Der dreißigjährige Krieg.

Die ersten Jahre.

44. Andreas Ritmer (Ratsherr und langjähriger Bürgermeister von Tangermünde), Altmärkisches Geschichtsbuche (1651).

Am Ende des 1618. und 1619. Jahres schickte Gott einen schrecklichen Kometstern in Gestalt einer feurigen Rute, der etliche Wochen nacheinander sich sehen ließ, dessen Wirkung ganz Deutschland und auch die Kurmark leider wohl erfahren hat. Auch hat sich zwischen dem 11. und 12. Juni 1619 in der Nacht bei einem schrecklichen Winde ein Erdbeben verspüren lassen, wodurch die Stadtmauern (in Tangermünde) an etlichen Orten eingefallen und das starke Mauerwerk an St. Stephans hinterem Altar von oben bis unten geborsten, die Gräber in der Pfarrkirche häufig gesunken sind. Ferner hat in diesem Jahre die rote Ruhr (Pest) in Tangermünde sehr geherrscht und viele vornehme, auch andere Leute weggerissen. Die teure Zeit nahm überhand, und die Armut ward hier und anderswo im Lande sehr groß.

Inzwischen erhob sich in diesem und folgenden Jahre das sehr schädliche Kipperwesen (Münzverschlechterung), das man zwar seit 1604 schon verspürt hatte, denn nach und nach war die kleine Münze an vielen Orten im Reiche geringer und schlechter geworden. Doch ist es nie so arg als 1619 bis 1622 gewesen, indem ein (alter) Reichstaler zuletzt zehn (neue) Taler galt; da sah man nichts, denn leichte Groschen, die schier auf dem Wasser hätten schwimmen können, kupferne Pfennige ohne Zahl, daß auch die Kinder auf den Gassen damit spielten. Endlich schnitt im Juni 1622 die Obrigkeit ein. Da hatte mancher ehrliche Mann statt des Weizens Spreu im Kasten gesammelt.

Hierüber ist im Römischen Reiche in den Städten ein großer Tumult entstanden, indem sich an etlichen Orten allerhand Gesindel zusammengerottet, der (der Herstellung schlechter Münzen) verdächtigen Personen Häuser zu plündern und unaufhörlich „Kipper, Wipper, Schelm, Dieb“ zu schreien angefangen hat. In der Fastnachtspost wurde in Tangermünde gegen Abend etliche Schuhknechte einig, ein Haus zu stürmen; ihnen liefen zu allerhand Schiffs- und Fischerburschen, und es entstand ein solcher Lärm, daß die ganze Bürgerschaft ins Gewehr treten und solche mutwilligen Leute zurücktreiben mußte. Ein Bürger und ein Schuhknecht wurden in Haft gebracht und nach Berlin geführt, nach etlichen Wochen aber wieder losgelassen.

Die Jahre 1626 bis 1630.

45. Andreas Ritner, Altmärkisches Geschichtsbuch.

Als 1626 der dänische General Fuchs (mit 14000 Mann zu Fuß und 3500 zu Pferde) am Freitag vor Estomihi des Abends zwischen 5 und 6 Uhr, ganz unvermutet vor Tangermünde angekommen, hat er ein ganzes Regiment zu Fuß von 3000 Mann nach dem Hühnerdörfer Tor, ein Regiment zu Pferde aber nach der Neustadt gehen und die Bürgerschaft auffordern lassen, die Tore zu öffnen. Die Bürgerschaft, längst eingeübt, ward durch öffentlichen Trommelschlag zu den Waffen gerufen und setzte sich zur Wehr, da sie keine so starke Macht vermutete. Inzwischen brach der Obrist Lindstaw am Töpfergäßlein durch eines Bürgers Haus (in die Stadt ein), öffnete das Hühnerdörfer) Tor, das etwas schwach besetzt war, denn die meiste Mannschaft stand und wehrte am andern (Neustädter) Tor, und ging in aller Stille ohne Spiel nach dem Markte. Bald verließ die Bürgerschaft die anderen Posten und begab sich in ihre Häuser in Hoffnung und Furcht, und so ward die ganze Stadt des Abends um 7 Uhr geöffnet.

Da ging die Angst und Not erst recht an; denn obwohl in der ersten Nacht diese Kriegsvölker sich auf der Gasse behelfen mußten, so wurden sie doch des folgenden Tages bei den erschrockenen Bürgern haufenweise einquartiert, und man mußte die Gäste speisen. Ich habe gesehen, wie man die Speisen den Wirten an die Köpfe und die Butter an die Wand geworfen hat. Da hörte man nichts denn Jammer und Klagen auf allen Gassen und in allen Häusern, und die Not ward noch größer, weil von Tag zu Tage die ganze Macht zu Roß und zu Fuß mit einer großen Anzahl Geschütze und Munition heranrückte und die Stadt vom Kriegsvolk überschwemmt ward.

