I. Pfarrkirche St. Johannes.

Historisches.

Wie oben erwähnt, ist diese Pfarrkirche schon 1160 vorhanden gewesen und damals dem Johanniter Orden von Albrecht dem Bären nebst anderem Güterbesitze vereignet worden[1]). Altargründungen, Meßstiftungen und vielfache Schenkungen im XIII. und XIV. Jahrh., besonders im Anfange des letzteren durch die Gemahlin und den Sohn des Markgrafen Hermann († 1308) hoben den Wohlstand der Kirche bedeutend[2]). Auch Ablaßertheilungen sind urkundlich überliefert, so 1344 zur Förderung der Verehrung eines Marienbildes, 1358 für die Abendglocke, 1407 für die Kirche und 1414 zur Bankasse, zur Beleuchtung und innern Ausstattung der Kirche[3]). Mit dem letztgedachten Ablasse hing eine früher in der Kirche befindlich gewesene Inschrift zusammen, welche den Anfang eines Neubaues auf 1412 angab[4]). Daß der große Stadtbrand im J. 1439, welcher Markgraf Friedrich den Jüngeren veranlaßte, eine fünfjährige Abgabenfreiheit zu bewilligen[5]), auch die Kirche betroffen hat, ist in hohem Grade wahrscheinlich. Im J. 1443[6]) wird eine St. Ottilien-Kapelle gegründet und 1474 reich dotirt. Auf einen damals stattgehabten Erweiterungs- und Ergänzungsbau bezieht sich die an einem Chorkreuzgewölbe befindliche kurze Inschrift: Ampliata 1466, renovata 1614 etc., welche Angabe durch das an den prachtvollen Glasgemälden des Chores mehrfach vorhandene Datum 1467 wesentlich bestätigt wird. Mit den Altarstiftungen aus dem J. 1511 und 1512 wurde die innere kirchliche Einrichtung abgeschlossen. Bei der Einführung der Reformation im J. 1542 waren außer dem Hochaltare 20 Nebenaltäre vorhanden.

Die schweren Leiden des 30jährigen Krieges, namentlich eine Beschießung 1631, betrafen auch die Kirche, ohne dieselbe aber wesentlich zu beschädigen; nur die hohe Thurmspitze mußte 1713 wegen Baufälligkeit abgetragen werden.

Baubeschreibung.

Die auf Bl. XLIII und XLIV dargestellte mittelgroße Hallenkirche besteht aus dem dreischiffigen Langhause und dem oblongen Westthurme. Jedes der drei Schiffe ist an der Chorseite polygon geschlossen, das Mittelschiff im halben Zehneck, die Seitenschiffe im halben Sechseck, auch sind die Nebenchöre der Letzteren mit dem Hauptchore durch einen überwölbten Verbindungsgang unterhalb der hochgestellten Fenster verbunden worden, so daß eine Art von gemeinsamer Choranlage entsteht. Vergl. den Grundriß Bl. XLIII, Fig. 6.

Eine genaue analytische Untersuchung läßt erkennen, daß die ganz in Backsteinen ausgeführte Kirche erhebliche Reste aus vier verschiedenen Bauzeiten bewahrt.

Der alterthümlichste Baukörper ist der oblonge Westthurm, welcher im Erdgeschosse mit einem Tonnengewölbe überwölbt, in seiner äußern Erscheinung (sehr ähnlich den Thürmen der kleinen Dorfkirchen bei Jerichow, Bl. XXIV) mit Ecklisenen, Rundfenstern, Stab- und Sägefriesen ausgestattet, alle Kennzeichen eines romanischen Baues vom XII. Jahrh. besitzt und höchst wahrscheinlich der schon 1160 vorhandenen Pfarrkirche als Glockenthurm angehört[7]). Nur das obere als Glockenstube dienende Stockwerk, welches breite spitzbogige, durch Backsteinsäulen, zwei- und dreifach getheilte Fenster besitzt, die wie der Holzschnitt lehrt, eine Vorstufe für die Bildung des ältesten gothischen Maaßwerks darstellen, ist in einer späteren Bauzeit, ca. 1220, entstanden.

Von einer Bauausführung aus dem Anfange des XIV. Jahrh. sind die unteren Theile der Seitenschiffsmauern auf Süd- und Nordseite erhalten, welche bei den späteren Umbauten zwar geschont, aber durch veränderte Axentheilung und entsprechende Strebepfeilerstellung so verändert worden sind, daß es schwer hält, von der damals neu errichteten Kirche eine gesicherte Vorstellung zu gewinnen. Nur zwei vermauerte Portalreste auf Süd- und Nordseite mit reichen Profilen und krabbengeschmückten Wimpergen besitzen hinreichend sichere Kennzeichen, um die Annahme eines stattlichen und umfangreichen Neubaues in dem ersten Viertel des XIV. Jahrh. zu begründen, auf dessen Herstellung die oben angeführten Wohlthätigkeitszeugnisse der Herzogin Anna von Breslau und ihres Sohnes Johann in den Jahren 1313, 1317 und 1319 zu beziehen sein möchte.

