Christoph von Dannenberg.
Durchmustern wir die Reihe der altmärkischen Adelsgeschlechter, so finden wir viele, aus welchen preußische Generäle hervorgegangen sind; es sei hingewiesen auf die von Itzenplitz, von Bismarck, v. Lüderitz, v. Borstell, v. Alvensleben, v. Lindstedt, v. Jeetze, v. d. Schulenburg, v. Krusemark, v. Rintorff, Woldeck v. Arneburg. Zu diesen Familien gehört auch die von Kannenberg, aus der ein heute leider fast schon vergessener tapferer Feldherr hervorgegangen ist, Christoph von Kannenberg, kurbrandenburgischer Generalleutnant, Chef eines Regiments zu Pferde und zu Fuß, Geheimer Kriegsrat und Kammerherr, Gouverneur der Festung und Erbmarschall des Fürstentums Minden, Erbherr auf Busch, Kannenberg, Iden und Himmelreich. Noch haben wir in der Altmark manche Erinnerungen an ihn: Seine Leichenrede befindet sich ebenso wie eine Lebensbeschreibung und ein Kupferstich von ihm bei den Krumker Akten; ein Oelgemälde im Schlosse zeigt ihn in schwedischer Kürassieruniform. In dem Stendaler altmärkischen Museum ist eine getreue Nachbildung eines Bildes Christophs von K., das sich unter den zahlreichen Bildnissen berühmter Zeitgenossen aus dem 18. Jahrhundert in der Bücherei der Franckeschen Stiftungen zu Halle befindet. Voraussichtlich wird auch das Osterburger Heimatmuseum bald im Besitz dieses berühmten, aus dem Osterburger Kreise hervorgegangenen Helden sein. Auf diesem Stiche sehen wir über dem Bildnis des Generals eine Inschrift, die in lateinischer Sprache alle die oben genannten Würden und Titel des Dargestellten aufzählt, unter dem Bildnis aber nach den Angaben der Geburts- und Sterbedaten einen lateinischen Vers, in welchem gesagt wird, daß das Bild ihn so darstellt, wie er in Wirklichkeit ausgesehen, daß sein Name auch nach seinem Tode leben, daß seine Seele in der himmlischen Welt nun nach allen Mühen den ewigen Frieden genießen wird. Das Bild stammt von L. Vischer, der Vers von Phil. Polmann. — In der Krumker Kirche ist 1663 ein Abendmahlskelch nebst Kanne und Oblatenschale (Patene) durch Herrn von Kannenberg gestiftet worden. Nach alle dem verdient es Christoph von Kannenberg wohl, daß wir uns hier in einem besonderen Abschnitt mit ihm beschäftigen. In unserer Darstellung folgen wir in der Hauptsache dem trefflichen Aufsatz, den der um die Erforschung altmärkischer Geschichte hochverdiente ehemalige Magdeburger Geh. Archivrat von Mülverstedt in dem 21. Jahresbericht des Altmärkischen Geschichtsvereins, S. 33 bis 56, veröffentlicht hat.
Christoph von Kannenberg war unstreitig einer der vorzüglichsten Reitergeneräle Friedrich Wilhelms, des Großen Kurfürsten. Wenn es ihm auch nicht beschieden war, in den Schlachten bei Fehrbellin und Splitter zu dem Ruhme der brandenburgischen Armee beizutragen, so hatte er doch Gelegenheit, mit seinen Kürassieren und Dragonern in der dreitägigen Schlacht bei Warschau 1656 und bei anderen kriegerischen Aktionen den Sieg der brandenburgischen Krieger erringen zu helfen. Die hohen Ehrenstellen, die der altmärkische Held im brandenburgischen Kriegsdienste erstieg, beweisen deutlich seine militärischen Tugenden. Vor allem darf es als eine seltene Anerkennung und Würdigung der Tüchtigkeit des Helden bezeichnet werden, daß der Große Kurfürst in eigener Person und in Begleitung des Kurprinzen seinem tapferen Feldherrn das letzte Geleit gab.
