Die Jahre 1636 bis 1638.
56. Andreas Ritner, Altmärkisches Geschichtsbuch.
Der schwedische General Baner verteilte seine Regimenter; insbesondere ward der Obrist Gujn nach Tangermünde verwiesen. Als aber der General erfahren hatte, daß die Kursachsen sich aufs neue mit etlichen Regimentern verstärkt hatten, brach er auf und nahm einige Tage sein Hauptquartier in Tangermünde. Alles ward aufgezehrt, auch das, was die Einwohner sich von andern Orten her wieder angeschafft hatten. Baner zog weiter auf Werben und schlug dort ein Lager auf. Sieben Regimenter zu Pferde legte er nach Stendal und Tangermünde. Da ging es wunderlich zu, der Wirt war Gast und der Gast war Wirt.
Endlich geschah es, daß am Tage des heiligen Medardus (8. Juni), des Morgens um 4 Uhr die kaiserlichen und sächsischen Truppen unter General Hatzfeld mit 18 Regimentern zu Pferde einen Ueberfall auf Tangermünde unternahmen; ihre Truppen kamen fast zugleich mit der schwedischen Wache in die Stadt und verbreiteten dort einen solchen Schrecken, daß die Schweden schleunigst flüchteten; 300 bis 400 von ihnen wurden niedergeschossen. Die Kaiserlichen und Sachsen drangen in die Häuser, plünderten und raubten, was sie antrafen. Da ward weder die Kirche, noch das Rathaus, viel weniger ein Bürgerhaus verschont, auch keins, in dem Alte und Kranke lagen. Kisten und Kasten wurden zerschlagen, das noch übrige Vieh und die fahrende Habe mit Gewalt weggenommen, die armen Leute um Geldes willen getreten, gemartert, verwundet, auch ihnen die Kleider vom Leibe gezogen. 13 Personen kamen ums Leben.
Die Toten hat man in den Särgen besucht, wie auch geschehen ist zu Arneburg auf dem verfallenen Schlosse; dort wurde das Grab Markgraf Friedrichs des Jüngeren, Kurfürst Friedrichs I. Sohns, worin dessen Körper seit 1463 ruhte, geöffnet und ganz unverantwortlich behandelt. Dergleichen ist auch an einem bekannten Orte in der Altmark geschehen (in Walsleben), wo die Marketender etliche zinnerne Särge in Klumpen geschmolzen und so mit hinweggeführt haben.
Aus der Kirche in Tangermünde haben sie den Vorrat (das Hab und Gut) vieler armen Kinder, auch, was viele Vornehme vom Adel eingeliefert, vom Rathause aber die Steuer- und andere Gelder weggenommen. Und es hätte wahrlich nicht viel gefehlt, daß die ganze Stadt Tangermünde öde und wüst geworden wäre, wie es den Städten Seehausen und Osterburg leider ergangen, deren Bürger alles haben müssen stehen lassen und sich kümmerlich fliehend meist nach Salzwedel und über die Elbe haben retten müssen, wo ihrer viele an der Pest gestorben sind.
Nach ihrem Siege bei Wittstock (25. September 1636) nahmen die Schweden die Werbener Schanze wieder ein, gingen über die Elbe durch die Altmark auf Gardelegen und nahmen dort etliche Tage ihr Hauptquartier zum größten Schaden der Stadt. In ständigen Durchmärschen aber ward die ganze Altmark unsicher und fast ganz ausgezehrt. Ich kann nicht die große Trübsal beschreiben, die den armen Landmann betroffen hat; denn obwohl die Städte durch Einquartierung und Plünderungen hart bedrückt wurden und zum Teil leer waren, hat doch der arme Landmann weder in den Städten, viel weniger aber in den Dörfern bleiben können; er hat kaum sein Leben erhalten können. Was er in den Wässern, Morästen oder auf dem Felde in der Erde tief versteckt gehabt, ist durch Teufelskünste öfters hervorgesucht; hat er in die Städte etwas mitgenommen, so ist es ihm abgenommen worden. Hat er sich in dichtes Gebüsch verkrochen, ist er durch Hunde herausgehetzt und erbärmlich mißhandelt worden. Viele haben Haus und Hof in Rauch aufgehen sehen müssen.
Darauf schickte Gott eine grausame Pest in die Altmark, daran viele tausend Menschen gestorben sind, wie ich denn glaubwürdig erfahren habe, daß in Stendal an Flüchtlingen, Adligen, Bürgern, Bauern und gemeinem Volk 5000 Menschen sollen umgekommen sein.
