B. Die ehemalige befestigte Stadt Werben.
Zum erstenmal wird Werben 1034 als „oppidum" genannt, und zwar in den Hildesheimer Annalen: „Plura et insolita bella intra Linitzos et nostrates ad oppidum Wirbini exorta sunt, in quibus de nostris quidam interfecti sunt et plerique sauciati." Wahrscheinlich hatte die städtische Anlage schon seit längerer Zeit existiert; eine starke Burgbesatzung hatte immer allerlei Lebensbedürfnisse, welche nur von Handwerkern und Händlern befriedigt werden konnten. „Die Elbe hatte wenig so bequeme Übergangspunkte, als ein solcher bei Werben sich darbot. Zu friedlichen Zeiten gereichte dies der Bildung und Entwicklung einer städtischen Anlage an diesem Orte zu großem Vorteile. In kriegerischen Zeiten aber, wie sie bis an die Mitte des 12. Jahrh. hinan fortdauernd stattfanden, so lange die Elbe die Sachsen von heidnischen Wendenvölkern schied, führte eben der Umstand, daß die Elbe gewöhnlich an diesem Punkte überschritten wurde, die größte Unsicherheit für die Niederlassungen in diesem Teile der Altmark herbei; dadurch mußte der städtische Anbau Werbens notwendig zurückgehalten und verzögert werden. Gewiß ist erst mancher Anfang städtischen Anbaus an diesem Orte, den einstweilige Dauer friedlichen Verkehrs zwischen den Sachsen und Wenden hervorrief, bei dem Wiederausbruch der von Zeit zu Zeit immer erneuten feindlichen Einfälle zerstört worden, bevor das heutige Städtchen Werben seinen Anbau erhielt. Letzterer erfolgte wahrscheinlich nach der Unterwerfung der Prignitz gegen die Mitte des 12. Jahrh. In der um diese Zeit ausgefertigten Stiftungsurkunde Stendals ist Werben schon als Stadt namhaft gemacht und niederländische Kolonisten scheinen sich inzwischen in bedeutender Anzahl in der neuen, schützender Deiche bedürftigen Stadt niedergelassen zu haben, wie bei Seehausen. Zwar nennt die einige Jahre später ausgestellte Urkunde des Markgrafen Albrecht des Bären, welche die Pfarrkirche dem Johanniterorden vereignet, den Ort Werben nur als Dorf (villa), doch gegen das Ende des 12. Jahrh. wird der Bestand Werbens als städtischen Ortes (oppidum) wieder urkundlich bestätigt, u. zw. bei der Gelegenheit, daß der Markgraf Otto II. mit seinem Bruder Albrecht im Jahre 1196 unter anderen Gütern auch die Städte (oppida) Seehausen und „Wirbene" dem Erzstifte zu Magdeburg eigentümlich überließ und von demselben wieder zu Lehn nahm. Als Stadt tritt Werben dann auch im 13. Jahrh. öfters in Urkunden auf. (Riedel). Die Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts ist die Zeit, in welcher das städtische Leben seinen höchsten Aufschwung nahm. Die näheren Geschicke der Stadt sind in der „Chronik" ausführlich mitgeteilt. Hier interessieren uns die beiden Fragen: Wo lag die befestigte Stadt und wie sah sie in der genannten Zeit ihrer höchsten Blüte aus?
