A. Die ehemalige Burg Werben.
Zum erstenmal wird Werben geschichtlich sicher in dem Chronicon des Merseburger Bischofs Thietmar im Jahre 1005 mit den Worten erwähnt: Sepe (scil. Henricus II.) cum Sclavis in Wiribeni iuxta Albim positam conventione habita, nolentibus seu volentibus hiis, necessaria regni suimet tractavit atque potenter finivit. Nachzuweisen, in welchem Monat des Jahres 1005 diese Reichstage stattgefunden haben, ist hier nicht der Ort; dafür sind die in den Monumenta Germaniae historica im 3. Bande der Diplomata abgedruckten Urkunden heranzuziehen. Uns interessiert hier nur, die notwendigen Folgerungen für das Bestehen und Aussehen der Burg aus der Tatsache zu ziehen, daß der König Heinrich II. 1005 hier Reichstage mit den jenseits der Elbe wohnenden Wenden, diesen grimmigen Feinden der Deutschen, abgehalten hat. Uns scheint daraus hervorzugehen, daß die Burg schon damals eine große und starke Burg gewesen sein muß, denn sonst hätte der König mit seinem Heere weder Raum noch Schutz hier an der feindlichen Grenze in derselben finden können. Ist die Burg aber groß und stark gewesen, so muß sie schon seit längerer Zeit bestanden haben. Wenn wir darum auch keine ältere urkundliche Erwähnung, als die im Jahre 1005, kennen, so behaupten wir doch, daß die Burg schon zur Zeit Heinrichs I. aus einer wendischen Anlage in eine deutsche Burg verwandelt wurde. Als unter diesem Könige der politische Schwerpunkt des deutschen Reiches in das Sachsenland verlegt wurde, kam es darauf an, die östliche Grenze gegen die feindlichen Wenden zu sichern. Am gefährdetsten war die Grenze bei den Übergängen über die Elbe. Da nun Werben an einem der wichtigsten Elbübergänge nahe der Havelmündung lag, mußte es frühzeitig befestigt werden. Auch aus der Tatsache, daß das 946 gegründete Bistum Havelberg in der Provinz Mintga unter anderen Ländereien 6 Hufen in dem bei Werben belegenen Dorfe robelj (Röbel) erhalten hat, kann man wohl schließen, daß damals schon die deutsche Burg Werben bestanden hat.
Wie König Heinrich II., so kam auch Kaiser Konrad II. nach Werben, um mit den Wenden im Jahre 1032 wegen Erhaltung des Friedens zu verhandeln. Die Bemühungen dieses Kaisers waren vergeblich. Im Jahre 1033 wurden bei dem castellum Wirbine viele sächsische Edle, unter ihnen der Graf Luidger, ferner Thiedof, Wolveradus und 11 andere, von den Wenden getötet. Im Jahre 1034 kam darum der Kaiser selbst wiederum nach Werben. Als der Kaiser die Feinde wegen ihrer Mordtaten zur Rechenschaft zog, veranlaßten sie, wie Konrads Biograph Wipo erzählt, zum Beweise, daß die Sachsen Schuld an dem Friedensbruche trugen, einen Zweikampf, der auch bewilligt wurde, aber mit dem Siege des Slaven endete. Dadurch entstand bei den Heiden solcher Übermut, daß sie sofort über die Christen hergefallen wären, wenn es nicht der Kaiser verhindert hätte. Der Kaiser stellte sich dessenungeachtet auf die Seite seines Volkes und verweigerte den Wenden jede Genugtuung. Unversöhnt und mit tiefem Groll im Herzen ob des erfahrenen Unrechts verließen die Wenden den Landtag zu Werben.
