1813/14.
98. Aus den Aufzeichnungen des Pfarrers Johann Friedrich Kegel zu Berge.
Im November 1812 ward die ganze große französische Armee in Rußland vernichtet, so daß nur einzelne kleine Reste über die Oder zurückkamen. Dadurch wurde der König von Preußen bewogen, dem bisherigen Bündnis mit Frankreich zu entsagen, seine Truppen von den Resten des französischen Heeres zurückzuziehen und im Anfange des Jahres 1813 selbst gegen die Franzosen zu marschieren. Deshalb ward die Elbe auf Kaiser Napoleons Befehl mit neu aufgestellten, aus Spanien zurückberufenen Truppen und mit Kohorten (d. h. Abteilungen, die eigentlich nur zur Verteidigung Frankreichs bestimmt waren) stark besetzt. Berge hat vom 1. bis 20. März zusammen, die Offiziere zu den Gemeinen gerechnet, 1647 Mann beherbergen und unterhalten müssen, wobei die Einquartierung oft so stark war, daß auf einem Ackerhof 74 und bei einzelnen Kossaten 16 Mann lagen. Da die vornehmsten Offiziere sich ohne weitere Umstände auf der Pfarre einquartierten, so hat der Prediger in dieser kurzen Zeit, die Offiziere zu den Gemeinen gerechnet, 312 Mann im Quartier gehabt und täglich mittags mit 4 und abends mit 3 Gerichten bewirten müssen. Wein konnte nicht gegeben werden, da nirgends welcher zu haben war, und die Herren mußten sich mit gutem Schnaps begnügen.
In der Nacht vom 24. zum 25. März war eine kleine Abteilung von Kosaken beim Sandauer Fährkruge über die Elbe gegangen und hatte eine dort stehende Abteilung der Pariser Husaren teils aufgehoben, teils verjagt. In derselben Nacht war bei Werben das Beckendorfsche und Dörenbergsche Korps, aus Russen und Preußen bestehend, über die Elbe gegangen, setzte sich bei Werben fest und schickte seine Vorposten bis Bertkow. Die Franzosen hatten sich bei Grieben ins Land gezogen. Am 25. März 12 Uhr erschienen die ersten Truppen jenes Korps der Verbündeten, Donsche Kosaken; ihnen folgten häufig andere. Am 26. des Nachmittags kamen hier ein Regiment russische Dragoner und ein Regiment Kosaken durch, die beim Fährkruge über die Elbe gegangen waren und nach Werben ritten. Diesen mußte der Prediger, da auch die verbündeten Truppen die Pfarre den übrigen Wohnungen vorzogen, außer der Bewirtung der Offiziere, bei ihrem Durchmarsche 20 Flaschen Branntwein und eine Tonne Bier, Brot usw. reichen. Da die Russen noch ihre Fasten hatten, so forderten sie kein Fleisch, sondern waren mit Fisch, Sauerkohl, Zwiebeln, Backobst, besonders Pflaumen, und Bier zufrieden.
Am 27. März drängten die von Grieben gekommenen Franzosen die Vorposten der Verbündeten zurück. Das Gefecht zog sich die Griesenslager Straße herunter auf Werben zu, das die Verbündeten, die sich auf der Straße nach Seehausen zurückzogen, verlassen hatten. Die französischen Seitenpatrouillen kamen durch Berge und betrugen sich noch gut. Die Franzosen machten bei Werben Halt, wo sie teils einquartiert wurden, teils biwakierten und sich viele Gewalttaten erlaubt haben sollen.
Am 28. des Morgens früh ging das französische Korps wieder zurück und kam durch Berge, wo manche Gewalttätigkeit verübt wurde.
Am 29. kehrte dies Korps wieder um und kam am Abend, als es schon ganz finster war, durch Berge. Der Prediger, der seine Kinder schon früher entfernt hatte, mußte, nachdem er mit seiner Frau mehrere Mißhandlungen ausgestanden hatte, sich mit ihr 3 Stunden hinter den Zäunen verbergen. Als er darauf in seine Wohnung zurückkehrte, fand er 10 Offiziere, die sich dort mit ihren Bedienten einquartiert hatten und jetzt, nachdem die durchmarschierenden Soldaten alles, was eßbar gewesen, mit sich genommen hatten, zu essen verlangten. Da weiter nichts zu haben war, mußten sie sich mit abgepellten Kartoffeln begnügen. In der Scheune des adligen Gutes waren 630 Mann einquartiert.
