A. Das Stadtwappen.
Das Wappen der Stadt Werben würde keiner längern Erörterung bedürfen, wenn es unverändert geblieben, d. h. heute und seit mindestens 250 Jahren noch so wie anfänglich geführt würde. Die ältesten Stadtsiegel, wie schon oben bemerkt worden ist, lassen nämlich einen einfachen --- den brandenburgischen --- Adler sehen, sowohl das älteste Spitzovale, wohl dem 13. Jahrhundert angehörige Hauptsiegel mit dem Adler frei im Siegelfelde als auch das den Adler in einem Schilde führende runde Sekretsiegel, das im 15. Jahrhundert gefertigt worden ist. Das Erste ist bereits von Beckmann bekannt gemacht worden, demnächst von Voßberg Siegel der Mark Brandenburg II. C. 3 und dann das Stadtwappen von Gautsch im Neuen Siebmacher Lief. 81 Taf. 148. Herr Regierungs-Assessor Winkel hat a. a. O. Taf. II. Nr. 23 das älteste Stadt-, unter Nr. 24 das erwähnte Sekretsiegel abgebildet und S. 32 zu diesen Siegeln und dem gegenwärtigen Stadtwappen einen kurzen Kommentar geliefert, dem einige erwünschte Notizen über das Alter der Stadt und die Bedeutung ihres Namens vorangeschickt sind. Diesen Kommentar wiederholt theilweise Herr Pfarrer Wollesen in seinem soeben erschienenen, vorzüglich bearbeiteten und empfehlenswerthen Werke: Chronik der Stadt Werben S. 25, 26. Beide Autoren bemerken außerdem, daß auch noch ein kleines, noch 1664 in Gebrauch befindliches Sekretsiegel (das höchstens gegen Ende des 16. Jahrhunderts gefertigt sein wird), nur den einfachen Adler --- ohne Beizeichen --- in einem Schilde unter den Buchstaben S. C. W. (Sigillum oder Secretum Civitatis oder Consulum W. . . .)[8]) sehen läßt. Außerdem erwähnt noch Herr Pfarrer Wollesen S. 26, daß sich auf dem Rathhause ein im Jahre 1582 dem Rath verehrtes, in Holz geschnittenes Stadtwappen befinde, aber er giebt leider nicht an, ob es den Adler mit oder ohne Beizeichen darstellt. Wir nehmen das letztere an. Herr Assessor Winkel bemerkt noch ferner, daß erst die noch vorhandenen, kaum über den Anfang dieses (des 19.) Jahrhunderts hinausreichenden Siegel das Stadtwappen in seiner heutigen Form, nämlich über dem Kopfe des Adlers mit einem aufwärts gekehrten (ungebildeten) Halbmonde und darüber gesetzten Stern zeigen. Dies ist aber insofern unrichtig, als bereits das auf der Stadtansicht von Werben in dem bekannten 1650 ff. herausgegebenen Merian'schen Städtebuche dargestellte Wappen das Beizeichen von Mond und Stern sehen läßt. Herr Pfarrer Wollesen, der das Merian'sche Bild reproduzirt hat, setzt das Alter dieses Bildes unrichtig in das 16. Jahrhundert.
Hiernach wird man annehmen müssen, daß die Beizeichen des Adlers spätestens um das Jahr 1650 oder bereits im 16. Jahrhundert aufgekommen sind. Und wirklich spukt (sit venia verbo) schon im 16. Jahrhundert der „Mond" im Stadtwappen von Werben. Der im 16. Jahrhundert schreibende altmärkische Chronist Entzelt[9]) giebt an, daß sich im Stadtwappen von Werben ein Adler „auf einen Mond" zeige. Ist dies richtig und lag dem Chronisten eine uns unbekannt gebliebene Darstellung des Stadtwappens vor, so kann man sich dabei nur so vorstellen, daß entweder der Adler einen querliegenden großen Halbmond überdeckte oder daß sich der letztere, wie bei Salzwedel der Schlüssel, unterhalb der Fänge des Adlers befand. Die erstere Komposition wäre doch wohl unerhört, die letztere indeß allenfalls möglich oder denkbar, namentlich wenn man sich mit der von Herrn Regier.-Assessor Winkel versuchten Erklärung (S. 23) befreundet. Indeß scheinen mir doch zwei andere Erklärungsarten, wie Mond und Stern in das Stadtwappenbild gekommen sind, den Anspruch auf größere Wahrscheinlichkeit zu haben.