Zur dritten Bauzeit gehören die fünf westlichen Jochreihen des Langhauses mit ihren oberen Umfassungsmauern und Schiffspfeilern, nur die Arkadenbogen und Gewölbe sind noch später, zur Zeit des Chorbauen, erneuert worden. Von der mit nicht geringem Aufwande hergestellten Bauausführung geben die Fig. 1, 2, 3, 5 auf Bl. XLIV und Fig. 3 und 4 auf Bl. XLIII eine detaillirte Darstellung. Das Pfeilersystem des Innern, auf Bl. XLIV, Fig. 5 nebst dem dazu gehörigen Detail Fig. 2 mitgetheilt, befolgt im Wesentlichen die Pfeilerbildung der St. Stephans-Kirche zu Tangermünde, mit der geringen Abweichung, daß die vielfach gestuften Pfeiler hohe runde profilirte Plinthen und Sockel empfangen haben, während die formlos gegliederten Kämpfer beibehalten worden sind. Günstiger gestaltet erscheint das Façadensystem, welches sich zwar ebenfalls in der Ausbildung der Stirnseite der Strebepfeiler an das Façadensystem von St. Stephan anlehnt, aber durch die vollständige Umrahmung jedes dreitheiligen Fensters mit ganz durchbrochenem, abwechselnd schwarz glasirtem und rothem Gitterwerk einen sehr gefälligen und anziehenden Schmuck empfangen hat. Da auch die Einfassungsprofile der Thür- und Fenster mit rothbraun glasirten Steinen abwechselnd dekorirt sind, und dieser Schmuck an den vertikal aufsteigenden Gitterfriesen, sowie an der Stirnseite der Strebepfeiler festgehalten worden ist, hat das Façadensystem eine höchst conseqente, anmuthige Durchbildung erfahren, von deren Wirkung Fig. 1 eine Vorstellung giebt. Die Profilirung sämmtlicher Details ist mit gleicher Eleganz und Feinheit durchgeführt, wovon die Details der Fensterprofile Fig. 3 (rechts) und des Nordportals Bl. XLIII, Fig. 3 und 4 bemerkenswerthe Muster zeigen. Diese reichen, aber noch immer gehaltvollen Formen machen es zweifellos, daß sie dem nachrichtlich überlieferten Baue aus dem Anfange des XV. Jahrh. angehören.

Die vierte und letzte Bauepoche hat die wahrscheinlich durch den Stadtbrand von 1439 schwer beschädigte Kirche nicht nur restaurirt, sondern auch durch die oben beschriebenen Choranlage beträchtlich erweitert. Zu dieser Bauausführung gehören daher sämmtliche auf gleich profilirten Rippen ruhenden, hochbusigen Kreuzgewölbe des älteren Langhauses, einschließlich der tragenden Längsgurte, ferner der ganze Chor mit Pfeilern, Gewölben und Umfassungsmauern. Bei der Herstellung des Chores ist die Pfeilerbildung der älteren Schiffpfeiler im Motive zwar festgehalten, aber in der Profilirung selbst so nüchtern und geistlos wiedergegeben worden, daß darin der spätgothische Charakter unverkennbar hervortritt. Vergl. Bl. XLIV, Fig. 4 und 5 (links). Auf die sonstige Gestaltung des Chores hat andererseits der Dom zu Stendal eingewirkt, denn es sind nicht nur die dort vorhandenen hohen und schlanken dreitheiligen Fenster mit ihren tiefen Laibungen, ferner die mit Reliefblenden geschmückten Untermauern für das Aeußere, sondern auch die auf blattlosen Kelchkonsolen aufsetzenden Dienste, die Spitzbogenblenden an den Untermauern, sowie die Ueberhöhung der Schildbogen im Mittelschiffe für das Innere völlig maßgebend gewesen. Vergl. die auf Bl. XLIII, Fig. 1 und 2 dargestellten Hälften des Querschnitts und der Ostfaçade. Die geringen Variationen, welche auftreten, sind aber weder als Verbesserungen noch als gelungene Aenderungen zu bezeichnen. Dahin gehören die absatzlos aufsteigenden, bis über das magere Hauptgesims reichenden Strebepfeiler, die sehr schwerfällig erscheinen; ferner die an den Chorwänden oberhalb der Fenster angeordneten, kaum eine Wirkung erzeugenden Rosettenblenden. Von den letzteren, sowie von den Fensterprofilen geben die Details Bl. XLIII, Fig. 5 und Bl. XLIV, Fig. 3 eine Darstellung. Eine an der Südseite belegene zweigeschossige Kapelle, welche sich oben mit breiten Arkaden nach dem Chore hin öffnete, scheint, nach den nüchternen Kunstformen zu urtheilen, dem Schlusse des XV. Jahrh. anzugehören.

Technisches.