Christoph v. K. war der am 10. Januar 1615 geborene Sohn des Rittmeisters Christoph v. K. auf Busch und Kannenberg und der Elisabeth von Barsewisch, die aus einem benachbart wohnenden Geschlechte, dem die Güter Scharpenlohe, Falkenberg, Vielbaum, Esack u. a. gehörten, stammte. Nachdem er, kaum ein Jahr alt, seine Mutter durch den Tod verloren, wurde seine Erziehung von seiner Pflegemutter, der verwitweten Frau von Marenholtz, geleitet. Schon als Knabe erlebte er die Nöte und Schrecken des furchtbaren Krieges, der seit 1626 auch seine altmärkische Heimat aufs schwerste heimsuchte. Auch er begrüßte den Schwedenkönig Gustav Adolf, der im Juli 1631 in dem nahen Werben sein befestigtes Lager aufgeschlagen, begeistert als den Erretter seines armen Vaterlandes und stellte sich, obwohl erst 16½ Jahre alt, unter seine Fahnen, wie es so viele andere junge tapfere altmärkische Standesgenossen taten. Er nahm im Regiment des schwedischen Generalmajors Kurviel Dienste, „weil sein jovialisch und sinnreicher Kopf mit martialischer Generosität vereinbaret, das stille Leben für feurigen Mut verschmähet“. In diesem Regiment diente er drei volle Jahre als gemeiner Reiter. Während dieser Zeit geriet er infolge eines Schusses durch das linke Bein in kaiserliche Gefangenschaft und wurde 16 Wochen lang im Stockhause zu Regensburg „erbärmlich gehalten“. Nach erfolgter Auswechslung kam er zum Kürassier-Regiment des Obersten von Goldstein als Korporal, avancierte schon ein Jahr darauf zum Quartiermeister und abermals nach Jahresfrist zum Cornet (1635) in Anerkennung seiner bei allen Gelegenheiten bewiesenen außerordentlichen Tapferkeit, die er namentlich bei Torgau bewiesen, wo er nochmals durchs Bein geschossen wurde. Bereits im Jahr darauf wurde er zum Leutnant befördert und zwei Jahre später avancierte er zum Rittmeister bei demselben Regiment, das damals den Obersten Wilhelm von Heycking zum Chef hatte und zu der Armee des Feldmarschalls Leonhard Torstenson gehörte. In dieser Charge diente er mit großer Auszeichnung drei Jahre lang und wurde hierauf zum Oberstwachtmeister beim Regiment des Obersten von Barsewisch ernannt. Vermutlich hatte er danach getrachtet, in dessen Regiment zu kommen, da der Oberst sein naher Verwandter, nämlich ein Sohn des Bruders seiner Mutter war. Der Oberst fiel am 13. März 1643 beim Sturm auf Halberstadt und fand in der dortigen Domkirche seine letzte Ruhestätte; sein Regiment erhielt der Oberst von Hundolshausen. Christoph v. K. wurde infolge seiner Herzhaftigkeit und Verwegenheit bald nach dem Tode des Obersten von Barsewisch bei demselben Regiment zum Oberstleutnant bestellt; er war damals erst 28 oder 29 Jahre alt. Sein stets tapferes Verhalten vor dem Feinde bewirkte, daß er nach einigen Jahren Oberst und Chef eines eigenen Reiterregiments der weimarischen Truppen wurde, die unter dem Generalkommando des Feldmarschalls Graf Königsmark, eines Anverwandten Christophs, standen.
Bis dahin hatte Christoph von K. den Schlachten bei Leipzig, Wittstock, Janko und Töpel sowie vielen andern blutigen Treffen beigewohnt in Böhmen, Bayern, Thüringen, Ober- und Niedersachsen; er hatte auch an den Eroberungen vieler Städte, fester Plätze und Schlösser teilgenommen. Seine untergebenen Soldaten liebte er wie ein Vater seine Kinder und stets ging er ihnen mit dem Vorbild kühnster Tapferkeit voran. Bei der Eroberung der „kleinen Seite“ und des Schlosses von Prag saß er mit einigen Reitern ab, begann den Wall zu ersteigen, übermannte die Torwache und sprengte das Tor, so daß die nachrückenden Truppen ungehindert einziehen konnten. Danach berannte und besetzte er das altstädtische Tor, um nicht vom Feinde überfallen zu werden, und eroberte dann das Schloß selbst mit größter Lebensgefahr, wobei er große Beute machte. Als Zeichen seiner kriegerischen Aktion habe er, so wird berichtet, allein 5 Paar Pauken erobert. Als nach erfolgtem Friedensschlusse von 1648 viele schwedische Regimenter abgedankt wurden, erhielt Christoph von K. von der Königin Christina am 7. Mai 1649 ein Wartegeld von 1000 Taler und vom Generalissimus der schwedischen Armee, dem Pfalzgrafen Karl Gustav, dem nachherigen schwedischen Könige, unter dem 19. September 1650 seine Dienstentlassung unter rühmlichster Anerkennung seiner der Krone Schweden geleisteten zwanzigjährigen Kriegsdienste. Bei der Trennung waren seine Reiter der von ihm genossenen Liebe, Fürsorge und Pflege sowie seiner tapferen Führung so eingedenk, daß sie ihm alle ihre Standarten freiwillig verehrten mit dem Erbieten, bei vorkommenden Gelegenheiten wieder unter ihm zu dienen und „mit ihm in den Tod zu gehen“.