Dazu kam eine erschrecklich teure Zeit, wie sie seit Jahrhunderten nicht gewesen war. Denn weil auf dem Lande bei den Einquartierungen und Durchzügen der Truppen alles verzehrt und verdorben ist, haben sich keine Lebensmittel mehr vorgefunden. Deshalb haben sich die armen Leute mit Kleie, Eichelbrot und mit wilden Wurzeln kümmerlich erhalten. Hätte die Stadt Hamburg nicht geholfen, so hätte der Ueberrest der Menschen Hungers sterben müssen.
1637 war gleichfalls eine teure Zeit, weil seit 1635 an den meisten Orten nichts gesät worden war; die Leute mußten das Korn auf Schiebkarren und auf dem Rücken von Salzwedel holen und bezahlen.
1638 nahmen die Kaiserlichen und Sachsen ihren Weg über Seehausen und Osterburg auf Stendal und Tangermünde; in Stendal war das Hauptquartier, und in Tangermünde lag die ganze Artillerie. Kein Mensch wurde verschont, alle Häuser wurden nach Korn durchsucht. In den Häusern ging es übel her, die Schlüssel zu Boden und Keller wurden abgefordert, das Vieh den Leuten mit Gewalt genommen und vor ihren Augen geschlachtet, der Hausrat verdorben oder mit aufgeladen. Viele Bürger mußten aus ihren Häusern entlaufen. Eine schreckliche Hungersnot entstand; denn obgleich manch Soldat einen Taler für ein Brot und die Einwohner für einen Scheffel Roggen drei, vier oder mehr Taler erlegen wollten, war doch nichts zu bekommen. Viele Menschen, besonders die Soldaten mit ihren Weibern, fraßen Hunde, Katzen, Pferde, Schweine, denn sie auch etliche Tage in Mistpfützen gelegen hatten, Kohlstangen und Wurzeln. Das Gedärme von dem stinkenden Aas ward gekocht und öffentlich feilgeboten. Viele Bauern wurden mit Gewalt als Wegweiser mitgenommen, die entweder verschmachtet, oder, wie man glaubwürdig berichtet, geschlachtet und gegessen, zu den Ihrigen nicht wieder zurückkommen sind. Man hat erfahren, daß ein Mensch den andern gegessen, wie denn in Stendal ein Soldat ertappt ist, der sein eigen Kind geschlachtet, Lunge und Leber herausgenommen und gefressen hat, aber doch wegen großer Mattigkeit bald umgefallen und schnell gestorben ist.
Auf den Gassen, auf dem Felde, auf den Wegen lagen viele Tote, ebenso auf den Misthaufen und in den Kellern; die Hunde suchten sie hervor und fraßen sie.
Die Soldaten gingen mit den Leuten, deren sie im Felde oder im Dorfe habhaft wurden, schrecklich um, gaben ihnen „schwedische Tränke“ ein, legten sie eine Zeitlang an Feuer, steckten sie in Backöfen, hängten sie an den Füßen auf usw. Deswegen widersetzten sich zuerst die Bauern am freien Drömling und ergriffen ihre Waffen; die Bauern um Salzwedel, im Kalbischen Werder, an der Biese, zuletzt alle schlossen sich ihnen an mit Erlaubnis der Obrigkeit, wählten sich Offiziere und töteten alle Plünderer und einzelnen Soldaten. Vor 10 bis 20 Bauern flüchteten oft 60 bis 100 Reiter. Darum mußte General Gallas mit seinem Heere aus der Altmark abziehen. Er baute bei Tangermünde eine Schiffbrücke und ging am 1. Januar 1639 über die Elbe.
57. Der Inspektor (d. h. Superintendent) und Pastor Laurentius Schulze (Prätorius) über die Vorgänge in Tangermünde (1636 bis 1638). Küster, Tangermündsche Denkwürdigkeiten (1729), III, 82 f.
Bei dem Einbruch der Kaiserlichen, als über 40 Bürger jämmerlich verwundet wurden, darunter auch der Bürgermeister, trat ich barfuß in Hosen und Joppe hervor, bat den kaiserlichen Generale auf öffentlicher Straße um eine Schutzwache und erhielt sie auch. Darauf nahmen etliche 100 Mann, Herren und Knechte, Mann und Weib, jung und alt ihre Zuflucht bei mir, aber ich konnte mich mit der Schutzwache kaum gegen den Einbruch der Reiter (in mein Haus) wehren.
