7. Die großen Deichbrüche in den Jahren 1771 und 1855.
Ueber diesen größten Durchbruch der Elbe im Jahre 1771 finden wir in Steinhart a. a. O. eine eingehende Schilderung. Aber anstatt dieser Schilderung wollen wir die eines Mannes wiedergeben, der selber an Ort und Stelle den Durchbruch miterlebt hat, des Neukirchener Pfarrers Birkholz, wobei wir dem Verfasser der Chronik im Geiste dankbar die Hand dafür drücken wollen, daß er uns diesen Bericht aufbewahrt hat:
27. März: Das war in diesem Jahr der Tag des grünen Donnerstag. Das Unglück wollte es, daß an drei Orten, an einem allhier zwischen Bismarks und Quasebarths Hof und zu Schönberg an 7 Stellen die Elbe ausbrach. Wegen vier Eisdämmen lief das Wasser fußhoch über den Deich. Dadurch wurden nicht nur alle Höfe, Ställe, Scheunen, Häuser überschwemmt, das Wasser trat auch fußhoch in die Kirche. 149 Stück Rindvieh, ohne Pferde, Schafe, Schweine ersoffen allein im hiesigen Orte am Sonntag Quasimodogeniti. Am 7. April hielt ich meine erste Predigt über das gewöhnliche Evangelium und folgenden Sonntag über Jerem. 36, 5–7, welche Worte mir der Herr auf eine sonderbare Weise am Karfreitag in die Hände gab. Gott bewahre diesen Ort ins Künftige vor allem Unglück und Schaden und erwecke die Einwohner, daß sie nicht durch Sünde in Zukunft Gottes Zorn und Grimm über sich ziehen mögen, wie dieses Mal geschah.
Da nun das Wasser sehr sparsam fiel, und man nicht wußte, wo man wegen der in den Brüchen tief eingerissenen Brachen die Elbdeiche wiederherstellen sollte, so wurden erst die Fangdeiche, welche am Ufer der Elbe gemacht wurden, in der Woche vor Pfingsten völlig fertig. Von dieser Zeit an war jeder Tag und Nacht beschäftigt, die Sommersaat zu bestellen. Allein am 3. Juni, so sonst alles wieder bestellt war, riß das Wasser, welches in der Elbe von den in Sachsen gefallenen Wolkenbrüchen sehr anwuchs, bei einem entstandenen Donnerwetter wieder zu Schönberg durch, obgleich über 500 Mann 3 Tage lang Tag und Nacht an dem Fangwerk gearbeitet hatten. Hierdurch wurde die ganze Gegend in aller Geschwindigkeit wieder unter Wasser gesetzt. Ein jeder mußte sein Vieh nach den anderen Dörfern auf die Weide bringen und andern den Nutzen von seinem Vieh überlassen. Nun ward es erst recht kläglich, denn da das Wasser im Sommer sehr stockend ist, so verzehrte es gar bald alles Getreide, Wiesenwuchs, Gärten. Früchte und Bäume vertrockneten, außer den Weiden, Eichbäumen, wenigen Rüstern und Birnbäumen starb alles. Und obgleich auf den Hügeln hin und wieder noch etwas Weniges blieb, so wurde doch fast alles von der großen Nässe, da es fast täglich bis um Michaelis regnete, verdorben. Daher denn auch Acker und Wiesen der benachbarten Dörfer, da sie keinen Abfluß hatten, sehr litten. Ueberhaupt hörte man dieses Jahr allerorten von arg schrecklichen Wolkenbrüchen, welche besonders in Sachsen und in der Gegend von Burg große Verwüstungen angerichtet haben. Von der vielen Nässe ist allerorten vieles Vieh umgekommen und in Böhmen, Sachsen, Brandenburg und fast ganz Deutschland große Teuerung wegen des Mißwachses entstanden. Der Roggen galt 2 Tlr. 17 gr. bis 3 Tlr. 17 gr., Erbsen und Wicken 2 Tlr. 12 gr. und darüber, die Gerste 1 Tlr. 18 gr. bis 2 Tlr. 6 gr., der Hafer 1 Tlr. 17 gr. Da allerorten wenig Verdienst, wenig Verkehr und wenig Arbeit war, so war dieses schon ein Anfang der Hungersnot. Doch wendete der Herr solches noch in Gnaden ab, dadurch, daß er mit dem Wasser eine fast unglaubliche Menge Fische gab und überall einen ganz außerordentlich großen Segen von Obst und Eicheln zur Sättigung der Hungrigen, zur Fettmachung der Schweine und zur Fütterung für Puter, Hühner und Enten darreichte. Allein die Pferde, Kühe und Schafe litten ganz außerordentlich wegen der großen Nässe und Wassergüsse, welche den ganzen Sommer bis Michaelis unaufhörlich fortdauerten. Daher wurden sie nicht nur faul im Leibe und eine große Menge allerorten krepierte, sondern auch das Futter kaum für Geld zu bekommen war. Es kostete das Schock Bund Stroh 7–8 Tlr. und so nach Proportion Heu, obgleich sowohl Heu als Stroh zu Teil muddig und gar nicht hülfreich wegen der vielen Nässe war. Daher dann eine Kuh, welche im Herbst für ungefähr 5–6 Tlr. aus Mangel an Futter hatte verkauft werden müssen, im Frühjahr 70 Tlr. und darüber kostete. Da bis in die Mitte des August die Ueberschwemmung dauerte, so konnte erst im September der Anfang zum Deichbau gemacht werden, wo selbst dann auch die ganze Altmark daran arbeitete wegen der Größe des Deiches und der späten Jahreszeit. Doch waren die Prediger selbst hier in der Wische davon ausgeschlossen wegen einer Deichverordnung, welche sich in der Registratur des Altmärkischen Obergerichts befindet. Den unterdrückten Untertanen spendete der König 40 000 Tlr. und die unterdrückten Prediger bekamen keine andere Hilfe, als daß ihnen eine Kollekte bei ihren Amtsbrüdern in der Kurmark zugebilligt wurde, welche zu einem Teil nach Abzug der Unkosten ungefähr 30 Tlr. eingebracht.“ Dieser Bericht des Pfarrers Birkholz ist am 3. Dez. 1771 verfaßt.