Die eine wäre die folgende. Bekanntlich wurde der brandenburgische Adler schon in alter Zeit (wir vermeiden hier Citate aus alten Wappenbüchern oder Siegeln) mit Kleestengeln abgebildet, d. h. mit jener einem Halbmonde gleichenden, auf die Brust gelegten und in den Flügeln mit je einem Kleeblatt endigenden „Binde" (wie alte Heraldiker die Figur nennen), die, wenn die ornamentalen Kleeblätter fortgelassen werden, vollkommen einem Halbmonde gleicht, wie dies z. B. bei dem Wappenadler von Schlesien und Mähren ersichtlich ist, wo es auch geradezu heißt, daß der Adler mit einem Halbmonde belegt sei. Diese Binde nimmt gerade in der Mitte d. h. auf der Brust des Adlers die größte, breiteste Dimension an;[10]) und dadurch mag infolge eines lapsus calami oder eines Gedankenfehlers Entzelt's Beschreibung entstanden sein.
Was den Stern anlangt, so mag er, der auch in der Einzahl zur Ausfüllung eines leeren Raumes und öfters noch in der Mehrzahl angewendet wurde, schon sonst auf dem Stadtsiegel neben dem Adlerkopfe gestanden haben, wie wir dies oben beim Siegel der Neustadt-Salzwedel gesehen haben, und wie wir zwei Sterne beim Adlerhalse von Soldin (Voßberg II. C. 2) und sonst noch äußerst oft antreffen.
Es wird nicht zu leugnen sein, daß die Städte, welche in ihren Siegeln völlig übereinstimmend einen Adler (den brandenburgischen) führten, wie z. B. Tangermünde und Werben, deren Insignien aber auch z. B. mit denen der Städte Teltow[11]), Berlin (zur ältesten Zeit), Cöln an der Spree, Mohrin, Stendal u. a. m. übereinstimmten, schon früh darauf Bedacht nahmen, durch die Hinzufügung von Beizeichen mögliche Verwechselungen und Ungenauigkeiten vorzubeugen und unterscheidende Merkmale für die Stadtzeichen oder Wappen zu schaffen. So entstanden die zahlreichen gespaltenen Stadtwappenschilde, in denen das sonst alleinige Adlerfeld (nunmehr mit dem halben Adler) ein Nebenfeld mit einem charakteristischen Bilde erhielt, wie in den Siegeln von Bismark, Gardelegen und Stendal (andere Beispiele zu geschweigen), oder man ließ den Adler auf einen Schlüssel ruhen (Salzwedel), besetzte seine Flügel mit Helmen oder mit einem Helme gar seinen Kopf (Neu-Ruppin)[12]), belegte die Flügel mit Rosen (Tangermünde), gab dem Adler Seeblätter in die Fänge oder setzte Seeblätter neben den Schild (Seehausen) u. s. w. Kurz, es wird auch einst in Werben der Wunsch oder das Bedürfniß rege geworden sein, den Stadtadler näher zu „charakterisiren". So mag man den „Halbmond" vor der Brust des Adlers mit dem etwa schon an dessen Halse befindlichen Stern --- recht unglücklich und wenig geschmackvoll --- über den Adlerkopf transferirt haben oder wenn der Stern fehlte, einen solchen dem Monde als dessen gewöhnlichen Begleiter hinzugefügt haben. Recht unglücklich und unbedacht war diese Prozedur deshalb, weil nun ein Himmelskörper von einer gelben oder weißen Tinktur in ein weißes Feld --- ein schreiender Widerspruch mit der heraldischen Aesthetik --- gesetzt werden mußte.
Doch läßt sich noch ein anderer Versuch machen, die gewissermaßen plötzliche Beigabe von Mond und Stern im Werbischen Stadtswappen zu erklären.