Die Befestigung der Stadt bildete die hohe aus Backstein errichtete Mauer, ferner der um die Mauer sich herumziehende breite Graben, endlich der Wall, der später noch eine zweite Mauer bekam. Die Entstehungszeit der Stadtmauer läßt sich leider nicht genau angeben; die ältesten bekannten steinernen Stadtmauern in der Mark, die von Wittstock, stammen aus dem Jahre 1244, so kann man wohl das Ende des 13. Jahrh. als Erbauungszeit für die Werbener Mauern annehmen. Im Süden und Südwesten, von dem Knick der Straße „Hinter der Mauer", bis zum Komtureitor und weiter quer durch den Domänengarten und an der Grenze des Diakonatsgartens bis zum oben genannten Mauerturm (in Haverlands Garten) stand die Mauer auf dem äußeren Burgwall, von dort zog sie sich bis zu dem Seehäuser Tor, das vor den Häusern Nr. 182 und 184 lag, dann auf der Grenze der Höfe und Gärten entlang bis zu der Heiligen-Geist-Kapelle (Salzkirche), die in ihr lag, von dort aus an dem heutigen Fischertore vorüber in stumpfem Winkel nach dem etwa 1460 errichteten Elbtor und von diesem, wiederum auf der Grenze der Höfe und Stegegärten, nach dem Räbeler Tor, um dann in flachem Bogen den Knick der Straße „Hinter der Mauer" zu erreichen. Wie lange die Mauer gestanden, läßt sich nur ungefähr bestimmen. Im Frühjahr 1640 hatte der Statthalter Graf Dietrich von Schwarzenberg ein Kommando von 150 Reitern nach Werben gesandt mit dem Auftrage, Tore und Mauern niederzulegen. Die äußere Mauer wurde vermittels Schrauben vollständig niedergelegt; auch in die zweite waren schon Löcher eingehauen, als Gegenbefehl eintraf. Im Lagerbuche aus dem Jahre 1744 wird geklagt, daß die Stadtmauern in sehr schlechtem Zustande seien. Als 1796 die Wälle vom Räbeler Tore bis zum Elbtor an 22 Interessenten für 22 Taler in Erbpacht zur Verwandlung in Gartenland überlassen wurden und im Sommer 1818 mit dem Stadtgraben vom Elbtor bis zum Seehäuser Tor ein Gleiches geschah, da wird auch für die Stadtmauer das letzte Stündlein geschlagen haben. Nur einige spärliche Reste von der Mauer sind noch heute vorhanden, so besonders im Diakonatgarten. Von den Türmen sind nur noch zwei vorhanden, der Mauerturm, den wir oben öfter genannt haben, und das herrliche Elbtor mit seinem trutzigen Turm. Den Gang des äußeren Walles bezeichnet im Süden, Westen und Norden die heutige Wallstraße, im Osten die lange Stege.
Mit der Errichtung der Stadtbefestigung fiel die Bedeutung der Burgbefestigung dahin. Wenn noch im 13. Jahrhundert einige Markgrafen „bei" Werben geurkundet haben, so ist das ein Beweis dafür, daß Burg und Stadt Werben noch getrennt gewesen sind, denn die Markgrafen werden ihr Quartier in der Burg, nahe oder auf der Johanniterkomturei, aufgeschlagen haben. Gegen Ende des 13. Jahrh. wird man dann durch Abtragung der Burgwälle und Ausfüllung der Burggräben die Vereinigung der beiden Bestandteile ausgeführt und das sogenannte „lange Dorf" (die heutige „lange Straße") in die Stadt Werben eingemeindet haben. So umfaßten die Stadtmauern das heutige Gebiet der Stadt. Außerhalb der Mauern lagen nur das Hospital S. Georg (an Stelle des jetzigen Hauses 306 vor dem Seehäuser Tor an der „steinernen Brücke") und seine 1483 erbaute Kapelle, ferner der 1329 schon urkundlich genannte „Ziegelhof" (die heutige Reppenhagen'sche Ziegelei, Haus Nr. 277), endlich das 1424 an dem Wege nach der alten Fährstelle vor dem Elbtor (in der Nähe des jetzigen Wehls) errichtete S. Gertrudshospital, dem 1461 ebenfalls eine Kapelle angefügt wurde. Während das letztere Hospital bei einem Elbdurchbruch 1595 zerstört wurde, wurden seine Kapelle ebenso wie die Ziegelei und die S.-Georgsgebäude gelegentlich des schwedischen Feldlagers bei Werben 1631 zerstört.
