Einleitung

Quellenkunde zur altmärkischen Geschichte.

Dr. Ludwig Storbeck, Studienrat in Stendal.

Verlag der Buchhandlung Robert Behse, Stendal.

1. Erste Erwähnung des Arendsees in den Fränkischen Jahrbüchern zum Jahre 822.

In dem Teile des östlichen Sachsenlandes, der dem Wendenlande benachbart ist, in einer unbewohnten Gegend, die Arnsee heißt, hob sich das Erdreich und bildete in einer Nacht ohne menschliches Zutun eine hohe Einfassung von wallähnlicher Gestalt.

2. Der Wendenkrieg im Jahre 929. I. Widukinds sächsische Geschichten I, 36.

Als die Nachbarvölker vom König Heinrich zinspflichtig gemacht worden waren, die Abodriten (in Mecklenburg), Wilten (in der Prignitz), Hevelder (im Havelland), Dalamantier (im heutigen Freistaat Sachsen), Böhmen und Redarier (im heutigen Mecklenburg-Strelitz und in der Uckermark); und als Friede war, da brachen die Redarier den Vertrag; sie brachten ein großes Heer zusammen, machten einen Angriff auf die

Burg Wallislevu (Walsleben),

nahmen sie und fingen oder töteten alle ihre Bewohner, deren eine zahllose Menge waren (d. h. die in den Ringwall geflüchtete Bevölkerung der Gegend um Walsleben). Hierdurch wurden alle wendischen Völker ermutigt und wagten sich wiederum zu empören.

Um ihre Frechheit zu unterdrücken, wurde dem Bernhard, dem die Aufsicht über das Redarierland anvertraut war, ein Heer nebst einer Reiterschar übergeben, und zum Kollegen erhielt er den Thiatmar, mit dem Auftrage, die

Burg Lunkini (Lenzen in der Prignitz)

zu belagern. Am 5. Tage der Belagerung kamen Kundschafter mit der Nachricht, das Heer der Feinde sei nicht weit entfernt, und sie (die Redarier) hätten beschlossen, in der nächsten Nacht einen Angriff auf das (deutsche) Lager zu machen. Da mehrere diese Nachricht bestätigten, schenkte das Volk den gleichlautenden Worten Glauben, und als es sich um das Zelt des Markgrafen (Bernhard) versammelt hatte, befahl dieser in derselben Stunde auf den Rat seines Kollegen, sie sollten die ganze Nacht über unter den Waffen bleiben, damit die Feinde nicht etwa das Lager überrumpelten. Als aber die Menge entlassen war, herrschte im Lager Freude mit Traurigkeit gemischt, indem man teils den Kampf fürchtete, teils ersehnte, und je nach der Verschiedenheit des Gemüts schwebten die Krieger zwischen Furcht und Hoffnung. Indessen verstrich der Tag, und die Nacht kam finsterer als gewöhnlich mit einem ungeheuren Regengusse nach Gottes Willen, auf daß der schändliche Anschlag der Wenden verhindert würde. Wie also beschlossen worden war, blieben jene ganze Nacht die Sachsen unter den Waffen, und als beim ersten Morgenlichte (es war am 5. September) das Zeichen gegeben wurde und sie das Sakrament (das Abendmahl) empfangen hatten, gelobte jeder zuerst dem Feldherrn, dann einer dem andern eidlich seine Hilfe für die bevorstehende Schlacht.

Als aber die Sonne aufgegangen war — nach dem Regen kehrte nämlich des Himmels heitere Bläue zurück — rückten die Sachsen mit aufgereckten Feldzeichen aus dem Lager hinaus, in der ersten Linie der Markgraf, der sogleich einen Angriff auf die Wenden machte. Da jedoch die wenigen Krieger nichts gegen die zahlreichen Feinde vermochten, so kehrte er zum Heere zurück und berichtete, die Wenden hätten keine überlegene Reiterei, wohl aber eine Menge Fußvolk, das durch den nächtlichen Regen so behindert sei, daß die Reiter sie kaum mit Gewalt dazu bringen könnten, zur Schlacht vorzurücken. Als die Sonnenstrahlen auf die feuchten Kleider der Wenden fielen, stieg davon der Dampf zum Himmel empor; dem Volke Gottes aber leuchtete sie hell und klar und verlieh ihm dadurch Hoffnung und Zuversicht.

Als daher das Zeichen gegeben war und der Heerführer seine Scharen zum mutigen Angriffe ermahnte, da stürzten sie sich mit lautem Schlachtruf auf die Feinde. Weil sich aber wegen der allzu dichten Menge der Feinde kein Weg durch diese bahnen ließ, so drangen sie zur Rechten und zur Linken mit dem Schwerte vor, und es gelang ihnen, einen Heerhaufen von den Genossen abzuschneiden. Da wurden alle niedergemacht. Als der Kampf heiß war und viele von dieser oder jener Seite fielen, die Wenden aber noch in Reihe und Glied standen, da verlangte der Markgraf von seinem Kollegen, daß er den Fähnlein zu Hilfe komme. Dieser sandte einen Hauptmann mit 50 Geharnischten dem Feinde in die Flanke und brachte Verwirrung in die Glieder, und von da an gaben sich die Feinde den ganzen Tag über dem Tode oder der Flucht preis. Während sie also auf dem Blachfelde überall niedergemacht wurden, suchten sie nach der nahen Burg zu fliehen; da aber Thiatmar ihnen den Weg verlegte, betraten sie das nahe gelegene Moor. So geschah es, daß jene ganz ungeheure Menge entweder vom Schwerte gefressen wurde oder im Moor versank. Von dem Fußvolk kam auch nicht einer davon, von der Reiterei nur sehr wenige, und so wurde der Krieg durch den Fall aller Gegner beendigt. Mittlerweile erhob sich ein ungeheurer Jubel infolge des errungenen Sieges; alle priesen die Feldherren, das Kriegsvolk aber unter sich immer einer den andern, auch manchen Feigen, wie es bei solchem Glücksfall zu gehen pflegt.

Am andern Morgen rückten sie vor die Burg (Lenzen), aber die Bewohner streckten die Waffen und baten um ihr Leben, das ihnen gewährt wurde. Danach wurde ihnen befohlen, ohne Waffen die Burg zu verlassen; die Knechte aber und alles Geld nebst Weibern und Kindern und dem ganzen Hausgerät des Königs der Wenden wurden als Beute genommen. Auch von den Deutschen fielen in jenem Treffen zwei Männer namens Liuthar (Lothar) und einige andere edlen Namens.

Als der Markgraf mit seinem Kollegen und den übrigen Befehlshabern als Sieger nach Sachsen zurückkehrte, wurden sie von dem König (Heinrich I.) ehrenvoll empfangen und sehr gelobt, daß sie mit geringen Streitkräften durch Gottes Huld und Gnade einen so herrlichen Sieg errungen hätten. Denn manche erzählten, von den Wenden seien 200 000 Mann getötet worden. Die Gefangenen wurden alle am anderen Tage, wie ihnen verheißen worden war, geköpft.

II.

Chronik Thietmars, Grafen von Walbeck (im Südwesten der Altmark), 1009—1018 Bischofs von Merseburg, I, 6.

König Heinrich I. machte sich zinspflichtig folgende Völker: Die Böhmen, Deleminzen, Abodriten, Wilten, Heveller und Redarier. Diese erhoben sich sogleich wieder, wiegelten noch andere Stämme auf, eroberten die Burg Wallislevo (Walsleben), steckten sie in Brand und zerstörten sie. Um diese Untat zu rächen, sammelte sich unser Heer, belagerte die Burg Lunzin, griff die Bundesgenossen der Wenden, die sie zu schützen suchten, an und besiegte sie, so daß nur wenige entkamen; auch eroberte unser Heer die genannte Burg. Von unseren Mannen aber fielen mit vielen anderen am 5. September (929) meine beiden Urgroßväter, beide Liutheri (Lothar) genannt, hochangesehen durch ihre Abstammung, die Zier und der Schutz des Vaterlandes.

Anmerkung. Der eine der beiden genannten Männer war Graf Lothar von Walbeck, der andere Graf Lothar von Stade. Beide waren in der Altmark begütert und hatten in ihrer Heeresabteilung sicherlich auch altmärkische Mannen. — Walsleben ward wieder aufgebaut.

3. Tod des Markgrafen Gero, 965. Thietmars Chronik II, 13.

Markgraf Gero, der Verteidiger des Vaterlandes, zog, da er sehr traurig war über den Tod seines einzigen, vortrefflichen Sohnes Sigifried, nach Rom. Der wohlverdiente Greis legte am Altar des Apostelfürsten Petrus seine Waffen nieder, und nachdem er durch seine Bitten von dem apostolischen Herrn (dem Papst) einen Arm des heiligen Cyriakus verlangt hatte, weihte er sich und seine ganze Habe Gott. Er kehrte dann in die Heimat zurück, erbaute in einem Walde ein Kloster, das nach ihm Gerinrod (Gernrode) genannt wird und setzte die Witwe seines Sohnes, die schon vorher den Schleier genommen hatte, namens Hathui (Hedwig), als Aebtissin ein, nachdem sie vom Bischof Bernhard (von Halberstadt) geweiht war. Nachdem er dies alles bestimmt hatte, starb er am 20. Mai 965.

4. Graf Bruno von Arneburg nimmt mit seinen altmärkischen Kriegern am Kriegszuge Kaiser Ottos II. gegen König Lothar von Frankreich im Jahre 978 teil und stirbt in Frankreich. Thietmars Chronik III, 6.

Damals (978) aber rüstete sich der Kaiser mit allem Eifer zu seinem Zuge gegen den Karolingerkönig Luthar, der zu Aachen den königlichen Sitz und Palast, der immer zur deutschen Herrschaft gehört hatte, mit Heeresmacht anzugreifen und durch Umwendung des Adlers als sein Eigentum zu bezeichnen sich erkühnt hatte. Dieser Adler ist nämlich auf der östlichen Seite des Palastes, und es war Gebrauch, daß alle, die diesen Ort in Besitz hatten, ihn immer ihrem Reiche zuwandten. Als der Kaiser herankam, zog Luthar sogleich davon; allein Otto setzte ihm nach, alles plündernd und verheerend, bis nach seiner Hauptstadt Paris. Auf diesem Zuge, auf dem viele schwer erkrankten, starb Brun, Graf von Harneburg, ein durchaus preiswürdiger Ritter, am 30. November.

Anmerkung. Dieser Brun hatte 977 mit seiner Gemahlin Frideruna das Benediktinerkloster St. Thomas zu Arneburg gegründet.