Der Kaiser erbaute zu Werben ein Schloß (construxit castrum Wirbinam), versah dasselbe mit einer Besatzung und ermahnte die sächsischen Fürsten ernstlich, die Wenden mit vereinigten Kräften in Schranken zu halten. Schon im Februar des folgenden Jahres (1035) bemächtigten sich die Wenden des neuerbauten Schlosses durch einen heimlichen Überfall. Der Graf Dedo, welcher die Besatzung befehligte, wurde mit einem Teile der letzteren gefangen weggeführt, viele andere Christen wurden getötet. In demselben Jahre unternahm zwar der Kaiser einen Strafzug gegen die Wenden, durch welchen die Wenden wieder unterworfen wurden. Gewiß erhielt damals auch die Burg Werben wieder sächsische Besatzung, doch gelang es auch jetzt nicht, der Gegend eine dauernde Sicherstellung zu verschaffen.
Im Jahre 1056 war Werben wieder der Schauplatz eines traurigen Ereignisses, welches im ganzen Reiche beklagt wurde. Kaiser Heinrich III. hatte zur Züchtigung der Wenden ein großes Heer gerüstet; der Markgraf Wilhelm und ein Graf Dietrich führten den Oberbefehl. Nicht weit von der Burg Prizlawa an dem Ufer der Elbe, wo sie die Havel aufnimmt (non procul a castro, quod Prizlawa dicitur, quod situm est in littore Albis fluvii in ostio, ubi ipse recipit Habolam fluvium), wurde das Heer mitten zwischen beiden Flüssen unerwartet von den Wenden angegriffen, teils niedergemacht, teils in die Flüsse gejagt. Der Markgraf selbst blieb mit mehreren Grafen auf dem Schlachtfelde. Die Wenden verfolgten diesen Sieg durch weiteres Vordringen in das Sachsenland. Dauernder Friede kam erst in diese Gegend nach der Unterwerfung der Prignitz gegen die Mitte des 12. Jahrhunderts. Nur noch zweimal erinnern uns Urkunden an die Burg: Graf Heinrich von Anhalt, Vormund der minorennen Markgrafen Johann I. und Otto III., verkaufte nämlich im Jahre 1225 unter Zuziehung dieser seiner Neffen zur Tilgung von Schulden, womit die Landesherrschaft aus einem unbekannten Grunde der Stadt verhaftet war, den Ort Prinzlow, der hier als Wiese bezeichnet ist (pratum unum Prinzlowe), zugleich mit den an der Süre, damals einem Flusse, gelegenen Grundstücken, welche letztere später selbst die Süre oder Sürwiesen genannt sind. Dasselbe Grundstück, welches hier „pratum Prinzlowe" heißt, wird in einer Urkunde des Jahres 1335 der „Wald Colpin" genannt (ac nominatim Pratum, Prinzlowe quondam dietum, quod nunc Silva Colpin nominatur ...). Der Vollständigkeit halber sei hier noch hinzugefügt, daß bei der Separation des Kolpins im Jahre 1774 der Stadt Werben 260 Morgen zufielen, welche laut Kaufkontrakt vom 4. Mai 1776 an die Gemeinde Rodahn für 2000 Taler verkauft wurden. Für letztgenannte Summe wurde der an dem Wege von Werben nach dem Drudenhofe belegene Wegenersche Acker angekauft und unter den Bürgern verteilt. Und noch in einer Urkunde hören wir etwas von der Burg. Eine Hufe Landes, welche nebst einer Worth, dem Burgwall, dem Angefälle der Sandworth und anderen Zubehörungen ein Bürger Lorenz Pasewalk von der Familie von der Weide und von der Markgrafschaft zu Lehn trug, wurde von dem Stadtrate im Jahre 1342 dazu gekauft.
Der Name „Werben", der wendischen Ursprungs ist, bedeutet „Weidenbusch" (salicetum), wie Briesen „Birkenbusch", Wastrow „Eichbuch", Leipzig „Linde" heißt.
In Hinsicht der Topographie gilt es nun, drei Fragen zu beantworten: Wo lag die 1005 zuerst geschichtlich sicher genannte Burg „Wiribeni?" Wo lag das 1034 von Konrad II. errichtete castrum „Wirbina?" Wo lag die erwähnte Burg „Prizlava?"