Die weite Verbreitung des Kriegsruhms wurde die Veranlassung, die Aufmerksamkeit des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm auf ihn zu lenken, zumal dieser sein Lehn- und Erbherr war. Nachdem der Kurfürst sich seiner Bereitwilligkeit, in vaterländische Kriegsdienste zu treten, versichert hatte, ernannte er ihn unter dem 13. August 1651 zum Generalmajor und übertrug ihm ein Kommando in dem damals ausgebrochenen Jülichschen Successionskriege. Selbstverständlich ist es, daß er zugleich zum Chef eines Regiments ernannt wurde.
Christoph von K. stand damals im 37. Lebensjahr und schloß am 13. Januar 1652 ein Ehebündnis mit Maria, der Tochter des Günzel von Bartensleben und der Agnes Maria von Berlepsch. Maria von Bartensleben war am 13. Mai 1631 geboren. Ihr Vater war erbgesessen auf Wolfsburg und Brome.
Im polnischen, 1654 beginnenden Kriege, namentlich in der Schlacht bei Warschau, bot sich dem Christoph von K. eine neue Gelegenheit, sich auszuzeichnen; in dieser Schlacht trug er eine unheilbare Wunde davon. Kurz vorher hatte ihn der Kurfürst zum Gouverneur der Stadt und Festung Minden ernannt; diese Stadt blieb auch fortan die Garnison seines Kürassierregiments. Schon am 11. Juni 1657 ernannte ihn der Kurfürst zum Generalleutnant und übertrug ihm unter dem 17. Juni desselben Jahres die Generalinspektion über alle in Westfalen stehenden Truppen für den Fall der Abwesenheit des General-Feldzeugmeisters Freiherrn von Scharr.
Unter dem 10. Februar 1666 wurde er zum Geheimen Kriegsrat ernannt und am 7. März desselben Jahres wurde ihm das Erbmarschallamt des Fürstentums Minden übertragen, das bei seinen Nachkommen bis zum Aussterben seines Geschlechts verblieb und dann an den Schwiegersohn des Letzten seines Stammes, dem Generalmajor von Kahlden, überging. Inzwischen hatte er an seiner im polnischen Kriege erhaltenen Verwundung schwer zu leiden. Als er im Jahre 1672 mit einem Teile der brandenburgischen Armee nach dem Rhein rückte, nahmen seine Leiden zu. Nachdem er nach seiner Rückkehr noch schwere Leiden hatte ausstehen müssen, verschied er am 10. Februar 1673 in einem Alter von 58 Jahren 21 Tagen und im 43. Jahre seiner Kriegsdienste.
In der Liste der brandenburgischen Armee vom August 1656 findet sich nur das 10 Kompanien starke Kannenbergische Kürassierregiment aufgeführt. Nach derselben Quelle war er aber auch noch Chef einer 1656 errichteten Kompanie Dragoner. Vom Jahre 1669 stammt eine Rangliste des Infanterieregiments von Kannenberg, das damals 4 Kompanien stark zu Minden in Garnison lag. In der Rangliste finden wir die Namen der folgenden altmärkischen Edelleute: Kapitän Erdmann Christoph von Dalchau, Sergeant Michael von Roennebeck und Georg Friedrich von Itzenplitz, gefr. Korporal Adrian Gottfried von Borstell, Fähnrich Johann Dietrich von Rossow, gefr. Korporal Hans Balthasar von Kloeden und Korporal Franz Bernhard von Borstell. Von 1667 bis 1670 finden wir auch in dem nicht weit von Kannenberg entfernten Städtchen Werben eine Abteilung Kannenbergscher Reiter, die aus dem Leutnant Voß, dem Kornet von Kleist und etwa zehn Gemeinen bestand.