Der interessanteste Theil des Chorbaues ist die reich gestaltete Anordnung der drei Polygonschlüsse, welche bei dem Wunsche, möglichst viele und breite, zur Aufnahme von Glasmalereien bestimmte Fenster anzulegen, zu eigenthümlichen Konstruktionen geführt hat. Diese sinngerechte Struktur, womit das Hauptgesims der Nebenchöre mit den betreffenden Polygonmauern des Hauptchors verbunden sind, zeigt der Holzschnitt, wobei bemerkt wird, daß der die Seitenfronten der Strebepfeiler miteinander verbindende Flachbogen, sowie die dagegen gelegte hochbusige Kreuzkappe es nothwendig machten, daß die äußersten Fenster des Hauptchors nicht höher emporgeführt werden konnten, als die Fenster der Nebenchöre reichten. Gleichzeitig wurde durch die getroffene Anordnung die Möglichkeit gegeben, den Hauptchor wie die Nebenchöre mit demselben Dachverband zu überdecken, wie dies die Ostfaçade Fig. 2 lehrt. Die technische Ausführung ist an der ganzen Kirche höchst gediegen zu nennen und wird durch ein Material von großer Dichtigkeit und schöner Färbung trefflich unterstützt. Leider hat das Innere nur noch an den Pfeilern die Naturfarbe des Materials bewahrt. Das Steinformat beträgt am südlichen Seitenschiffe 11---11¼ Zoll, 5 bis 5¼ Zoll und 3½---3¾ Zoll, am Chore 11¼---11½ Zoll, 5½---5⅝ Zoll, 3¼---3½ Zoll.

Kunstwerke.

Die Kirche ist trotz aller Verschleuderung und Vernachlässigung mittelalterlicher Kunstwerke noch immer reich daran zu nennen. Außer mehreren kleineren, leider ganz vernachlässigten Flügelaltären bewahrt sie in dem überaus großen, aufs Prachtvollste geschnitzten, bemalten und vergoldeten Flügel-Hochaltare eine der bedeutendsten Leistungen auf dem Gebiete der Holzschnitzkunst in den Marken. Die an diesem ausgezeichneten Skulpturwerke vorhandenen Darstellungen beziehen sich auf Leben, Tod und Himmelfahrt Mariä. Höchst wahrscheinlich ist dieser Altar gleich nach Vollendung der Kirche ca. 1470 aufgestellt worden.

Zwei größere Erzgußwerke haben glücklicherweise den Sturm der Zeiten überdauert und Datum wie Meisternamen überliefert. Es sind dies der große, vor dem Hochaltare auf 3 Löwen ruhende fünfarmige Leuchter, welchen der Holzschnitt darstellt, und das einfach gebildete pokalförmige Taufbecken. Am Fuße des Leuchters steht die Minuskelinschrift: anno domini MCCCCLXXXVII do makede herman bonstede dese luchte, und an dem Taufbeck: anno domini MCCCCLXXXIX hermen bonstede: help jhesus unde maria.

Ein mit eingravirten biblischen Darstellungen geschmückter, silberner und vergoldeter Kelch aus dem Anfange des XIII. Jahrhunderts gehört zu den sparsam vorhandenen Resten der älteren Goldschmiedekunst in den Marken[8]).

Der bei weitem wichtigste und hervorragendste Schatz der Kirche besteht in den allerdings nur noch theilweise erhaltenen Glasmalereien in den Chor- und einigen Schiffs-Fenstern. Diese namentlich in Bezug auf die Komposition, von der höchsten Adel und der reinsten Schönheit erfüllten Malereien, welche Darstellungen des Sündenfalles, des Todes und der Krönung der Maria, sowie Engel mit Wappenschilden, Heilige etc. enthalten sind, wie aus den Inschriften hervorgeht, Stiftungen des Kurfürsten Friedrich II. Ihre Herstellung hat 1467 stattgefunde[9]).

Resultat.

Der oblonge Westthurm ist in seinen untern Theilen vor 1160, im obern Stockwerke um 1220, die westlichen Untertheile der Seitenschiffsmauern ca. 1310---1320, der Westtheil des Langhauses 1412---1420, der Chor 1440---1468 erbaut worden.

Fußnoten

[1]Riedel a. a. O. VI. 9.
[2]Riedel a. a. O. VI. 16, 17, 22 und 24.
[3]Riedel a. a. O. VI. 29, 34, 48 und 49.
[4]Nur durch Rüdemann's Sammlungen a. a. O. S. 100 ist diese nicht unwichtige Nachricht überliefert worden.
[5]Riedel a. a. O. VII. 418.
[6]Riedel a. a. O. VI. 57.
[7]Die völlige Abwesenheit von Granitmaterial an diesem Thurme läßt darauf schließen, daß die älteste Pfarrkirche St. Johannes ein von Niederländern ausgeführter Backsteinbau gewesen ist, deren Ansiedlung in und bei Werben auch anderweitig urkundlich gesichert ist 20
[8]Dieser Kelch ist abgebildet und eingehend erörtert worden in v. Quast und Otte Zeitschr. I, 69 ff.
[9]Auch auf diese Fenster nach ihrem Kunstwerthe und historischen Bedeutung zuerst eingehend aufmerksam gemacht zu haben, ist ein Verdienst des Herrn von Quast. Vergl. dessen Aufsatz in v. Quast und Otte Zeitschr. II, 33 ff.