5. Der große Wendenaufstand vom Jahre 983. Thietmars Chronik III, 10, 11.

Die fremden Völker (d. h. die Wenden), die nach Annahme des Christentums den deutschen Königen und Kaisern zinspflichtig und untertan waren, griffen, bedrückt von dem Uebermut Herzog Thiedrichs (Markgrafen der Nordmark und Nachfolgers Markgraf Geros), auf Verabredung einmütig zu den Waffen. Dieser Aufstand brach am 29. Juni (983) los, indem die Besatzung in Havelberg niedergehauen und der dortige Bischofssitz zerstört wurde. Drei Tage darauf überfiel die vereinte Macht der Wenden den Bischofssitz Brandenburg, als schon zur ersten Messe geläutet wurde. Vorher war der Bischof Volkmer entflohen, und der Verteidiger des Ortes, Dietrich, und seine Krieger entkamen nur mit genauer Not noch am Tage des Kampfes. Die Geistlichen in Brandenburg wurden gefangengenommen, und Dodilo, der zweite der Brandenburger Bischöfe, der von den Seinen erdrosselt war und nun schon drei Jahre im Grabe gelegen hatte, wurde aus dem Sarge gerissen und seines Priesterschmucks, der wie der Körper noch ganz unversehrt war, von den habgierigen Hunden beraubt und ohne weiteres wieder hineingeworfen; der ganze Schatz der Domkirche wurde geraubt und das Blut vieler Menschen elendiglich vergossen. Statt Christus und seines Fischers, des ehrwürdigen Petrus, wurden wieder Götzen voll teuflischer Ketzerei angebetet.

Danach leerten die Wenden das Kloster des heiligen Laurentius in der Stadt Calwo (Kalbe an der Milde) aus und setzten den Unsrigen wie flüchtigen Hirschen nach.

Als aber damals alle Städte und Dörfer bis an ein Wasser, namens Tongera (Tanger) mit Brand und Plünderung heimgesucht waren, kamen von den Wenden mehr als 30 Heeresabteilungen zu Fuß und zu Roß zusammen und trugen keine Scheu, unter dem Banner ihrer Götter und dem Schalle der vorangetragenen Posaunen alles, was noch übrig war, zu vernichten. Zwar kamen sie zuerst wohlbehalten davon, allein das Geschehen blieb den Unseren nicht verborgen. Es kamen zusammen (mit ihren Fähnlein) Erzbischof Gisiler (von Magdeburg) und Bischof Hillward (von Halberstadt), dazu Markgraf Thiedrich (von der Nordmark) und die übrigen Grafen, Rikdag (Markgraf zu Meißen), Hodo, Pinizo, Frithrich, Dudo und mein Vater, Siegfried (Graf von Walbeck), nebst vielen anderen. Sobald als der Sonntag angebrochen war, hörten sie zuerst alle die heilige Messe und stärkten Seele und Leib mit dem himmlischen Sakrament (dem Abendmahl). Dann brachen sie getrost in die ihnen entgegen kommenden Feinde ein und hieben sie nieder, wobei nur wenige von diesen auf einen Hügel entkamen. Mit Anbruch der Nacht aber, während die Unseren etwas weiterhin ein Lager aufschlugen, entrann leider der Ueberrest des Feindes heimlich. Alle Unsrigen aber zogen, drei ausgenommen, am andern Tage heim, indem alle, denen sie unterwegs begegneten oder die sie in der Heimat sahen, ihnen freudig Lob spendeten.

Anmerkung. Nach einem andern gleichzeitigen Geschichtschreiber fand die Schlacht im Gau Belxem statt, den man später Balsamgau nannte; er umfaßte den Südosten der Altmark. Den Schlachtort sucht man in der Nähe von Tangermünde.

6. Die Wenden zerstören Arneburg, 997.Thietmars Chronik IV, 25.

Berichten wir ietzt, wie Erzbischof Gisiler von Magdeburg aus Unvorsichtigkeit einen beklagenswerten Verlust erlitt. Kaiser Otto III. versah, zum Schutze des Landes die Stadt Harnaburg mit den nötigen Befestigungen und übertrug den Oberbefehl über sie auf vier Wochen dem Erzbischof. Ihn forderten die Wenden, deren Hinterlist er nicht kannte, auf, mit ihnen zu unterhandeln, und er verließ die Stadt, von einer nur kleinen Schaar begleitet. Einige Krieger waren vorausgeritten, und eine Abteilung ließ er in der Stadt zurück. Als er nun daherzog, meldete ihm einer aus seinem Gefolge, die Feinde brächen aus dem Walde hervor. Sofort entstand unter den beiderseitigen Kriegsleuten ein Kampf, dem der Erzbischof, der auf einem Wagen dahinfuhr, nur mit Mühe auf einem herbeigebrachten Pferde entrann, während von seinen Reisigen nur wenige dem Tode entgingen. Die siegreichen Wenden plünderten, es war am 2. Juli (998), unangefochten die Erschlagenen und bedauerten nur, daß ihnen der Erzbischof entwischt sei. Dennoch bewahrte dieser, obwohl seine Streitkräfte so traurig gelähmt waren, die Stadt getreulich bis zum festgesetzten Tage; dann kehrte er tiefbetrübt heim. Unterwegs kam ihm meines Vaters Bruder, der Markgraf Liuthar (von der Nordmark, 983 bis 1003, Graf von Walbeck), dem der Befehl über die Stadt anvertraut war, entgegen, und Gisiler zog, nachdem er sie ihm bestens anempfohlen hatte, weiter. Als aber der Markgraf sich der Stadt näherte, sah er sie brennen. Er ließ sogleich den Erzbischof durch einen Boten bitten, umzukehren, aber umsonst. Darauf versuchte er selbst, das Feuer, das bereits an zwei Stellen um sich gegriffen hatte, zu löschen. Da er aber garnichts ausrichten konnte, ließ er das Tor den Feinden offen und kehrte traurig nach Hause zurück. Als er später vor dem Kaiser angeklagt wurde, weil man ihm die Schuld gab, reinigte er sich davon durch einen Eid.

7. König Heinrich II. in Werben und Wiederaufbau Arneburgs im Jahre 1005. Thietmars Chronik VI, 21.

König Heinrich II. suchte in unserm Lande (in Sachsen und in den Marken) aufs eifrigste Ordnung und Sicherheit fest zu begründen, indem er die Urheber aller Unruhen ausrottete. Darum ließ er von den Wenden zwei ihrer besten Männer, den Boris und den Nezemuiscle, mit ihren übrigen Anhängern zu Welereslevo (Waltsleben) aufknüpfen. In Wiribeni (Werben) an der Elbe hatte er oft Zusammenkünfte mit den Wenden und verhandelte über die Bedürfnisse seines Reiches mit ihnen; seinen Willen setzte er durch, ob die Wenden wollten oder nicht.

Arnaburg, das vordem (997) zerstört worden war, ließ er für die Landesverteidigung wiederaufbauen, und was seit langer Zeit ungerechter Weise von dort entwendet war, ließ er wiederherstellen. In einem Synodalgericht, dem er selbst beiwohnte, verbot er, daß hinfort nicht Ehen widerrechtlicher Art geschlossen und Christen nicht an Heiden verkauft werden dürften.

8. Fehde des Markgrafen der Nordmark, Grafen Wernes von Walbeck, mit dem Grafen Dedo von Wettin, 1009. Erste Erwähnung Tangermündes. Thietmars Chronik VI, 33.

Inzwischen tat Graf Dedo meinem Neffen (dem Markgrafen Werner) großen Schimpf in Worten und Werken an und rührte ein Unheil wieder auf, das Werner schon vergessen glaubte. Denn auf Dedos Rat und mit seiner Hilfe wurde eine Stadt, die Wernes Vater und uns gehörte, Walmerstidi (Wolmirstedt), auf wendisch Ustiure (d. h. Ohremünde) genannt, weil hier die Ara (Ohre) und die Elbe zusammenfließen, niedergebrannt und völlig verwüstet. Das alles erregte den mutigen Sinn des vortrefflichen Jünglings (Werners), und als er sichere Kunde hatte, der Feind ziehe von Tongeremuthi (Tangermünde), so benannt, weil dort die Tongera in die Elbe mündet, heran, nahm er meinen Bruder Fritherich (Grafen von Walbeck) mit nur 20 Bewaffneten mit und griff den Feind von der Höhe eines Feldes, das sich bis nach dem Dorfe Mose (einstiges Dorf nördlich von Wolmirstedt) hin erstreckt, von wo aus er von ferne erblickt werden konnte, mannhaft an und erschlug den Dedo, der, obwohl seine Krieger, deren mehr als 40 waren, bald flohen, den tapfersten Widerstand leistete, samt seinem Lehnsmann Egilhard.

9. König Heinrich II. in Arneburg 1012. Thietmars Chronik VI, 51, 43.

Der König verließ Merseburg zu Schiff und kam nach Harneburg. Dort verhandelte er sehr viel mit den Wenden, die in großer Zahl herbeikamen; mit ihnen schloß er einen Friedensvertrag, worauf er wieder aufbrach und das Fest aller Heiligen (1. Nov.) zu Helmanstidi (Helmstedt) feierte.

Erzbischof Tagino von Magdeburg († 1012) erwarb für seine Kirche die Burg Harnaburg.

10. Kämpfe mit den Wenden im Jahre 1033. Der Chronographus zum Jahre 1033.

In diesem Jahre wurde der Graf Lüdeger mit 42 anderen Kriegern bei der Burg Wiriben (Werben) von den Wenden erschlagen, und viele Untaten geschehen dort einige Jahre lang an Morden, Brandstiftungen und Verheerungen.

11. Die Niederlage der Deutschen bei Werben, 1056. Der sächsische Annalist zum Jahre 1056.

Die Christen erlitten eine große Niederlage von den Wenden, die Liutizen heißen; einige kamen durchs Schwert, andere auf der Flucht im Wasser um. Unter diesen wird der Markgraf der Nordmark, Wilhelm, erschlagen, nicht weit von der Burg, die Pritzlawa heißt und am Ufer der Elbe liegt, da, wo sie den Fluß Habola (Havel) in sich aufnimmt. Dort also, in der Mitte zwischen den beiden Flüssen, wurde der fromme Fürst von den Heiden heimtückisch umzingelt und erlag samt vielen anderen. Sein von den Wenden mit tausend Wunden durchbohrter und zerfleischter Leib wurde, wie es heißt, von den Seinen nicht mehr aufgefunden.