Am 17. März 1673, also am 30. Tage nach dem Tode, fand in Minden die Trauerfeier für den General statt. Hinsichtlich des überaus großartigen Verlaufs der Feier weisen wir auf den am Anfang genannten Aufsatz in dem 21. Jahresbericht des Altmärkischen Geschichtsvereins hin. In dem Trauerzuge schritten die Herrschaften in ganz bestimmter Reihenfolge einher, allen voran „Seine Kurfürstliche Durchlauchtigkeit von Brandenburg und Ihre Durchlaucht die Herzogin von Lothringen, Seine Durchlaucht der Kurprinz von Brandenburg und Seine Durchlaucht der Fürst von Anhalt, kurf. brandenburg. Feldmarschall, Ihre Durchlaucht der Herzog von Holstein, Gouverneur von Magdeburg, und Ihre Fürstl. Gnaden der kaiserliche Feldmarschall Duc de Bourneville“ u. a. Der Zug bewegte sich von dem Hofplatze nach der Kirche, wo dann die eigentliche Trauerfeier stattfand. Die dabei von Georg Hilmar Ising, Pastor prim. zu S. Martin in Minden, gehaltene Leichenpredigt ist den Kindern des Generals gewidmet; sie vergleicht in der damals üblichen übertriebenen Art seinen Mut mit dem eines seiner Jungen beraubten Löwen und weist kühnlich auf die Helden des griechischen und römischen Altertums, selbst auf Xerxes, hin.
Maria geb. von Bartensleben, die Gemahlin des Generals, folgte ihrem Gatten nur wenige Wochen später, am 8. April 1673, im Tode nach. Ihre Beisetzung in der Marienkirche zu Minden erfolgte am 9. Mai 1673. Leichenpredigt und Beschreibung der Leichenprozession sind gleichfalls der Nachwelt überliefert. Die sterblichen Ueberreste des Generals wurden nicht in Minden beigesetzt, sondern, wie ausdrücklich auf der im Pfarrarchiv befindlichen gedruckten Leichenpredigt bemerkt ist, im Erbbegräbnis zu Krumke. Der Pfarrer in Losse schrieb: „Der General soll im offenen Sarge liegen, wo er mit Stiefeln und Sporen von manchem jetzt noch Lebenden gesehen ist.“ Erst im September 1881 wurde der Eingang in das Gewölbe des Erbbegräbnisses von der Kirche her zugemauert.
Wir haben oben schon bemerkt, daß das Geschlecht durch Christoph von K. seinen größten Wohlstand erreichte. Er verwandte die großen, teils aus seinen Einnahmen dem Regimentschef fließenden, teils aus seinen zahlreichen glücklichen kriegerischen Unternehmungen kommenden Einnahmen zu sehr zahlreichen Gütererwerbungen, die teils erblich, teils pfandweise oder wiederkäuflich waren. Schon im Oktober 1649, als er noch schwedischer Oberst in Königslutter war, kaufte er das bei Osterburg belegene herrliche Gut Krumke von Christoph von Bülow. Von den Erwerbungen in Räbel und Berge war schon oben die Rede, von den Erwerbungen in Giesenslage, Iden u. a. O. in unserer Gegend wird weiter unten gehandelt werden. Wenn wir bedenken, wie verwüstet und verarmt die Wische infolge des furchtbaren dreißigjährigen Krieges war, so können wir die Erwerbungen des Generals als ein wahres Glück für diese Gegend bezeichnen. Aber auch über die Wische hinaus kaufte der General Pächte, Zinsen und Hebungen, so z. B. zu Besewede, Klein-Schwechten, Möllenbeck, Buchholz, Schwarzenholz, Polkau, Arneburg und Büste. In dem 18. Jahresbericht, S. 91, erfahren wir über seinen Krumker Besitz Näheres. Zu dem vom Vater ererbten Besitz Busch und Kannenberg erwarb er das bei Minden gelegene Lehngut „Haus Himmelreich“, in der Sayn-Wittgensteinschen Grafschaft Hohenstein das Gut Ascherode, in der Grafschaft Mansfeld das Unteramt Eisleben, letztere beide als Miterbe des unverheiratet verstorbenen Tobias von Saltza auf Ascherode und Bleicherode, welcher die Nachkommen seiner Schwester Dorothea von Saltza, der Gattin Balthasars von Barsewisch und Großmutter unseres Generals Christoph von Kannenberg, zu Erben eingesetzt hatte. Somit hatte der General einen stattlichen Besitz, sei es ererbt oder erworben, den er auf seine Nachkommen vererbte.