Und noch einen Bericht über einen Deichbruch möchten wir einer Neukirchener Aufzeichnung nach Schl. Chron. entnehmen und hier wiedergeben. Es handelt sich um Deichbrüche im Jahre 1855. Da heißt es: „Am 9. März morgens um 8 Uhr meldete ein Arbeiter dem Kantor, es stürme in Wendemark, es müsse Feuer sein. Da sich aber ein gewaltiges Schneegestöber erhoben hatte, konnte man vom Turm nichts gewahren. Um 9 Uhr verbreitete sich durch einen von H. Herms abgeschickten Schäfer die Nachricht, bei Werben laufe das Wasser über den Deich. Die Nachricht wurde sobald durch ausgeschickte Reiter bestätigt, welche bei Neu-Goldbeck schon einen breiten Riß im Deich gefunden hatten. Nun entstand eine große Unruhe. Die Kinder wurden aus der Schule entlassen, der Konfirmandenunterricht wurde abgesagt. Ueberall fing man an, das Vieh auf die Höhe zu bringen. Jeder schaffte Lebensmittel, Heu und Brennholz auf die Böden. Man heizte in Eile die Backöfen. — Am Abend hieß es, man könne bei Räbel den Deich nicht mehr halten, zu den Werbener Mühlen sei alles unter Wasser. Am 10. März wunderte sich jeder, daß die Aue noch nicht gewachsen sei. Die Deichwachen meldeten, das Wasser falle. Man hörte von Deichbrüchen zwischen Wolmirstedt und Stendal. Am 11. März, Sonntag, wurde zwar dreimal geläutet; es fanden sich aber nur außer Kantor und Pastor noch drei Kinder und drei Erwachsene ein, darunter die Pfarrfrau und deren Magd. Statt der Predigt wurde Psalm 91 verlesen, dann gebetet. — Noch immer hörte das Schneetreiben nicht auf. Man erwartete Wasserwuchs. Das dicke Eis der Elbe rührte sich noch nicht. Eine Woche lang schwebten wir in großer Gefahr. Am Donnerstag kam schlimme Nachricht, daß das Wasser, welches bei Neu-Werben in die Havelgegend geströmt war, wieder wüchse. Da, als die Deiche schon wieder überflutet waren, hörte man in der Nacht Sturmläuten. Bei Quitzöbel waren die Deiche durchbrochen und das Wasser fiel, indes es nach Lüben usw. zuströmte. Die Eisstopfung hielt noch immer an.
Am Sonntag, den 18. März, waren zwar mehr Leute in der Kirche, aber es herrschte eine gewisse Unruhe. Nur bei dem nach der Predigt gehaltenen Bittgebet war Andacht zu merken. — Es erhob sich ein gewaltiger Südwest mit Regen. Nachts 10 Uhr schwoll das Wasser und lief über den Neu-Werbener Deich. Es brauste immer hohler und auf einmal geriet das Eis in Bewegung. Ungeheure Blöcke, 12 Fuß hoch, stiegen auf den Deich, so daß die Deichwachen zwischen Wasser und Eisbergen eingeschlossen waren. Aber gegen 12 Uhr fiel das Wasser. Zwischen und neben der Wittenberger Brücke war das Wasser in Zug gekommen. So ist durch Gottes Gnade für dieses Mal die Gefahr glücklich vorübergegangen. Gottes barmherzige Hand zeigte sich erstens, als es galt, bei Werben und Neu-Goldbeck die entstandenen Risse zu stopfen, fror es sehr stark, so daß die Deiche die Last der vielen Wagen (einmal waren 80 zur Stelle), welche Material zuführten, tragen konnten; zweitens, als der schreckliche Eisgang vom 18. März anhub, hatten wir Südwestwind. Bei Nord- oder Nordwestwind wären die Eisschollen viel heftiger auf unsern Deich geschleudert worden und hätten den schon an vielen Stellen ausgehöhlten und qualligen Deich vollends zerstört."
Die letzte große Gefahr infolge Deichbruches kam im Jahre 1909 über die altmärkische Elbwische. Bei Berge brach am 14. Februar der Deich. Neukirchen blieb damals vom Wasser verschont. Ich habe in einer besonderen Schrift „Die Elbüberschwemmung in der altmärkischen Wische im Jahre 1909“ näher darüber berichtet.