12. Aelteste Erwähnung Salzwedels. Hildesheimer Annalen zum Jahre 1112.

Es brach ein Streit aus zwischen Liutger (Herzog Lothar von Sachsen), dem Markgrafen Rudolf (der Nordmark) und Kaiser Heinrich V. Da wurden durch den Spruch der Fürsten beide verurteilt. Das Herzogtum (Sachsen) wurde Otto (Grafen) von Ballenstedt übertragen, die Mark dem Elperich. Der Kaiser belagerte Saltwidele, aber sie (Herzog Lothar und Markgraf Rudolf) blieben nicht lange im Felde. Als die Kriegsnöte vorüber waren, machten die erwähnten Fürsten von der Gnade des Kaisers Gebrauch.

13. Die Kolonisation in der Altmark unter Albrecht dem Bären um 1160. Aus Helmolds Slavenchronik.

In jener Zeit herrschte über das westliche Wendenland Albrecht als Markgraf, mit dem Beinamen der Bär. Er unterwarf das ganze Gebiet der Brizaner, Stoderaner und vieler Völkerschaften, die an der Havel und an der Elbe wohnten, und bezwang ihre Aufrührer. Als es zuletzt allmählich an Wenden fehlte, schickte er nach Utrecht und in die an den Rhein grenzenden Lande, besonders zu denen, die längs des Ozeans wohnen und den Ansturm des Meeres zu bestehen hatten, nämlich zu den Holländern, Seeländern und Flämen, und er führte aus ihrem Lande eine sehr große Volksmenge herbei und ließ sie in den Städten und Dörfern der Wenden wohnen. Durch die Einwanderung der Fremdlinge wurde sehr gestärkt das Bistum Brandenburg und ebenso das Bistum Havelberg dadurch, daß die Kirchen sich mehrten und der Besitz am Zehnten wuchs. Aber auch das westliche Elbufer begannen die holländischen Einwanderer zur selben Zeit zu besiedeln. Sie besetzten von der Stadt Salzwedel ab das ganze Land, das Balsemerland und das Marschinerland (die Wische) heißt, und sehr viele Städte und Dörfer bis zum böhmischen Waldgebirge. Diese Lande sollen nämlich die Sachsen einst bewohnt haben, das heißt zur Zeit der Ottonen, wie man es an den alten Deichen sehen kann, die an den Elbufern im Sumpfland der Balsamier errichtet worden sind. Da aber später die Wenden zur Macht kamen, wurden die Sachsen getötet und das Land bis auf unsere Zeit von den Wenden besessen. Jetzt aber sind, weil Gott der Herr unserm Herzog (Heinrich dem Löwen) und den übrigen Fürsten reichlich Heil und Sieg verlieh, die Wenden fort und fort vernichtet und vertrieben worden, und es kamen, vom Meeresstrand herbeigeführt, tapfere und zahlreiche Völker, nahmen die Wendenlande ein, erbauten Ortschaften und Kirchen und nahmen zu an Reichtum über jede Schätzung.

14. Markgraf Albrecht der Bär und sein Sohn Otto beschenken das Domkapitel zu Havelberg. Urkunde von 1151.

Damit die Domherren, die kürzlich vom Bischof in derselben Kirche (dem Dom zu Havelberg) eingesetzt sind, und die Gott im Vereine dienen, immer in ihren Gebeten unserer gedenken, schenken wir zu ihrem Unterhalt und zur Vermehrung ihrer Einnahmen der Kirche vier Hufen in der Wiese, die im Volke Wische heißt, längs des Elbufers, daß sie sie mit aller Freiheit besitzen und zum Nutzen der Brüder (d. h. der Domherren) benutzen und keinem etwas davon veräußern sollen. Wir schenken außerdem zum Gebrauche des Bischofs drei Hufen in dem Gute, das Aland heißt. Ferner schenkten wir derselben Kirche in der oben erwähnten Wische die Kirche auf dem Berge des heiligen Nikolaus (d. h. im Dorfe Berge bei Werben) mit allem, was dazu gehört, mit dem Zehnten zugleich über die erwähnten Hufen, die sie jetzt haben, wie über die, die sie in Zukunft besitzen können, und das tun wir in Uebereinstimmung mit den verehrungswürdigen Bischöfen der Halberstädter Kirche (denen ein großer Teil der Altmark in kirchlicher Hinsicht unterstand).

15. Gründung des Stendaler Domstifts. Urkunde Markgraf Ottos II. von Brandenburg vom Jahre 1188.

Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit. Ich, Otto II., von Gottes Gnaden Markgraf in Brandenburg. Die Gebrechlichkeit des menschlichen Lebens, das mit verschiedenen Schäden so beschwert wird, daß jeder Mensch für die Hoffnung auf das ewige Leben alles hintansetzen muß, rät uns, in unserem Leben zu jenem hinzueilen, das kein Ende hat und voll mancherlei Annehmlichkeit und Lust ist. Wir sind der Ansicht, daß man das ewige Leben durch reichliche Almosen und gute Werke erwerben muß; daher haben wir für uns, unsere verstorbenen Eltern und auch für unsere Nachfolger bei den Domherren in unserer Burg, die Stendale heißt, ein Gedächtnismal gestiftet, das weder der Tod, der die Trennung von Körper und Seele bewirkt, noch das Alter, der Begleiter der Vergessenheit, vertilgen kann. Daher haben wir den Grund und Boden, wo unser Bruder (Graf Heinrich von Gardelegen) die St. Nikolaikirche in derselben Burg gegründet hat, den erwähnten Domherren mit unserem Bruder freiwillig und in gesetzmäßiger, feierlicher Weise geschenkt. Auch haben wir im Dorfe Garlipp das markgräfliche Besitzrecht, das Markrecht genannt wird, unlöslich so mit der genannten Kirche vereinigt, daß keiner unserer Erben oder der auf uns folgenden Markgrafen davon etwas nehmen kann.

16. Die Entstehung der Stadt Stendal.

Die einzelnen Teile waren: 1. Das alte Dorf Steinedal im Gau Belsheim, 1022 zuerst als Eigentum des St. Michaelsklosters bei Hildesheim genannt. 2. Die Wallburg südlich der Uchtefurt; darin wurde 1188 das Domstift gegründet. Um 1250 wurde die Burg der Stadt einverleibt. 3. Das Dorf Wusterbusch mit der Petrikirche, um 1300 der Stadt einverleibt. 4. Die Kaufmannsstadt zu beiden Seiten der Uchte, seit Verleihung des Stadtrechts durch Albrecht den Bären um 1160 entstanden.

17. Ueber den Handelsverkehr im 13. Jahrhundert. Aus einer Urkunde von 1248.

Die Straße zwischen Salzwedel und Hamburg und die zwischen Lübeck und Salzwedel ist stets belebt von dem Verkehr der Kaufleute.

18. Die altmärkischen Städte und die Hansa.

Bald nach 1200 dehnte sich der altmärkische Handel bereits bis nach Flandern und England aus. In der ersten Zeit vermittelte besonders Salzwedel den Verkehr nach den Seestädten Lübeck und Hamburg; die schiffbare Jeetze wies seine Bürger darauf hin. 1263 nahmen die Lübecker Kaufleute, die von Salzwedel in ihre Kaufmannsgenossenschaft in Wisby auf Gotland auf, so daß die Salzwedeler Kaufleute auf der dortigen Handelsbank einen Vertreter hatten. Daraus läßt sich auf Handelsbeziehungen zu den Ostseeländern schließen.

Schon früh erlangten die märkischen Kaufleute Zollermäßigungen auf verschiedene Handelswaren, so 1236 vom Grafen Adolf von Holstein; die Urkunde, die darüber ausgestellt ist, weist auch das Stendaler Stadtsiegel auf. Eine andere Zollermäßigung wurde den märkischen Kaufleuten 1252 in der Grafschaft Holland gewährt. Damals schon standen Salzwedel und Stendal wegen des Tuchhandels in besonders regem Verkehr mit den Niederlanden, vor allem mit den flandrischen Seeplätzen Brügge, Gent, Antwerpen u. a.

In Stendal bildete sich um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine Seefahrergilde, in der eine Reihe von Bürgern zusammengeschlossen war, die die Ausfuhr nach den überseeischen Ländern auf eigenen Schiffen betrieb; die Gilde war eng verbunden mit der Gewandschneidergilde. 1278 sehen wir die Stadt als Mitglied der Hansa, wahrscheinlich im Namen der anderen altmärkischen Städte, an Streitigkeiten beteiligt, die mit Brügge ausgebrochen waren, und um dieselbe Zeit treffen wir in Lübeck Bürger mit altmärkischen Namen aus Familien an, die sich in Stendal und Salzwedel nachweisen lassen und von dort stammten; es waren vornehme Leute aus der Gewandschneidergilde.

1358 wurden außer anderen Städten auch die altmärkischen, nämlich Stendal, Salzwedel, Gardelegen, Seehausen und Werben, als Mitglieder der Hansa zu einer Beratung über gemeinsame Maßregeln gegen die Niederländer nach Lübeck geladen, und 1368 kommt noch Tangermünde hinzu. Damit tritt zum ersten Male die Zugehörigkeit der altmärkischen Städte zur Hansa in ein klares Licht. Als 1418 der Hansabund erneuert wurde, werden nur Stendal und Salzwedel als Mitglieder genannt.

1457 entstand zum ersten Male ein Streit zwischen Stendal und Lübeck; der Rat von Stendal hatte nämlich dem Lübecker Bürger Werner Rese eine bestimmte Menge flandrische Laken beschlagnahmt. Die Sache wurde beigelegt. 1466 hören wir aus einer vom Hamburger Rat ausgestellten Urkunde, daß die Stendaler Kaufleute in Genter Laken mehr als die Kaufleute anderer Städte Geschäfte machten.

1518 traten außer Berlin, Brandenburg und Frankfurt auch Stendal und Salzwedel aus der Hansa aus. Später bereuten die märkischen Städte diesen Schritt; auf einer Tagung zu Meßdorf beauftragten sie den Rat von Salzwedel, um die Wiederaufnahme in den Bund zu bitten. Doch die Hansa lehnte ab.

Die altmärkischen Städte führten im Mittelalter aus: Hopfen, Heringe (die meist von der Ostsee kamen und über Berlin weitergingen), Honig, Wachs, Bier (die Garlei aus Gardelegen, den Soltmann aus Salzwedel, den Kuhschwanz aus Tangermünde und das Stendaler Bier), Wolle, Tuche, Leinewand (1 Packen = 2400 Ellen), Butter, Eichen- und Tannenholz, Bretter, Kuhhäute, Schafshäute, Waid (einen blauen Farbstoff, später durch Indigo verdrängt), Wein (der besonders nach Preußen und Rußland ging; der Weinbau wurde um 1250 eingeführt), Weizen (der vor allem nach Hamburg ausgeführt wurde), ferner an Metallen Kupfer, Zinn, Blei, Stahl, Eisen (die alle meist aus Böhmen kamen).

