Milde Stiftungen.

Im Jahre 1392 stiftet der Quedlinburger Bürger Johann Rode der St. Johanniskirche elf Morgen auf der Süre, mit der Bestimmung, aus den Einkünften dieses Grundbesitzes den Armen jährlich in der Quatember vor Weihnachten 10 stendalische Pfennige zu spenden. Das übrige Einkommen wurde für Priester, Kirchendiener und arme Schüler verwendet. Im Jahre 1429 kaufte der Herrenmeister Busso von Alvensleben für 30 Schock und 100 gute böhmische Groschen von Ermbrecht von Rintorf in Räbel eine jährliche Getreiderente von 10 Wispeln. Von 8 Wispeln sollte die Komturei für die Armen Bier brauen. Im Jahre 1433 schenkte Claus Zernitz und Tideke Stolting der St. Johanniskirche einen Acker, aus dessen Einkünften am Mittwoch vor der Quatember vor Michaelis den Armen je ein Pfennig oder gleichwertige Naturalien gegeben werden sollten. Eine ähnliche Stiftung machte 1465 Meta, die Witwe des Deneke Quatfasel, die 30 Mark Kapital spendete, aus dessen Zinsen am Mittwoch in der Quatember, der Fastenzeit, die Armen je einen Pfennig erhalten sollten. Im Jahre 1479 gab sie die gleiche Summe zu jährlichen Spenden für die Armen am Tage Simonis und Judä (28. Oktober). Der durch seine großartigen Stiftungen bekannte Werbener Priester Dietrich Rotideke stiftete am 14. September 1443 die Kapelle und den Altar St. Odiliae in der St. Johanniskirche. Bei der jährlichen Feier am anderen Tage der Bekehrung St. Pauli (25. Januar) erhielten die Armen vor dem Kommandenhause für 10 Schillinge Brot. Er stiftete ferner 1469 von seinem Acker in Räbel eine jährliche Rente von zwei Mark, von der den Armen am St. Martinistage für 3 Pfund (1½ Mark) je ein Paar Schuhe gegeben werden sollten, 1472 übergab er dem Rate ein Kapital von 20 Mark mit einer jährlichen Rente von einer Mark, wovon ein Vierding für das Gotteshaus, 3 Vierdinge für die Armen verwendet werden sollten. Schließlich stiftete er 1473 noch 44 Mark, von deren Zinsen die Kirchenvorsteher für eine Mark Gewand an die Armen verteilen sollten. Heine und Katharina Burse stifteten 1470 der St. Johanniskirche eine Rente von drei Mark, wovon die Vorsteher am Montag nach Martini den Armen je einen Pfennig spenden sollten. Margarethe Tornow, Witwe des Ghise Tornow, schenkte 1478 ein Kapital von 30 Mark, nach ihrem Tode sollten die Kirchenvorsteher am Sonntage in der Oktave des Besuches Mariä (2. Juli) einen Pfennig den Armen davon geben. Eine gleiche Spende am St. Nicolaiabende stiftete 1486 Anna, Henning Pletz nachgelassene Witwe. Alle diese Spenden waren mit Memorienstiftungen verbunden.

Bei der Einführung der Reformation wurde bestimmt, daß die Kirche jährlich den Armen zehn Spenden im Werte von 10 Gulden, für 3 Pfund Schuhe und 4 Laken Wandes zu 8 Mark geben sollte. Außerdem gab die Kirche den Armen „nach Gelegenheit des Vorrates im Armenkasten". Ferner wurde 1610 angeordnet, daß, wer außerhalb der Reihe auf dem Kirchhofe seine Grabstätte haben wollte, dafür einen halben Taler an den Armenkasten entrichten sollte; das Begräbnis ganz armer oder fremder Leute wurde aus dem Kasten bestritten. Schließlich wurden aus der Kämmereikasse jährlich 16 Gulden zu Gewand und 12 Gulden zur „Semmelspende" für die Armen gegeben. Wie anderwärts wurden auch in Werden viele Stiftungen für die Kirche und die Geistlichen, für die Schule und studierende Jünglinge gemacht, aber auch der Armen wurde gedacht. So stifteten die Erben des 1573 verstorbenen Martin Goldbeck 400 Gulden, welche 24 Gulden jährlich Zinsen brachten, davon sollten jährlich den Armen 9 Gulden zu einem Rinde, 3 Gulden zu Zeug und 3 Gulden zu Schuhen gegeben werden. Eine hervorragende Schenkung machte Hans von Bartensleben auf der Wolfsburg. Der Rat hatte sich von ihm 1571 und 1573 Geld geliehen, in Summe 1000 Taler oder 1333 Gulden 8 Schillinge gegen 50 Taler oder 66 Gulden 16 Schillinge Zinsen. Diese Zinsen bestimmte er später (nachweislich seit 1586) für die Stadtarmen, sie erhielten davon Gewand, Korn, Semmel und Geld. Die Rechnung über diese Stiftung, die zuweilen auch arme Scholaren und Studenten unterstützte, läuft bis 1626, dann scheint die Stiftung eingegangen zu sein. Die Witwe des Bürgermeisters Casper Calve, Katharina Jugert, vermachte bei ihrem Tode 1584 den Hausarmen in der Stadt ein Kapital von 100 Gulden mit einem jährlichen Zins von 5 Gulden, der an neun Hausarme verteilt wurde. Das von den Verwandten der Erblasserin angefochtene Testament mußte durch einen Prozeß verteidigt werden. Der 1616 verstorbene Bürgermeister Joachim Francke vermachte testamentarisch den „Beginen" jährlich 6 Gulden zu Lichtmeß. Unter dieser Bezeichnung sind jedenfalls die Spittelweiber zu verstehen. Alle diese milden Stiftungen sind während des dreißigjährigen Krieges verloren gegangen und nicht wieder ersetzt. Durch die Pest von 1682 geriet die Stadt, die überhaupt von den Folgen des Krieges sich nicht erholen konnte, an den Rand des Verderbens. Der große Kurfürst griff helfend ein, er verabfolgte Geld, Korn, Salz und Medikamente, stellte auch einen Pestchirurgen an und verschaffte der Stadt auf sechs Jahre ein Moratorium vor ihren Gläubigern, was freilich den Konkurs nicht verhindert hat, der 1692 ausbrach. Unter diesen Umständen sah es mit der Armen- und Krankenpflege traurig aus.