Die Stadt Stendal wollte diese Leute (die dänischen Truppen) nicht einlassen, deshalb wurde sie berannt, und es wurden ihr etliche Windmühlen verbrannt, so daß sie sich bequemen mußte.

General Fuchs wollte Tangermünde befestigen; darum wurden etliche hundert Eichbäume im Stadtbusch niedergehauen und zu Palisaden, spanischen Reitern, Blockhäusern und anderem gebraucht. Die übrigen altmärkischen Städte wie das ganze Land hatten ebenfalls ihre Drangsal, zumal da die dänische Armee alles aufzehrte.

(General Fuchs eroberte Rogätz und ließ alle gefangenen kaiserlichen Soldaten niederhauen.) Als der kaiserliche General, Herzog von Friedland, solches erfahren, ist er in aller Eile aus seinen Quartieren aufgebrochen, über den Fluß Ohre bei Wolmirstedt gezogen, um die Dänen heimzusuchen. Diese zogen sich wieder nach Tangermünde zurück (am Sonnabend vor Palmarum) und machten ihre Schlachtordnung diesseits der steinernen Brücke (über den Tanger bei Bölsdorf) auf dem Voßberge. General Fuchs ließ die Bürgerschaft durch Trommelschlag bei Leib- und Lebensstrafe zum Schanzen aufrufen. Inzwischen floh aus der Bürgerschaft, wer nur konnte, zu Wässer und zu Lande. Die Kaiserlichen und besonders die Vortruppen von Kroaten und leichten Reitern folgten den Dänen auf dem Fuße, und man sah von den Türmen, wie die Reiter miteinander scharmützelten.

Bei angehender Frühlings- und Sommerzeit brach die rote Ruhr (Pest) aus (in Tangermünde), woran anfänglich die geborenen Dänen, auch deutsche Soldaten (des dänischen Heeres) in großer Zahl, nachmals aber die liebe Bürgerschaft erkrankte, da ihr ja der Gestank des Heerlagers in die Nase gegangen, daß bis auf den Herbst, da es mit der Seuche stille geworden, an die 1600 Menschen umgekommen sind.

General Fuchs brach endlich auf, verließ sein wohlbefestigtes starkes Lager und ging auf Petri und Pauli (29. Juni) über die errichtete Schiffbrücke, nachdem der Altmark mehr als 16 Tonnen Goldes Schaden geschehen. Bald darauf wurden aus dem ganzen Lande einige hundert Bauern aufgeboten, die die Wälle (des dänischen Lagers vor Tangermünde) niederreißen und der Erde gleich machen sollten. General Fuchs aber ließ die Schiffbrücke nebst allem Vorrat nach Werben bringen, wandte sich über Havelberg nach Werben und ging durch die Altmark zum größten Verderben des Landes ins Lüneburgische zum König von Dänemark.

(Im August wurde König Christian IV. von Dänemark von Tilly in der Schlacht bei Lutter am Barenberge geschlagen, in der General Fuchs fiel. Tilly zog mit seinen Truppen hinter den Dänen her.)

Die kaiserlichen Heere wurden in etliche Länder verteilt und an die Altmark noch 1626 etliche Regimenter zu Roß und zu Fuß gewiesen, von denen Tangermünde einige Fähnlein zugeschrieben wurden. Diese Leute haben in den Jahren 1626 bis 1630 eine unglaubliche Summe Geldes erpreßt. Einige Offiziere haben mit Unbarmherzigkeit die armen Leute gequält, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen. Viele ehrliche Leute haben 1628 ihren Vorrat von Hamburg (wohin sie ihre Habe gebracht hatten) wieder heraufholen, viele das Verscharrte aus der Erde hervorsuchen und, da kein Geld mehr zu bekommen war, 1629 ihr Silber, wie in Stendal geschehen, Perlen, Zinn, Kupfer, Messing, Korn, Vieh und allen Hausrat, ja die Kleider vom Leibe, die sie um ein Hundebrot verkauften, hergeben müssen, dabei aber weder Friede noch Sicherheit bei Tage und bei Nacht vor den Soldaten gehabt. Um einen kleinen Rest hat der Offizier selbst die Strafe verhängt, fünf, zehn und mehr Soldaten dem armen Hausvater ins Haus gelegt. Diese haben gefressen, gesoffen, Lärm geschlagen, Fenster und Oefen zertrümmert und solange gelärmt, bis alles bezahlt war. Ein Hauptmann ließ unter dem Vorwand, er habe mit dem Rat etwas zu reden, diesen und den Ausschuß der Bürgerschaft durch Musketiere bewachen und zwei Tage ohne Nahrung auf dem Rathause einsperren.