Auf die erste Frage bekommen wir aus den Urkunden nur die eine Antwort, daß die Burg neben der Elbe gelegen gewesen sei. Daraus geht zunächst doch mit unumstößlicher Sicherheit hervor, daß wir es hier tatsächlich mit unserem „Werben" zu tun haben. Wenn nun jede Burganlage auch immer eine Kapelle oder ein Kirchlein haben mußte, so gehen wir sicherlich nicht fehl, wenn wir annehmen, daß die Burg sich um die kleine hölzerne, an der Stelle der jetzigen St. Johanniskirche belegene Kirche herum ausgedehnt habe. Die Befestigung der Burg haben wir uns folgendermaßen zu denken: Das Burggebiet wurde zuerst von einem mit starken Palisaden bewehrten Wall, dann von einem tiefen Graben und endlich wiederum von einem hohen Wall umgeben; um das Ganze herum dehnten sich Sümpfe, welche zur Zeit des Hochwassers der noch nicht eingedeichten Elbe in weit gedehnte Seen verwandelt wurden. Als ein wichtiger Zugang von der Elbseite zur Burg diente zweifellos der Erdwall, der zunächst der jetzigen räbelischen Straße folgte, dann aber hinter der sogenannten alten Elbe in nordöstlicher Richtung nach der alten Elbfährstelle hin abbog. Im Jahre 1566 --- es sei das kurz hinzugefügt --- wurde dieser Erdwall von der Elbe durchbrochen, dann von den Bürgern planiert und unter dem Namen „Kuhgräben" an die Bürger verteilt. Welches heutige Stadtgebiet umfaßte nun diese älteste Burg Werben? Daß der Platz mit dem Kirchlein in der Mitte derselben gelegen gewesen, wird kaum bestritten werden können. Aber sind denn über die Grenzen der Anlage gar keine Spuren mehr vorhanden? Gewiß, es sind einige Spuren für den aufmerksamen Beobachter noch heute erkennbar. Auf Grund dieser Spuren behaupten wir, daß die spätere Stadtmauer, deren Richtung noch heute überall zweifellos sicher nachgewiesen werden kann, im Süden und Südwesten auf dem äußersten Burgwalle errichtet ist. Genau nach Osten erstreckt sich vom Kirchplatz die kleine Straße „Schadewachten." Der Name „Schadewachten" bedeutet wahrscheinlich nichts anderes als „Schutzwacht", welcher Name darauf zu deuten wäre, daß die Burgmannen, die Wächter der Burg, hier vorzugsweise wohnten. Vor diese Straße ist rechtwinklig eine andere Straße vorgelagert, deren nördlicher Teil auch „Schadewachten", deren südlicher „Hinter der Mauer" genannt wird. Diese letztere Straße ist unseres Erachtens der Überrest des ehemaligen äußeren Burgwalles, der sich nun von dem heutigen Hause Nummer 110 in südwestlichem flachen Bogen, immer der Straße „Hinter der Mauer" folgend, bis nach dem südlichen Hoftor der jetzigen Königlichen Domäne, der Stelle des 1890 abgebrochenen Komtureitores, hin erstreckte, von dort wiederum in flachem Bogen, quer durch den heutigen Domänengarten an der Westgrenze des Diakonatsgartens entlang bis zum noch heute erhaltenen runden Mauerturm (in Haverlands Garten) hinzog. Von diesem Turm aus schlug er eine nördliche Richtung ein, ging an der Stelle des jetzigen Hauses 173 über die Fabianstraße hinweg, kam im Bogen an die jetzige Seehäuserstraße heran, folgte ihrer Richtung in nordöstlichem, flachen Bogen, ging über den jetzigen Markt hinweg, um dann in südöstlichem Bogen über die jetzige Kirchstraße (früher „hohe Straße") hinweg wieder auf den nord-südlichen Teil der Schadewachtenstraße zu stoßen. In der Annahme dieser Begrenzung der Burg werden wir durch die noch heute vorhandenen Spuren des innerhalb derselben sich ehemals