Eingeführt wurde in die Altmark im Mittelalter aus Flandern: Goldene und silberne Gefäße (für Kirchen und Klöster), silberne Stangen zum Vermünzen, feine wollene Zeuge, feine flandrische Tuche und Seesalz.

19. Die Stendaler Gewandschneidergilde. Urkunde der Markgrafen Johannes I. und Ottos III., am 15. Mai 1231 zu Stendal ausgestellt.

Wir Johann und Otto, Markgrafen zu Brandenburg, tun kund in der Absicht, das Ansehen unserer Stadt Stendal zu fördern, für jetzt und immerdar, daß wir die Rechte, die die Brüder der Gilde und derjenigen, die Gewandschneider genannt werden, bisher schon besessen haben und die bisher schon in unserer Stadt Stendal beobachtet worden sind, verbessert haben und hiermit verbessern, und zwar so, daß sie in dieser Hinsicht dieselben Rechte haben sollen, die die Brüder der Gilde und die Gewandschneider in Magdeburg bisher zu beobachten pflegten.

20. Fehde zwischen Markgraf Otto IV. mit dem Pfeil und Erzbischof Günther von Magdeburg 1278. Aus der Magdeburger Schöppenchronik.

Zu dieser Zeit war Markgraf Otto von Brandenburg dem Gotteshause zu Magdeburg feind. Er zog mit großer Heeresmacht heran und hatte Böhmen, Polen und Pommern in seinem Heere. Er kam bis nach Frohse an der Elbe. Dort lagerte er sich und vermaß sich törichterweise, er wolle am andern Tage seine Pferde in dem Dom zu Magdeburg unterstellen lassen. Er sandte abends Leute vor die Stadt (Magdeburg) und auch um Mitternacht und ließ auskundschaften, was die Bürger und der Erzbischof täten. Die Boten kamen zurück und meldeten, da sei niemand, das Volk sei ganz verzagt. Am Tage sandte er abermals Leute vor die Stadt. Die Boten kamen zurück und sagten, die ganze Stadt sei voller Posaunen, Pfeifen und Trommeln, bis der erwählte Erzbischof die Fahnen des heiligen Moritz (des Schutzpatrons des Erzbistums) genommen habe, und er (der Erzbischof) sei selbst mit auf dem Markt vor dem Rathause und bitte die Bürger, ihm zu folgen. Da rüstete sich das Volk (die Magdeburger), machte sich mannhaft auf und bestand den Kampf mit dem Markgrafen bei Frohse. Sie gewannen den Kampf, fingen den Markgrafen mit vielen Rittern und Knappen, führten ihn nach Magdeburg in die Stadt und ließen ihn in Eisen schmieden und so lange gefangen setzen, daß man für ihn einen Kasten von dicken Brettern machte; dahinein stellte man ihn. Der Kasten stand in dem Hofe des von Querfurt. Dieser Kampf (bei Frohse) fand am Tage St. Pauls des ersten Einsiedlers (am 10. Januar) statt. Darum gibt man noch heutigentags (um 1360) Spenden.

Der Markgraf wurde auf folgende Weise frei: Er sandte zu seiner Frau und bat sie, zu ihm zu kommen. Er befahl ihr, mit seinen Mannen zu sprechen, besonders mit dem alten von Buch, der seiner Eltern Ratgeber gewesen war und den er entlassen hatte. Das tat die Markgräfin, und als sie den von Buch sprach und bat, antwortete er: „Mein Herr hat mich vertrieben und aus seinem Rat entlassen und mir das genommen, was ich von seinen Eltern hatte: Mein Rat nützt ihm nicht“. Die Frau weinte und gelobte ihm, daß ihr Herr das alles bessern werde. Zuletzt gab er den Rat, daß sie bares Geld nehme, nach Magdeburg reise und das Geld denen, die er ihr nenne, irgendwelchen Domherren und Dienstmannen des Erzstifts, heimlich gebe, wie er ihr es rate, einem 100 Mark, dem andern 50, weniger oder mehr. Das geschah. Danach verhandelte man um des Markgrafen Auslösung. Da besprach sich der Erzbischof mit seinen Mannen und Herren. Da rieten sie ihm, daß er ihn loslasse und ihm vier Wochen Frist gebe, zurückzukehren oder bereits in dieser Zeit 4000 Mark zu zahlen. Der Markgraf kam zu den Seinen und begehrte Rat. Der von Buch fragte den Herrn, wie er darüber denke mit seinen Mannen. Sie sprachen, sie wüßten nichts Zweckmäßigeres, als daß man Kelche und Silber insgesamt in dem Lande aus den Kirchen nehme und das Geld also sammle und dazu von den Städten borge, was man könne. Da sprach der von Buch: „Der Rat ist nichtig, aber ich weiß einen bessern, den ich geben wollte, gibt mir der Herr recht“. Der Markgraf gelobte, ihm alles Gute zu tun und ihm nimmer Gewalt anzutun. Da nahm der von Buch den Markgrafen und dessen Bruder allein, ging mit ihnen in die Sakristei zu Tangermünde, zeigte ihnen eine große beschlagene Sammelbüchse voller Gold und Silber und sprach: „Dies Gut hat Euer Vater hinterlassen, damit löst Euch. Dies vertraute er mir an, und darum hat er Euch geheißen, immer nach meinem Rat zu handeln. Nun habt Ihr gegen meinen Rat Krieg geführt mit dem Erzbistum Magdeburg.“ Der Herr ließ das Geld, womit er freigelassen war, dem Erzbischof bezahlen und ward frei. Da sprach er kühn: „Herr Erzbischof, bin ich frei?“ Der erwiderte: „Ja“. Da sprach der Markgraf: „Ihr könnt keinen Markgrafen schätzen. Ihr hättet mich auf ein Roß setzen und mit soviel Gold und Silber bedecken lassen sollen, daß nicht einmal die Spitze meines Speeres hervorsah. Dann hättet Ihr mich recht geschätzt.“ Danach erfuhr der Erzbischof, wie seine Domherren und Mannen Geld genommen und einen ungetreuen Rat gegeben hatten.

21. Eidesformel für die Stendaler Ratsmänner:

To dem Rade, dar ji to gekoren sint, dat ji dit jar der Stad ehre und framen werven willen, alse ji truwelikest konnen und mogen, und den Rath helen willen und die vortalde Artikel na orem lude holden, richten und fordern willen (und unsem gnedigsten Herrn gehorsam sin), dat ju God helpe und de hilligen.

Zu dem Rate, dazu ihr gekoren seid, daß ihr dies Jahr der Stadt Ehre und Frommen (Nutzen) ausrichten wollt, so getreulich als ihr könnt und vermögt und den Rat verschweigen wollt und die vorgehaltenen Artikel nach ihrem Wortlaut halten, richten und fördern wollt (und unserm gnädigsten Herrn gehorsam sein), dazu helfe euch Gott und die Heiligen.

22. Räubereien im 14. Jahrhundert. Nach Pohlmanns Geschichte der Stadt Salzwedel.

Zur Zeit des Markgrafen Ludwig des Römers (1351 bis 1365) hauste ein berüchtigter Räuber, namens Teufel, in der Mark. Er streifte mit seinem Anhange weit und breit umher, raubte, plünderte und mordete ohne Scheu, wo er konnte. Der Statthalter Markgraf Wilhelm von Meißen, der damals während Ludwigs Abwesenheit die Mark Brandenburg regierte, wollte ihn aufgreifen lassen, aber er konnte seiner nicht habhaft werden, weil die Stadt Salzwedel den Räuber schützte und in ihren Ringmauern verbarg. Als Markgraf Ludwig zurückkam, drang man in ihn, die Salzwedeler wegen ihres Ungehorsams zu bestrafen; allein er verfuhr diesmal mild und begnadigte die Stadt.

23. Wallfahrten nach Bismark. Magdeburger Schöppenchronik.

Im selben Jahre (1349) begann das Volk zu laufen (pilgern) nach Bismark. Da war ein Kreuz, und man sagte, daß dort viele Zeichen geschähen. Da wurde soviel geopfert, daß sie sich zuletzt schlugen und mordeten wegen des Opfers. Also hörte die Wallfahrt auf.

Anmerkung. Das Kreuz stand an der St. Marienkirche zu Bismark, deren Turmruine heute „die goldene Laus“ heißt. Es war der Legende nach im Jahre 1349 vom Himmel gefallen, und sogleich geschahen dort viele Wunderzeichen. Daraufhin wallfahrten viele Andächtige, Kranke und Neugierige nach Bismark. Die Straße von der Stadt zum Kreuz hieß „der heilige Weg“, weil ihn die Pilger wandelten, zum Teil auf den Knieen rutschend oder auch auf allen Vieren kriechend.

24. Sieg der Stendaler über die Truppen der Harzgrafen von Wernigerode und Regenstein und des Ritters Busso von Erxleben und des von Egeln. Wortlaut einer lateinischen Tafel, die einst im Stendaler Rathause hing.

Im Jahre des Herrn 1372 am 3. November, das war am Mittwoch nach dem Feste Allerheiligen, fochten unsere Bürger bei dem Dorfe Menitz (heute wüst, vermutlich bei Klinke an der alten Straße nach Gardelegen) gegen die von Wernigerode, von Regenstein, von Egeln, von Erxleben und mehrere andere. Und durch die Gnade des allmächtigen Gottes errangen sie den Sieg und triumphierten über sie. Ob dieser Gnade Gottes beschlossen die Ratsmänner einmütig, daß alle Jahr am Freitag nach Allerheiligen zwei Ratsmänner, die vom Rate dazu verordnet werden, eine Spende zur Ehre Gottes und der Mutter Maria und aller Heiligen geben sollen. Die Spende sollen sie bestreiten und geben von der Mart, die als Zins für das Haus auf der Schneiderbrücke einkommt, das Peter Heiling bewohnt und das einst der Gewandschneiderzunft gehörte; ferner von den 30 Schillingen, die als Zins für die Stadtbadestube einkommen, und von dem Pfund Pfennigen aus der Stadtwage unter der Gerichtslaube. Das macht im ganzen 2¼ Mark, die jedes Jahr, wie oben gesagt, zur Spende ausgeworfen werden müßten. In jenem Gefechte fielen unser Bürger Werner von Kalbe und viele andere auf beiden Seiten. Mögen sie ruhen in Frieden. Amen.

25. Burg Uchtenhagen bei Osterburg. Nach alten handschriftlichen Nachrichten im Pfarrarchiv zu Uchtenhagen.

Die Burg besaß einen runden Turm, woraus sich schließen läßt, daß sie gleichzeitig mit dem Dorf Uchtenhagen von Albrecht dem Bären angelegt wurde. An der Westseite der Burg stand ein Tor mit einem Turm; die Grundmauern waren um das Jahr 1800 noch zu sehen. Bei dem Einfall der Harzgrafen 1372 wurde die Burg, die durch zwei Gräben geschützt war, zerstört, aber bald wieder aufgebaut.