Herr General Gallas wollte bei der grausamen Hungersnot die Kirche wieder durchsuchen lassen nach Proviant und Mehl. Da versicherte ich, es sei weder Korn noch Mehl in der Kirche, aber sie fanden es doch und drohten mir, mich mit ihren Spießen zu töten. Eben damals stand der Herr Kriegskommissar Christoph von Bismarck in der Sakristei hinter mir, der etliche Gefäße und Laden (Truhen mit Wertsachen) darin stehen hatte, und gab mir zitternd einen Wink, ich solle sagen, was in den Gefäßen sei; gehöre mir, die Herren Offiziere möchten doch um Gottes Willen den Ort und den armen Prediger schonen. Ich überredete sie und führte sie zur Kirche hinaus.
Um Weihnachten, als ich auf die Kanzel gehen wollte, mußte ich die Offiziere, die durchaus sofort über die Elbe gesetzt sein wollten (aber alle Fahrzeuge waren beiseite geschafft) fußfällig bitten, mit der Bürgerschaft Geduld zu haben, bis sich Schiffe und Kähne wieder anfänden; erst dann konnte der Gottesdienst beginnen. Die plündernden Kaiserlichen wollten während der Predigt das Pfarrhaus stürmen und das, was darin vielleicht niedergestellt war, rauben. Da erscholl ein Geschrei in der Kirche, ich aber schrie die Offiziere an, die in dem Ratsgestühl saßen: „Ihr Herren Offiziere, seid Ihr christliche Soldaten? Hinaus, steuert der Gewalt und dem Mutwillen!“ Darauf zogen die redlichen Herren sofort die Degen, polterten zur Kirche hinaus, eilten zum Pfarrhause und vertrieben die Plünderer; ich aber blieb auf der Kanzel, bis sie alle wieder hineinkamen.
Die Katholischen wollten mich umbringen. Ein kaiserlicher Fähnrich Schalk mit seinen Genossen rief mich nach einer Donnerstagspredigt hinter den Altar, und sie bedrohten mich mit Hellebarden und Büchsen, es werde mir das Leben kosten, wenn ich nicht aufhörte, gegen die katholische Kirche zu predigen. Darauf zeigte mich Schalk beim Grafen von Pappenheim an.
Unter Lebensgefahr hatte ich für etwa 500 bis 600 Taler Schmucksachen, die mir von Adligen anvertraut waren, versteckt; ich ließ die Meinigen nun schlagen und mir lieber all mein Eigentum nehmen, als daß ich das anvertraute Gut hergab.
In den Pestzeiten 1626 und 1636 ging ich zu allen Erkrankten, die es begehrten, unerschrocken ins Haus und an ihr Bett, um sie zu trösten und ihnen das Abendmahl zu reichen; mancher ist mir dabei gestorben.
58. Aus Seehausen, 1636. Nach Daume, Bilder aus Seehausens Vergangenheit, 1. Heft.
Die Felder konnten nicht bestellt werden; die wenigen noch vorhandenen Pferde wurden von den schwedischen Truppen nach der Schlacht von Wittstock mitgenommen. General Baner ließ am Weihnachtsheiligabend einige Ratsherren zu sich nach Quitzöbel ins Hauptquartier kommen und befahl ihnen, drei Häuser in Seehausen abzubrechen, in die Schanze bei Werben zu liefern und dort wiederaufzubauen. Auch sollten die Bürger 20 Wispel Mehl innerhalb von 8 Tagen ins Lager senden. Da man das nicht hatte, kaufte man sich durch 750 Pfund Brot, 24 Tonnen Bier und 7 Wispel Mehl los. Als Seehausen dann eine Summe von 300 Talern aufbringen sollte, war das unmöglich, worauf die Soldaten 14 Tage lang die Stadt plünderten und die Bürger quälten.