hinziehenden Burggrabens bestärkt. Solche Spuren bilden die tiefgelegenen Teile des heutigen Oberpfarrgartens, des Domänen-Obstgartens, des Domänenhofes, ganz besonders des Diakonatsgartens. Daß aber südlich der heutigen auf den Markt mündenden Seehäuserstraße vor alten Zeiten sich wassergefüllte Gräben hingezogen haben, dürfte dadurch bewiesen werden, daß man bei dem Bau der südlichen Häuser an der genannten Straße sowie bei dem der am Markt belegenen Häuser Nr. 204 bis 207 häufig auf sogenannten „schlüffigen" Untergrund sowie auf gewaltige Eichenbäume, die wohl später zur Festigung desselben dienen sollten, gestoßen ist. Zu beachten ist es dabei doch auch, daß die jetzige Seehäuserstraße in älterer Zeit „Jüdenstraße" hieß, und daß es im Mittelalter üblich war, die Juden in die äußersten Straßen zu verweisen, die am Stadtgraben entlang gingen. Jedenfalls siedelte man also die schon 1334 in einer Urkunde genannten Werbener Juden an dem ehemaligen Burggraben an. Es sei noch nachträglich auf die bemerkenswerte Lage der Häuser Nr. 173 und 174 in der Fabianstraße und Nr. 137 und 130 in der Kirchstraße aufmerksam gemacht; diese Lage läßt auch vermuten, daß die Häuser Nr. 173 und 130 auf dem ehemaligen äußeren Burgwall errichtet sind. Die ehemalige Burganlage bildete also ein unregelmäßig kreisförmiges Gebiet, welches den Kirchplatz, die Schulstraße, die Marktstraße, die Kirchstraße, die Komturei- und Schadewachtenstraße umfaßte und in nord-südlicher Richtung einen größeren Durchmesser hatte als in ost-westlicher.
Wo lag nun das von Konrad II. errichtete castrum? Riedel meint, daß dieses castrum mit der 1056 erwähnten Burg Prizlava identisch sei. Wir meinen dagegen, daß doch beides ganz verschiedene Anlagen gewesen seien; die Gründe für diese Ansicht werden unten angeführt werden. Was sollen denn die Worte „construxit castrum" bedeuten? Wenn 1033 bei dem alten Kastell Werben ein Graf Luitger mit 42 anderen getötet und die Gegend durch Raub, Mord und Brand verwüstet wurde, so kann man doch annehmen, daß auch die alte Burg Werben von den grimmigen wendischen Feinden arg mitgenommen wurde. Als daher im Jahre darauf Kaiser Konrad hierher kam, mußte es seine Hauptaufgabe sein, die Burg Werben nicht nur wieder in alter Weise herzustellen, sondern auch noch stärker zu befestigen, damit sie in Zukunft besser Schutz bieten könnte, als zuvor. Auf keiner Seite war diese stärkere Befestigung notwendiger als gerade auf der Ostseite, richteten doch namentlich von Osten her die Feinde immer wieder ihre Angriffe gegen die Burg. Und so können wir denn annehmen, daß Kaiser Konrad die Ostseite der Burg 1034 durch eine besondere Befestigungsanlage vielleicht an der Stelle des heutigen sogenannten „Triangels" (Häuser Nr. 131a, 131b, 132, 80, 94--97 und 102) bedeutend verstärkt hat. Dazu würde gut der Name „hohe Straße" für die jetzige Kirchstraße und die Richtung des sogenannten „langen Dorfes" passen; erstere Straße ist durch die später abgetragenen Burgwälle ziemlich hoch geworden; das lange Dorf aber, bei dessen Anlage es auf möglichststen Schutz von Seiten der Burg ankommen mußte, hatte diesen Schutz im Westen und im Süden, im Westen durch die alte, im Süden durch die neue, 1034 angelegte Befestigung. Übrigens lassen auch die sehr tiefen und sehr breiten Gräbenspuren an dieser Seite eine besonders starke ehemalige Befestigung noch heute erkennen.