26. Kaiser Karl IV. in Tangermünde. Magdeburger Schöppenchronik.

Im Jahre 1373 kam König Karl, der auch römischer König war, in die Mark und ließ sich mit seinen Söhnen Wenzel, Johann und Siegmund von Land und Leuten huldigen und schwören zu der Krone von Böhmen. Er baute das Schloß vor Tangermünde wieder auf und bemühte sich sehr darum, einen besseren Frieden in den Landen zu stiften.

1374. In diesem Jahre, am Tage St. Peter und Paul (29. Juni), hielt König Karl Hof zu Tangermünde mit geistlichen und weltlichen Fürsten und machte einen allgemeinen Landfrieden, der aber wenig gehalten wurde.

In diesem Jahre saß der Kaiser zu Tangermünde auf dem Markte in seiner Majestät und belehnte da den Bruder des Markgrafen von Meißen, der Bischof von Bamberg gewesen war, mit dem Fahnenlehen und den Regalien (Hoheitsrechten) des Erzbistums Mainz.

Im Jahre 1376, acht Tage nach Ostern, kam Kaiser Karl nach Tangermünde und ließ seine Kapelle auf dem Schlosse weihen. Dazu kamen der Erzbischof von Magdeburg und seine Aebte und Prälaten (geistliche Würdenträger) und andere Bischöfe und viele Herren.

27. Aus den Verzeichnissen der an Stendaler Bürgern verübten Raubtaten.

Anno 1414 haben Erich und Heinrich Schenke von Rogätz zwei unserer Bürger von Stendal gefangen; der eine hieß Heinrich Witting, der andere Hermann Puppen. Dazu nahmen sie ihnen an barem Gelde, Schleiern und Kleidern.

Anno 1416 nahmen Schweinefeind, Derwes und Kläger vor Havelberg Wagen von Stendal und nahmen die Pferde aus dem Wagen und alles, was darauf war. Desselben Tages schlugen sie der gefangenen Bürger von Stendal einen tot.

1416, am 25. November, wurde Grieben gepucht (geplündert). Die von Veltheim waren dabei und halfen das Dorff suchen. Da wollten sie den Unseren Leib und Gut abgewinnen und schossen uns die Unseren tot, nämlich Henning von Borstel und vier Bauern, zwei von Miltern, einen von Ostheeren und einen von Insel. Ferner wurden verloren und totgeschossen 10 Pferde, ohne was die von Stendal verloren.

Der Ritter Gebhard von Parey hat dem Henning Brunow von Stendal zwei Last Heringe und fünf Tonnen Honig auf der Elbe genommen, als das Gut in Erzbischof Günthers (von Magdeburg) Geleit ging.

Herr Günther, Erzbischof von Magdeburg, hat dem Heinrich Legde von Stendal in Wolmirstedt ein Faß Wein nehmen lassen.

Wiprechts Gesinde von Barby und Klaus Lattorf haben dem Hans Warburg von Stendal ein Stück schwarzes Leidener Tuch, ferner ein rotes und ein schwarzes Delemonter (flandrisches) Laken, ferner Pfeffer für zwei Schock böhmischer Groschen und zwei Pferde genommen.

1417. Ritter Rudolf von Garsebüttel, Johann und Berthold von Oberg, Heinrich Here, Heinrichs Sohn von Veltheim haben mit den Schenken von Flechtingen bei nachtschlafender Zeit gepucht und verbrannt die Dörfer Schäplitz, Kläden, Badingen und Garlipp.

Die von Alvensleben haben in ihrer Stadt (Kalbe) beherbergt und gehegt unserer Stadt Mordbrenner, den Scherebart und seine Gesellen, die in der heiligen Christnacht vor zwei Jahren (1415) unsere Stadt mordbrannten. Zur selben Zeit nahm derselbe Scherebart unserm Bürger zu Stendal Giso Schadewachten seinen Hengst aus seinem Stall und führte ihn nach Hundisburg.

28. Urkunde von 1427 über Verhandlungen zu Tangermünde wegen eines von den altmärkischen Adligen Kune (Konrad) von Lüderitz, Kune von Rengerslage und Arnd von Lüderitz gegen die von Alvensleben auf Kalvörde verübten Raubes.

Es ist auf heute hier zu Tangermünde zwischen Kune von Lüderitz, Kune von Rengerslage und Arnd von Lüderitz einerseits und Ludolf von Alvensleben und seinem Bruder zu Kalvörde andererseits verhandelt worden wegen der Wegnahme, die die oben Genannten im Dorfe Golbß (Kolbitz) verübt haben. Darüber haben der Markgraf (Kurfürst Friedrich I.), seine Räte, Mannen und Städte Recht gesprochen: Am Dienstag nach Weihnachten sollen die beiden oben genannten Parteien nach dem Horst kommen, und dem Ludolf von Alvensleben soll das geraubte Vieh oder etwas, was ihm an Wert gleich kommt, übergeben werden. Darauf soll die Aussöhnung erfolgen.

29. Kurfürst Albrecht Achilles auf dem Landtage von 1472.

Wir finden und merken, daß für Land und Leute nichts schädlicher und unbequemer ist als das Gerücht von der Räuberei, die noch immer fort auf der Straße geübt und vorgenommen wird, was doch unmöglich geschehen könnte, wenn man getreuen Widerstand tun und einträchtig dawider handeln wollte. Wir als ein Regent dieser Lande halten uns aber für verpflichtet, sie so zu bestellen, daß das Gerücht gestillt und vermieden werde: „Was allenthalben abhanden komme, das möge man nur in der Mark Brandenburg suchen, und was anderswo durchkomme, das werde in der Mark genommen“.

30. Kurfürst Albrecht Achilles auf dem Landtage von 1484.

Es sind an Seine Gnaden mannigfache Klagen von Fremden und Einheimischen gelangt von mancherlei Räuberei, Plackerei und Beschädigung, die mit gewaltsamer Wegnahme, Mord und Brand in der Alten Mark geübt wird. Darum tut Friede, Freundschaft und Einigkeit zwischen euch not, daß ihr alle stehet für einen Mann, und was einen angeht von wegen Seiner Gnaden Herrschaft, daß solches der andere getreulich vollbringen helfe, als ob es ihn selbst anginge, also daß der, der Seiner Gnaden Herrschaft oder der Lande Feind und Beschädiger ist, euer aller und eines jeden einzelnen Feind sein soll. Es ist auch Seiner Gnaden unleidlich, daß jemand aus fernen Landen bis hierher ungeplackt kommen und erst hier beraubt werden soll.

31. Beschwerde des Ritters Jakob von Sanne bei dem Kurfürsten Johann Cicero über den Rat der Stadt Stendal aus dem Jahre 1488.

Der Rat habe ihn bei nachtschlafender Zeit gegriffen und behauptet, er habe Briefe vom Kurfürsten, daß er den Ritter greifen solle. Dann fährt der Ritter fort: „Sie forden (führten) mich in Stendal in dem torme und haben mich sehr gepeiniget und geplaget und große wedage (Schmerzen) an mich gebracht. Sie geben vor, daß ich sollte genommen haben linenwant auf dem dike (Deiche) zu Calberwisch, item (ferner) ich sollte fermanne (dem Fährmann) sine Ketel (Kessel) genommen haben“.

32. Der Aufstand in den altmärkischen Städten wegen der Bierziese, 1488. Nach Götze, Geschichte der Stadt Stendal.

Auf einem Landtage zu Berlin im Februar 1488 wurde dem Kurfürsten Johann Cicero das Recht von den Ständen bewilligt, zur Deckung der Landesausgaben eine Ziese (Steuer) auf Bier einzuführen. Damals kostete eine Tonne Bier 18 Groschen, und dazu sollte fortan noch 1 Groschen Steuer kommen. In den altmärkischen Städten, die meist Bier brauten, waren die Räte für, die Bürgerschaft gegen die Ziese. Als die Erhebung der Steuer beginnen sollte, kam es in allen Städten zu Volksaufläufen. In Stendal empörten sich die Gilden der Tuchmacher, Schuster, Kürschner, Bäcker, Leineweber und die „gemeinen Bürger“ gegen den Rat und die Dreigewerke, die auf seiner Seite standen (die Gewandschneider, Krämer und Knochenhauer), rückten aufs Rathaus und erzwangen unter Anwendung von Gewalt das schriftliche Versprechen, daß die Bierziese nicht erhoben werden solle. Die Wut der Menge richtete sich gegen mehrere Edelleute, denn diese waren von der Steuer frei, und gegen Nikolaus Knobloch, den kurfürstlichen Zolleinnehmer. Sie wurden tätlich angegriffen, dann auf Befehl des Rates ins Gefängnis gesetzt. Zwei von ihnen, Nikolaus von Borstel und Hans von Gohre, wurden von der Menge wieder herausgeholt und hingerichtet. Danach zog man auf ihre Güter, plünderte und brannte sie nieder. Dabei taten sich besonders die Tuchmacher hervor, deren Gilde am zahlreichsten war. In den nächsten Tagen verließen mehrere angesehene Familien die Stadt, da sie sich nicht mehr sicher fühlten.

Infolge der Nachricht von den Aufständen in allen Städten begab sich der Kurfürst Ende März nach Tangermünde, wo keine schweren Ausschreitungen stattgefunden, aber sich die Bürger geweigert hatten, die Bierziese zu bezahlen. Johann Cicero sammelte nach Unterwerfung der Stadt dort ein Heer.

Mitte April ritt er mit großem Gefolge, in dem der Bischof von Havelberg, mehrere Grafen und zahlreiche Ritter waren, und einer stattlichen Zahl von Gewappneten in Stendal ein, dessen Bürger keinen Widerstand leisteten, und vollzog das Strafgericht. Drei Tuchmacher wurden mit dem Schwerte hingerichtet, andere mußten, nachdem sie lange im Gefängnis gesessen, Urfehde schwören, d. h. geloben, sich nicht zu rächen; außerdem mußten je zwei Bürger für sie gestellt werden, damit sie nicht wieder Aufruhr stifteten. Die Stadt wurde schwer bestraft, sie mußte die doppelte Bierziese zahlen, die Familien der Ermordeten entschädigen, die Ratsliste jedes Jahr dem Kurfürsten zur Bestätigung einreichen, sie verlor ihre wichtigsten Privilegien (d. h. Rechte, Freiheiten) und damit ihre Selbständigkeit, ferner das Münzrecht und das obere und niedere Gericht.