59. Aus dem Tagebuche Christophs von Bismarck auf Briest.
Wie von den Sachsen (vor der Schlacht bei Wittstock) gehaust worden ist, das wird die Nachwelt nicht leicht vergessen. Mein Korn, über 30 Wispel, wurde mir in einer Woche genommen. Die unter General Hatzfeld gegen Tangermünde ziehenden 18 Regimenter, Kaiserliche und Sachsen, eroberten am 8. Juni 1636 die Stadt und plünderten sie völlig aus. Von Schönhausen flüchteten alle Einwohner. Danach erschienen von den Schweden und von den Kaiserlichen häufig Streifen, und das Land wurde so unsicher, daß keiner aus den Städten herauskommen durfte. Besonders am 28. und am 29. Juli wurde allenthalben auf dem Lande geraubt und das Vieh weggetrieben. Der Acker wurde nicht bestellt, man erntete das Wenige, was auf dem Felde bei den vom Futtern der Pferde zerstreuten und von diesen eingetretenen Körnern aufging, und diese Ernte wurde auf dem Schiebkarren oder auf dem Rücken eingebracht. Wie jämmerlich es auf dem Lande und in den Dörfern aussah, ist nicht zu beschreiben. Dazu kam die Pest, die die vor dem Kriege stark bewohnte Gegend noch mehr entvölkerte, außerdem Mäuseplage und Raupenfraß. General Gallas ließ das neue Schloß in Krevese, das der unmündige Pantaleon von Bismarck mit großer Mühe und vielen Kosten kurz vorher erst wieder erneuert und unter Dach gebracht hatte, verwüsten und einäschern. Das Schloß zu Briest benutzte der Obrist Münster zur Einquartierung seines Regiments; es wurde völlig zerstört. Die Hungersnot unter den Soldaten ist an dem unerhörten Vorfall zu erkennen, daß ein Soldat nach dem Tode seines Weibes seinem Kinde, das, wie er behauptete, auch tot war, mit einem spitzen Nagel den Bauch aufgerissen, Herz, Lunge und Leber herausgerissen und roh gegessen hat, wie er es denen eingestand, die seinen blutigen Mund sahen. Man hörte nicht auf, Aas zu fressen. Die kaiserlichen, die sächsischen und auch die brandenburgischen Truppen sind damals völlig zuchtlos geworden, denn viele Soldaten liefen davon, und die völlig Ermatteten starben vor Hunger. Die Unsicherheit nahm so zu, daß sich kein Bürger oder Bauer auf der Straße sehen lassen durfte.
60. Menschenfresserei. Bekmann, Beschreibung der Chur und Marck Brandenburg (1751), I, S. 264.
Elias Arend, ein Ackersmann aus Bellingen (geboren 1604, gestorben 1710, alt beinahe 106 Jahre). Im Dreißigjährigen Kriege haben die Soldaten ihn bei den Füßen aufgehangen, und er hat sich drei Stunden quälen müssen. Er wußte auch zu erzählen, daß die Soldaten einen fetten, starken Bauer aus Bellingen, namens Ebel Reppin, bei der steinernen Brücke (bei Bölsdorf, südlich von Tangermünde) geschlachtet und aus großer Hungersnot aufgefressen haben.
61. Aus der Leichenpredigt auf Pantaleon von Bismarck auf Krevese, † 1647.
Er hat die große Verwüstung des Hauses (d. h. Schlosses) Krevese ansehen müssen. Vorher haben seine Vorfahren ein gutes, ruhiges Leben ihrem Stande gemäß führen können an diesem Orte. Er aber hat sehen müssen, wie sein Vater kurz vor seinem Tode beraubt, nackt ausgezogen, gejagt und geplagt wurde, wie 1638 sein wohlerbautes Haus von den Kriegshaufen in Brand gesteckt und zum Steinhaufen verwandelt ist, und wie auf dem Schlosse und im Dorfe lange Zeit kein einziger Mensch zu finden war, daß nicht so viel übrig blieb, um einen Hund zu sättigen.
62. Flucht des Pfarrers Zarnack aus Storbeck. Chronik des dortigen Pfarrers Kortt (1861).
Als das Dorf von den Einwohnern verlassen war, begab sich der Pfarrer des Ortes, Zarnack, mit seiner Frau und einem kleinen Kinde fort und ging mit ihnen nach dem Mehriner Busch. Als er für das Kind etwas Milch holen wollte und sich aus dem Busch entfernte, kamen Feinde. Sie banden ihn an einen Baum. Später fand ihn seine Frau und band ihn los. Darauf begaben sie sich mit dem Kinde nach Mehrin, das die Feinde eben verlassen hatten, und fanden dort auch Milch für das Kind.