Man nimmt nämlich, durchmustert man die mittelalterlichen und namentlich die Stadtsiegel, wahr, daß sich nicht ganz selten auf ihnen in dem oder leeren Theile des Siegelfeldes Sonne, Mond und ein Stern oder besonders nur ein Mond und ein Stern dargestellt finden. Und zwar zeigt sich diese Darstellung in Stadtsiegeln meistens nur dann, wenn auf ihnen das typische Bild einer Stadt zu sehen ist. Man hat sich die Beifügung der Gestirne so zu erklären, daß man den über dem Stadtbilde befindlichen leeren Theil des Siegelfeldes als das Firmament, den Himmel, betrachtete, den man, zumal bei dem durchgängigen Bestreben, alle leeren Stellen im Siegelfelde auszufüllen, nicht passender als durch die Gestirne ausschmücken zu können glaubte. Es geschah aber auch, daß man Mond und Stern neben menschliche Figuren, die man sich unter freiem Himmel stehend oder sitzend dachte, in das Siegelfeld setzte.
Die wahrgenommene Häufigkeit solcher Siegel veranlaßte schon zu Anfange dieses Jahrhunderts einen sich für Siegel lebhaft interessirenden süddeutschen Gelehrten zu einer mit vielen Abbildungen im Druck herausgegebenen Abhandlung: Was bedeuten Sonne, Mond und Sterne auf mittelalterlichen Siegeln?[13])
In dieser sehr seltenen Schrift wird im Großen und Ganzen dieselbe Erklärung versucht, wie ich sie gegeben habe. Gehen wir aber zu uns näher liegenden Beispielen über. Da ist es ein Siegel der Stadt Torgau von Jahre 1448, welches über der vielthürmigen Stadtmauer Sonne, Mond und Sterne sehen läßt, dann folgt ein Siegel der Stadt Hamburg, auf welchem neben dem mittleren Thurme einerseits ein Halbmond und andererseits ein Stern steht (Neuer Siebmacher Städtewappen Tab. 175). Andere Siegel der Stadt zeigen den Mittelthurm zwischen zwei Sternen. Das Wappen der holländischen Stadt Doersbach (ebendas. Tab. 35) läßt über dem Kastell zwei Halbmonde sehen.
Aber auch in anderer Bedeutung liebte man Mond und Sterne im Mittelalter auf Siegeln anzubringen, wie das Stadtwappen von Seelow (Hupp. Tab. 50) oder das von Hammerstein lehrt (ebendas. Tab. 20) und endlich erblickt man im Schilde des Stadtwappens von Schönsee über dem unteren querliegenden Fisch einen Halbmond und einen Stern nebeneinander. In allen diesen und anderen Fällen ist der Mond jedoch niemals wagerecht liegend, sondern stets senkrecht stehend abgebildet.[14])
Noch eine viel größere Zahl von Beispielen bietet das oben erwähnte treffliche Werk von Lind aus den Siegeln der österreichischen Monarchie dar. Auf dem Siegel des Chorherrenstifts Vorau (Tab. III.) ist die Gruppe mit dem, einen vor ihm knienden, Heiligen segnenden Heilande links von der Sonne über 2 Sternen, rechts von dem liegenden Halbmonde über 2 Sternen umgeben. Auf dem Siegel des Bürgerhospitals zu Wien sieht man in den oberen Winkeln eines Kreuzes Sonne und Halbmond (stehend), in den unteren je einen Stern (Tab. V.) Halbmond und Sterne, jederseits einer über dem liegenden Halbmond, umgeben das Muttergottesbild auf dem Konventssiegel von Kloster-Neuburg (ebendas.) und ebenso auf dem Siegel des Benediktinerstiftes Garsten (Tab. VI.).
