Allgemeine Bemerkungen über die „Wappen" der altmärkischen Städte und im Besondern über das der Stadt Werben und die einer dortigen Münzstätte zugeschriebenen Pfennige. Werbische Ordenssiegel.
Vom Geheimen Archivrath v. Mülverstedt in Magdeburg.
Die auf den Siegeln der Stadtgemeinden zuerst sich zeigenden Embleme müssen entweder als Stadtzeichen oder als heraldische Embleme d. h. Wappen aufgefaßt Werben. Als letztere stellen sie sich dar, wenn sie entweder in freistehenden oder in eine behelmten oder unbehelmten Schild gesetzten heraldischen Figuren bestehen, als erstere, wenn das Siegel entweder den Typus einer Stadtansicht: eine bethürmte, mit einem Thore versehene, oft ein Kastell oder die Hauptkirche einschließende Mauer zeigt, oder auch nur allein einen Mauerthurm (mit oder ohne Pforte) oder den Schutzpatron der städtischen Hauptkirche. Die Natur eines solchen Stadtzeichens wird dadurch nicht verändert, wenn, sei es über der Mauer, sei es in ihrem Thore, eine Wappenfigur frei oder im Schilde hinzugefügt wird, oder daß an einem der Mauerthürme oder an zweien derselben ein Wappenschild angebracht ist, ferner daß dies an dem das einzige Emblem bildenden Thurme geschieht, oder daß dieser von zwei Wappenschilden beseitet wird. Man hat indeß schon Zeugnisse aus dem 14. Jahrhundert, daß die Embleme der Stadtsiegel geradezu als Stadtwappen bezeichnet werden, und daher schreibt es sich, daß schon seit Jahrhunderten und zumal gegenwärtig das Bild, welches ein Stadtsiegel zeigt, als das Stadtwappen gilt und daß man demzufolge von Stadtwappen spricht.
Schon die obigen Andeutungen ergeben zur Genüge, daß die Stadtwappen in heraldischer Beziehung ebenso wie in archäologischer und kunsthistorischer Hinsicht den Adels-, also wirklichen Wappen fast gleichkommen und eine reiche Fülle interessanten Stoffes darbieten. Demzufolge würde es sich wohl lohnen, lediglich die sogenannten Stadtwappen in ihrer Allgemeinheit nach jenen verschiedenen Richtungen hin einer wissenschaftlichen Betrachtung und Klassifizirung zu unterziehen, besonders aber ihre Eigenthümlichkeiten und die Ursachen oder Anlässe zu untersuchen, welche zu ihren Formationen geführt haben. Ein solches Werk entbehren wir leider noch immer. An Quellen dazu fehlt es wahrlich nicht, namentlich seitdem in neuerer Zeit nicht nur fast alle Urkundenbücher auch mit Abbildungen von Städtesiegeln ausgestattet sind, sondern auch --- von Voßberg, Gautsch, L. Clericus[1]) und Hupp[2]) (Anderer zu geschweigen) --- Werke herausgegeben sind, welche größtentheils oder ausschließlich der Abbildung von Stadtsiegeln und Stadtwappen gewidmet sind. Ganz besonders muß ich aber noch eines Werkes erwähnen, welches die Siegel aller Städte eines großen Reiches --- des Kaiserreiches Oesterreich --- darstellt, nämlich Dr. Karl Lind's Blätter für ältere Sphragistik", herausgegeben von der K. K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale, Wien 1878, ein Werk, welches die geistlichen und Städtesiegel der ganzen Monarchie in so vollendeten, vielfach das allergrößte Interesse darbietenden, glücklicherweise nicht photographischen Abbildungen vorführt, sodaß es in der Bibliothek keines deutschen Geschichts- und Alterthums-Vereins fehlen sollte. Wir werden auf dieses Werk noch unten zurückkommen, nach welchem und nach den sonst genannten Werken sich eine viel weiter gehende Systematik und Klassifizirung der Städtesiegel aufstellen ließen, als sie die obigen Andeutungen enthalten.