Am 23. April traf Johann Cicero von Stendal aus in Osterburg ein, wo er ebenfalls strafend eingriff.

Dann ritt er mit seinem Heerhaufen nach Salzwedel. Dort hatte man ebenfalls die Güter mehrerer Edelleute geplündert und niedergebrannt, ein dem Kurfürsten gehöriges Gehölz, den Chein, eigenmächtig in Besitz genommen und die Bauern, die von dort vierteljährlich Holz nach der Burg zu liefern hatten, weggejagt. Als man von dem Anmarsch des Kurfürsten erfuhr, schickte man ihm Abgesandte entgegen, die Unterwerfung geloben sollten. Trotzdem bemächtigte sich eine Rotte des Augustinerklosters im Perver, wahrscheinlich, um die Straße zu sperren. Der Kurfürst zog aber unangefochten in Salzwedel ein und hielt strenges Gericht: Zwei der Hauptübeltäter wurden enthauptet, die Stadt mußte am 28. April geloben, die Bierziese zu zahlen, ihre wichtigsten Privilegien ausliefern und einen neuen Ausweg aus der Burg zur Stadt durch Abbrechen mehrerer Häuser, die im Wege standen, herstellen. Außerdem mußte die Stadt herausgeben: aus der Altstadt eine große Steinbüchse (Kanone), zwei andere große Steinbüchsen auf zwei Karren, eine kleine Steinbüchse mit zwei Kammern, drei Lotbüchsen auf einer Karre (fahrbare Gewehre für Bleigeschosse von starkem Kaliber) zehn Hakenbüchsen (schwere Feuergewehre mit einem Haken am Schaft, mit dem sie auf einem besonderen Gestell befestigt wurden), zehn Scheffel Pfeile, einen Scheffel Bleikugeln, vier Tonnen Pulver und Schwefel, einen kleinen Ledersack mit Pulver; aus der Neustadt: eine große Steinbüchse auf einer Karre nebst 16 Steinkugeln dazu, vier kleine Steinbüchsen auf Karren nebst 33 Steinkugeln, 16 Hakenbüchsen, vier Tonnen Pulver, unbearbeitetes Blei und drei Tonnen Pfeile. Die Salzwedeler empfanden ihre Strafe wie die Stendaler als schwer; als man 1496 einen neuen Knopf auf den Marienturm setzte, fügte man in die Turmknopfurkunde die Worte ein: „Damals bedrückte Markgraf Hans, unser Herr, diese arme Stadt und ließ zweien Bürgern auf dem Markte die Köpfe abhauen und nahm die Schlüssel von allen Toren und alle Gerechtigkeit (d. h. alle Rechte) und setzte als Ziese auf jede Tonne Bier 12 stendalsche Pfennige“

Von Salzwedel begab sich der Kurfürst mit den Reisigen nach Seehausen, wo er am 2. Mai eintraf. Dort hatte die Schusterinnung schwere Ausschreitungen begangen. Sie verlor ihr Gildehaus, den sog. Schusterhof. Die Stadt mußte die Bierziese zahlen, ferner hatten die Bürger 2000 Gulden aufzubringen.

Am 4. Mai ritt Johann Cicero in Werben ein, das wie Tangermünde und Osterburg milde behandelt wurde.

Von Werben aus gelangte der Kurfürst nach Gargelegen. Diese Stadt mußte fortan die Bierziese zahlen und ihre wichtigsten Privilegien ausliefern; dazu wurde der Bürgerschaft eine Strafe von 1500 Gulden auferlegt.

So war in der Zeit von sechs Wochen der Widerstand der altmärkischen Städte gebrochen, da sie keine Hilfe von außerhalb erhalten hatten. Dem Kurfürsten war es gelungen, den Städten die Selbständigkeit zu nehmen; in Zukunft waren sie nur Teile des Staatsganzen.

33. Ablaßbrief des Papstes Innozenz VIII. für das Kloster Neuendorf bei Gardelegen vom Jahre 1489 (gekürzt).

Der sehr heilige Vater in Christo und Herr, Papst Innozenz VIII., gestattet allen Gläubigen beiderlei Geschlechts, die zum Schutze des rechtmäßigen Glaubens gegen die Türken, die Feinde desselben Glaubens, die Hände hilfreich ausstrecken, die Annehmlichkeiten und die Möglichkeiten, die unsere Getreuen in Christo haben können, wenn sie die Basilika der Stadt (d. h. Peterskirche in Rom) zur Zeit des Jubiläums besuchen, wie es in den darüber geschriebenen apostolischen Büchern des weiteren enthalten ist, und er erteilt ihnen vollsten Ablaß für alle und einzelne Sünden, alle Ausschweifungen und Vergehen, auch für solche, deren Vergebung dem päpstlichen Stuhl im allgemeinen und im besonderen vorbehalten ist, von anderen aber, deren Vergebung dem päpstlichen Stuhl nicht vorbehalten ist, (erteilt er Ablaß), solange sie am Leben sind, auch im Zeitpunkt des Todes; auch wenn der Tod nicht gleich eintritt, soll ihnen voller Ablaß für alle ihre Sünden zuteil werden. Es gestattete ferner unser hochheiliger Herr (der Papst) aus eigenem Antriebe, daß alle und jeder Gläubige in Christo, auch ihre Eltern und verstorbenen Wohltäter, die in allen Stücken im Glauben starben, an allen Wohltaten, die es gab und in der ganzen heiligen Kirche Christi und in allen ihren Gliedern geben konnte, für ewig teilhaben sollen. Und was angeht die in Christo ergebenen Anna von der Schulenburg, Aebtissin, Gertrud Smedis, Priorin, (es folgen die Namen der 56 Nonnen) Nonnen und Schwestern in Nigendorpp, die nach der Regel (d. h. Vorschrift) des Zisterzienserordens leben zur Förderung des Glaubens und zu seiner Verteidigung nach der Absicht des hochheiligen Papstes, so stellen wir für sie durch den gegenwärtigen Brief, der ihnen zur Beurkundung übergeben wird, eine Bestätigung aus: Sie sollen auf Grund der päpstlichen Vollmacht die genannten Annehmlichkeiten und dieselbe Vergünstigung haben (wie die, die gegen die Türken Gelder aufbringen).

Gegeben unter unserem angehängten Insiegel am Freitag, den 14. August, im Jahre des Herrn 1489.

34. Die reformatorische Bewegung in der Altmark. Nach Götze, Geschichte der Stadt Stendal.

Schon früh neigte sich die Bevölkerung der Altmark Luthers Lehre zu. Hatten schon vor 1518 eine Reihe von Altmarkern auf der Universität Wittenberg studiert, so nahm ihre Zahl mit diesem Jahre ganz bedeutend zu. Durch sie wurde Luthers Lehre bald in der Altmark bekannt. Nach dem Reichstage von Worms 1521 trat die Abneigung des Kurfürsten Joachims I. gegen die Reformation stärker hervor.

Schon vor Luthers Auftreten zeigte sich in der Altmark ein Verfall der alten Kirchengläubigkeit. War das Mittelalter sehr freigebig mit Spenden an die Kirche gewesen, so wurden seit 1515 keine geistlichen Lehen und Feierlichkeiten, wie Altäre, Seelenmessen, Feste besonderer Heiligen, in Stendal mehr gestiftet. Als ferner das Franziskanerkloster an der Ostseite des Mönchkirchhofs in Stendal größtenteils niederbrannte, da vermochten die Mönche ihr Kloster nicht und die Kirche nur sehr notdürftig wiederherzustellen. So ist es verständlich, daß das Domkapitel, als 1525 die südliche Turmspitze des Doms erneuert war, in der Turmknopfurkunde bitter klagte über die herrschende Ketzerei und Verfolgung der Geistlichkeit. Ausgaben von Teilen der deutschen Bibel und andere reformatorische Schriften in niederdeutscher Sprache waren schon 1530 im Besitz Stendaler Bürger. In den Jahren 1524 und 1527 ließ der Stendaler Rat ein kurfürstliches Verbot gegen Luthers Schriften von allen Kanzeln verkündigen. Aber das hatte keinen Erfolg, die Anhänger der neuen Lehre wuchsen an Zahl immer mehr.

35. Der Aufruhr in Stendal im Jahre 1530. Bekmann, Histor. Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg.

Anno 1530 am 26. Juli ist ein gefährlicher Aufstand in der Bürgerschaft wider den Landeshauptmann (der Altmark) und etliche kurfürstliche Räte, auch wider den Rat zu Stendal, erregt worden, mit dem es sich nach einer plattdeutsch abgefaßten schriftlichen Nachricht folgendermaßen verhalten hat:

An dem St. Annentag (26. Juli), einem Dienstag, hat ein Mönch Lorenz Kokenbekker oder Kuchenbäcker in dem Franziskanerkloster die Leute singen geheißen, was sie zu Magdeburg und in vielen anderen Städten sängen (d. h. Lieder Luthers). Und als die Leute stille geschwiegen, hat er gesagt: „Wer kan, de hewe an!“ Worauf die Handwerksgesellen und anderes geringes Volk zu singen angefangen und dergleichen hernach in allen Predigten getan; und obwohl der Rat es von neuem verboten, so hat sich niemand daran gekehrt, der Rat auch wegen der Menge des gemeinen Volkes niemand strafen können. Hierauf ist der Landeshauptmann Busso von Bartensleben nebst zwei kurfürstlichen Räten, Gebhard von Lüderitz und Jakob von Jeetze, dahin geschickt (nach Stendal), von dem (s. h. dem Landeshauptmann) sonntags vor Mariä Himmelfahrt (15. August) früh 6 Uhr alle Bürger vors Rathaus gefordert und ihnen nochmals vorgetragen wurde, daß die Bürger sich nach alter kaiserlicher (d. h. katholischer) Gewohnheit halten und Martin Luthers Dinge abstellen sollten.

Nachdem sie sich darauf besprochen, haben sie geantwortet, daß sie sich nach allem Vermögen bezeigen wollten; es ist auch darauf der Mönch Kokenbekker vorgefordert und ihm gesagt worden, daß er die Leute vom Singen abhalten und, wenn sie sich dessen nicht würden enthalten wollen, von dem Predigtstuhl gehen und das Predigen einstellen solle. Und weil sich inzwischen unter den Handwerksgesellen allerhand Gemurmel erhob, so sind die Nacht darauf (zwischen Sonntag und Montag, auf welchen Tag Mariä Himmelfahrt gefallen) auf Befehl der kurfürstlichen Räte etliche Schuhknechte und andere Gesellen in Haft genommen worden, wegen derer Befreiung die anderen Schuhknechte bald tags darauf bei den kurfürstlichen Räten auf dem Rathause angehalten (d. h. gebeten), aber abschlägige Antwort bekommen. Sie baten auch, sie aus der Stadt zu lassen, aus Furcht, es möchten ihrer mehrere beigesteckt (d. h. gefangen gesetzt) werden. Es kam aber zu keinem Ausbruch (Aufruhr), und es ist damit der Tag meist hingegangen.