Auch an Beispielen von Stadtsiegeln fehlt es dort nicht. Das von Agram (Tab. XVIII.) hat das dreithürmige Kastell von einem Stern und einem (liegenden) Halbmonde beseitet; auf dem Siegel von Warasdin steht der Thurm zwischen einem (achtstrahligen) Stern und einem aufgerichteten Halbmonde (Tab. XX.) und auf dem der Stadt Tirnau erblickt man dieselben beiden Figuren, aber in umgekehrter Ordnung zwischen den Mittelspitzen eines Rades. (Ebendas.) Wir sehen also, daß Mond und Sterne keineswegs ausschließlich zur Illustrirung des Himmels über einem Stadtbilde, sondern auch zur Begleitung von Menschen und leblosen Gegenständen verwendet wurden. Fast bedeutungslos waren diese Gestirne auch auf geistlichen oder denjenigen Stadtzeichen, welche ein typischen Stadtzeichen enthielten, dagegen von Bedeutung bei denjenigen Siegeln der letzteren Art, welche andere Bilder, Thiere oder leblosen Gegenstände enthielten.
Ist aber der schon lange im Stadtwappen von Werben sich zeigende Halbmond und Stern über dem Adlerkopfe nicht aus einer „Kleestengelbinde" und nicht von einem unter den Füßen des Adlers ruhenden Halbmonde entstanden oder von seinem Halse heraufgenommen oder hat der Stern einst über dem Schilde gestanden (wie auf dem Siegel von Teltow, Voßberg II. C. 2.), so wird man nur anzunehmen haben, entweder daß die beiden Zeichen doch auf einer unbekannt gebliebenen Stadtwappendarstellung sich neben dem Adlerkopfe befanden, also auf einem alten, früh außer Gebrauch gesetzten Stadtsiegel, oder daß das ältere Stadtsiegel gleichwie die von Stendal, Osterburg und Arneburg ein typisches Stadtbild aufwies, über dessen Thürmen nach jener so oft verwendeten Mode sich Stern und Halbmond zur Illustrierung des Himmels zeigten. Daraufhin würde dann noch der märkische Adler geschwebt haben. Als dann der letztere alleinige Stadtzeichen wurde, mögen Mond und Sterne als für wesentlich gehaltene Bilder hinübergenommen und sehr wenig glücklich über das Adlerhaupt gesetzt worden sein.
Daß die Annahme des einstigen Vorhandenseins eines solchen Stadtsiegels nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen ist, lehrt das Beispiel des Stadtwappens von Morin (Mohrin in der Neumark), dessen Siegel aus dem 14. Jahrhundert einen bloßen Adler sehen läßt (Voßberg I. C. 1.), während das spätere und noch heute gebräuchliche, nach einem doch wohl recht alten vorliegenden Stempel formirte Stadtwappen den Adler über einem typischen Stadtbilde zeigt. (Hupp. Tab. 50.) Verfehlt ist jene Ansicht (bei Winkel S. 32), daß der Halbmond und Stern „eine leere Zuthat des Stempelschneiders sei, der damit eine leere Stelle ausfüllen wollte". Das könnte nur von einem oder mehreren Sternen, nicht von einem solchen in Verbindung mit einem Halbmonde behauptet werden, abgesehen davon, daß sich über dem Adlerkopfe doch keine leere Stelle befand. Ebensowenig wird man der Vermuthung zustimmen können, daß die beiden Zeichen auf den Johanniter-Orden und dessen Komthurei in Werben, d. h. als das Emblem einer vom Orden einst erbeuteten türkischen Fahne oder eines solchen Feldzeichens Bezug haben sollten.
Wenn Herr Regierungs-Assessor Winkel für die Beibehaltung der Zeichen plaidirt, so kann man ihm nur beipflichten, aber dabei doch den Vorschlag einer nothwendigen Verbesserung machen, nämlich den Halbmond und den Stern (jeden besonders) auf die Flügel des Adlers zu legen, wodurch auch das Fehlerhafte der Farbendiskrepanz gelb auf weiß vermieden würde. Bleiben beide Figuren aber an ihrer alten Stelle, so muß ihre Farbe geändert werden.
Schließlich sei noch bemerkt, daß die spitzovale Form der Adlersiegel von Tangermünde und Werben sich auch auf dem einen Adler mit Heiligenschein (des heil. Johannes des Evangelisten) zeigenden Siegel des Chorherrnstifts Waldhausen (Lind Tab. 7) findet.