Zur Heraldik des mittelalterlichen Adels in unserer Heimat
Von E. Wollesen
Die Wappenkunst, hervorgegangen aus dem Bestreben, zunächst eine einzelne Person, später ein ganzes Geschlecht äußerlich andern gegenüber durch ein gemeinsames Wezeichen kenntlich zu machen, das man als Sinnbild desselben überhaupt zu gelten pflegte, hat natürlich von Anfang an im innigsten Beziehung gestanden zur Tracht der Zeit, der sie speziell angehörte. War sie ja doch unmittelbar aus verschiedenen Gebrauchsgegenständen der Kriegsleibung hervorgegangen, nämlich zuerst aus dem schützenden Schild, zu dem sich bald der Helm gesellte, der durch seine Tragweise auf dem Kopfe des Kriegers weithin sichtbar, sich besonders zur Anbringung eines Wezeichens eignete. Es ist selbstverständlich, daß beide Stücke, Schild und Helm, durchaus der Mode ihrer Zeit unterlagen, und so folgt uns die historische Periode der Wappenkunst für uns nürnbergisch, in der beide Stücke noch Gegenstände wirklichen Gebrauchs gewesen sind, also die des gotischen Stils, die das 14. und 15. Jahrhundert umfaßt. Dieser frühgotische Stil (c. 1300--1400) nimmt als Helm den plumpen Topfhelm und als Schild den Dreieckschild. Letzterer ist anfänglich ziemlich groß und wie es nach Miniaturen der Heidelberger Minneliederhandschrift (auch Manessische Handschrift genannt) scheint, nach oben gewölbt, wird aber im Laufe der Zeit immer flacher und kleiner. --- Die anfangs noch fehlenden Helmdecken kosten sich nach und nach als z. Hauptstück dem Wappen an, sie sind vermutlich zum Schutz gegen die auf den eisernen Helm brennenden Sonnenstrahlen entstanden und stellen anfangs lediglich einen einfachen Überzug dar, doch werden sie später länger, an den Rändern oft gelappt („gezaddelt"). Während sie ursprünglich meistens rot sind, erhalten sie später die Farbe des Wappens. Die fortschreitende Kunstfertigkeit --- es war ja die Glanzzeit der höfischen Kunst --- entwickelte im 15. Jahrhundert die Wappenkunst, wie alle anderen Künste, zu ihrer höchsten Blüte. Der plumpe Topfhelm verschwindet und macht eleganten, geschweiften Helmlformen Platz, die Helmdecken vergrößern sich in lang ausgezogene, gelappte oder gezaddelte Ränder, die Schilde erhalten eine unten gerundete Form. Nur in England, wo sich die Umbildung der militärischen Tracht bis in die neueste Zeit langsamer zu vollziehen pflegte, war der Dreieckschild bis Ende des 15. Jahrhunderts im Gebrauch. Das ritterliche Spiel des Turniers verlor immer mehr seinen Zweck, eine Vorübung für den Krieg zu sein, und erhielt seine eigenen Formen und Gebräuche, insbesondere auch seine eigenen Waffen. Namentlich die Helme zu den verschiedenen Arten des Turniers, dem Rennen, Stechen, Kolbenturnier sowie dem Fußturnier, bekamen Formen, die mit denen des Kriegshelms dieser Zeit wenig oder nicht mehr gemein hatten und sie allein wurden in der Heraldik verwendet.