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94 Der Johanniter-Orden im östlichen Nieder-Deutschland. nennt, ist vom Oktober desselben Jahres, und Gebhard war Johanniter-Komendator von Goslar. Ein Grund, dass Gebhard schon längere Zeit vorher Herrenmeister geworden, zufällig nun aber erst als solcher bezeichnet wurde, liegt nicht vor, weil die letzte Urkunde mit Gebhard als Vice-Meister vom Jahre 1322 also fünf Jahre älter ist, während von jetzt an Gebhard alljährlich urkundlich als Herrenmeister erscheint. Wir werden deshalb nicht irren, wenn wir Gebhards Erhebung mit den Massnahmen des Grafen Berthold zur Ordnung der märkischen Verhältnisse und zur Gewinnung von Hülfsmitteln für König Ludwig in Beziehung bringen. Es galt, die reichen Besitzungen des Johanniter-Ordens in der Mark und Wendland in einer Hand zusammenzufassen und sie dadurch für den Markgrafen und den König leichter nutzbar zu machen. Nicht auf wirthschaftlichen, sondern auf politischen Gründen beruhte für ihn die Errichtung des Herrenmeisterthums. Sie war ihm ein Ergebniss der verworrenen Zustände in der Mark und des Kampfes zwischen Papst und Königthum. Der Johanniter-Orden, dessen Haltung wir als vermittelnd erkannten, trat für den Nordosten in seinem ersten Herrenmeister auf die bayerische Seite und wurde dem entsprechend auch von König Ludwig mit dem Heerschilde belohnt. Es war für Berthold nur ein Schritt weiter in derselben Richtung, wenn er nicht blos den Johanniter-Orden des Nordostens, sondern dessen ganze deutsche Zunge zu gewinnen trachtete. Das Mittel dafür bot ihm sein Bruder gleichen Namens, der Johanniterprior von Böhmen. Wir finden ihn als Grossprior von Deutschland, als Nachfolger Alberts von Schwarzburg, und es kann kein Zweifel obwalten, dass der gewaltige Reichsverweser ihn in dieses Amt gebracht hat. Es war nur ein neuer Zug in seiner weitschichtigen Politik.1) Trotz der Umgestaltung der Verhältnisse des Johanniter-Ordens in der Mark ist der neue Herrenmeister politisch und wirthschaftlich nur wenig hervorgetreten. Er ist nie eine eigentlich politische Persönlichkeit geworden, scheint seinen Hauptaufenthalt sogar nicht in der Mark, sondern in Braunschweig und Goslar gehabt zu haben.2) Sein 1) Ich vermag das Jahr nicht anzugeben, in welchem Berthold Grossprior geworden ist. Die mir vorliegenden Hennebergschen Werke enthalten darüber nichts. Dienemann, Johanniter-Orden S. 61, nennt das Jahr 1327 und beruft sich S. 64 dafür auf eine von ihm mitgetheilte Urkunde aus dem Jahre 1328. Diese spricht aber gerade gegen die Annahme, denn Berthold wird in derselben noch Prior von Böhmen, nicht aber von Deutschland genannt. Im Generallandesarchive zu Karlsruhe befinden sich die Urkunden der Kommende Heitersheim, des späteren Sitzes des Grosspriorats. Ich fragte deshalb dort an, ob die erhaltenen Archivalien etwas über die Angelegenheit ergäben, bekam aber die Mittheilung, dass es nicht der Fall sei. 2) Vergl. hinten.