Wir haben uns hier aber nur mit den Städtesiegeln der Altmark Brandenburg zu beschäftigen. Gleichwie der hochverdiente und nie zu vergessende Voßberg die allerältesten Siegel der Städte Ost- und Westpreußens in trefflichen Abbildungen nach gezeichneten Vorlagen veröffentlicht und ein Wappenbuch der Städte seiner Heimathprovinz Posen herausgegeben hat[3]), so sind durch mühsame und gründliche Arbeit des Herrn Regierungs-Assessors G. G. Winkel in Magdeburg die Wappen und Siegel der Städte und Dorfschaften in der Altmark und Prignitz in wohlgelungenen Abbildungen und mit einem entsprechenden, meistens auch kritischen Kommentar im 1. Hefte des 24. Jahresberichtes des altmärkischen Geschichtsvereins uns vorgeführt.
Von den hier abgebildeten Wappen von Gemeindewesen ziehen wir nur die der altmärkischen Städte in Betracht und schließen auch das braunschweigische Kalvörde sowie das einstmals magdeburgische Städtchen Oebisfelde aus. Demnach beschäftigen wir uns zunächst nur die Wappen der 11 Städte Salzwedel, Stendal, Gardelegen, Osterburg, Tangermünde, Arneburg, Seehausen, Calbe, Arendsee, Werben und Bismark.
Sehr eigenthümlich und beachtenswerth ist es, daß, während die Insignien der Städte in den übrigen Theilen der Mark Brandenburg im buntesten Wechsel die verschiedenartigsten Embleme zeigen und z. B. schon in der Prignitz von ihren 12 Städten in ihren Siegeln nur vier den brandenburgischen Adler, drei als nebensächliche Figur, eine (Wusterhausen) nur halb im gespaltenen Schilde, sehen lassen, sämmtliche altmärkische Städte ihn in ihren „Wappen" führen. Und zwar zeigt er sich allein und in ganzer Gestalt, allenfalls mit einem Beizeichen, oder --- ich muß sagen --- Beiwerk, bei den Städten Tangermünde, Salzwedel (im vereinigten Wappen der Alt- und Neustadt), Seehausen, Werben und Arendsee; im gespaltenen Schilde halbirt neben einem Emblem, von dem man annehmen könnte, daß es die Hauptbedeutung hat, bei Stendal, Bismark, Salzwedel (Altstadt), Calbe und Gardelegen, endlich als nebensächliche Figur bei Osterburg und Arneburg.
Wir haben die Wappen dieser Städte so betrachtet, wie sie jetzt geführt werden, indessen zeigen die Urformen dieser Wappen keineswegs die heutige Darstellung der Bilder. So lassen die ältesten Siegel der Städte Tangermünde und Werben einen (den brandenburgischen) Adler ohne jedes Beizeichen sehen, während heutzutage der Adler von Tangermünde inmitten jedes Flügels eine weiße Rose trägt[4]), und der von Werben über seinem Kopfe einen aufwärts gekehrten Halbmond und darüber einen Stern hat. Auf das Wappen von Werben kommen wir unten ausführlich zurück; den Ursprung der Rosen im Tangermünder Adler hat Herr Regierungs-Assessor Winkel sehr richtig erkannt, aber ich möchte das Beizeichen (das es im eigentlichen Sinne des Wortes nicht ist) keineswegs willkommen, vielmehr als verkehrte moderne Erfindung als verwerflich erachten.[5]) Salzwedel führt in seinen ältesten Siegeln keineswegs einen gespaltenen Schild und darin als zweites Hauptbild den Schlüssel, vielmehr erscheint er dort nebensächlich als Unterlage für die Fänge des Adlers, der unbedingt das Hauptschildzeichen oder Hauptwappenbild der Stadt war. Den Schlüssel neben dem Adler zeigen erst Sekretsiegel aus dem 15. Jahrhundert. Und so sieht man auch in dem anscheinend schon der Mitte des 15. Jahrhunderts angehörigen Sekretsiegel von Stendal nur den märkischen Adler ohne das Nebenfeld mit den Steinen. Auf dem ältesten Siegel von Seehausen ist dem Adler als wirkliches Beizeichen, auf jeder Seite ein Seeblatt (in Anspielung auf den Namen), hinzugefügt, das sich etwas später seitwärts außerhalb des Schildes, in den der Adler gesetzt ist, findet, während es heutzutage --- fehlerhaft --- an einem Stiele von dem Adler in den Fängen gehalten wird. Unverändert geblieben sind die Stadtzeichen von Arneburg, Osterburg, Bismark und Gardelegen; mittelalterliche Siegel der Stadt Calbe fehlen.