63. Aus dem Kirchenbuche von Schmersau.
1628 trat Balthasar Winter aus Hessen das Pfarramt in Schmersau an. Fünfzehnmal wurde er von den Kaiserlichen ausgeplündert und behielt nichts. Die Pfarrkinder liefen wegen der großen Unsicherheit alle weg bis auf einen, der mit seiner Frau die einzigen Besucher des Gottesdienstes waren. „Wie ihm aber in der Predigt etwas anzüglich gedeucht, ist er nebst seiner Frau aus der Predigt weggelaufen und hat (ihn) in der Predigt allein gelassen, und der hat Jürgen Schreiber geheißen. Sonst hat er (Winter) im Kriege ganz ausgehalten und oft Lebensgefahr ausgestanden.“ —
Dazu erzählt der märkische Geschichtschreiber Bekmann, Balthasar Winter sei einstmals zu Gladigau von Kroaten ergriffen, nach dem am Rossauer Wege gelegenen Goldberg geschleppt und, da er sein Leben mit den geforderten 500 Talern nicht lösen konnte, an einen Eichbaum gebunden worden; so sollte er von drei dazu erwählten Soldaten erschossen werden. Da kam glücklicherweise eine Abteilung Schweden dazu, jagte die Kroaten in die Flucht und rettete den Pfarrer.
64. Die Zerstörung des Schlosses zu Tangermünde 1640. Andreas Ritner, Altmärkisches Geschichtsbuch.
(Brandenburgische Truppen besetzten 1640 Schloß Tangermünde.) Der Kommandant auf dem Schlosse, der eine Belagerung befürchten mußte, machte alles zur Gegenwehr fertig, ließ einige Häuser auf der Schloßfreiheit abbrechen, befestigte das Schloß, so gut es in der Eile ging, und holte allerlei Proviant aus der Stadt. Inzwischen zogen an 3000 Schweden zu Roß und zu Fuß von Wolmirstedt heran, belagerten das Schloß, untergruben es und beschossen es mit großen Stücken (d. h. mit Kanonen) einige Tage lang. Da die Brandenburger auf keinen Entsatz hoffen konnten, ergaben sie sich (Mitte Dezember) auf Gnade und Ungnade. Die Offiziere wurden von den Schweden sofort freigelassen. Hierauf legten diese an mehreren Stellen Feuer an, das schnell um sich griff und alles einäscherte bis auf die Kapelle und die Schreiberei.
Während dieser Belagerung wurde Tangermünde aufs fürchterlichste heimgesucht; in manchem Hause quartierte sich eine halbe Kompanie ein. Die Soldaten plagten die Wirte sehr heftig. Viele Häuser wurden ganz abgebrochen, um Brennholz zu gewinnen, viele sehr verwüstet, innen alles zerschlagen, die Pferde in Stuben untergebracht.
65. Die Kaiserlichen in Tangermünde 1642. Andreas Ritner, Altmärkisches Geschichtsbuch.
Drei Generalstäbe lagen in Tangermünde und fast die ganze Infanterie in den Vorstädten, im Hühnerdorf allein 8 Regimenter. Der Gottesdienst war behindert, denn auf der Kanzel und am Altar ließen sich Jesuiten und Meßpriester hören, und täglich wurden Messen gehalten am Altar. Viele Häuser wurden verwüstet, das Vieh der Bürger geschlachtet, viele tausend Obstbäume vor den Toren gefällt und 5 Windmühlen zerstört. In der Klosterkirche und anderen Gebäuden wurden das Holz und die Balken herausgerissen und zum Brückenbau verwendet.
66. Aus der Leichenpredigt auf Maria von Jagow, geborenen von Alvensleben, gehalten vom Superintendenten der Altmark, Magister Johann Stralius, am 21. Januar 1643 bei ihrer Beisetzung im Stendaler Dom.
Sie hat Gottes Wort gern gehört, ihren Gemahl herzlich geliebt, der Haushaltung (auf Burg Uchtenhagen) treu vorgestanden, Kranken und Armen geholfen und sehr viel Leid gehabt. Sie hat mit ihrem Gemahl, mit ihren Kindern und dem Gesinde wegen des Krieges oft fliehen müssen, und was sie in der Eile nicht hat mitnehmen können, alles zum Raube zurücklassen und sich selbst an fremde Orte begeben und sich dort aufhalten müssen. Dabei hat sie nicht wenig Angst und Schrecken ausgestanden und auch ihre Gesundheit eingebüßt. Deswegen ist sie zuletzt stets krank gewesen, bis endlich die Zeit ihres Abschieds nahte.
(Gott hat sie vor noch Schlimmerem bewahrt), das ihren geliebten Gemahl nicht lange nach ihrem Tode betroffen: Er wurde von Soldaten, als er mit zwei damals noch lebenden Kindern auf der Flucht war, überfallen, ganz ausgezogen und beraubt; die elenden Kinder haben vom Schrecken und von der Kälte soviel abbekommen, daß sie nicht lange nachher auch starben.