Das ganze Bataillon marschierte am 30. nach Werben. Am 2. April rückten wieder 2 Kompanien Franzosen ein. Alle 6 Offiziere blieben ohne Umstände in der Pfarre, eine Kompanie in der Pfarrscheune und die zweite in der Scheune des ehemaligen Schulzen Glade. Diese 2 Kompanien machten durch ihre Forderungen der Gemeinde die größte Last und die Offiziere dem Prediger den meisten Aerger von aller Einquartierung. Am 7. April marschierten beide Kompanien, nachdem sie noch auf 3 Tage Lebensmittel requiriert hatten, nach Tangermünde ab.
Bis zum Waffenstillstande vom 5. Juni, nach dem die Elbe als Trennungslinie zwischen Franzosen und Verbündeten festgesetzt war, blieb Berge von Einquartierung frei. Am 18. Juni kamen zuerst wieder Franzosen und dann bis zum 17. Juli noch mehr.
Am 2. August trafen 7 Pioniere mit einem Offizier vom Geniekorps (d. h. Ingeniörabteilung) ein, die sogleich aus der hiesigen Kirche eine Festung zu machen begannen. Am selben Tage kamen auch mittags mehrere Arbeiter und Wagen an. Die Kirche ward mit zwei Reihen Palisaden, die aus den Tannen vor dem Dorfe genommen wurden, umgeben, innen alles, die Kanzel ausgenommen (die zum Gefängnis gebraucht wurde), ausgeräumt, die Türen ganz und die Fenster zur Hälfte zugemauert und mit Schießscharten versehen und der Kirchhof ganz eingeebnet, auch ein Teil der Kirchhofszäune weggerissen. Ein Magazin wurde zur Verpflegung der Truppen angelegt. Die Soldaten, die zur Besatzung der Festung dienen sollten, und die Pioniere, die alle ihr Quartier in der Kirche nahmen, führten darin ein schandbares Leben.
Am 13. August war die Festung vollendet, und die Pioniere rückten ab. Am 15. war der Waffenstillstand zu Ende, und die Besatzung verließ am 14. abends die Festung. Seitdem hat man in der hiesigen Gegend keinen Franzosen wieder gesehen.
Von den Kriegsbegebenheiten hat die hiesige Gegend nichts erfahren. Nur während des Waffenstillstandes, ehe französische Truppen in Berge eintrafen, kamen kleine Kommandos, Kosaken und Preußen, diese von den sogenannten Schwarzen (d. h. von den Lützower Jägern), in diese Gegend. Sie machten starke Requisitionen an Militärbedürfnissen, besonders Pferden, wo zu Berge 11 Pferde stellen mußte. Auch wurde schon die junge Mannschaft ausgehoben.
Am 2. September erschien eine Kompanie Schützen aus dem Sandauer Landsturm unter Anführung ihres Hauptmanns Bötscher und zerstörte die hiesige Festung.
Am 23. November ward in der Kirche, nachdem zuvor eine preußische Organisationskommission in Stendal angekommen war, der Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig gefeiert, und bei dieser Gelegenheit wurden 3 Taler 15 Groschen für verwundete Krieger gesammelt.
1814. Am 7. Januar wurde der Landsturm des hiesigen Bezirks (dazu gehörten Berge, Räbel, Wendemark, Behrendorf, Giesenslage, Busch, Kannenberg, Germerslage, Käklitz, Schwarzholz und Altenzaun), 530 Mann, vereidigt; zugleich leistete der Landsturm dem Könige von Preußen den Eid der Treue. Bezirkskommandör war Amtmann Piper zu Schwarzholz, Führer der 2. Kavallerieschwadron Amtmann Achilles zu Büttnershof und Herr von Grävenitz zu Wendemark, Hauptleute der 4. Infanteriekompanie der Hofmeister Teetzmann zu Osterholz, Ackermann Zachert zu Germerslage, der Schulze Prigge zu Giesenslage, Ackermann Falk zu Wendemark, Hauptmann der Schützenkompanie Ackermann Kalbau zu Berge. War der ganze Landsturm versammelt, so wurde in Berge vor dem Dorfe am Sackschen Hofe exerziert.