Schon oben wurde erwähnt, daß die natürlichsten Bilder für die durch die Nothwendigkeit der Beglaubigung von Urkunden entstandenen Stadtsiegel die Stadtansichten in einer typischen phantastischen Formation waren: bethürmte Mauern mit einem Thor, mitunter die Stadthauptkirche einschließend, auch das Hauptthor, von Thürmen flankirt, oder ein kastellartiges Bauwerk, selbst nur ein Mauerthurm allein. Dazu kamen oft noch bezeichnende Zuthaten als Nebenfiguren: der über der Mauer hervorragende oder thronende Patron der Stadtpfarre, der Schutzpatron des (zumal geistlichen) Territorium, zu dem die Stadt gehörte, der Schild oder Wappenhelm des Oberherrn der Stadt, auch nicht selten dessen Schildfigur frei im Schilde, oder gewisse andere Embleme, die meistens auf den Namen der Stadt, ihre Lage oder ihren Hauptnahrungszweig hindeuten sollten u. s. w. u. s. w.
So sehen wir auch auf altmärkischen Siegeln einen Stadttypus, jedoch niemals (wie öfters bei anderen Städten) allein, sondern stets mit einer zweiten, so groß sie auch dargestellt ist, nebensächlichen Figur bei Osterburg, Stendal und Arneburg, hier noch mit Andeutung der Elbe.
Alle anderen Stadtsiegel der Altmark führen den Adler, mit anderen Figuren verbunden, so zuerst Salzwedel mit einem entschieden nebensächlich erscheinenden, unter den Fängen des Adlers quergelegten Schlüssel, dessen Bedeutung bis jetzt noch nicht unumstößlich feststeht. Wir wissen, daß er späterhin als zweite Hauptfigur betrachtet und in das rechte Feld des nunmehr gespaltenen Schildes gesetzt wird, ebenso wie zum Stadtemblem von Stendal ein solches Feld mit 4 Rauten (1. 2. 1.) hinzutrat, die bald als Gerstenkörner, bald als Steine gedeutet werden, letzteres mit Bezug auf den Stadtnamen Stein-dal (thal). Der Ursprung dieses Wappentheiles ist unbekannt; er findet sich bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Schon das älteste Siegel der Stadt Gardelegen zeigt zwei verschiedene monogrammatisch zusammengezogene Embleme, so daß also der Adler längshalbiert ist, während das zweite Feld 5 aus einem unten etwas schrägliegenden knorrigen Stamme hervorsprießende lange nackte Stengel, oben mit spitzigen Knöpfchen in abfallende Länge enthält. Ziemlich ähnlich, aber um einen vermehrt, zeigen sie sich auf dem zweitältesten größeren Siegel, aber beiderseits mit kleinen runden Knöpfchen besetzt. Das sie Hopfenstauden darstellen sollen --- mit Bezug auf das blühende Brauwesen von Gardelegen --- lehren die späteren Siegel der Stadt mit 4 und mit 5 Stauden, die hier aus einem querliegenden Stamme, dort aus dem Erdboden hervorsprießen. Der Beizeichen beim Embleme der Stadt Seehausen wurde schon oben gedacht; Seehausen, Stendal, Salzwedel, Werben und Tangermünde sind die einzigen Städte der Altmark, welche schon im Mittelalter ihr „Wappen" auch in Schilden zu führen anfingen, vielleicht auch Bismark in einem runden Schilde in seinem allein bekannten ältern, aus dem 15. Jahrhundert datirenden Siegel. Wir sehen hier vorn einen querliegenden knorrigen Stamm, aus dem an gekrümmtem Stengel eine Rose mit einem Blatt darüber hervorwächst, während hinten sich der halbe märkische Adler zeigt. Eine Längstheilung des Schildes durch eine Linie ist nicht zum Ausdruck genommen, wohl aber später, wo richtiger der halbe Adler die erste Stelle und die zweite eine natürliche Rose auf einem mehrmals bebätterten gekrümmten Stengel einnimmt. Aehnlich ist das Wappen von Calbe formirt: im gespaltenen Schilde erblickt man vorn den halben rothen Adler der Mark Brandenburg, hinten ein aus dem Schildrande hervorspringendes Kalb mit Anspielung auf den Stadtnamen, der aber wohl zweifellos nichts mit dem Thiernamen zu thun hat. Bei Calbe an der Saale hat man durch die Wahl eines Kalbes als Stadtsiegel ebenso verfahren.