67. Aus dem Dorfe Polkern. Nach Wollesen, Beiträge zur Geschichte des Kreises Osterburg.
Das Dorf Polkern bei Osterburg war ganz ausgestorben. Ein gewisser Thielhorn ließ sich nach dem Kriege auf dem Hofe, den seine Familie lange nachher noch besaß, nieder. Ein paar alte Pferdekrippen waren das einzige Gerät, das er im ganzen Dorfe auf einem verlassenen Hofe noch fand. Eine Frau konnte er in der Umgebung nicht finden; er holte sie sich aus Hamburg. Erst allmählich kam ein Bauer nach dem andern, bis die Höfe wieder besetzt wurden.
68. Aus dem Dorfe Hindenburg. Schreiben des Pastors Joachim Arends zu H. an den Landeshauptmann der Altmark vom 27. Januar 1644.
Das Pfarrhaus und die Kirche sind ganz verdorben, und viel muß angewandt werden. Die Fenster sind aus der Kirche alle ausgeschlagen, das Meßgewand ist geraubt, der Beichtstuhl zerstört, das Dorf verwüstet. Auch haben wir im vergangenen Jahre viermal schwere Einquartierung ausgestanden, daß wir das Dorf von draußen haben anschauen müssen. Nicht allein mir, sondern auch meinen Pfarrkindern ist das Ihrige genommen und (das Korn) ausgedroschen.
69. Die Lage in der Wische. Nach Steinhart, Ueber die Altmark, II, 88, 51.
Durch die vielen Hin- und Herzüge der Heere, durch die gewaltsame Wegnahme aller Lebensmittel wurde die Wische fast ganz verwüstet; die meisten Eigentümer verließen ihre Höfe, gingen mit in den Krieg oder siedelten sich in ruhigeren Gegenden an. Mangel und Elend rieben sie meist auf, und als der Friede erfolgte, kannte man kaum noch die Plätze der zertrümmerten Höfe. Daß die Stadt Werben nicht ganz zugrunde ging, ist ein Wunder.
In den letzten Kriegsjahren und gleich nach dem Kriege, wo die Wische fast ganz der Einwohner beraubt war, pachteten Lübecker und Hamburger Viehhändler ganze Feldmarken, die unbebaut waren, und benutzten sie als Fettweiden. Damals kamen Viehhändler aus dem alten Lande (westlich und südlich von Hamburg) mit ihren Ochsen hierher; viele von ihnen ließen sich hier häuslich nieder.
70. Salzwedel im Dreißigjährigen Kriege. Vgl. Steinhart, Ueber die Altmark, 2. Teil, S. 170.
Salzwedel hatte das Glück, nicht nur niemals geplündert zu werden, sondern es genoß auch noch so manche Vorteile, die eine Stadt davon hat, wenn sie von den kriegführenden Parteien als guter Waffenplatz betrachtet wird, den man schonen muß. Die Bürger aus anderen Städten, die Wohlhabenden vom Lande nahmen daher mit ihren letzten Kostbarkeiten ihre Zuflucht nach Salzwedel. Viele von ihnen starben, von Elend und Gram niedergebeugt, und ließen ihre Kleinodien in den Händen ihrer gastfreien Wirte zurück. Andere gaben sie für Brot und Getreide hin, das viele Meilen weit auf Schiebkarren abgeholt wurde. Salzwedel war damals das Magazin der Altmark, und wenn es gleich anderen Städten die beweinenswerten Drangsale eines solchen Verwüstungskrieges erfahren hätte, so würden die Wunden nicht sobald geheilt worden sein, die er überall geschlagen hatte.
71. Aberglaube. Aus dem Werbener Kirchenbuche.
Kein Finsternis ist je geschehn Noch ein Komet am Himmel gesehn, Darauf nicht sollt erfolget sein Viel Trübsal, Schmerz und Pein.
1654, am 2. August, es war der Bußtag, ward die Sonnenfinsternis gesehen.
72. Einwanderung. Andreas Ritner, Altmärkisches Geschichtsbuch.
Im Jahre 1649 sind in der Altmark etliche Ost- und Westfriesen und Nordholländer angekommen, die die wüsten Höfe in den Dörfern haben anbauen wollen, weswegen Seine Kurfürstliche Durchlaucht ihnen aus den Aemtern sehr geholfen hat. Bei einigen von ihnen fand sich ein unordentliches Leben, indem sie ihre Kinder, obgleich sie 3, 6, 8, 14, ein Bauernknecht sogar das 30. Jahr erreicht hatte, nicht hatten taufen lassen.