Wie uns das Merian'sche Stadtbild erkennen läßt, wetteiferte auch das kleine Werben mit den anderen altmärkischen Städten in der Kunst der Befestigung. Die Mauern hatten, wie wir noch heute an einem Maueransatz an dem oft genannten Mauerturm sehen können, eine stattliche Höhe, damit der Feind nicht mit den Sturmleitern hinaufsteigen konnte. Oben an der Mauer befand sich der gedeckte Wehrgang, an dessen Schießscharten die Bogen- und Armbrustschützen standen. Auch von der Seite mußten die Mauern durch die Bogenschützen bestrichen werden können. Dazu dienten die kleinen Mauertürme, welche in Bogenschußweite, etwa 50 Schritt voneinander entfernt, aus der Mauer hervorsprangen; noch ist ein ruinenhafter Rest eines solchen Turmes im Diakonatsgarten vorhanden. Diese Türme werden in alten Urkunden auch „Weichhäuser" genannt. Zu ihnen standen die Leitern, auf denen die Verteidiger zum Wehrgang hinaufstiegen. Die Winden wurden dort angebracht, um die schweren Feldsteine hinaufzubringen, die man den Angreifern auf den Kopf warf. Nach der Einführung der Feuerwaffen behielten diese Verteidigungstürme ihre Bedeutung. Ob auch hier in Werben einer dieser Türme als Pulverturm diente, steht nicht fest. Ein Gang ringsherum um die Häuser der Stadt gestattete bequemen Zugang zu allen Befestigungswerken; wir können diesen Gang noch heute in der Straße „Hinter der Mauer", im Diakonatsgarten und in der „Promenade" erkennen. Fallbrücken führten in friedlichen Zeiten über den Graben durch die Wälle und Tore in die Stadt.
Wir treten im Geiste über die Fallbrücke durch das in dem südlichen Teile der Mauer belegene Tor und gelangen auf den Hof der 1160 von Albrecht dem Bären gestifteten Johanniterkomturei. Hier stehen die Wirtschaftsgebäude und Scheunen, in denen noch bis zum Jahre 1460 die Brüder des Priesterkonventes dem Komtur den Erntedienst leisteten und in ihrem schwarzen Habit und dem weißen Ordenskreuze auf der Brust bei der Einfuhr von Getreide und Heu die nötigen Taßarbeiten verrichteten. Dort sehen wir die „alte Kapelle", von welcher die Sage erzählt, daß sie von zwei reichen, zu den Johannitern geflüchteten Tempelherren erbaut sei; nun -- im 15. Jahrh. -- dient sie als Brauhaus, in welchem die Ordensgeistlichen das Bier ziesefrei brauten, nicht nur um es selbst zu trinken, sondern auch an „sitzende Gäste" zu verkaufen (cf. Urkunde vom 15. Sept. 1518). Dort endlich befindet sich das geräumige Ordenshaus; war es dasselbe, was bis 1662 stand? Dann war es recht bescheiden aus Fachwerk, inwendig mit Lehm „gekleibet". Heute steht von allen diesen Gebäuden nur noch die „alte Kapelle". Das eingemauerte, rechtwinklige Balkenkreuz am östlichen Giebel erinnert an die ehemaligen kirchlichen Zwecke. Vermauerte Fenster- und Türöffnungen auf der Südseite weisen mit ihren romanischen Rundbogen in das 13. Jahrh. Ein vermauertes gotisches Fenster sowie die nachher erhöhten Giebel lassen an eine gotische Erweiterung der kleinen Kapelle denken. --- Durch eine kleine Pforte gelangen wir auf den Kirchplatz, der ehemals auch Begräbnisplatz war. In der Mitte liegt die S. Johanniskirche, deren Bauzeit von Adler in den „Mittelalterlichen Backsteinbauwerken des preußischen Staates" nachgewiesen, deren Inneres in der Werbener