Wir haben nun noch die Frage nach der Lage der alten Burg Prizlawa zu beantworten. Da die einzige vorhandene Bezeichnung dieser Lage, nämlich die oben angeführte Bezeichnung des Annalista Saxo (cf. S. 101), eine mehrfache Deutung zuläßt, so haben die Geschichtsschreiber über die Lage dieser Burg sehr geteilte Ansichten; die einen suchen sie zwischen der Elbe und der ehemaligen Havelmündung an derselben Stelle, an welcher 1631 bis 1641 die berühmte Schwedenschanze gestanden, die anderen dagegen meinen, sie habe auf den Segebergen bei Quitzöbel gestanden, die dritten identifizieren sie ohne weiteres mit der Burg Werben oder doch mit dem neuen von Kaiser Konrad angelegten castrum. Es sei gestattet, kurz die betreffenden Stellen aus den in Betracht kommenden Geschichtswerken anzuführen: Joh. Angelus a Werdenhagen, De rebus publicis Hanseaticis, Francofurti (Vorrede von 1641), Pars III, cap. 7, pag. 234: Praeterea Caesar (Heinrich I.) trans Albim inter Havelam singulare Castrum cum vallis arduis erigebat in proximo monte et appellabat eum Montem victoriae, ceu adhuc locus ille nomen tale retinuit. Pars IV, p. 371: Imprimis Varinium ob commoditatem tutam loci valde adamavit (sc. Heinrich I.), ut etiam ab altera parte Albis Castellum prope Havelam erexerit, quam (!) Montem Victoriae aut Sigebergam contra Vandalos nominavit, ubi etiam non sine omine felici ab hostibus ingentem reportavit victoriam. Bekmann, Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg, Bd. II. (Berlin 1753), S. 213: „Auf dem Felde zu Quizöbel nahe an dem Zusammenfluß der Havel und Elbe ist der Havelort ... und die sogenannte Segeberge oder Siegeberge, Montes Victoriae, an und auf welchen der Kaiser Heinrich der Voglersteller die Wenden soll erleget haben." Samuel Buchholz, Versuch einer Geschichte der Churmarck Brandenburg usw., Berlin 1765, Bd. I, S. 342: „Sie (mehrere slavische Völkerschaften) trieben ihn (den Markgrafen Wilhelm) zurück bis an den Ausfluß der Havel in die Elbe, wo ein Schloß namens Pritzlava lag. Heutiges Tages liegt in der Gegend ein Dorf und adeliges Gut, Quitzöbel, und zunächst der Havel und Elbe befinden sich die Segeberge, die den Namen noch von dem Schloß übrig haben, das Kaiser Heinrich I. daselbst angelegt, als er zuerst die Wenden auf den Hals fiel, und wahrscheinlicher Weise haben es die Wenden, nachdem es in ihre Gewalt gekommen, Pritzlava geheißen usw." In die neuere Literatur über die Mark Brandenburg scheinen diese Nachrichten eingedrungen zu sein bei Th. Fontane, Fünf Schlösser. Altes und Neues aus der Mark Brandenburg. Berlin, 1889, S. 5 und 6. Daher kommt es, daß der Name „Segeberge" noch heute gern von den Anwohnern als „Siegeberge" gedeutet wird. Diese Deutung würde wieder gut zu dem Namen „Prizlava" d. h. „Ergreife den Sieg, den Ruhm" passen. Nun wissen aber leider die geschichtlichen Quellen nichts von einem außerordentlich großen Sieg Heinrichs I. oder eines seiner Nachfolger an der Havelmündung. Wohl haben die Sachsen 1057 auf ihrem Rachezuge gegen die Wenden einen Sieg erfochten (cf. das Chronicon Wirziburg (Mon. Germ. SS. VI, 31, Wigger, Mecklenb. Annalen bis zum Jahre 1066, Schwerin 1860, Magdeb. Schöppenchronik, Chroniken der deutschen Städte, Leipzig 1869, VII, S. 96 und die Sächsische Weltchronik, herausgegeben von Weiland, Mon. Germ. Hist. SS. II, S. 174), doch sagen die Quellen nichts über den Ort dieses Sieges, und erst recht werden die Segeberge bei Quitzöbel nicht genannt oder gar als „Siegeberge" gedeutet. Es ist also an den Segebergen bei Quitzöbel kein Sieg erfochten, nach dem die Berge genannt sein könnten; man müßte denn etwa annehmen, daß die Slaven die Namensgeber 1056 gewesen seien und der wendische Name später von den Sachsen ins Niederdeutsche übersetzt worden sei, wofür aber jeglicher Anhalt fehlt. Es ist demnach für die Erklärung des Wortes „Segeberge" „sege" = „Niederung" zum Grunde zu legen (cf. Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, Heft XVII, Nr. 6).