73. Rechtspflege. Aus dem Kirchenbuche von Rengerslage.
1666, den 2. September, es war der 12. Sonntag nach Trinitatis, hat Joachim Giffei, ein Ackerknecht, der bei Bartholomäus Baucke (in Rengerslage) gedient hat, Jürgen Hoiern, des Junkern (d. h. des Edelmanns von Rengerslage zu Rengerslage) Knecht, auf des Krügers Hofe zu Rengerslage mit einem Zaunpfahl erschlagen aus geringfügiger Ursache, da sie beide bezecht gewesen. Der Täter, Joachim Giffei, ist darnach am 13. September nach Urteil und Recht vor dem Kruge (zu Rengerslage) auf der Straße mit dem Schwerte hingerichtet worden.
74. Bericht über die Dienste der Bauern im Dorfe Meseberg an die Herren von Redern auf Gut Wolterslage, 1660. Nach einer alten Nachricht im Meseberger Pfarrarchiv.
Die Ackerleute und Untertanen, die dem Hause und Gut Wolterslage unterworfen sind, müssen Pflugdienste und andere Dienste leisten, auch alles Korn in die Scheune fahren, ferner soviel Korn, wie verkauft werden kann, an die Orte, wo es verkauft wird. Ebenso müssen sie alle Beifuhren über Land leisten, auch Bau- und Brennholz holen. Ferner haben die Altersleute sämtlich Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Erbsen und Gras zu mähen. Auch müssen sie den Mist abfahren und dazu einen Lader schaffen. Sind Weiden zu hauen, so müssen die Altersleute insgesamt die Ruten auf den Gutshof fahren oder wo man sie nötig gebraucht. Die Meseberger Altersleute müssen alle den Zehnten, der aus dem Meseberger Felde gezogen wird, auf das Gut Wolterslage fahren, ebenso das Heu, von der Papenwiese in die Scheune. Es müssen auch die Ackersleute insgesamt die Schafe waschen, die Wolle abschneiden und Flachs schwingen helfen.
Die Kossaten müssen alle Briefe, die das Haus und Gut Wolterslage wegzuschicken hat, wegtragen, ferner Weiden abhauen und Mist auf dem Gutshofe abladen helfen. Auch müssen sie Flachs wenden, aufziehen, reppen und in die Räte bringen helfen, ebenso den Flachs braken, schwingen und die Hede spinnen. Ferner sind sie verpflichtet, die Kohlgärten und Hopfengärten umzugraben und die Wässerung (d. h. die Gräben) zu säubern.
Der Krüger zu Meseberg gibt von seinem Kruge 1 Pfund Pfeffer, 6 Scheffel Gerste und ein Rauchhuhn (d. h. rauhes Huhn, ein Huhn mit Federn), dient wie alle Kossaten, läuft mit Briefen. Ferner muß der Wirt zu Osterburg, der Bier in den Krug liefert, alle Jahr dem Gute Wolterslage 100 Pfund Stockfische geben.
75. Die altmärkischen Bauern im Kampfe mit den Schweden. Flugblatt vom 5. Juni 1675.
In der Altmark ist das ganze Land auf und in Waffen, die Bauern sind in Kompanien geteilt und haben Fahnen verfertigen lassen: Die Stange ist schwarz gestrichen, die Fahne selbst ist von guter, fester, weißer Leinewand, in der Mitte ist ein roter Adler, in dessen Klauen das Zepter, um den Adler ein grüner Kranz, oben auf der Fahne F. W. und unten steht dieser Reim gemalt:
Wir sind Bauern von geringem Gut Und dienen unserm gnädigsten Kurfürsten und Herrn mit unserm Blut.
Den 1. Juni zu Mittag zogen 3 Fähnlein Bauern durch Gardelegen. Der Stadtausschuß wurde in Pflicht genommen und mit gutem Gewehr versehen. Alles zieht sich nach der Elbe, und es wird daselbst eine Schanze gemacht.
Anmerkung. Von solchen Fahnen sind noch zwei erhalten, eine in der Kirche zu Klein-Engersen und eine in der Kirche zu Dannenfeld.
Bald nach glücklicher Beendigung des Krieges besichtigte der große Kurfürst diesen altmärkischen Landsturm in Gardelegen.