Noch ist es für diese allgemeine Betrachtung der Embleme der altmärkischen Stadtsiegel erforderlich, des Siegels zu gedenken, welches die Neustadt-Salzwedel in Mittelalter geführt hat und das in Vereinigung mit dem der Altstadt noch jetzt geführt wird. Wir sehen das Emblem der Altstadt (also einen Adler mit dem Schlüssel unterhalb der Fänge), verziert durch zwei einander zugekehrte auf die oberen Flügelgelenke gesetzte Helme mit einem Flügelschmuck, also den zum brandenburgischen Adlerschilde gehörigen Wappenhelm. Die alles Leere gern ausfüllende vorzeitliche Kunst hat als Zierrath noch vor dem nach hinten ausgebogenen Adlerhalse einen Stern gesetzt, der aber auf der andern Halsseite fehlt. Ganz fehlerhaft läßt das jetzt geführte Wappen von Salzwedel die höchst unschön geformten Helme schweben und mit je einem Kamme, statt eines Flügels, besetzt sehen.[6]) --- Nichts Auffälliges ist es übrigens, daß das Wappenhelm des Landesherrn in ein Stadtsiegel oder Stadtwappen übernommen wurde; wir sehen ihn in der Ein- oder auch Doppelzahl hier auf der Stadtmauer, dort auf den Mauerthürmen ruhen. Schließlich sei noch bemerkt, daß sich im Sinne unserer Auffassung von Haupt- und Nebenfigur in altmärkischen Städtewappen, die Siegel der Gewandschneider und der Kürschner in Stendal sowie der Schmiede in Salzwedel (Voßberg I. F. 1 Nr. 4. 11. 15) nicht die als signifikant betrachteten Embleme der Steine oder Hopfenstauden, sondern lediglich den halben Stadtadler sehen lassen, der sich bekanntlich auf den ältesten Siegeln von Stendal allein und in ganzer Figur zeigt.
Wir werfen nun noch einen Blick auf die Form und auf die Umschriften der Stadtsiegel der Altmark.
Die natürliche und älteste Form, die runde, zeigt sich bei den allermeisten Stadtsiegeln; die einzige Ausnahme machen Tangermünde und Werben mit einer spitzovalen Form, die sich eigentlich für die Darstellung von Adlern, welche diese beiden Städte in Wappen führen, am wenigsten eignet. Ueber den Zweck der Wahl dieser Siegelform ist öfters geschrieben worden; das Richtige wird sein, daß sie gewählt wurde, um Personen --- geistliche oder weltliche --- stehend in ganzer Figur darzustellen (was auf größeren leeren Flächen vermieden wurde), aber dennoch sieht man sie auch oft bei komplizirten Darstellungen auf Siegeln meist geistlicher Herren, und auch selbst, jedoch höchst selten, für die Wappensiegel adeliger Personen angewendet, wozu die Siegel der Herren v. Blankenburg und v. Greiffenberg Beispiele geben (Voßberg Siegel der Mark Brandenburg II. D. 4. 5). [7]) Daß diese Schildform selbst auch für Stadtsiegel gewählt wurde, davon liefert schon das genannte Werk in den Siegeln von Belitz einen Belag und mehr noch das erwähnte Siegelwerk von Lind und das Mecklenburgische Urkundenbuch, das die Abbildungen zahlreicher Stadtsiegel enthält.
Die Stadtsiegel zerfallen in Hauptsiegel und Sekrete, deren Unterschied bekannt ist. Eine ziemliche Verschiedenheit herrscht aber überall in der Bezeichnung der „Siegelherren". Die Siegel bezeichnen sich selbst als Sigilla urbis, civitatis, oppidi, communitatis, burgensium, civium, selbst civitatensium (!), consulum. Bei der Altmark ergeben sich folgende Variationen. Die Form Sigillum burgensium findet sich überhaupt nur auf den ältesten Siegeln und zwar bei Stendal, Salzwedel, Gardelegen, Osterburg, Seehausen und Werben; außerdem kommt nur die Bezeichnung civitatis auf den spätern Siegeln und Sekreten aller dieser Städte, daneben noch bei Tangermünde, Bismark und Arneburg vor.