Riedel schreibt in seinem Codex diplomaticus, Band VI, S. 394: „Das Schloß, bei welchem diese Schlacht (nämlich die Schlacht im Jahre 1056) vorfiel, wird bei dieser Gelegenheit zwar nicht Werben sondern Prizlava genannt, jedoch da zugleich die Lage desselben so bezeichnet wird, daß es mit dem Orte Werben zusammentrifft, ein von Werben verschiedenes, unter dem Namen Prizlav oder Prizlow bestandenes Schloß niemals anderweitig erwähnt, dagegen in einer Urkunde vom Jahre 1225 ein Wiesengrundstück in der Nähe der Stadt Werben mit dem Namen Prinzlove bezeichnet wird; so ist Prizlava wohl nur für den Namen des neuen Castelles zu halten, welches Kaiser Konrad neben dem alten Schlosse Werben und in der Nähe von diesem errichtete. „Dagegen findet man weder im 12. Jahrh. noch in der späteren Zeit eines Schlosses zu Werben mehr gedacht. Auch eine landesherrliche Vogtei, wie sie an Schlösser geknüpft zu sein pflegte, bestand zu Werben nicht: vielmehr gehörte die Stadt mit in den Bezirk des Vogtes zu Arneburg. Das alte und neue Schloß Werben, von denen letzteres, wie oben bereits bemerkt worden, wahrscheinlich auch Priz- oder Prinzlow genannt wurde, muß daher frühzeitig untergegangen sein." Diese Annahme Riedels, unter Prizlava sei das neue von Kaiser Konrad errichtete „castrum Wirbina" zu verstehen, hat ungemein viel Gründe für sich, indessen fällt sie doch dahin durch die Tatsache, daß die 1225 Prinzlow genannte Wiese nicht in der Nähe der Stadt Werben, sondern mehrere Kilometer nord-nordöstlich jenseits der Elbe und Havel zwischen den Feldmarken der Bauerndörfer Rodahn und Gloüwen gelegen war. Und so nehmen wir denn an, daß hier die Burg Prizlava von den Wenden als Stützpunkt für ihre Einfälle ins deutsche Gebiet erbaut und mit Anspielung auf den Namen „Werben" („den Sieg erwerben") „Prizlava" d. h. „Erwirb den Sieg!" genannt worden sei. Der „Prinzlow" genannte Ort war recht geeignet zur Anlage einer Burg; wie eine Karte aus der Zeit der Separation vom Jahre 1772 zeigt, bestand er noch im letztgenannten Jahre aus weit gedehnten sumpfigen Wald- und Wiesenpartien, die von vielen tiefen sogenannten Lanken unterbrochen sind. Besonders erwähnt seien die „böse Lanke (oder Lacke)" und der „tiefe Grund", beide an dem Wege von der Plattenburg nach Nitzow gelegen. Nach der Erwähnung des Annalista Saxo zum Jahre 1056 hat die Schlacht nicht weit von dem an der Havelmündung belegenen Schlosse Prizlava stattgefunden; dabei ist sicher der Ausdruck „an der Havelmündung belegen" nicht zu streng aufzufassen, denn für den fernen Geschichtsschreiber spielte eine Entfernung von 1 bis 2 Kilometer keine besondere Rolle. Wir erinnern nur beiläufig daran, daß Werben noch heute als „an der Elbe belegen" bezeichnet wird und doch auch in der allernächsten Entfernung reichlich 1 km von dem Strome entfernt ist. Wir erinnern ferner