Um 4 bis 5 Uhr abends begab sich der Landeshauptmann mit den kurfürstlichen Räten zu den Grauen Mönchen vom Franziskanerkloster, um dem Guardian (so heißt der Abt bei den Franziskanern) zu befehlen, daß er auf Kuchenbäckers Predigten achten solle, damit kein Aufruhr daraus entstehe, ferner, um auch mit Kuchenbäcker selbst zu reden, der sich aber aus Furcht, daß er gegriffen möchte werden, hinten zum Kloster hinaus in den Birkenhagen geflüchtet.

Die Räte gingen von da in die Dechanei (d. h. in die Kurie oder das Haus des Dechanten, der bei der steten Abwesenheit des Dompropstes die Leitung des Domstiftes hatte; die Dechanei ist am Domplatz zu suchen), um daselbst Mahlzeit zu halten (auf der Dechanei ruhte die Verpflichtung, den Kurfürsten und seine Räte zu beherbergen und zu beköstigen). Kuchenbäcker hingegen lief, als er sich in Freiheit sah, durch die Stadt und schrie, man wolle ihn gefangen nehmen, und kam an die Große Bruchstraße (d. h. die heutige Bruchstraße, denn die Priesterstraße nannte man damals die Kleine Bruchstraße), wo die Tuch- und Lakenmacher ihren Pantaleonentag (27. Juli; St. Pantaleon, einer von den 14 Notheiligen der katholischen Kirche, die in besonderen Nöten helfen sollten, war der Schutzpatron der Tuchmachergilde) hielten. Es nahmen sich die Gesellen seiner an, die in großer Menge hier beieinander waren; und weil dies Gerücht auch bald in die Bierkrüge kam, in denen wegen des Festes allerhand Gesellen zugegen waren, so liefen diese gleichfalls haufenweise Kuchenbäcker zu, und es gesellten sich auch allerhand liederliche Leute in großer Anzahl zu ihm, in der Absicht, ihn gegen den Landeshauptmann zu beschützen und wieder in sein Kloster zu bringen.

Als der Rat das sah, schickte er eilends zu dem Landeshauptmann und den kurfürstlichen Räten auf der Dechanei mit der Bitte, ungesäumt, weil sie einen Aufruhr befürchteten, auf das Rathaus zu kommen, was auch diese (die Räte) sofort taten. Jene hingegen liefen insgesamt dem Markte zu und Kuchenbäcker mit ihnen. Ihnen gesellte sich auch der Stadthauptmann zu, Matthias Schönewald, Matz Rappe genannt. Sie trafen den Landeshauptmann noch auf dem Markte an, jagten ihn mit Gewalt auf das Rathaus und umgaben auch das Rathaus. Der Rat rief zwar den Bürgern zu, sie sollten ihnen zur Hilfe kommen, aber ehe diese kamen, drangen jene auf das Rathaus weiter ein, hieben die Türen entzwei und warfen die Fenster ein, bis sie endlich einer aus dem Rate, Werner Buchholz, durch vieles Zureden dahin brachte, daß sie sich bis auf den andern Tag zufrieden gaben. Etliche aber liefen nichtsdestoweniger die Nacht hindurch in der Stadt umher und plünderten die Häuser der Geistlichen.

Die Bürger hingegen besetzten das Rathaus, damit daran nicht weiter Gewalt geschehe; sie versammelten sich auch des folgenden Morgens frühe mit Gewehr und Harnischen in der Schmiedestraße (so hieß das Stück der Breiten Straße von der Marienkirche bis zum Sperlingsberg) vor Klaus Schönebecks Tür und zogen auf den Markt, um die kurfürstlichen Räte zu befreien. Sie brachten es auch dahin, daß die Aufrührer versprachen, daß, wenn ihnen gewisse Artikel unterschrieben und versiegelt würden, sie zufrieden sein und die kurfürstlichen Räte und den Rat nicht weiter beunruhigen wollten. Es wurden also sechs Personen von den Aeltesten aus der Bürgerschaft auf das Rathaus geschickt, um zu vernehmen, ob es ihnen recht sei, die vorgeschlagenen Artikel einzugehen und besiegelt zurückzugeben; wo nicht, so wollten sie (die Bürger) darein schlagen und die Leute mit Gewalt vom Markte treiben.

Es haben aber die kurfürstlichen Räte und der Rat für das beste gehalten, nachzugeben und sich zu den Artikeln zu bequemen, um allen Mord und Totschlag zu vermeiden. Worauf sie allerseits vom Rathause mit Frieden gegangen, die kurfürstlichen Räte auch von der Bürgerschaft bis vor das Uenglinger Tor und über die Berge (dem Uenglinger Berg) begleitet wurden. Die Bürger haben auch sofort darauf bei dem damaligen jungen Markgrafen, nachmals Kurfürst Joachim II. (der in Abwesenheit seines Vaters, des Kurfürsten Joachims I., damals die Regierung führte), ihre Entschuldigung vorgebracht und gebeten, für sie bei dem Kurfürstlichen Herrn Vater Fürbitte einzulegen.

Der Kurfürst Joachim I. aber nahm diese Sache sehr ungnädig auf, schickte den Kurprinzen mit 1000 Reitern nach Stendal und ließ als Haupturheber des Aufruhrs den Stadthauptmann Matthias Schönwald, ferner Franz Moritz, Heinrich Hoppe, Tönniges (Anton) Rinow (einen Pantoffelmacher), Jürgen Ebling und Steffen Friedrich in der Altendorfstraße öffentlich enthaupten. —

Außerdem wurden der Stadt Stendal vom Kurfürsten folgende Bedingungen auferlegt:

1. Die Stadt verlor das Recht der Zollfreiheit in der Altmark und Prignitz, das sie seit Albrechts des Bären Zeiten besessen hatte. 2. Stendal mußte etwa in Jahresfrist 10000 Gulden (gleich 7500 Talern) Strafe zahlen. 3. Aller Schade, der an den Gebäuden und der beweglichen Habe der Geistlichen angerichtet war und von diesen nachgewiesen wurde, mußte von der Stadt ersetzt werden, ebenso die Verluste, die die kurfürstlichen Räte und ihre Dienerschaft erlitten hatten. 4. Den Tuchmachern wurde für ewige Zeiten die Feier des Pantaleonschmauses untersagt, weil der Aufruhr aus dem „Pantaleon“ entstanden sei. 5. Die Haupturheber des Aufruhrs (außer den Hingerichteten) wurden des Landes verwiesen. Aus besonderer Gnade durften ihre Frauen und Kinder ihnen folgen, auch ward ihr Vermögen nicht eingezogen. Die weniger Schuldigen wurden aus der Haft entlassen und sollten eine bürgerliche Strafe erleiden.

36. Die kirchlichen Zustände in Stendal bei der Einführung der Reformation.

Als im November 1540 der Bischof Dr. Matthias von Jagow von Brandenburg (ein Altmärker, auf Schloß Aulosen geboren), der spätere Generalsuperintendent Jakob Stratner und der Kanzler Weinleben, von Kurfürst Joachim II. beauftragt, auch in der Altmark eine allgemeine Kirchenvisitation abzuhalten begannen, fanden sie sehr schlechte kirchliche Zustände in Stendal vor; es geht aus der damals angefertigten Niederschrift deutlich hervor, daß die katholische Kirche in tiefstem Verfall war.

Das Haupt des Stendaler Domstifts war seit 1523 der Dompropst Dr. Wolfgang Redorffer, der außerdem noch mehrere andere kirchliche Aemter bekleidete. Er war ein gelehrter Mann, der sich auf den Reichstagen und in seinen Schriften als ein entschiedener Gegner der Reformation gezeigt hatte. Kurfürst Joachim I., dessen vertrauter Rat er gewesen war, schätzte ihn hoch. Redorffer hat niemals in der Stendaler Dompropstei (sie lag am Domplatz auf dem Gefängnisgelände) gewohnt.

Die nächsthöhere Stelle am Domstifte, das Amt des Dechanten, war seit 1538 unbesetzt. Damals starb der letzte Domdechant, Dr. Matthäus Möhring, aus einer Stendaler Patrizierfamilie stammend. So hatte nach 1538 die Leitung des Domstifts der Senior der Domherren, Magister Johann Sturm, der ebenfalls einer hochangesehenen Stendaler Familie angehörte. Er war bereits ein alter Mann, der einem wüsten Lebenswandel ergeben war, an dessen Folgen er 1542 starb. Auch der Scholastikus des Domstifts, dem die Domschule unterstand, Johann Rohrbeck, führte einen sehr anstößigen Lebenswandel. Im ganzen waren statt 14 Domherren nur noch 7 zu Stendal vorhanden, die der Bürgerschaft ein sehr schlechtes Beispiel gaben. Ihre Wohnhäuser, die man Kurien nannte, lagen am Domplatze und auf dem Gelände, das heute Landgericht, Gefängnis und Superintendentur einnehmen.

Am Dom gab es im Mittelalter folgende Geistlichen: Am Hauptaltar St. Nicolai amtierte ein Pfarrer. Dazu kamen vier Kapläne, denn zum Dom gehörten vier Kapellen, von denen nur zwei erhalten sind. Außerdem gab es 40 Meßpriester (auch Altaristen, Kommendisten und Vikare genannt), die die niedere Geistlichkeit bildeten; sie waren jeder an einem Nebenaltar angestellt und hatten die Verpflichtung, Privatmessen für das Seelenheil einzelner oder mehrerer Personen zu halten. Im Jahre 1540 waren jedoch nur noch 20 Meßpriester vorhanden; die Einkünfte der andern wurden teils zu Stipendien für Stendaler Bürgersöhne verwandt, die das Geld zum Studieren benutzten, teils waren sie im Besitz auswärtiger Geistlicher.

Das Domkapitel, d. h. die Gesamtheit der Domherren, besaß damals die Dörfer Röxe, Buchholz, Schleuß, Garlipp, Düsedau, Neuendorf am Speck, Staffelde, Besewege, dazu ⅓ von Nahrstedt und eine große Zahl von Einkünften an Geld, Getreide, anderen Feldfrüchten, Hühnern usw. in anderen Orten. So waren in friedlichen Zeiten die Einkünfte sehr hoch.