76. Pestzeit. Aus dem Werbener Kirchenbuch.
1682, den 1. September. Ilse, Hein Sparren Töchterlein, getauft. Die Mutter lag an der Pest und starb in der Nacht nach der Geburt. Da ward das Kind öffentlich auf dem Kirchhofe vom Vater selbst zur Taufe gehalten. Die Gevatteren standen von ferne, weil sich die Leute sehr scheuten. Der Herr Diakonus taufte das Kind, ohne es mit den Händen zu berühren, auf des Vaters Händen; doch ward sein Haus durch Einbildung seiner Tochter beim Abnehmen des Mantels angesteckt nicht ohne Gottes Verhängnis.
1682, am 4. September. Anna, Hans Kratzens auf Keibels Hof nachgeborene Tochter, getauft. Das Kind wurde außerhalb der Stadt von mir, dem Pastor, getauft, weil die Leute wegen der Pest nicht herein (in die Stadt), auch mich nicht zu sich auf den Hof lassen wollten. Deshalb ward es vor dem Hofe unter freiem Himmel getauft.
Anmerkung. Die Pest war von Magdeburg nach Werben eingeschleppt; sie brach hier zuerst in einem Bürgerhause am Markt aus und raffte 305 Menschen dahin.
77. Wassersnot. Aus der Chronik des Pfarrers Christian Heinrich Runde († 1798) zu Berge bei Werben.
1670, den 11. März, Freitags vor Lätare, früh um 2 Uhr ist die Elbe bei der hiesigen (Berger) Brackmühle durchgebrochen, so daß das Wasser abends zu Seehausen angekommen, wodurch alle dortigen Stadtländereien bis an das Lossische Hausland überschwemmt worden sind. Man erzählt, daß ein Schiff, um abzukürzen und geschwinder nach dem Seehauser Camps zu kommen und dann auf dem Aland wieder in die Elbe zu gelangen, die Verwegenheit besaß, durch die Bruchstelle des Deiches zu segeln, aber auf der Anhöhe im Behrensdorfer Felde festsaß.
Das Jahr 1771 läßt in der Geschichte dieses Landes ein trauriges Andenken zurück. Auf einen ziemlich kalten Winter folgte im Frühjahr der gefährlichste Eisgang der Elbe, wodurch die Deiche großen Schaden litten. Am Sonnabend vor Palmarum war hier die Gefahr am größten, da das Eis höher als der Deich lag und das Wasser an vielen Stellen mit dem Deich gleich stand. Nachdem der Havelberger Deich durchgebrochen und das Wasser durch die Havel wieder in die Elbe gelaufen war, so daß das vordere Eis sich hat heben können, ging die Stopfung zwar fort, und wir bekamen etwas Lust, aber das Eis setzte sich in der Gegend von Seehausen wieder und stand bis Werben. Darauf folgte Frost, so daß die Stopfung unbeweglich fest stand. Das Elbwasser lief indessen die Havel hinauf und richtete mit dem Eise in der Niederlage der Holzkompanie (d. h. der Vereinigung der Holzhändler in Havelberg) großen Schaden an. Die schon gelegten Bodens (d. h. Böden der Flöße) wurden zerrissen, viele Baumstämme zerbrochen, schweres Holz ging zugrunde, und alles wurde meilenweit umhergetrieben. Doch das war nicht das größte Unglück. Am Mittwoch nach Palmarum erfolgten in der Gegend von Neukirchen, Schönberg, Herzfelde drei große Deichbrüche. Die ganze Umgegend von Seehausen wurde unter Wasser gesetzt, unzähliges Vieh mußte ertrinken, doch sollen nur drei Menschen umgekommen sein. Frost und Hunger vermehrten das Unglück. Auch in Berge entstanden verschiedene Ueberschwemmungen, und die ganze Wische schien verloren zu sein. Im Sommer und in der Erntezeit folgte ein ununterbrochenes Regenwetter, wodurch unser Unglück vollkommen wurde. Die Ernte verdarb so sehr, daß die wenigsten ihre Aussaat wiederbekamen. Bei Seehausen erfolgten neue Ueberschwemmungen. Manche Deiche versagten ganz. Ich räumte zweimal das unterste Stockwerk meines Hauses aus, weil man einen neuen Durchbruch befürchten mußte. Die ganze Gegend mußte täglich an den Deichen bauen und ausbessern, welche Last bis Neujahr 1772 fortdauerte, ohne daß die Deiche fertig wurden. Weil man kein Futter geerntet hatte und das Vieh beständig auf nasse Weide gegangen war, krepierten alle Schafe, es starben die Ochsen, die Pferde verhungerten, und der einzige Segen dieses Jahres bestand in einer guten Eichelmast, wobei die Schweine, die nasse Witterung noch am besten vertragen können, sehr fett wurden.