Chronik näher beschrieben ist. Von öffentlichen Gebäuden am Kirchplatz erwähnen wir nur kurz das nordwärts belegene Schulhaus. Zum ersten Male fanden wir 1392 die Werbener Schule erwähnt. Vielleicht war das Schulhaus um die Wende des 15. Jahrh. schon dasselbe, von welchem im Jahre 1702 geklagt wird, daß beide Schulkollegen zugleich in einem kleinen und insonderheit zur Winterzeit ganz finstern Auditorio nicht sonder große Ungelegenheiten informieren müssen. Vom Kirchplatz wandern wir im Geiste westwärts in die Fabianstraße. Wahrscheinlich hat sie ihren Namen von dem Heiligen Fabianus, dem die in ihr belegene Badstube geweiht war. Am Ende dieser Straße biegen wir in die „Judenstraße" ein und gelangen nach dem Marktplatz. Das wohl an der heutigen Stelle stehende Rathaus soll nach dem Berichte eines Geschichtsschreibers damals von recht feinem Ansehen, auch mit einem Turm und Gewölbe geziert gewesen sein. Nach dem Lagerbuch der Stadt vom Jahre 1744 bestand das Rathaus aus zwei Giebelgebäuden; es war so schadhaft, „daß man bei naßem Wetter nicht trocken, auch bei starkem Winde nicht ohne Lebensgefahr darin sitzen konnte". Das jetzige Rathaus stammt aus den Jahren 1792 und 1793. In nördlicher Richtung gelangen wir zu dem Hospital des „Heiligen Geistes". Nachdem das aus unbekannter Zeit stammende Hospital zunächst ohne Kapelle bestanden hatte, erhielt es 1313 eine solche. Dieselbe ist eine einschiffige, gewölbte, zweijochige, in halbem Sechseck geschlossene Bauanlage mit niedrigen Nebenkapellen zwischen den südlichen Strebepfeilern. Die Flachbogen sowie namentlich die Profile der oberen Spitzbogenfenster weisen, so meint der Berliner Architekt Eichholz, auf den ursprünglichen, etwa 1313 entstandenen Bau. Die Sage erzählt recht wahrscheinlich, daß hier der erste evangelische Gottesdienst 1539 gehalten sei; indessen berichtet die Geschichte, daß schon 1542 „hart Korn darin hauste". Wie in anderen märkischen Städten, so wurde auch hier in W. die Heiligegeistkapelle später zur Niederlage des Salzes benutzt, während sie gegenwärtig als Spritzenhaus dient. Der Weg von der Kapelle an der Stadtmauer entlang führt uns östlich in die Straße, die schon im 15. Jahrh. „platea piscatorum" genannt wird. Sie mündet in die Straße, die zum Elbtor führt. Auch über diese Toranlage finden wir in dem oben genannten Adler'schen Werke genaue Auskunft. Nachdem sie durch die Fürsorge des Konservators von Quast gründlich restauriert ist, bildet sie noch heute eine Zierde, auf welche die Stadt mit Recht stolz sein kann. Durch das „lange Dorf" gelangen wir nach dem sehr starken Räbeler Tor, nach der „hohen Straße" und nach „Schadewachten" und von dort wieder nach dem Kirchplatz zurück.
Zum Schluß möge der Vers stehen, welchen Johann Angelus a Werdenhagen part. 3 de rebus hanseat. p. 372, von unserem Werben schreibt:
Varinum quondam celebravit prisca vetustas,
Cederet ut lucro laus ea Marchiacis,
At neglecta diu quum multis cladibus esset,
Urbis nunc positum respicimus melius.
Übersetzung:
Einst pries das alte Altertum Varinum,
sodass jener Ruhm den Marchiern zum Gewinn gereichte;
doch da es lange Zeit vernachlässigt und von vielen Unglücken heimgesucht war,
betrachten wir nun den Ort der Stadt in besserem Zustand.