Hierdurch sind die Leute blutarm geworden, und mancher hat außer seinem geringen Häuslein nur kümmerlich sein Leben erhalten; deshalb sind sie auch häufig in andere Länder gezogen.

1629 schickte ein Jesuit, Pater Strizerius, einen Dominikanermönch nach Tangermünde, der vom Rat das ehemalige Kloster (Allerheiligen) in der Neustadt begehrte, doch auf den Rat des kurfürstlichen Statthalters abgewiesen ward.

46. Ereignisse in Gardelegen. Nach Götze, Geschichte der Stadt Stendal, S. 433.

Gardelegen wurde nicht von den Dänen besetzt, denn dort rückte bereits am 2. Februar 1626 eine Kompanie Brandenburger unter dem Kapitän (Hauptmann) Martin von Schwedt ein, die mit Hilfe der Bürger und Bauern die Wälle ausbesserte, die darauf angepflanzten Obstbäume entfernte und alle Zäune, Hopfenstangen und andere Deckungsmittel vor dem Graben in einer Entfernung von 300 Schritt vom Graben entfernte. So blieben den Gardelegern die schlimmen Erfahrungen erspart, die die anderen Städte mit den dänischen Truppen machten.

47. Ein Bericht aus dem Dorfe Uchtenhagen. Aus den kirchlichen Akten; L. Storbeck, Geschichte des Dorfes Uchtenhagen.

Im Jahre 1626 forderte die Pest in Uchtenhagen viele Opfer; 25 Personen starben, über ¼ aller Einwohner. Der Schulzenhof starb ganz aus. Der Pfarrer Theodor Nieke verlor vier Söhne, vier Töchter, seinen Kuhhirten und die Magd; nur ein Sohn blieb ihm erhalten.

In jener Pestzeit begrub ein Knabe der Familie Meinecke, die einen Freihof in Uchtenhagen besaß, mit seiner Mutter die Pestleichen des Hofes in der Stille neben dem Gehöft, weil niemand mehr helfen konnte. Bald darauf nahmen feindliche Reiter den Jungen mit; er galt als verschollen. Nach langen Jahren kehrte er als stattlicher Mann auf den Hof zurück, aber niemand glaubte ihm, daß er der Erbe sei. Da erinnerte er seine Mutter daran, wie sie in jener furchtbaren Pestzeit zusammen ihre verstorbenen Angehörigen begraben hätten. Jetzt erst erkannte ihn die Mutter und übergab ihm den Hof, den die Familie bis in die jüngste Zeit besaß.

48. General Graf von Pappenheim in Gardelegen (1627 bis 1630). Steinhart, Ueber die Altmark, II, S. 266.

Im Dreißigjährigen Kriege trieb der kaiserliche General Graf von Pappenheim in Gardelegen sein Wesen. Er fiel der Stadt ungemein beschwerlich, nicht allein mit der Erpressung aller Bedürfnisse für sich und seine Leute, sondern auch mit solchen Dingen, die in der Welt zu nichts nutzen, als nur seinen eigensinnigen Geschmack zu befriedigen und die unglücklichen Bürger noch mehr zu quälen. So ließ er das Steinpflaster in der Magdeburger Straße aufreißen und sie in eine Reitbahn verwandeln, um Turniere und andere altritterliche Waffenübungen vorzunehmen. Er und seine Gemahlin, die besonders an den Ritterspielen Gefallen fand, bewohnten zwei Eckhäuser, die durch eine Galerie über der Straße vereinigt wurden. Unter anderen Versuchen ließ er auch lederne Kanonen verfertigen und einen Wagen, an dem die Räder 100 Ellen im Umfange hatten. Damit wollte er Magdeburg erobern.

49. Tillys Soldaten in Seehausen (1626 bis 1631). Bericht des Magisters Joachim Ungnade.

In jenen Jahren haben die Welschen (d. h. italienischen Soldaten in Tillys Heer) auf der Steinschade vier Ratspersonen im harten Winter eingesperrt. Zuerst haben sie sie durch Durst zwingen wollen, haben von außen den Ofen überheizt und ihnen nichts zu trinken gegeben, dann aber durch große Kälte, indem sie Fenster und Türen geöffnet, um von ihnen und von der Stadt Geld zu erpressen. Aber die vier Männer blieben standhaft. Da hat die rohe Soldateska, weil sie kein Geld fand, die Ratsstube aufgebrochen, alle Bücher, Urkunden und Dokumente der Stadt hinaus auf den Kirchhof geworfen und mit Füßen getreten.