Ueber die Marienkirche wie über alle Stendaler Kirchen hatte das Domkapitel das Patronat; stets war einer der Domherren Pfarrer von St. Marien gewesen. 1540 war aber kein Pfarrer vorhanden, wie überhaupt an allen Stendaler Pfarrkirchen die Pfarrstellen unbesetzt waren! In der Marienkirche gab es im ganzen 27 Nebenaltäre, an denen im Mittelalter ebensoviele Meßpriester tätig gewesen waren. 1540 gab es aber nur noch 9; die Einkünfte der freien Stellen waren ähnlich vergeben, wie wir es beim Dom gesehen haben.

In der Jacobikirche waren von 18 Nebenaltären nur 7, in St. Petri von 8 nur noch 4 besetzt.

Das Franziskanermönchskloster hatte sich zu Beginn des Jahres 1540 aufgelöst. Am 31. Januar nämlich verkauften der Guardian (Abt) Nikolaus Badenstedt und der letzte Mönch Peter Witte die Terminarie, die das Kloster zu Gardelegen besaß, an den dortigen Rat. Unter Terminarien verstand man Häuser, die ein Bettelmönchskloster an anderen Orten besaß, damit sie dem Mönch, der dort für das Kloster terminierte (d. h. bettelte), als Wohnung dienten. Die Bettelmönche pflegten beim Uebertritt der Bevölkerung zum Protestantismus das Eigentum der Klöster zu verkaufen und mit dem erhaltenen Gelde auf und davon zu gehen. Wahrscheinlich waren die beiden Genannten 1540 die einzigen Bewohner des Klosters. Später wohnte nur ein einziger alter Mönch in den verödeten Räumen des Klosters, aus dem alle Kostbarkeiten verschwunden waren. Eine zweite Terminarie der Stendaler Franziskaner zu Tangermünde war 1540 im Besitz des dortigen Rates.

Das Franziskanernonnenkloster St. Anna und das Augustinerinnenkloster St. Katharina hatten statt sechs Meßpriester nur noch vier, aber zwei davon waren zugleich an den übrigen Pfarrkirchen in gleicher Eigenschaft. Diese Nonnenklöster waren 1540 noch bewohnt; man ließ die Nonnen bis an ihr Lebensende darin hausen.

Bei den 98 Nebenaltären waren also in Stendal nur noch 42 Meßpriester vorhanden. Das war noch günstig, denn in den anderen altmärkischen Orten war der Mangel an Pfarrern und Meßpriestern viel größer. Von einem regelmäßigen Gottesdienst war schon seit Jahren keine Rede mehr.

37. Dr. Justus Jonas in Stendal, 1538.

Wie in den übrigen Städten der Mark Brandenburg, so war auch in Stendal schon unter der Regierung Kurfürst Joachims I. alles heimlich evangelisch. Im Jahre 1538 kam Dr. Justus Jonas im Gefolge des Kurfürsten von Sachsen, der zu einem Fürstentage nach Braunschweig reiste, durch Stendal. Er predigte am Sonntag Oculi (24. März) auf der Kanzel der Marienkirche vor einer sehr zahlreichen Menge, und seine Worte machten einen gewaltigen Eindruck. Deshalb soll sich der Rat an Luther gewandt und ihn um Empfehlung eines evangelischen Predigers gebeten haben. Der Ueberlieferung nach entsandte Luther daraufhin seinen Freund Dr. Konrad Cordatus nach Stendal.

Am 30. Oktober 1539 wurde das Abendmahl zum ersten Male in Stendal in beiderlei Gestalt ausgeteilt, und zwar soll das in allen Kirchen und in den Klöstern geschehen sein. Am 1. November 1539 erst bekannte sich der brandenburgische Kurfürst Joachim II. zur Reformation.

38. Die Tätigkeit der Visitatoren in Stendal, 1540.

Die kurfürstlichen Visitatoren begannen mit ihrer Tätigkeit am Domstift. Sie versammelten die ortsanwesenden Domherren und Meßpriester, lasen ihnen die neue evangelische Kirchenordnung vor und forderten sie auf, sich danach zu halten und kein Aergernis mehr zu geben. Alle nahmen die Kirchenordnung an, erfüllten sie aber später schlecht. Darauf ward ihnen zugesichert, sie sollten im Besitz ihrer Rechte bleiben, auch ihr volles Einkommen behalten. Aber sie sollten täglich im Dome zum Gottesdienst erscheinen, die Horen (Frühmessen) wie die übrigen Kirchengesänge, aber in der evangelischen Form, singen.

Da unter den Stendaler Geistlichen niemand würdig war, das Pfarramt am Dom zu übernehmen, so bestellte man zum Pfarrer, Vizedechanten des Domstifts und Superintendenten über alle Geistlichen Stendals den

Dr. der Theologie Konrad Cordatus,

der von hussitischen Eltern aus dem Bauernstande 1476 zu Weißenkirchen in Oberösterreich geboren war, mehrere Jahre in Wittenberg gelebt hatte und Luther und Melanchthon persönlich nahe getreten war. Er besetzte die Pfarrämter in der Stadt mit tüchtigen Predigern, die z. T. wie der erste evangelische Geistliche an St. Marien, Magister Peter Huberinus, aus Wittenberg kamen. Am Dom und an St. Marien amtierten hinfort je ein Pfarrer und je zwei Diakone oder Kapläne. Eine schwierige Stellung hatte Cordatus gegenüber den Domherren und Meßpriestern, die sich um die evangelische Kirchenordnung gar nicht kümmerten und ein so anstößiges Leben führten, daß der Kurfürst in Berlin davon hörte und von Cordatus einen Bericht einforderte. Dieser schickte eine wahrheitsgetreue Schilderung ab. Dadurch zog er sich den Haß besonders der Meßpriester zu, von denen sich sogar einige verschworen, ihn zu ermorden. Cordatus starb 1546 auf einer Reise nach Berlin.

39. Die Einführung der Reformation in Salzwedel. Nach Pohlmann, Geschichte der Stadt Salzwedel.

Im Jahre 1528 ging der Rat von Salzwedel in das Franziskanerkloster in der Altstadt, ließ sich die darin aufbewahrten silbernen Kirchengefäße aufschreiben und sie so verschließen, daß die Mönche keinen willkürlichen Gebrauch mehr davon machen konnten. Auch untersagte der Rat den Franziskanern die Annahme von Novizen (Jünglingen, die in den Orden eintreten wollten).

1541 war von den 20 Priestern, die die Altstadt zählte, keiner mehr dem Papsttum zugetan. Die Meßpriester hielten keine Privatmessen mehr, sondern mußten statt dessen alle Morgen um 6 Uhr in dem hohen Chor der Pfarrkirche singen.

1539 war der Propst Wolfgang von Arnim aus Salzwedel auf einer Tagung sämtlicher Landstände und Geistlichen in Berlin; er gelobte dort, in Salzwedel die Reformation zu fördern, und setzte sich deshalb sofort mit dem Rat der Stadt in Verbindung.

40. Die Einführung der Reformation in Tangermünde. Küster, Tangermündsche Denkwürdigkeiten, II, S. 61.

Der erste evangelische Prediger, der 1538 am Sonntage nach Mariä Geburt (8. September) die erste evangelische Predigt in dieser Stadt gehalten, war Johannes Weißgerber, aus Wittenberg gebürtig. Noch heute (1729) wird alle Jahr zum Gedächtnis am vorerwähnten Sonntage in der sogenannten Hochmesse eine Reformationspredigt gehalten. —

Hof- und Landrichter der Altmark war zur Reformationszeit in Tangermünde Hieronymus Staude, ein Freund Melanchthons. Er förderte die Reformation in der Altmark aufs eifrigste und unterstützte besonders Dr. Cordatus, den Superintendenten in Stendal. Als Melanchthon 1556 das Hauptwerk, das Cordatus geschrieben hat, nämlich „Auslegung der Evangelien“, herausgab, widmete er es dem Hieronymus Staude.

41. Aus Gardelegen. Steinhart, Ueber die Altmark, 2. Teil, S. 271.

1566 starben in Gardelegen über 2000 Menschen an der Pest. Im selben Jahre begrub man eine Kindesmörderin lebendig unterm Galgen.

In den Jahren 1544 bis 1554 wurden in Gardelegen nicht weniger als 18 arme alte Frauen als Hexen verbrannt.

42. Wallfahrt. Aus einem Schreiben des Stendaler Rats an den Kurfürsten Johann Georg vom 20. November 1578. Vgl. Götze, S. 202 f.

Oestlich von Stendal, an die Feldfluren von Hassel und Bindfelde grenzend, also an der Stadtforst, lag einst das Dorf Einwinkel oder Neuwinkel; 1319 kaufte es der Stendaler Rat an und vereinigte seine Flur mit der städtischen. Die Einwohner siedelten nach Stendal über. An der Stelle der ehemaligen Kirche dieses Dorfes wurde ein hohes Kreuz errichtet und das Bild der Schutzpatronin der Kirche, der heiligen Notburga, nach der Kirche des benachbarten Dorfes Arnim geschafft. Bis zur Reformationszeit fand alljährlich eine Betfahrt von Arnim nach dem hohen Kreuze unter Vorantragen des Bildes der heiligen Notburga statt.

43. Die Burg zu Krumke. Nach einem Anschlage des 17. Jahrhunderts, um 1607.

Es gehörten damals zur Burg:

Das Haus (Herrenhaus) mit einem Turm (der aus dem Mittelalter stammte), schiefergedeckt, ringsherum ein Gang, unter dem Hause zwei Gewölbe untereinander, im Hause Windelstein (Wendeltreppe), Erkner, Fenster und Türen. Dazu vier andere Häuser, mit je einem gewölbten Keller, innerhalb des Burgwalles.

Der Burggraben (darin gute Fischerei), der mit eichenen Pfählen und Bohlen allumher ausgefüttert ist, und ein Staket darauf, dafür der Teichgräber allein 1000 Taler ohne den Lebensunterhalt bekommen hat.

Die beiden Vorwerkshöfe (Wirtschaftshöfe) zwischen dem andern Graben, darauf 10 Gebäude mit dem neuen Stall, der andere Graben um das Vorwert, den man deswegen, weil der Molkenbach hindurchgeht, nicht leer fischen kann.

Gärten, und zwar der Lustgarten auf dem Hause (d. h. am Herrenhause) binnen Walls, der Hopfengarten auf dem andern Wall um das Vorwert, der große Garten, worin 12 Scheffel Korn gesäet und an 5 oder 6 Fuder Heu gewonnen werden können, samt dem Kohl-, Hopfen- und Baumgarten, ferner die herrliche Fischerei samt dem Elsen-, Werft- und anderen Holze, alles in diesem Garten.

Fischerei, der fließende Strom mitten unter den Stegen bis an die Landwehr, darein ein anderer nicht eine Angel, geschweige ein Netz hängen darf.