daran, wie so häufig in den Schulen noch heute gelehrt wird, die Havel münde bei Havelberg in die Elbe, obwohl doch eine mehrstündige Dampferfahrt nötig ist, um von Havelberg bis an die unterhalb Quitzöbel bei „Krügers Werder" belegene Havelmündung (Havelort) zu gelangen. Wir erinnern endlich daran, daß wahrscheinlich -- wir schließen das aus dem Namen „Lacken" oder „Lanken", jenen am alten Prinzlow belegenen tiefen Seen -- der Lauf der nicht eingedeichten Elbe und Havel in jener fernen Zeit hier ein ganz anderer gewesen ist; soviel steht ja fest, daß die Havelmündung bis zur Zeit Friedrichs d. Gr. der Stadt Werben gerade gegenüber, zwischen der Kolonie Neu-Werben und der jetzigen Werbener Fährstelle, gelegen war und erst im Anfang der dreißiger Jahre des 19. Jahrh. ihre jetzige Stelle erhielt. Unter „Lacken" oder „Lanken" versteht man hier tiefe Löcher, die bei Ueberflutungen der Ströme entstanden sind; man bezeichnet sie auch wohl mit dem Namen „Wehl". Wir dürfen uns vorstellen, daß die deutschen Heere unter Markgraf Wilhelm 1056 von den aus der Burg Prizlava hervorbrechenden slawischen Völkerschaften bis an den Ausfluß der Havel in die Elbe zurückgetrieben und dort zwischen beiden Flüssen von ihnen und anderen aus dem Hinterhalt hervorbrechenden Slaven niedergemacht wurden.
Es ist nicht recht zu erkennen, wie jenes Wiesengrundstück den Namen der Burg Prinzlow (Prizlava) erhalten, wenn die Burg selbst dort nicht gelegen. Und wiederum, wie wäre Graf Heinrich von Anhalt, Vormund der minorennen Markgrafen Johann I. und Otto III., dazu gekommen, gerade dieses doch von der Stadt recht fern gelegene und durch Elbe und Havel getrennte Grundstück 1225 der Stadt zu überlassen, wenn nicht irgendwelche Beziehungen zwischen beiden, der Stadt Werben und jenem Grundstück, bestanden hätten. Die Stadt hatte sich um die jungen Markgrafen besonders verdient gemacht, denn in einer Urkunde des folgenden Jahres 1226 gedenken diese der besonders belohnungswerten treuen Dienste, welche ihnen vom Rate und der gesamten Bürgerschaft erwiesen worden. Es sollte darnach die Überlassung des Ortes Prinzlow und der Süre einen Akt der Gnade und der Dankbarkeit darstellen. Wie konnten die Markgrafen ihrer Dankbarkeit schöneren Ausdruck geben, als wenn sie nun der Stadt Werben die Stätte zur Nutzung überließen, von welcher einst so entsetzliches Unheil über dieselbe gekommen war? Die Annahme aber, daß Kaiser Konrad dort jenseits der Elbe und Havel das „castrum Wirbinam construxit," dürfte kaum ernstlich in Betracht zu ziehen sein, denn mitten im feindlichen Lande, fern von der Burg Werben, wäre die Burg nur zu bald den Angriffen der Feinde erlegen.
Es war im Obigen nicht die Absicht, unumstößlich sichere Behauptungen aufzustellen, sondern neue Anregungen zu geben, die Frage nach der Lage der Burg Prizlava zu behandeln.
