstopfungen gab. Außerdem waren längs des Elbdeiches dem Dorfe Räbel gegenüber zwei lange tiefe Wasserschlenken, durch die um 1850 herum der Elbdeich stark angegriffen war und nur mit äußerster Anstrengung gehalten werden konnte. Auch diese Schlenken sind durch Abtragung des hohen Vorlandes zugefüllt und viele fruchtbare Wiesen geschaffen, auch das Abflußprofil der Elbe hier sehr verbessert. Diese Arbeiten wurden während der Kriegszeit durch Kriegsgefangene ausgeführt, für die das gewiß vielen bekannte Gefangenenlager in Werben gebaut wurde.
Durch alle diese Maßnahmen wird der Deichfuß befestigt, da durch die aufgebrachte Erde der Wasserdruck vermindert wird.
Es sind dann landseits längs des Elbdeiches an niedrigen Stellen des Anlandes Binnenbermen angebracht, d. h. kleine Deiche, die auch hier durch die Schwere der Erde den Deich stärken sollen. Diese Bermen sind in der Oberschau bei Osterholz, Rosenhof, oberhalb Fährkrug, bei und unterhalb der Deichbruchstelle 1909 und unterhalb Räbel und sollen je nach Bedarf noch vermehrt werden.
Durch die Vermehrung der Telefonanlagen können die staatlichen Wasserdespechen, die von einem bestimmten Wasserstande an täglich von Dresden und Barby den Deichhauptleuten zukommen, besser für die Deichsichtung verwertet werden. Denn die Wasserwelle gebraucht von Dresden etwa 5 und von Barby 2½ Tage bis Werben.
Eine für mich wunderbare Sache möchte ich noch erwähnen. Als ich nach dem Deichbruche 1909 den Besuch eines leider schon lange verstorbenen Freundes bekam, der ein berühmter Quellensucher war, bat ich ihn, einmal die Deichbruchstelle 1909 daraufhin zu untersuchen. Zu meiner Überraschung fand er, ich glaube, auf etwa 80 m Tiefe, eine so starke Wasserader, wie sie zur Versorgung von Magdeburg ausreichend sei. Dadurch ermuntert, bat ich ihn, seine Route in der Hand zu halten, während wir im starken Trabe den Deich bis Altenzaun befuhren. Hierbei schlug er mir 3 Stellen an mit Wasseradern, an denen 1892 und in den 60 Jahren Deichgefahr war und die äußerlich nicht kenntlich waren.
Es muß danach irgendein Zusammenhang zwischen Deichhaltbarkeit und Wasserader bestehen, den ich aber noch nicht habe ermitteln können, was ich aber doch für später anregen möchte.
Damit habe ich wohl das Wesentlichste über unsere Wischer Deiche gesagt und möchte schließen mit dem Wunsche, daß sie auch weiterhin durch die Tatkraft ihrer Bewohner die Wasserfluten von unserer engeren Heimat abhalten mögen und daß die Wische wie in den letzten 20---30 Jahren sich weiter in allen Zweigen der Landwirtschaft gut entwickeln möge. Ich will schließen mit einem Zitate aus einer Chronik von 1800:
„In der schönen Jahreszeit ist die Wische einem großen englischen Garten ähnlich, wo mit jedem Schritte die Gegenstände abwechseln. Zwar bemerkt man die schnitzelnde Hand des Gärtners nicht, die bei dem natürlichen Part sogleich in die Augen springt, aber dafür so manches andere, das hinlänglich dafür schadlos hält. Anstatt der Schweizereien, nach verjüngtem Maßstab, begegnet man hier zahlreichen Heerden von Rindern und Pferden, die zum Theil sehr schön sind, und das Auge ergötzt sich an den üppigen Weitzenbreiten und Kleefeldern, die wie ein dunkelgrüner Teppich, mit Purpurblumen durchwirkt, daliegen. Die ganze Gegend scheint nur ein Dorf zu sein, und so beschränkt auch der Gesichtskreis ist, wegen der vielen mit Bäumen und Gesträucher bewachsenen Raine und Grabenwälle, die gewöhnlich zwischen den Feldern der einzelnen Höfe hinlaufen, so sieht man doch gleich wieder ein wohlgebautes Gehöfte aus dem Gebüsch hervortreten. Die größeren Heerstraßen, vorzüglich von Seehausen nach Werben, die über Herzfeld, Schönberg, Neukirchen, Wendemark, und über Falkenberg, Ferchlipp, Lichterfeld und Paris Wendemark gehen, sind im Sommer für den Reisenden so angenehm, wie es nur immer die schönste Allee in dem Garten eines Nabob sein kann. Man wandelt fast beständig im Schatten der schönsten Eichen, geht vor Obstgärten vorbei, deren Bäume mit den Eichen um die Größe zu wetteifern scheinen, und ist an beiden Seiten von lebendigen Hecken, die die Hand der Natur pflanzte, wie eingehüllt.
Wie ist dies aber im Winter, oder gar bei großen Überschwemmungen, wie 1771, so ganz anders! Die reizende Landschaft hat sich in einen schwarzen Morast verwandelt, in welchem man mit jedem Fußtritte zu versinken glaubt; oder sie ist dem Bilde ähnlich, das uns die alten Maler in der Sündfluth entwarfen, wo nur die Wipfel von den Bäumen, und die falben Strohdächer aus dem Wasser hervorragen."